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Schoeffer, Petrus
Kalligraph und Prototypograph, Deutschland [1], um 14251502/1503
Zweiter Typograph nach Gutenberg
»Peter Schöffer« oder »Petrus Schoiffer« alias Petrus Schoeffer. Deutscher Prototypograph aus Mainz. Zweiter Typograph nach Johannes Gutenberg (um 14001468). Erfinder der Schriftgiesserei und der Matrizen. Meisterschüler von Gutenberg und Lehrer von Conrad Sweynheym, Arnold Pannartz (o.A. bis 1476) und Nicolas Jenson (um 14201480). Geboren um 1425 in Gernsheim am Rhein.
Aus Schoeffers Jugend ist nur wenig Konkretes überliefert, doch scheint seine außerordentliche künstlerische Begabung, verbunden mit hohen intellektuellen Fähigkeiten, früh erkannt und vor allem vom benediktinischen Klerus ausgebildet worden zu sein. Auch soll der wohlhabende Mainzer Kaufherr Johann Fust (um 14001466) sein väterlicher Gönner und Mentor gewesen sein. Zwischen 1444 und 1448 war Schoeffer an der Universität Erfurt immatrikuliert, wo er Theologie und Jurisprudenz studierte; danach war »Petrus de Gernsheim alias Moguntia« 1449 als Schreiber und Kalligraph an der Sorbonne in Paris tätig, wie im Kolophon einer Handschrift nachzulesen ist; ab 1452 arbeitete er in Mainz mit Johannes Gutenberg zusammen, dessen Meisterschüler und späterer »Erzrivale« er wurde.
Wenngleich Schoeffer die Buchdruckerkunst nicht erfunden hat, so war er doch rasch ein Meister in diesem neuen Métier und Urheber von technischen und formalen Verbesserungen an den Lettern. Dazu vermerkte der Humanist Johannes Trithemius in seinem »Catalogus illustrium virorum Germaniae« von 1491: »Der erwähnte Schöffer, ein kluger, gedankenreicher Kopf, dachte eine leichtere Art aus, Buchstaben zu gießen, und brachte die Kunst zur heutigen Vollendung.« Als versierter Kalligraph wußte er die hohe Schriftästhetik der mittelalterlichen Manuskripte mit einem praktikablen Inventar an Abbreviaturen und Ligaturen aus der zeitgenössischen Textura zu verbinden und gekonnt in die Typographie der Inkunabeln zu transponieren; so hatte er wesentlichen Anteil am Entstehungsprozeß des Typenrepertoires zur Gutenberg-Bibel (B42), insbesondere an der variantenreichen Ausbildung des Systems der Anschlußbuchstaben.
1455 spielte Schoeffer als Zeuge im Prozeß Fust contra Gutenberg eine wohl schicksalhafte Rolle und war nach Gutenbergs fatalem Abgang bis 1466 Werkstattleiter der prosperierenden Gemeinschaftsoffizin im Mainzer Humbrechthaus. Hier vollendete er am 14. August 1457 das »Psalterium Moguntinum«, die erste datierte Inkunabel der Schriftgeschichte. Der »Mainzer Psalter« umfaßt zwar nur 175 Blatt, ist jedoch mit seinen mehr als 520 verschiedenen Typen, die der traditionellen Missal-Textura liturgischer Handschriften nachgebildet sind, und den erstmals farbig in Königsblau und Kardinalrot gedruckten Lombard-Unzialen einer der satztechnisch aufwändigsten Frühdrucke des 15. Jahrhunderts. Die Analyse zeigt allerdings einen deutlichen Bruch zwischen den ersten und den weiteren Lagen, weshalb die paläotypische Forschung einzelne Psalterteile noch Gutenberg zuschreibt, auch wenn im Kolophon - dem ersten Impressum der abendländischen Typographie - Fust und Schöffer sich dezidiert als Drucker nennen.
Petrus Schoeffer hatte neben der für Liturgica verwendeten Psaltertype frühzeitig auch eine Gotico-Antiqua geschaffen, die Elemente der Rotunda mit den Stilmerkmalen der italienischen Humanistenhandschríft verband. Der charakteristisch lichte Satz dieser berühmten »Durandus-Type« war durch die hochgezogenen Oberlängen der Minuskeln b, f, h, k, l, das lange s, ein offenes a und das doppelbäuchige g bedingt. Das am 6. Oktober 1459 publizierte »Rationale divinorum officiorum«, eine von Guilelmus Durandus (Guillelmo Duranti) um 1290 verfaßte allegorische Darstellung der Liturgie, zählt mit seinen kunstreich illuminierten Prunkinitialen zu den schönsten frühen Inkunabeln deutscher Provenienz.
Am 14. August 1462 präsentierte die Fust-Schöffer´sche Offizin mit der 48zeiligen »Biblia latina« ein Meisterwerk, für das Schöffer eine weitere, nun etwas größer dimensionierte Gotico-Antiqua entworfen hatte. In diesem Wiegendruck findet sich auch das älteste europäische Druckersignet: zwei miteinander verbundene, an einem Ast hängende Wappenschilde, die mit stilisierten Winkelhaken und Sternen verziert sind.
Neben solch opulenten liturgischen Prachtinkunabeln, den wichtigsten Standardwerken des kanonischen Rechts, der Theologie und theosophischen Erbauungsliteratur wurden in der Mainzer Gemeinschaftsoffizin aber auch die vielfältigsten Kleindrucke, Akzidenzien, aktuelle amtliche Verlautbarungen sowie gerichtliche Verordnungen und im Zuge der Mainzer Stiftsfehde sogar kirchenpolitische Propagandaschriften - diplomatischerweise für der Erzbischof Diether von Isenburg und seinen erzbischöflichen Kontrahenten - produziert. Auch die klassische Literatur fehlte selbstverständlich nicht. Eine zweite Edition von Ciceros »De officiis« war das letzte Werk, in dem Fust und Schöffer gemeinsam als Drucker firmierten. Als Johann Fust 1466 in Paris vermutlich an der Pest verstarb, übernahm Schöffer nicht nur die Offizin, sondern führte auch die bereits ausgedehnten buchhändlerischen Agenden höchst erfolgreich weiter. Anfangs organisierte er den Verkauf seiner Drucke noch über Faktoreien und eigene Bedienstete, die er mit prototypischen Werbeanzeigen ausstattete. Auf einer dieser noch auf lateinisch abgefaßten Reklamen findet sich der originelle Vermerk: »Venditor librorum reperibilis est in hospitio dicto zum Willden mann: Der Buchverkäufer ist in besagtem Wirtshaus Zum wilden Mann anzutreffen.«
Nach seiner Heirat mit Fusts Tochter Christina und dem Erbverzicht des Fustsohnes Johannes zu seinen Gunsten ging das Unternehmen 1476 vollständig in Schoeffers Besitz über. Ein Jahr später kaufte er das Nachbarhaus »Zum Korb«, gründete Vertriebsniederlassungen in Paris und Trier, etablierte sich auf der Frankfurter Messe, erwarb dort ein Anwesen und erlangte 1479 sogar das Bürgerrecht. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte Schöffer den Handel mit eigenen und fremden Druckwerken über den gesamten deutschsprachigen Raum bis nach Lübeck, Breslau und Krakau ausgeweitet. Auch das Verlagsprofil wurde immer umfassender, bei inhaltlich und gestalterisch stets gleichbleibend hohem Qualitätsstandard.
In seiner fünfzig Jahre währenden Karriere als »Meister der Druckkunst« - so Petrus Schoeffers Eigendefinition in einem Kolophon von 1471 - typographierte er nahezu 250 unterschiedliche Inkunabeln; darunter 1466 erstmals auch das Werk eines lebenden Autors, die lateinische »Grammatica rhythmica« von Johann Brunner, einem engagierten deutschen Philologen, der als Korrektor in seiner Offizin arbeitete. Mit höchst bibliophil gestalteten deutschsprachigen Drucken gewann Schöffer auch das bürgerliche Lesepublikum. Der um 1474 gedruckte »Spiegel der volcomenheit« des Henricus de Herpf sprach erfolgreich die Frömmigkeit breiter Kreise an und sogar die musiktheoretischen Reformschriften eines Konrad von Zabern erfreuten sich einer weit über die Universitäts- und Klostermauern hinausgehenden Popularität. Mit dem »Gart der Gesundheit« präsentierte Schoeffer am 28. März 1485 das erste gedruckte Kräuterbuch in deutscher Sprache mit 378 Xylographien, die sein Illustrator Erhard Reuwich eigens für diese Inkunabel entworfen hatte. Eine typographische Besonderheit ist auch die hier verwendete Oberrheinische Druckbastarda mit ihren breiten Proportionen, wenig betonten Ober- und Unterlängen sowie dem schleifenförmig ausschwingenden Abschluß der Schäfte der Buchstaben b, d, h, und l. Publikumserfolge wurden auch die »Küchenmeisterei« von 1487 und die von Konrad Botho im niederdeutschen Dialekt verfaßte »Chronecken der Sassen« (Sachsenchronik), publiziert am 6. März 1492.
Neben seinen vielfältigen Aktivitäten in Druckerei, Verlag und Vertrieb übte Petrus Schoeffer seit 1489 auch das Amt eines weltlichen Mainzer Stadtrichters aus, trieb Handel mit Wachs und besaß seit 1495 Anteile an einem Bergwerksunternehmen im nassauischen Amt Weilmünster. Von seinen vier Söhnen aus der Verbindung mit Christina Fust etablierten sich drei ebenfalls im typographischen Gewerbe: Gratian wurde Drucker in Ostrich im Rheingau, Johannes übernahm die Mainzer Offizin, Peter junior spezialisierte sich auf Musiknoten und druckte überaus erfolgreich in Worms, Straßburg, Basel und Venedig.
Petrus Schoeffer, der geniale Kalligraph, Typograph, Wiegendrucker, Buchgestalter, Verleger, Kaufmann - ein »gottbegnadeter Künstler und multifunktionaler Unternehmer, über dessen sämtlichen Werken der Segen des Gelingens lag«, wie einer seiner Biographen treffend bemerkte - starb im Winter zwischen Dezember 1502 und März 1503 in Mainz.
[1] Damals: Kurfürstentum Mainz, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (9621806).
[L] Hellmut Lehmann-Haupt, Petrus Schoeffer aus Gernsheim und Mainz, Rochester, N.Y. 1950.
[L] Otto Mazal, Paläotypie, Stuttgart 1966.
[L] Hans Zotter, Geschichte des europäischen Buchdrucks, Graz 1993.
[L] Gutenberg: aventur und kunst. Vom Geheimunternehmen zur ersten Medienrevolution, Katalog, Mainz 2000.
Aufsatz zuletzt bearbeitet am 18.08.2006
von Wolfgang Beinert
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