Renaissance Antiqua

Schriftart; Schriftuntergruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation in der Schriftgattung der Antiqua-Schriften zur Hauptschriftgruppe der Antiquas zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen. Auch als »Mediaeval« (lt. »mediaeval« für »mittelalterlich«) bzw. »Mediäval«, im angelsächsischen Sprachraum als »Old Style« oder »Old Face« bezeichnet.

Renaissance Antiquas werden in »Venezianische Renaissance Antiquas« und »Französische Renaissance Antiquas« unterschieden. Die Archetypen der Venezianische Renaissance Antiqua von Conrad Sweynheym (o.A. Mitte 15. Jh.) und Arnold Pannartz (o.A.–um 1476) gelten als die ersten Antiqua-Drucktypen. 

Die Schriftgruppe der Renaissance Antiquas wird in die Schriftnebengruppen »Venezianische Renaissance Antiqua« und »Französische Renaissance Antiqua« unterteilt. Infografik: Schriftklassifikationsmodell Matrix Beinert, www.typolexikon.de
Die Schriftgruppe der Renaissance Antiquas wird in die Schriftnebengruppen »Venezianische Renaissance Antiqua« und »Französische Renaissance Antiqua« unterteilt. Infografik: Schriftklassifikation nach der Matrix Beinert.

Etymologie

Unter »Renaissance« wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die »Wiederbelebung« antiker Ideale – insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur – auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz, Venedig, Rom und Mailand. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520).

In der Frührenaissance entwickelte sich auch die  Typographie durch die Erfindung Johannes Gutenbergs (um 1400–1468). Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden.

Etymologisch bedeutet Renaissance »Rückbesinnung, Wiederbelebung«, was aus dem frz. »renaissance« für »Wiedergeburt« zu frz. »renitre« für »wiedergeboren werden, aufleben« zu frz. »naitre« für »geboren werden »und« re-« für »wieder« stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.

Die Bezeichnung »Antiqua« leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Mit »Antiqua« ist somit die »alte Schrift« gemeint.

Der Begriff »Antiqua« wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine Druckschrift. Vorlagen aus der Epigraphik und Kalligraphie werden in der Paläographie anders bezeichnet. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.

Typometrie

Die Typometrie der Renaissance Antiqua venezianischer Prägung orientiert sich bis zum Ende der Inkunabelzeit aus merkantilen Gründen immer noch an der Kalligraphie. Die Formgebung ihrer Buchstaben und ihre Anmutung wirken deshalb bis zur Schöpfung der »Aldinischen Antiqua« noch sehr rudimentär. 

Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach. Infografik: www.typolexikon.de
Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach.

Eine Französische Renaissance Antiqua zeichnet sich dagegen durch ein sehr harmonisches Schriftbild und in gedruckter Form durch eine sehr gute Lesbarkeit selbst unterhalb von Lesegrößen aus. Sie wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet; der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. 1 )

Die wichtigsten Klassifikationsmerkmale einer Renaissance Antiqua:

  • Generelle Erkennungsmerkmale: Gekehlte Serifen, nach links geneigte Rundformen und Minuskeloberlängen, dessen Dachansätze über die  Majuskelhöhe (H-Linie) ragen
  • Dachansätze der Minuskeln: Schräg
  • Oberlängen der Minuskeln: Gehen über die H-Linie hin bis zur k-Linie
  • Achse der Minuskel »e«:
  • Optische Achse der Rundformen: Nach links geneigt
  • Serifenübergänge: Rund bis konisch
  • Serifenseitenkante: Bogenform bis gerade
  • Serifenunterkante: Leicht bis stark gekehlt
  • Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Gleichmäßige Kontrastunterschiede

Heute existieren unzählige Repliken, 2 ) Remakes, 3 ) Klone, 4 ) Formvarianten, 5 ) und Mischformen 6 ) von Renaissance Antiquas, die für die Mehrheit der Schriftnutzer nicht oder kaum zu unterscheiden sind. 7 ) Seit dem 19. Jahrhundert werden auch serifenlose Schriften (Grotesk) aus den Grundformen der Renaissance Antiqua entwickelt.

Historie

Mit frühen Archetypen einer Antiqua im Minuskelalphabet experimentierten bereits um 1465 die deutschen Prototypographen Conrad Sweynheym (o.A. Mitte 15. Jh.) und Arnold Pannartz (o.A.–1476) im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom. In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten »Sublacensischen Antiqua-Type«. 

Die deutschen Gebrüder Johannes (o.A.–1469/1470) und Wendelin (o.A.–1477) von Speyer (Giovanni and Vendelino da Spira) und letztendlich der französische Typograph Nicolas Jenson (um 1420–1480) entwickelten um 1468 in Venedig aus dieser Sublacensischen Antiqua-Type die Antiqua »Litterae Venetae«. Sie gilt als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

1496 druckte erstmals der Humanist, Verleger und Typograph Aldus Manutius (1449–1515) eine Antiqua mit Serifen, die sich weitweitgehend von den typographischen Protoformen der Sublacensischen Antiqua-Type und der Litterae Venetae distanzierte. Diese von seinem bologneser Schriftgießer und Stempelschneider Francesco Griffo (Francesco da Bologna, 1450–1518) geschnittene »Bembo-Type« (Griffo-Lettern), leitete die neue Ära der sogenannten »Antiqua des Aldinischen Typs« ein, welche später auch als »Garamondschriften« bzw. Französische Renaissance Antiquas bezeichnet werden.

Die »Bembo-Type« wurden von Francesco Griffo (1450–1518) im Auftrag von Aldus Manutius geschnitten und erstmals 1496 in der Officina »Aldina« gedruckt. Die Prototype gilt als typometrische Grundlage für die nachfolgende Garamondschrift. Sie wird deshalb heute als Französische Renaissance Antiqua klassifiziert, nicht – was Nahe läge – als Venezianische Renaissance Antiqua. 1929 wurde ein Remake – die Bembo – unter der künstlerischen Leitung von Stanley Morison (1889–1967) nach Pietro Bembo (1470–1547) benannt. Sie gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa zu den erfolgreichsten Werksatzschriften. Beispiel gesetzt in einer Bembo der Monotype Corporation London aus dem Jahre 1990.
Die »Bembo-Type« wurden von Francesco Griffo (1450–1518) im Auftrag von Aldus Manutius geschnitten und erstmals 1496 in der Officina »Aldina« gedruckt. Die Prototype gilt als typometrische Grundlage für die nachfolgende Garamondschrift. Sie wird deshalb heute als Französische Renaissance Antiqua klassifiziert, nicht – was Nahe läge – als Venezianische Renaissance Antiqua. 1929 wurde ein Remake – die Bembo – unter der künstlerischen Leitung von Stanley Morison (1889–1967) nach Pietro Bembo (1470–1547) benannt. Sie gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa zu den erfolgreichsten Werksatzschriften. Beispiel gesetzt in einer Bembo der Monotype Corporation London aus dem Jahre 1990.

In Frankreich entwickelten sich aus dieser Aldinischen Antiqua ab 1530 die Garamondschriften (Classification Vox-Atypi: Garaldes), an deren Formgebung maßgeblich die französischen Typographen Antoine Augereau (um 1485–1534), sein Schüler Claude Garamond (1480/1500–1561), Jean Jannon (1580–1658), Philippe Grandjean (1666-1714) und Charles-Louis Simonneau (1645–1728) beteiligt waren.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts reformierte der französische Typograph Pierre Simon Fournier(1712–1768) die Französische Renaissance Antiqua; aus ihr entstand die »Halbmediäval«, die sogenannte Vorklassizistische Antiqua. 8 ) 9 ) 10 ) 

Vertreter dieser Schriftart

Vertreter der Venezianischen Renaissance Antiqua sind beispielsweise die »Schneidler« von Friedrich Hermann Ernst Schneidler (1882–1956), die »Hadriano« von Frederic William Goudy (1865–1947) und die »Weidemann« von Kurt Weidemann (1922–2011). Weitere Vertreter dieser Schriftart siehe Venezianische Renaissance Antiqua.

Vertreter der Französischen Renaissance Antiqua sind beispielsweise die »Bembo« von Stanley Morison (1889–1967), die »Amsterdamer Garamond« von Morris Fuller Benton (1872–1948) oder die »Minion« von Robert Slimbach (*1956). Weitere Vertreter dieser Schriftart siehe Französische Renaissance Antiqua.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Cheng, Karen: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.
2.Anmerkung: Eine Replik ist eine erneute Ausführung eines bereits vorhandenen Originals durch den Schriftgestalter selbst.
3.Anmerkung: Ein Remake ist eine spätere Nachbildungen einer bereits existierenden, aber nicht mehr am Markt verfügbaren Schrift, die sich streng am Original orientiert.
4.Anmerkung: Ein Klon ist eine 1:1-Kopie einer Schrift.
5.Anmerkung: Eine Formvariante ist eine abweichende Interpretation einer bereits existierenden Schrift.
6.Anmerkung: Mischformen sind Hybride aus unterschiedlichen Schriftuntergruppen und/oder Schriftnebengruppen.
7.Anmerkung: Auch für sehr geübte Typographen/innen ist es oftmals unmöglich, eine späte Venezianische Renaissance Antiqua von einer frühen Französischen Renaissance Antiqua und einer Französischen Renaissance Antiqua aus der Spätrenaissance von einer frühen Vorklassizistischen Antiqua zu unterscheiden. Den Schriftarten können durchaus über hybride Klassifikationsmerkmale verfügen.
8.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
9.Literaturempfehlung: Brekle, Herbert: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
10.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.