Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Schriftklassifikation

Schriftklassifikation dient dem Ordnen, Katalogisieren und der Pflege von Schriften in Schriftenbibliotheken sowie dem Studium von Schriften. Klassifikations- und Ordnungsmodelle optimieren spürbar typographische Gestaltungs- und Arbeitsprozesse, also den typographischen Workflow vom Entwurf bis zur Produktion.

Neben philologischen Klassifikationsmodellen existieren für westeuropäische und westliche Druck- und Screen-Schriften römischen Ursprungs unterschiedliche typographische Klassifikationsmodelle, so u.a. die internationale »Typeface Design Grouping according to AFII«, die deutsche Matrix Beinert für das Electronic Publishing von Wolfgang Beinert (2001/2006), die italienische »Classificazione Novarese« von Aldo Novarese (1957), die französische »Classification typographique de Vox-AtypI« für Druckschriften von Maximilien Vox (1954) und die Typeface Classifications »British Standards« für materielle Druckschriften (Bleisatz) (1967). Die Klassifikation von Druckschriften hat ihren Ursprung in den historischen Hilfswissenschaften Paläographie und Paläotypie. Die jeweiligen Klassifikationsmodelle weisen in der Regel markante Unterschiede auf.

Die Eingruppierung einer Druck- oder Screen-Schrift erfolgt in der Regel nach entsprechend nachvollziehbaren Merkmalen und wird jeweils durch Beispiele veranschaulicht, wobei die Klassifikationsmermale einer digitalen Schrift heute meist unkonkret und die Grenzen zwischen den Schriftarten und deren Nebengruppen fließend sind.

Westeuropäische bzw. westliche Druck- und Screenschriften werden in der Regel je nach Ursprung in Schriftgattungen (Hauptgruppen), Schriftarten (Untergruppen), Nebengruppen und Schriftstil gegliedert. Desweiteren stehen zum Aufbau einer Klassifikationsmatrix die Schriftbezeichnung, das Figurenverzeichnis, die Schriftbibliothek, der Schriftgestalter bzw. Schriftschneider, das Entstehungsjahr, die Schrifttechnik, die Quelle und der Distributor zur Verfügung.

Gebräuchliche Termini der Schriftklassifikation

SCHRIFTGATTUNGEN (Hauptgruppen)
Antiqua
Gebrochene Schriften
Nichtrömische Schriften
ANTIQUA-SCHRIFTARTEN (Unter- und Nebengruppen) [1]
Ältere Grotesk
Amerikanische Grotesk
Antiqua
Antiqua mit Serifen
Antiqua mit betonten Serifen
Antiqua ohne Serifen

Antiqua-Varianten
Barock-Antiqua
Bastardschriften
Clarendon-Schriften
Decorative
DIN-Schriften
Display-Schriften
Egyptienne
Endstrichlose Antiqua
Französische Renaissance-Antiqua
Grotesk
Halbmediaeval
Handschriften
ISO-Schriften
Jüngere Grotesk
Klassizistische Antiqua
Konstruierte Grotesk
Serifenbetonte Linear-Antiqua
Serifenlose Linear-Antiqua
Mediaeval
Mischschriften
Pinselschriften
Pixel-Schriften
Präviktorianische Antiqua
OCR-Schriften
Renaissance-Antiqua
Rockocko-Antiqua
Römische Majuskel-Schriften
Serif
Sans Serif
Schreibmaschinenschriften
Schreibschriften
Screen-Schriften
Semi-Grotesk
Serifenbetonte Linear-Antiqua
Slab Serif
Übergangsantiqua
Venezianische Renaissance-Antiqua
Viktorianische Antiqua
Vorklassizistische Antiqua
Zeitungs-Antiqua
Zierschriften


GEBROCHENE SCHRIFTARTEN (UNTERGRUPPEN)
Textura
Rotunda
Schwabacher
Fraktur
SCHRIFTBEZEICHNUNG / FONTNAME
Schriften erhalten von den Type Designern und Schriftherstellern Namen oder Abkürzungen. Beispielsweise Verdana, Bauer Bodoni, ITC Bauhaus, Corporate, Times, Helvetica oder ORC2. Die Schriftbezeichnung wird für sämtliche Schriftstile einer Schriftfamilie verwendet.

SCHRIFTSTIL / SCHRIFTSCHNITT
Stilvariante einer Schrift innerhalb einer Schriftfamilie. Die Bezeichnungen für den Schriftstil bzw. für den
Schriftschnitt variieren je nach Land, Autor und Schriftenhersteller. Im europäischen Raum sind nachfolgende Begriffe und Kombinationen für Schriftstile, Schriftstärken und Schriftlagen geläufig:

- breit (extended, large, ancha, largo, bred);
- breitfett (bold extended, large gras, negra ancha, nero largo, bredfet);
- breithalbfett (medium extended, large demi-gras, seminegra ancha, neretto largo, bredhalvfet);
- breitmager (light extended, large maigre, fina ancha, chiarissimo largo, bred mager);
- Buch (book, romain labeur, libro);
- Buch kursiv (book italic, italique labeur, libro cursiva, libro corsivo, buch kursiv);
- Buch schmal (book condensed, étroit romain lebeur, libro estrecha, libro stretto, buch smal);
- eng (condensed, étroit, estrecha, strettissimo, trång);
- extra (extra bold condensed, étroit extra gras, muy negra estrecha, nerissimo stretto, extrafet smal);
- extrafett (extra bold, extra gras, muy negra, nerissimo, extrafet);
- fett (bold, gras, negra, nero, fet);
- halbfett (medium, demi-gras, seminegra, neretto, halvfet);
- Kapitälchen normal (Caps, Capitales, Mayusculita, Maiuscoletto, Kaptäler);
- Kapitälchen kursiv (Caps italic);
- Kapitälchen fett (Caps bold);
- Kapitälchen leicht (Caps Display);
- kursiv (italic, italique, cursiva, corsivo);
- kursiv extra (extra bold condensed italic, italique étroit extra gras, muy negra estrecha cursiva, nerissimo stretto corsivo);
- kursiv fett (bold italic, italique gras, negra cursiva, nero corsivo, kursiv fet);
- kursiv halbfett (medium italic, italique demi-gras, seminegra cursiva, neretto corsivo, kursiv halvfet);
- kursiv mager (light italic, italique maigre, fina cursiva, chiarissimo corsivo);
- kursiv schmal (condensed italic, italique étroit, estrecha cursiva, stretto corsivo, kursiv smal);
- kursiv schmalhalbfett (medium condensed italic, italique étroit demi-gras, seminegra estrecha cursiva, neretto stretto corsivo, kursiv schmalhalvfet);
- kursiv ultra leicht (ultra light italic, italique ultra maigre, cursiva muy fina, ultra chiaro corsivo, kursiv ultra mager);
- mager (light, maigre, fina, chiarissimo);
- normal (regular, chiaro tondo);
- schmal (medium condensed, étroit, estrecha, stretto, smal);
- schmalfett (bold condensed, étroit gras, negra estrecha, nero stretto, smalfet);
- schmalhalbfett (medium condensed, étroit demi-gras, seminegra estrecha, neretto stretto, smalhalvfet);
- schmalmager (light condensed, étroit maigre, fina estrecha, chiarissimo stretto, smalmager);
- schräg fett (bold oblique, oblique gras, negra inclinada, nero corsivo, lutande fet);
- schräg halbfett (demi-bold oblique, oblique demi-gras, seminegra inclinada, neretto corsivo, lutande halvfet);
- schräg normal (medium oblique, oblique demi-gras, inclinada normal, corsivo chiaro tondo, lutande);
- ultra leicht (ultra light, ultra maigre, muy fina, ultra chiaro, ultra mager).

Des weiteren werden Schriftstile - anstatt mit Namen - auch mit Nummern gekennzeichnet. Beispielsweise benannte der Typograph Adrian Frutiger den normalen Stil seiner Frutiger mit »55«, den kursiven Stil mit »56«, - usw.

FIGURENVERZEICHNIS
Unter Figur versteht der Typograph das einzelne Zeichen bzw. den Buchstaben eines Schriftschnitts bzw. Schriftstils: Er kann beispielsweise
Glyphen , Tabellenziffern, Bruchziffern, Mediävalziffern, Illustrationen, Pictogramme oder Sonderzeichen enthalten und auch in unterschiedlichen, auch in nicht-römischen, sprachspezifischen Figurenverzeichnissen vorliegen.


Schriftklassifikationsbeispiel nach der Matrix Beinert

SCHRIFTGATTUNG [HAUPTGRUPPE]: Antiqua
SCHRIFTART [UNTERGRUPPE]: Klassizistische Antiqua
NEBENGRUPPE: Bodoni-Varianten
FONT: Bauer Bodoni ®
SCHRIFTSTIL/SCHRIFTSCHNITT: Kursiv
FIGURENVERZEICHNIS: Mitteleuropa (nach ISO), Mac
FOUNDRY: Linotype Library ®, 1996
TECHNOLOGY: PostScript 1
TYPE DESIGNER: Giambattista Bodoni (1790), 1926/1927 überarbeitet von Heinrich Jost und Lois Höll


Wichtige typometrische Formmerkmale eines Buchstabens sind u.a. die Formgebung der Serifen, also die Serifenübergänge, Serifenseitenkanten und Serifenunterkanten, die Form der Dachansätze, die Höhen und Proportionen der Oberlängen, Mittellängen und Unterlängen, die optische Achse der Rundformen und der Stichstärkenkontrast der Balken und Querbalken.

Typometrische Termini zur Beschreibung von Formmerkmalen eines Buchstabens

Abschluß
Abschlußserifen einseitig
Abschlußserifen zweiseitig
Abstrich
Achse
Aufstrich
Auslauf
Auslaufbogen
Auslaufpunkte
Balken
Bauch
Bogeneinlauf
Brücke
Dachansatz
Dickte (Satzzeichenbreite)
Einlauf
Fleisch
Grundform
Grundstrich
Haarstrich
Hauptstrich
Innenbogen
Kopfserifen einseitig
Kopfserifen zweiseitig
Kurvenbalken
Nachbreite
Oberer Bogen
Oberkante
Punze (Binnenraum)
Querbalken
Querstrich
Querserifen einseitig
Querserifen doppelseitig
r-Kopf
Rundungen
Rundung links
Rundung rechts
Seitliches Verbindungsstück
Schräge
Schrägstrich
Schlinge
Senkrechter Aufstrich
Serifen
Serifenansatz
Serifenhöhe
Serifenlänge
Serifenoberkante
Serifenübergang
Serifenunterkante
Serifenseitenkante
Spitzen
Standserifen einsitig
Standserifen zweiseitig
Standstrich
Tropfen
Überhang
Untere Bogen
Untere Schlaufe
Unterkante
Verbindungsstrich
Versalbreite
Vorbreite

Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes in den 1970er Jahren konnten handelsübliche Schriften relativ einfach klassifiziert und in Gruppen eingeteilt werden. Dies ist seit dem optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) und insbesondere seit Beginn der digitalen Typographie (PostScript, TrueType, Bitmap, OTF-Technologie etc.) nicht mehr – oder nur zum Teil möglich. Zu viele Varianten und Mischformen sind existent. Einheitliche Formmerkmale sind nicht mehr konkret nachweisbar und es ist nahezu unmöglich geworden, Antiquaschriften kunstgeschichtlich zuzuordnen.

[1] In dieser Aufzählung sind auch unterschiedliche Termini für die gleichen Schriftarten benannt. Beispielsweise ist eine Barock-Antiqua eine Vorklassizistische Antiqua.
[T]
Die deutsche DIN 16518 aus dem Jahre 1964 ist ausschließlich für Bleisatz-Druckschriften bis in die 1970er Jahre anwendbar. Sie weicht stark von internationalen Standards und wissenschaftlichen Betrachtungsweisen ab. Sie ist als Klassifikationsmodell für die digitale Typographie nicht mehr geeignet.
[T] Die Quellenangaben einer Schrift kann man u.a. in der AFM-Datei finden.
[T] Verwirrende deutsche Begrifflichkeiten: In England gilt z.B. die Baskerville keineswegs als barock sondern als präviktorianisch. In der englischen und französischen Terminologie gibt es den Begriff »Barock-Antiqua« bzw. »Antiqua« nicht. In England bezeichnet man seit jeher die Antiqua als »roman« und ihre kursive Version als »italic«, die französische Typographie verwendet die Termini »romain« und »italique«.
[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme bzw. Schriftsatzsoftware adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die Belichtung, z.B. auf Film oder Offsetdruckplatte, der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[T] Auch für sehr geübte Typographen ist es oftmals unmöglich, eine Spätrenaissance-Antiqua von einer »Barock-Antiqua« zu unterscheiden. Den Schriftschnitte können durchaus über hybride Klassifikationsmerkmale verfügen.
[L]
Jan Tschichold: Schriften 1925-1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1991, Band 1 und 2, ISBN 3-922660-35-5 und 3-922660-36-3.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 01.09.2009
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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