Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Westeuropäische Schriftgeschichte

Westliche Schrift- und Typographieentwicklung. Vom Kerbzeichen zur digitalen Schriftlichkeit.


Schrift ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Sie wird heute als Medium zur Kommunikation und als eine Technologie zur Weitergabe und Archivierung von Wissen verstanden. Schriftsysteme sind autonom an vielen Orten der Welt entstanden. Archaische Vorstufen unserer Buchstaben bzw. Alphabetschrift finden sich in Höhlen- und Wandmalereien aus dem Paläolithikum sowie in Form von prähistorischen Kerb- und Zählzeichen in Holz, Stein und Knochen bzw. als Einritzungen auf Kultgegenständen. Zeichensysteme für Zahlen und Zahlenbegriffe sind in der Geschichte der Menschheit schon bereits 30.000 bis 25.000 v. Chr. zu finden.

Eine monogenetische Schriftkultur mit einem einzigen Ursprungsort und einer kontinuierlichen Verbreitungslinie, wie sie leider immer noch in typographischen Lehrbüchern propagiert wird, existiert nicht. Neueste Erkenntnisse untermauern die These von einer Schriftpolygenese in den folgenden Regionen: Südosteuropa 5500 v. Chr., Altägypten 3500 v. Chr. (Hieroglyphen), Mesopotamien 2700 v. Chr. (sumerische Keilschriften), Industal 2300 v. Chr. (Indien), China 1900 v. Chr. und Mittelamerika 1000 v. Chr. (Schrift der Olmeken).

Die jeweilig praktizierte Schreib- oder Drucktechnik war ebenso wie das Trägermaterial bestimmend für die Ästhetik eines Schreibstils bzw. einer Schriftart. Vor der Erfindung der Typographie dienten diverse spitze Ritzwerkzeuge, Meißel, Holzgriffel, Rohrpflanzen, Federkiele von Vögeln sowie metallene Griffel und Federn als Schreibinstrumente (Siehe auch Kalligraphie). Mit der Erfindung der Typographie kamen aus Metallen hergestellte Stahlstäbchen, Stichel zum Gravieren und Stechen (Hoch- und Tiefdruck), sowie Pinsel, Stifte, Lineale und Zirkel (Lithographie) hinzu.

Die ursprünglichen Trägermaterialien waren Stein, Knochen, Holz, Leder, Blätter, Ton, Wachs, Holz, Metall, Stoff, Papyrus, Pergament, Papier und Tapabast; seit der Prototypographie wird nahezu ausschließlich Papier verwendet.

Schrift war bis zu den Anfängen der Typographie, also rund 6800 Jahre lang, ausschließlich ein Instrument der sozialen und politischen Elite; der innovative und kreative Umgang mit dem Medium Schrift blieb bis in die Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts patriarchal dominiert.

Durch den gegenwärtigen Wandel von der materiellen Schrifttechnologie hin zu virtuellen multimedialen Informationstechnologien, erlebt unsere Schriftkultur einen noch niemals da gewesenen Strukturwandel, der unsere Schreib-, Lese- und Betrachtungsgewohnheiten in den nächsten Jahren nachhaltig verändern wird.


Chronographie

5300 v. Chr. | Das erste mutmaßliche Schriftsystem stammt aus Europa aus der Zeit um 5500 v. Chr. Es handelt sich hierbei um Inschriften auf Kultgegenständen einer südosteuropäischen Donauzivilisation, eingeritzt in den Tontafeln von Tartaria im rumänischen Transsylvanien [1].

3320 v. Chr. | Die altägyptischen Hieroglyphen aus dem Königsfriedhof von Abydos (3320–3150 v. Chr.) und die sumerische Keilschrift aus Mesopotamien (um 2600 v. Chr.) sind die ältesten Zeugnisse für die Schriftkultur im »Alten Orient«.

2500 v. Chr. | Um 2500 v. Chr. lebten die südosteuropäischen Zeichenformen im altkretischen Schriftsystem Linear A wieder auf.

2000 v. Chr. | Der Einfluss dieser altminoischen Linearschrift A auf die am Festland gebräuchliche mykenisch-griechische Linear B ist neben Zypern auch über die syrische Hafen- und Handelsstadt Ugarit nachzuweisen, die um 1800 v. Chr. zu einer Art Schmelztiegel für die unterschiedlichsten orientalischen Schriftsysteme wurde.

1700 v. Chr. | Parallel dazu entwickelte sich auf Kreta auch eine autarke Hieroglyphenschrift, in der das bekannteste Schriftdenkmal der minoischen Zivilisation abgefasst wurde, der Spiraltext auf dem Diskos aus dem Palastarchiv von Phaistos, welcher allerdings bis heute nicht entziffert werden konnte. Dieses auf etwa 1700 v. Chr. datierte Schriftdokument ist herstellungstechnisch betrachtet das älteste Druckwerk der Kulturgeschichte, denn die Hieroglyphenzeichen wurden mit Stempeln in den weichen Ton gepresst, bevor der Diskos hart gebrannt wurde.


ALPHABET


1500 v. Chr. | Der rege Kulturaustausch im Nahen Osten führte dazu, dass aus der in den regionalen altsemitischen Sprachen üblichen sumerischen Keilschrift Mesopotamiens in Ugarit im 15. Jahrhundert v. Chr. ein reines Buchstabenalphabet selektiert wurde, auf dessen Entstehungsprozess neben den erwähnten altägäischen Schriftsystemen auch hieroglyphische und hieratische Varianten der ägyptischen Schrift, die Sinai-Schrift und die syllabische Byblos-Schrift eingewirkt hatten. Vom ugaritischen Keilschriftalphabet ist ein Abecedarium mit 27 Hauptzeichen überliefert, das dieselbe altsemitische Ordnung der Konsonanten aufweist, wie das spätere phönizische Alphabet. Nach der Zerstörung Ugarits durch die so genannten Seevölker um 1200 v. Chr. wurde die phönizische Version zur wichtigsten Schriftart der Küstenregion.

Als eine der bedeutendsten semitischen Kultursprachen des Altertums wurde das Phönizische im Frühstadium seiner Schriftlichkeit in drei Schriftsystemen geschrieben: in der Byblos-Silbenschrift, im ugaritischen Keilschriftalphabet und schließlich im 22 Buchstabenzeichen umfassenden phönizischen Alphabet. Von dieser »Phoinikeia grammata« stammt auch das deutsche (lateinische) Alphabet ab.

1000 v. Chr. | Eine um 1050 v. Chr. entstandene Inschrift auf dem Sarkophag des Königs Ahiram aus Byblos zeigt die klassische Form dieser Schrift, die sich durch die intensiven Handelsbeziehungen der Phönizier und das interkulturelle Netz, das sie gemeinsam mit den Karthagern aufgebaut hatten, rasch über den gesamten Mittelmeerraum ausbreitete. Die mutmaßlich älteste proto-kanaanitische Schrift (Vorgänger des hebräischen Alphabets) könnte aus dem Jahre 1000–975 v. Chr. stammen, woraufhin eine 15 mal 15 Zentimeter grosse Tonscherbe mit einer fünfzeiligen Inschrift deutet, die im Juli 2008 bei Ausgrabungen in Hirbet Keijafa, nahe der Stadt Beit Schemesch, im Süden Israels gefunden wurde [2].

900 v. Chr. | Auf Kreta wiederum, wo sich seit dem 10. Jahrhundert v. Chr. unter Eteokretern, mykenischen Griechen und dorischen Einwanderern eine griechisch-minoische Symbiose entfaltet hatte, erfolgte im Laufe des 9. Jahrhunderts v. Chr. die älteste europäische Adaption des phönizischen, konsonantischen Alphabets. Seine ursprünglich linksläufige Schriftrichtung wurde in eine von links nach rechts verlaufende Schreibweise geändert, außerdem wurden einige Buchstaben aus der mykenischen Linear B für Vokale eingeführt. So wurde das altsemitische Aleph mit dem griechischen Alpha, He mit Epsilon, Heta mit Eta, Jodh mit Iota und Ajin mit Omikron besetzt. Zu den Innovationen dieses eteokretisch griechischen Alphabets gehörten auch die Zusatzzeichen Phi, Khi und Psi, die aus dem altminoischen, südosteuropäisch beeinflussten Zeicheninventar übernommen wurden.

600 v. Chr. | Diese im multikulturellen Milieu auf Kreta für das Griechische perfektionierte semitisch-phönizische Alphabetschrift gelangte um 600 v. Chr. über die bereits hochkultivierten Etrusker (»Das Volk der Bücher«) zu den Latinern, ins heutige Mittel- und Nordwestitalien, deren römische Nachkommen daraus die lateinische Schrift entwickelten.

500 v. Chr. | Das älteste Zeugnis für die Schrift der Römer ist eine »Lapis Niger« genannte Tuffstein-Stele auf dem Forum Romanum in Rom, die aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert stammt; ihre lateinischsprachige Inschrift ergibt, mit Ausnahme des Buchstabens B, ein vollständiges Alphabet, das formal noch genau dem westgriechischen Typus der schon von Herodot als »grammata phoinikeia« bezeichneten altsemitischen Urbuchstaben entspricht. In der Folge entstand daraus das klassische römische Alphabet mit seinen 21 modifizierten, nunmehr lateinischen Buchstaben, das im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch die griechischen Originalzeichen Ypsilon und Zeta auf 23 Buchstaben vervollständigt wurde. In der Paläographie wird die römische Schrift generell als »Scriptura capitalis« bezeichnet. Zu dieser Zeit ist auch bereits die Darstellung von Zahlen mit sieben Majuskeln aus dem Alphabet der Scriptura capitalis ausgereift; ein additives Zahlenzeichensystem, welches wir heute auch als »Römische Zahlen« bezeichnen.

A. D. | Die Epigraphik nennt diese lateinische Schrift »Capitalis monumentalis«. Eine Schrift, die nur Majuskeln aufweist, deren Typometrie sich deutlich an Quadrat, Kreis und Dreieck orientiert und die mit einem Flachpinsel vorgeschrieben wurde. Typisch für die römische Capitalis Monumentalis, die als das Vorbild aller Antiquaschriften gilt, sind die durch die Meißeltechnik bedingten Serifen.

Aus der in Stein gemeißelten Capitalis Monumentalis entwickelten sich zwei handschriftliche Schriftvarianten: Die »Capitalis quadrata« (Römische Quadratschrift) für Pergamenthandschriften und die »Capitalis rustica« als eine Schnellschreibvariante davon. Die Capitalis Quadrata und die Capitalis Rustica gelten als die klassischen Buchschriften der Römer. Als Verkehrsschrift benutzten sie eine »Cursiva«, die mit einem Griffel in Wachstafeln oder mit einer sehr schmalen Rohrfeder auf Papyrus geschrieben wurde.

Die Eroberungsfeldzüge der Römer sorgten schließlich für die weitere Verbreitung und Durchsetzung dieser Schreibtechnologie, die mit ihren Stilvarianten zur produktivsten der gesamten Schriftgeschichte werden sollte.

Das älteste Beispiel einer skriptographischen Capitalis quadrata ist ein Papyrusfragment aus Herculaneum mit einem Gedicht auf die Schlacht von Actium, das zwischen 31 und 79 geschrieben worden sein muss. Als Buchschrift für Pergamentkodizes ist die Capitalis quadrata, die mit einer breitgeschnittenen Rohrfeder geschrieben wurde, bis ins 6. Jahrhundert in Gebrauch geblieben. Bis in die karolingische Zeit wurde die Capitalis quadrata sogar für Prachthandschriften verwendet.

100 | Das berühmteste Beispiel für die Capitalis Monumentalis ist die Inschrift auf dem Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule«, die im Frühjahr 113 von Apollodoros nach den persönlichen Anweisungen des römischen Kaisers auf dem Trajansforum in Rom fertiggestellt wurde. Dieses »Trajanische Alphabet« gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst.

300 | Im vierten Jahrhundert entsteht die Uncialis (Unziale), die erste Schrift mit runden Formen. Mit dem Wechsel vom faserigen Papyrus zum glatteren Pergament und vom pflanzlichen, leicht splitternden Rohr zum kompakten Federkiel als Schreibwerkzeug vollzog sich auch ein Wandel in der Schreibtechnik. Die Uncialis, ebenfalls eine Majuskel-Schrift, unterscheidet sich aber von der Capitalis durch die neuartige Rundung der üblicherweise geraden Buchstaben. Die Uncialis wurde als Hauptbuchschrift der christlichen Tradition bis weit ins 8. Jahrhundert hinein verwendet.

Gleichzeitig entwickelt sich die kursive Schreibschrift weiter. In ihrem Frühstadium ist die römische Kursivschrift mehr oder weniger eine seitlich geneigte Vulgärform der Capitalis Quadrata. Diese Cursiva wurde vor allem für nichtliterarische, alltägliche Manuskripte verwendet.

400 | Fast zeitgleich mit der Uncialis entwickelte sich die »Semiuncialis« (Halbunziale): Sie war als Geschäfts- und Bedarfsschrift gewissermaßen das einfache Pendant zur kalligraphierten Buchschrift der Uncialis.

Ab dem 5. Jahrhundert bildete die Cursiva, ähnlich wie die Semiuncialis, immer mehr kleine Buchstaben mit Oberlängen und Unterlängen aus, gewissermaßen die Vorformen der »Carolina« (Karolingischen Minuskel).

500 | Erste Holztafeldrucke unter Kaiser Wen-Ti (um 593) sind in China nachweisbar.

600 | Nach dem Untergang des römischen Reiches entstehen aus der Uncialis und der Cursiva unzählige, schwer leserliche Verkehrs- und Buchschriften kleiner Nationalstaaten (7–11. Jahrhundert).


KAROLINGISCHE SCHREIBREFORM


800 | Zu Beginn des 9. Jahrhunderts entstand im Rahmen der Karolingischen Schreibreform wohl in Kooperation des Klosterskriptoriums von Saint Martin in Tours unter seinem Abt Alkuin von York mit der Palastschule, der Reichskanzlei und den übrigen bedeutenden mittelalterlichen Schreibzentren im Auftrag von Karl dem Großen, der möglicherweise selbst des Lesens nicht mächtig gewesen sein soll, eine verbindliche und schnell schreibbare Normalschrift, die »Carolina«. Eine Neuschöpfung, welche die besten Merkmale der Uncialis, der Semiuncialis und der »Semikursiva« (Halbunziale) aufgenommen hatte.

Bereits ab 810/20 übernahmen die meisten Schreibschulen, Skriptorien und Kanzleien die Carolina mit ihren unverbundenen, gleichmäßig ausgebildeten Minuskeln in der westfränkischen Schreibmethode. Mit wenigen Ausnahmen, beispielsweise Irland, setzte sich die Carolina in ganz Westeuropa durch.

900 | Das Wissen über Papier gelangte erstmals aus China über die Seidenstraße mit den Mauren (711–1492) in das Kalifat von Córdoba (Spanien), welches um 950–1050 den intellektuellen Mittelpunkt Europas verkörperte. Dieses multikulturelle Córdoba galt als die »Stadt der Bücher, der Wissenschaft und der Kunst«. So zeigt der spanische Codex Vigilanus (Escorial d, I, 2) aus dem Jahr 976 auch erstmals Abbildungen von »Indo-arabischen Ziffern«, welche sich erst im 13. Jahrhundert und insbesondere durch die Erfindung der Typographie im 15. Jahrhundert im christlichen Europa sehr langsam durchsetzen konnten.

1000 | Die Epoche des langsamen Übergangs der »karolingisch-romanisch-gotischen Minuskel-Schrift« beginnt. Zunächst nimmt die Carolina romanische Formprinzipien auf, wie sie vor allem im Skriptorium von Montecassino, dem Zentrum der langobardisch-beneventanischen Schrift, praktiziert worden waren. Speziell aber in Nordfrankreich und im heutigen Belgien werden erste Tendenzen zur Umwandlung von der romanischen Anmutung hin zur »Gotica« (Gotische Minuskel) sichtbar.

In China experimentiert der Grobschmied Pi-Sin unter Kaiser Kin-Li mit beweglichen Holztypen, die aber aufgrund der rund 60.000 Schriftzeichen keine Fortentwicklung finden konnten.

1100 | Im 12. Jahrhundert existierte eine Art Misch- bzw. Übergangsminuskel, die in der Paläographie als »Carolino-Gotica« bzw. als »Romano-Gotica« bezeichnet wird.

1200 | Die »Carolino-Gotica« bildet die Grundlage für die Hochformen der gotischen Buchschriften ab dem späten 13. und 14. Jahrhundert, den Vorläufern der Gebrochenen Schriften. Ihre Charakteristika sind gerade Striche, die scharfe Ecken und spitze Winkel bilden, gebrochene Rundungen, die an die Spitzbögen gotischer Kathedralen erinnern, sowie eine betont vertikale Ausrichtung der nun enger zusammen stehenden Buchstaben.

Die »Textura«, welche aus der frühgotischen Minuskel entstand und bis zum Ende des 15. Jahrhunderts verwendet wurde, gilt als die höchstentwickelte kalligraphische Buchschrift der Gotik, gefolgt von der »Rotunda« (Rundgotische Schrift), der »Gotico Cursiva« (Gotische Kursive) und diversen »Bastarda-Schriften« (Misch-Schriften). Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht die reichste Epoche europäischer Schriftgeschichte dar.

Im 13. Jahrhundert sind die ersten »Arabischen Ziffern« im katholischen Europa nachweisbar. Diese sogenannten »Mediävalziffern« lösten bis zur Spätrenaissance sukzessive das Römische Zahlensystem ab.

1300 | Ende des 14. Jahrhunderts wurde in Deutschland der Holztafeldruck erfunden. In Italien tauchten die ersten Misch- und Übergangsschriften auf, die als »Scriptura fere-humanistica« bezeichnet werden und sich besonders in der »Gotico-Humanistica« manifestierten.

Mit der für die beginnende Renaissance typischen Rückbesinnung auf die Vorbilder der Antike und inspiriert von der Humanistischen Geisteshaltung, entwickelte Coluccio Salutati (1331–1406) eine aus Minuskeln bestehende »Humanistica« , die im wesentlichen auf der Carolina und der klassischen »Littera antiqua« – einer klaren kalligraphischen Schrift, die bereits Augustinus verwendete – basierte. Salutati reinigte seine Humanistica von gotischen Elementen, also von stilistischen Übertreibungen, Deformierungen und Überladungen und passte sie strukturell dem humanistischen Ideal an. Die Typographie bezeichnet diese Formalität heute als »Humanistisches Formprinzip«, die Schrift als »Humanistische Minuskel«.

Ende des 14. Jahrhunderts entstand in Deutschland eine eigene Papierfabrikation, die im 15. Jahrhundert eine der Grundlagen der Typographie werden sollte.

1400 | Poggio Bracciolini (1380–1459) vollendete die Anstrengungen seines Lehrers Salutati. Er gilt auch als der maßgebliche Protektor, der dieser neuen Schreibschrift der Humanisten ab 1410 im Vatikan zum Durchbruch verhalf. Poggios Schriftstil wurde zum sichtbaren Ausdruck für die humanistisch gebildete Geisteshaltung der italienischen Intellektuellenkreise. Ungefähr zur gleichen Zeit entstanden auch die »Humanistica formata« und die »Humanistica cursiva« von Niccolo Niccoli (Florenz um 1364–1437).

Im Zuge der Reflexion auf die griechische und römische Klassik versuchten italienische Kopisten und Kalligraphen ihren Abschriften und Kodizes eine antike Anmutung zu verleihen. Sie verwendeten deshalb als Auszeichnungsschrift die Capitalis quadrata, also jene Majuskel-Schrift, die schon im alten Rom überwiegend der Capitalis monumentalis antiker Inschriften nachempfunden worden war. Die Minuskel-Zeilen waren in sich geschlossen, einzelne Majuskeln sollten nur den Versbeginn hervorheben (siehe auch Versal) und hatten noch keine orthographische Funktion, denn zu dieser Zeit wurden Griechisch und Latein ausschließlich in Minuskeln geschrieben.

Diese Schreibweise breitete sich mit der frühhumanistischen Strömung auch nach Deutschland aus. Die Humanistica formata und die Capitalis bildeten die Grundlage für die nachfolgende Antiqua.


TYPOGRAPHIE


1450 | Der Prototypograph Johannes Gutenberg aus Mainz erfand zwischen 1449/50 und 1457 die Typographie, den mechanischen Buchdruck mit beweglichen Lettern. Er revolutionierte damit grundlegend den bis dahin 6500jährigen elitären Schriftgebrauch. Durch seine Typographie wurde die Schrifttechnologie demokratisiert; denn von nun an konnten Gedanken und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Gutenberg benutzte für seine ersten Druckwerke die Textura in unterschiedlichen Typen, ähnlich wie sie in den Skriptorien für biblische und liturgische Bücher verwendet wurde.

Mit Gutenbergs epochaler Erfindung begann die Inkunabelzeit, welche um 1500 endete. Ab 1462 sorgten mehrheitlich deutsche Prototypographen für die Ausbreitung der »Deutschen Kunst« in die europäischen Handels-, Bischofs-, Reichs- und Universitätsstädte.

1464 brachten die Mainzer Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz die Typographie ins italienische Benediktinerhochstift Subiaco und druckten ab 1467 in Rom die erste reine Form einer Antiqua.

In den frühen Jahren des Buchdrucks verwendeten die deutschen Prototypographen primär die Textura gotischen Ursprungs; in Italien paßten sie sich jedoch rasch den Bedürfnissen des lokalen Marktes an. Klassische und humanistische Publikationen wurden dort in der von der Humanistenhandschrift abgeleiteten Antiqua gedruckt, theologische und juristische Literatur traditionell in rundgotischen Typen. Generell war die Ausstattung der frühen Druckwerke stark an die der zeitgenössischen Handschriften des 15. Jahrhunderts angelehnt. Die Prototypographen setzten ihre Inkunabeln in der Gotica, der Textura, der Rotunda, der Bastarda, der Gotico-Humanistica und der Antiqua.

Ab 1468 entwickelten in Venedig die deutschen Prototypographen Johannes und Wendelin von Speyer (de Spira) aus der »Sublacensischen Antiqua« von Sweynheym und Pannartz die Venezianische Renaissance Antiqua, die der französische Typograph Nicolas Jenson (1420–1480) um 1470 in Venedig perfektionierte. Diese Schriftart, insbesondere die so genannte »Jenson Antiqua«, die als erste vollkommen ausgebildete Druckantiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition gilt, festigte den Ruhm Venedigs als »Stadt der Typographie«.

Die zweite Generation von italienischen Typographen, allen voran der Venezianer Aldus Manutius, (1449/50-1515), kultivierte ab 1495 die Antiqua der deutschen Prototypographen für die »humanistische Typographie«. Der Typograph Manutius und sein Schriftschneider Francesco Griffo aus Bologna schufen für ihre Aldinen die »Bembo-Type«, so benannt nach dem bedeutenden Gelehrten und Humanisten Pietro Bembo, der die Klassikereditionen der Offizin Manutius textkritisch redigiert hatte. Diese Aldinische Antiqua distanzierte sich weitgehend von ihren handschriftlichen Vorlagen und Aldos Typographie folgte erstmals konsequent dem philologischen Regelkanon von Grammatik, Orthographie und systematischer Groß- und Kleinschreibung. In dieser Zeit verwandelte sich der skriptographische »Versal« in die typographische Majuskel.

1500 | Mit dem beginnenden 16. Jahrhundert entwickelt sich in Deutschland aus der »gebrochenen« Spätform der gotischen Minuskel die Fraktur, welche im deutschsprachigen Raum bis ins 20. Jahrhundert zur vorherrschenden Type werden sollte. Als Schöpfer der ersten reinen »fractura germanica« (1507) gilt der Augsburger Kalligraph und Benediktinerpater Leonhard Wagner (1453–1522). Besonders im Zuge der Reformation mit Martin Luthers populären Flugschriften im Quart- und Oktavformat und seiner deutschsprachigen Bibel wurde die Fraktur zum Inbegriff der »Deutschen Schrift«. Damit setzte sich auch die textsortenspezifische Trennung der Schriftgattungen endgültig durch: die Rotunda wurde für lateinische Texte verwendet, die Bastarda für deutsche Texte, die Antiqua für die humanistische Literatur und die Fraktur für Martin Luthers Reformationsschriften; gleichwohl zog diese Differenzierung einen Schriftstreit zwischen den Fraktur- oder Antiqua-Befürwortern nach sich, der sich ideologisch polemisierend bis zum Ende des Dritten Reiches hinziehen und sogar noch die deutsche Schriftkultur der Nachkriegszeit beeinflussen sollte.

1517 druckte die Offizin Schönsperger erstmals eine Fraktur-Type (Ritterepos »Theuerdank«), die von Vinzenz Röckner entworfen und von Hieronymus Andreae geschnitten worden war.

Im 16. Jahrhundert widmete sich insbesondere der Nürnberger Typograph und Renaissance-Künstler Albrecht Dürer in seiner »Underweysung der Messung« von 1525 dieser »Gebrochenen Schriftgattung«. Dürer gehörte nach Felice Feliciano (Rom um 1460), Damianus Moyllus (Parma um 1483), Luca Pacioli (1509) und mit Geoffroy Tory (Paris um 1549) zu den ersten Schriftgelehrten, die Schriftbilder konstruierten und nach der idealen Form mittels der Typometrie suchten. Als Schreibschrift wurde die Fraktur aufgrund der schwierigen Schreibweise von der »Deutschen Kanzleischrift« abgelöst.

In Frankreich entwickelte sich aus der Venezianischen Renaissance Antiqua ab 1530 die Französische Renaissance Antiqua (Mediäval), an deren Formgebung maßgeblich der Pariser Typograph Antoine Augereau und sein Schüler Claude Garamond beteiligt war.

Um 1555 begann die Blütezeit des Druckwesens in Frankfurt, initiiert durch Christian Egenolff und die von ihm gegründete Typengießerei, die nach seinem Tod vom aus Lyon stammenden Typenschneider Jacques Sabon höchst erfolgreich weitergeführt wurde. Ab 1572 arbeitete die Frankfurter Schriftgießerei als unabhängiger Betrieb, der erste seiner Art in Deutschland, der als Egenolff-Sabon-Berner-Lutherische Gießerei bis 1810 Bestand hatte.

1600 | Das 17. Jahrhundert war insbesondere von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) und dessen geistes- und sozialgeschichtlichen Folgen gekennzeichnet; was für Deutschland insbesondere einen deutlichen Verfall seiner Typographie, sowohl in technischer wie auch ästhetischer Hinsicht zufolge hatte.

1700 | Mit Beginn des 18. Jahrhunderts etablierte sich Leipzig als das Zentrum der deutschen Typographie, die ab 1719 signifikant von den Aktivitäten der Typographen-, Drucker-, Schriftgießer-, Verleger- und Buchhändlerfamilie Breitkopf und später von dem Typographen und Verleger Georg Joachim Göschen geprägt wurde.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand aus der Renaissance Antiqua die Vorklassizistische Antiqua, die auch als Übergangsantiqua, Barock Antiqua oder als Halbmediäval bezeichnet wird. Insbesondere der englische Typograph John Baskerville (1706–1775) und der französische Typograph Pierre Simon Fournier (1712–1768) schnitten ihre Druckschriften in dieser Schriftart. Die Vorklassizistische Antiqua gilt als die erste Schriftart, deren Buchstaben konsequent und systematisch mittels der Typometrie konstruiert wurden.

Mitte des 18. Jahrhunderts revolutionierte der Leipziger Verleger und Typograph Johannes Gottlob Immanuel Breitkopf (1719-1794) den Musikaliendruck und systematisierte die mathematische Berechnung von Schriftverhältnissen, beides in kollegialer Rivalität zu Pierre Simon Fournier, der ebenso wie viele andere in- und ausländische Geistesgrößen aus Wissenschaft, Literatur, Musik und Kunst zu Breitkopfs ständigen Korrespondenzpartnern zählte.

Ab 1770 entwickelte der italienische »Principe dei tipografi« (der Fürst unter den Typographen) Giambattista Bodoni (1740–1813) aus der französischen vorklassizistischen Antiqua Fourniers eine Klassizistische Antiqua mit einem streng symmetrischen, fast monumental anmutenden Aufbau, welche die westeuropäische Schriftkultur des gesamten 19. Jahrhunderts maßgeblich prägen sollte.

Beeinflusst von der Schriftästhetik eines John Baskerville, Firmin Didot (1764–1836) oder Giambattista Bodoni und in Reaktion auf die Tendenz der führenden deutschen Literaten (Goethe, Schiller, Wieland etc.), welche ihre Werke in einer Antiqua gedruckt sehen wollten, wandelten sich in Deutschland die typographischen Standards und es wurden klassizistisch anmutende, von allen Schnörkeln befreite Fraktur-Neuschnitte geschaffen: so die Campe-Fraktur um 1790 von Joachim Heinrich Campe (1746-1818), die Breitkopf-Fraktur um 1793, die Unger-Fraktur um 1793/94 von Johann Friedrich Unger (1750-1804) und die zierliche »Jean-Paul-Fraktur« um 1798 aus der Offizin von Johannes Gottlob Immanuel Breitkopf.

1763 wurde in in Preußen, 1764 in Österreich und 1800 in Bayern die »Allgemeine Schulpflicht« eingeführt, welche die Nachfrage nach Büchern und Zeitungen forcierte.

1800 | In London publizierte 1816 erstmals der Schriftgießer William Caslon IV. (1780–1869) eine serifenlose Druckschrift, die erste Grotesk, mit der Schriftbezeichnung »Two Lines English Egyptian«. 1817 veröffentlichte ebenfalls in London der Typograph und Schriftgießer Vincent Figgins (1766-1844) die erste serifenbetonte Linearantiqua, die sogenannte »Egyptienne«.

Durch die Industrialisierung, (Dampfmaschine 1769, Dampfschiff 1807, Lokomotive 1814, Eisenbahn 1830, in Deutschland ab ca. 1871) wandelte sich auch der Begriff Typographie: unter zunehmender Proletarisierung bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde er nahezu ausschließlich nur noch für den materiellen Schriftsatz verwendet.

1900 | Anfang des 20. Jahrhunderts rivalisierten drei unterschiedliche Tendenzen in der Typographie: Die traditionelle Buchtypographie (Fraktur, Antiqua), die kunstgewerbliche Gebrauchs- und Akzidenztypographie, die sich immer noch am Historismus und am Jugendstil orientierte (Egyptienne, kunstgewerbliche Hybride) und die »Moderne Typographie« bzw. die »Neue Kunst-Typographie« (Grotesk), die durch die Industrie und die Kunst (Futurismus, Dadaismus, Konstruktivismus) inspiriert wurde.

1907 wurde in München der »Deutsche Werkbund« gegründet, die Keimzelle der modernen »Visuellen Gestaltung«. Unter ihnen der Architekt Walter Gropius.

Mit dem Zeitgeist der 10er und 20er Jahre begann die Phase der »konstruierten Grotesk«. Der Typograph Paul Renner entwarf 1928 die »Futura« und der Typograph Morris Fuller Benton (1872–1948) konstruierte zwischen 1905 und 1930 aus der »Älteren Grotesk« die »Amerikanische Grotesk« (Standard).

Ab 1923 nahm László Moholy-Nagy die Tendenz der »Neuen Typographie« am Weimarer Bauhaus auf, welches 1919 u.a. von Walter Gropius gegründet und 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Moholy-Nagy interpretierte die Typographie nicht mehr wie Johannes Itten oder Lothar Schreyer als »künstlerisches Ausdrucksmittel«, sondern als »Medium der Kommunikation«, als »klare Mitteilung in ihrer eindringlichsten Form«. Erstmals wurde »Visuelle Gestaltung« an einer Kunstschule gelehrt. Im Bauhaus Dessau entwickelte sich aus Moholy-Nagys »Typographie-Werkstatt« mit Hilfe Joost Schmidt und Herbert Bayer eine Druck- und Reklamewerkstatt, welche zu einem »Atelier für Graphik-Design« ausgebaut wurde. Typographie und Fotografie verschmolzen zum »Typofoto«.

Rudolf Koch (1876–1934) schuf zwischen 1910 und 1929 »moderne Frakturen«, beispielsweise die »Deutsche Schrift«, die »Kartenschrift«, die »Maximilian-Gotisch«, die »Klingspor«, die »Jessen-Fraktur« und die »Wallau«.

Nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten gründete 1937 u.a. László Moholy-Nagy (Gründungsdirektor) in Chicago das »New Bauhaus«, aus dem die »School of Design« (ab 1944 Institute of Design) hervorging. Typographie gehörte von nun an zu den Grundlagen des »Graphic-Designs«.

Der Berliner Ingenieur Konrad Zuse (1910–1995) erfand 1938 den ersten mechanischen Rechner mit binären Zahlensystem und Relaistechnik. Dieser sogenannte »Z1-Rechner« gilt als der erste Computer der Welt.

1941 | Die Nationalsozialisten verboten die »jüdische Fraktur« in einem von Martin Bormann stellvertretend für den Führer Adolf Hitler gezeichneten Schrift-Verdikt. Sie erklärten die »nichtjüdische Antiqua« im Deutschen Reich zur Normalschrift (siehe Fraktur). Im Zeitraum der faschistischen Diktatur verursachten die Nationalsozialisten und ihre Sympathisanten europaweit und insbesondere in Deutschland einen unbeschreiblichen typographischen Kahlschlag, einen kulturellen Supergau, dessen Auswirkungen bis heute noch spür- und sichtbar sind (siehe auch Typographie).

1945 | Aus unterschiedlichen Disziplinen – insbesondere aus der Mathematik, der Elektrotechnik und der Nachrichtentechnik – entstand nach dem II. Weltkrieg die »Informatik« (Computer Science), die in den nachfolgenden Jahren die Schrifttechnologie grundlegend verändern wird.

1953 | Max Bill, Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher gründeten in der Tradition des Bauhauses die »hochschule für gestaltung ulm« (1953–1968). Aus der anfänglichen »Typographie-Werkstatt« im Fachbereich »Visuelle Gestaltung« entwickelte sich die Disziplin »Visuelle Kommunikation«, das heutige »Kommunikationsdesign«. Die »hfg ulm« favorisierte - wie das Bauhaus - in der Akzidenz- und Gebrauchstypographie nahezu ausschließlich die Grotesk.

Ende der 50er Jahren veröffentlichte Adrian Frutiger seine »Univers« Familie (1957), Max Miedinger schnitt nach der Vorlage der »Akzidenz Grotesk« die »Helvetica« (1958) und Günter Gerhard Lange (1921–2008) und Anton Stankowski verhalfen der Akzidenz-Grotesk in Deutschland entgültig zum Durchbruch.

1960 | Zu Beginn der dritten Computer-Generation (1965–1975) etablierten sich in den USA im Zuge der Büroautomatisation die ersten Textverarbeitungssysteme und professionellen Schreibautomaten, beispielsweise die von An Wang.


DIGITALE SCHRIFTLICHKEIT


1970 | 1975 eroberte der erste »Micro-Computer« (Mini-Rechner – Pendant zu einem Großrechner), der »Altair 8800« von Edvard Roberts (Micro Instrumentation and Telemetry Systems), den US-Markt. Dieser erstmals für jedermann erschwingliche Rechner-Bausatz löste in den USA und insbesondere in Kalifornien eine Computereuphorie aus, die u.a. dazu führte, dass ab Mitte der 70er Jahre in Santa Clara Valley (Kalifornien, USA), dem späteren Silicon Valley, aus dem Micro-Computer der »Personal Computer (PC)« entstand. Zu den populären Protagonisten dieses universell einsetzbaren »PCs« zählten beispielsweise William Henry Gates und Paul Allen (Micro-Soft, heute Microsoft ®), Steven Paul Jobs und Stephen Wozniak (Apple ® Computer Company) sowie die Entwickler Douglas Engelbart (Stanford Research Institute) und Alan Kay (Palo Alto Research Center, Xerox ® PARC).

Im Mai 1979 errichteten sieben amerikanische Universitäten in Kooperation mit der »National Science Foundation« (NSF), basierend auf dem militärischen »ARPANet« (Advanced Research Projects Agency) von J.C.R. Licklider und Douglas C. Engelbart, ein eigenes ziviles Datennetz, das »CSNet« (Computer Science Network), um Textdaten auszutauschen.

Ende der 70er Jahre verdrängten auf Micro-Computer basierende optomechanische Schriftsatzsysteme (Fotosatz) innerhalb nur eines Jahrzehnts den 500 Jahre alten materiellen Schriftsatz (Bleisatz).

1980 | 1982 gründete John Warnock »Adobe ® Systems«, ein Software-Unternehmen, das Mitte der 80er Jahre zusammen mit Apple Computer das revolutionäre »Desk Top Publishing« (DTP) etablierte, das Anfang der 80er Jahre von Paul Brainard mit der Software »Page-Maker« für den »Apple Macintosh-Computer« (Mac) entwickelt wurde. Insbesondere die innovative Adobe-Software für die Bearbeitung von Schrift, Grafik und Bild veränderte rapide ab Ende der 80er Jahre die gesamte »Medienwelt« und das »Grafische Gewerbe« grundlegend.

1984 wurde in den USA das »CSNet« zu dem auf TCP/IP basierenden »NSFNet« umgewandelt. Damit hatten alle US-amerikanischen Universitäten Zugang zum »Netz«. Ab Mitte der 80er Jahre bis Mitte der 90er Jahre wurden weltweit die meisten geolokalen Netzwerke integriert, in Deutschland 1989. Unter den zahlreichen »Diensten« im Internet, welche anfänglich überwiegend von Universitäten und Forschungseinrichtungen genutzt wurden, etablierte sich Ende der 80er Jahre das »World Wide Web« (www), das auf der Vision »eines multimedialen Fernnetz-Informationssystems« des Engländers Tim Berners-Lee beruht.

1990 | Der »PC« verdrängte bis 1995 weitgehend die optomechanischen Schriftsatzsysteme sowie den noch teilweise existierenden analogen Schriftsatz.

Mit Beginn der 90er Jahre modulierte eine neue Generation von Schriftgestaltern vorhandene Schriftarten aus allen Schrift- und Stilepochen. Unter ihnen Zuzana Licko, Jonathan Barnbrook und Neville Brody. Neben unzähligen »Remakes« klassischer Druckschriften, wurde von einer neuen »Type-Community« von der »Capitalis monumentalis« (z.B. Trajan) über die »Carolina« (z.B. Democratica) und Leonardo Davincis Handschrift (Leonardo) bis hin zur amerikanischen Autobahnbeschriftung (z.B. Interstate von Tobias Frere-Jones, 1993–94) so ziemlich alles digitalisiert, was die Schriftgeschichte je hervorgebracht hatte. Es entstanden viele neue Schriftenbibliotheken und Schriftenanbieter wie Emigre ®, Bitstream ®, Font Bureau ®, The Foundry ®, Apply ® oder Fuse ®, die nun über das Web ihre Schriften distribuieren konnten. Zehntausende von »neuen-alten« Schriften überfluteten den Markt, meist Zierschriften, die im Sinne der klassischen Typographie keine innovative Bereicherung des Alphabets darstellten und sich auch nicht mehr klassifizieren ließen.

Mit der Etablierung des Word Wide Web entstanden vermehrt »Screen Fonts«, wie die von Matthew Carter gestaltete »Verdana«; Druckschriften, die speziell für das Lesen am Bildschirm adaptiert wurden.

2000 | Das letzte Jahrhundert zeichnete sich insbesondere dadurch aus, dass Visionäre neue und bahnbrechende Methoden und Bandbreiten zur Übermittlung von Schrift erschlossen. Insbesondere die von der »Silicon-Valley-Community« realisierte Technologie eines individuell einsetzbaren Mini-Rechners und die damit verbundene digitale Schriftlichkeit revolutionierten und demokratisierten die gesamte Typographie und die über 7000jährige Schriftgeschichte in nicht einmal zwei Jahrzehnten. Neue Betrachtungsweisen, Gestaltungskriterien und Disziplinen entstanden. Die Schrift verließ die traditionellen Trägermaterialen und eroberte den virtuellen Raum.

Die Schriftgestaltung als solche, einmal abgesehen von der geradezu babylonischen Schriftenvielfalt, stagnierte allerdings substantiell. Der Schriftbestand der früheren Jahrhunderte wurde nur verwaltet, wiederverwertet (z.B. als Webfonts) oder ideologisch vereinnahmt. Im Sinne der gestalterischen Typographie (Kunst, Grafikdesign, Werbung) war das 20. Jahrhundert sicherlich das quantitativ kreativste Jahrhundert.

Die Antiqua, so wie sie bereits in der Renaissance geprägt wurde, ist auch heute noch die verbindliche Verkehrsschrift der westlichen Welt.

[1] [L] Harald Haarmann: Geschichte der Schrift, Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3406479987.
[2] Quelle: Jossi Garfinkel, Hebräische Universität Jerusalem, Pressemeldung über die Nachrichtenagentur ap, The Associated Press, 30.10.2008.
[T] Mal-, Kerb und Ritzeichen zum Anfassen: Höhle von Lascaux in Frankreich. Wandmalereien etwa 30.000 bis 25.000 v. Chr.
[L] R. Rudgley: Lost civilisations of the Stone Age, London und Sydney 1998.
[L] H. Günther und O. Ludwig: Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin und New York 1994.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Otto Mazal: Lehrbuch der Handschriftenkunde, Reichert, Wiesbaden 1986.
[L] Károly Földes-Papp: Vom Felsbild zum Alphabet: Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur lateinischen Schreibschrift, Belser, Stuttgart 1984.
[L] Franz Dornseiff: Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig und Berlin 1925.
[L] Hermann Delitsch: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
[L] Hermann Degering: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, 1952.
[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.
[L] Charles Samaran: Catalogue des manuscrits en écriture latine, Bibliothèque Nationale, fonds latin, Paris 1962.
[L] Hans Foerster: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.
[L] Carl Faulmann: Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und Völker, Reprint im Augustus Verlag, ISBN 3-8043-0142-8.
[L] Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen, 1978, Vourier Verlag ISBN 3-925037-39-X.
[L] Friedrich Naumann: Vom Abakus zum Internet, Die Geschichte der Informatik, Primus Verlag 2001, ISBN 3-89678-224-X.
[L] Wilfried Seipel (Hrsg.: Der Turmbau zu Babel, Ursprung und Vielfalt von Sprache und Schrift, Band 2, 3a und 3b, Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museum Wien, 2003, ISBN 3-85497-055-2.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.



Aufsatz zuletzt bearbeitet am 02.10.2013
von

Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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