Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Schriftmischung

Ursprung, Geschichte, Definition, Methoden und Techniken


URSPRUNG UND HISTORIE

Die Verwendung von unterschiedlichen Schriften innerhalb einer Textarbeit war bereits in der Antike den Ägyptern, Griechen und Römern bekannt. Sie gebrauchten für ihre in Stein gehauenen Inschriften verschiedene Schriftgattungen und Schriftarten, um einerseits Textpassagen systematisch zu gliedern oder darüber hinaus auch den historischen und sozio-linguistischen Kontext zu verdeutlichen. Zu den bekanntesten Epigraphen dieser Art gehören u.a. ägyptische Priester-Dekrete, beispielsweise der Rosetta-Stein [196 v. Chr.] [1], und die Tatenberichte »Res gestae divi Augusti« des römischen Kaisers Augustus [63 v. Chr. bis 14 n. Chr.] [2]. Das skripturale [3] Schriftmischen entwickelte sich in Westeuropa im 9. Jahrhundert vor allem mit der Ausbildung der Verszeile bzw. des Versals. Besonders in Evangeliaren, Bibeln und Brevieren [4] – welche überwiegend in ihrer Grundschrift in Minuskeln verfaßt waren – wurden Überschriften, Einleitungstexte und Zeilenanfänge, sogenannte Rubriken [5], meist in Majuskeln – mit rötlichen Tinten, Tuschen oder Temperafarben – hervorgehoben.

Im Mittelalter wurde das ästhetisch und bibliophil [6] motivierte Schriftmischen besonders kultiviert und bereits in der Gotik gehörte das Kombinieren von unterschiedlichen Schriftgattungen und Schriftstilvarianten in liturgischen Prachthandschriften, naturwissenschaftlichen und juristischen Kodizes [7] sowie Manuskripten der literarischen Werke klassisch-antiker Autoren zum Standardrepertoire jedes versierten Kalligraphen. In der Frührenaissance wurde diese Schreibtechnologie von der Typographie übernommen, imitiert und für den Druck mit beweglichen Lettern adaptiert. So mischte der Prototypograph Johannes Gutenberg [Mainz um 1400–1468], beispielsweise in seinen »Zyprischen Ablaßbriefen« von 1454/55 eine kleine halbgotische Druckbastarda, mit einer großdimensionierten Textura gotischen Ursprungs. Die primär typologisch [8] und morphologisch [9] motivierte Schriftmischung entwickelte sich in der Hochrenaissance mit Zunahme an wissenschaftlicher und metasprachlicher Literatur, also mit Steigerung des semantischen [10] Präzisionsgrads sprachlicher Darstellung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte in der Gebrauchsgrafik (siehe auch Grafikdesign), in der Kunst- und ganz besonders in der Buchtypographie der literarischen Avantgarde – gemeint ist hier die »visuelle Poesie« der Dadaisten und Futuristen – eine geradezu radikale Neuorientierung des Schriftmischens.

WAS IST SCHRIFTMISCHUNG?

Unter Schriftmischung versteht die Typographie heute die Kombination von zwei oder mehreren Schriftstilen innerhalb einer Schriftfamilie sowie die Kombination von zwei oder mehreren Schriftgattungen oder Schriftarten. Makrotypographisch betrachtet ist Schriftmischung eine Methode, die Typologie eines Textes systematisch zu visualisieren und auch die Ausdrucksmöglichkeiten einer Sprache zu erweitern. Also beispielsweise Textpassagen mit einer anderen Schriftstilvariante zu gliedern, hervorzuheben oder zu marginalisieren. Schriftmischung ist aber auch ein mikrotypographisches Verfahren, die Ästhetik einer Schriftsatzarbeit durch Austausch von einzelnen Buchstaben, Ziffern, Figuren oder Sonderzeichen zu optimieren.

In der Typographie werden Schriftmischungen im »glatten Satz«, also innerhalb eines fortlaufenden Textes, Auszeichnungen genannt. Dieser Begriff hat seinen Ursprung in der Inkunabelzeit der Jahre 1450 bis 1500. Denn Initialen, Rubriken, Lombarden [11], Illuminationen [12], Unterstreichungen und Auszeichnungsstriche konnten in den Anfängen der Typographie nur von Kalligraphen, Illuminatoren [12] und Rubrikatoren [13], händisch »ausgezeichnet« werden. Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes in den 1970/80er Jahren bezeichnete man deshalb auch die Schriftschnitte einer Schriftfamilie – extra des normalen Schnitts – als Auszeichnungsschnitte.

MOTIVE DER SCHRIFTMISCHUNG

Abgesehen von ästhetischen und künstlerischen Ambitionen ermöglicht es die Technik der Schriftmischung, eine Schriftsatzarbeit systematisch zu gliedern, sie also im Sinne der Didaktik [14] verständlicher zu machen. Ebenso kann durch Schriftmischung die Ausdrucksmöglichkeit einer Sprache in ihrer Schriftlichkeit erweitert werden. Schriftmischung ist also auch eine Methode, rhetorische Prozesse sichtbar zu machen und unterschiedliche Artikulationsebenen einprägsam zu konstruieren. Letzteres ist insbesondere auch in der visuellen Unternehmenskommunikation von enormer Wichtigkeit geworden, da sich unsere Lese- und Betrachtungsgewohnheiten in den letzten Jahren aufgrund der Unzahl multimedialer Kommunikationsbotschaften merklich verändert haben und auch weiterhin verändern werden. Grundsätzlich fördern Schriftmischungen die Lesemotivation und ermöglichen das raschere Querlesen oder schnellere Auffinden einer bestimmten Textpassage. Lesetests im Segment der Lesetypographie weisen regelmäßig nach, dass Rezipienten in kürzester Zeit lernen, Schriftauszeichnungen zuzuordnen und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Insbesondere bei Schnell- oder Querlesern und Personen mit hoher Lesekompetenz können Schriftauszeichnungen vor allem die Fixationsprozesse während der Lektüre sinnvoll unterstützen.

Schriftmischung ist also ein wichtiger Parameter, um komplexe Inhalte klar, schnell und erfolgreich zu vermitteln. Als wesentliches Element der Typographie trägt die Schriftmischung natürlich auch dazu bei, den bibliophilen und damit merkantilen Wert eines Druckwerks oder einer Multimedia-Arbeit zu steigern. In der Web- und Screen-Typographie sind allerdings die Möglichkeiten der Schriftmischung aufgrund systemimmanenter Technologiedefizite zur Zeit – im Vergleich zum Print – noch immer sehr beschränkt. Dies wird sich aber durch die Abgleichung von neuen technischen und juristischen Standards in absehbarer Zeit ändern.

METHODEN DER SCHRIFTMISCHUNG

Die Typographie unterscheidet drei Techniken der Schriftmischung:

Integrale Schriftmischung

Sie gliedert eine Schriftsatzarbeit hierarchisch und konsequent in Textmodule. Beispielsweise in Headlines, Einleitungstexte, Grundschrift, Kolumnen, Bildunterschriften, Quellenangaben, Legenden, Fußnoten, Marginalien etc. Jedes dieser Textmodule könnte - von der gestalterischen Qualität einmal abgesehen - in unterschiedlichen Schriftgattungen, Schriftarten oder Schriftstilen formatiert sein. Diese Art der Schriftmischung erfordert nur geringe Ressourcen. Wir finden sie deshalb vor allem in der Web-, Magazin- und Zeitungstypographie.

Selektive Schriftmischung

Sie »mischt« unterschiedliche Schriftgattungen, Schriftarten und/oder Schriftstile innerhalb einer Textpassage, einer Zeile, eines Wortes oder einer Zahlen- oder Buchstabenkombination. Beispielsweise könnte hier das Hervorheben von Neueingefügtem durch eine andere Schriftart, das wort- und phrasenweise Zitieren durch einen anderen Schriftstil [statt Anführungszeichen] oder der Austausch von Tabellenziffern durch Mediävalziffern gemeint sein. Diese Schriftmischung ist vor allem bei wissenschaftlichen Publikationen, Unternehmensdarstellungen und Geschäftsberichten vorteilhaft.

In der Selektiven Schriftmischung differenziert die Typographie zwei Verfahrensweisen. Zum einen die Leise Auszeichnung (Integrierte Auszeichnung) die sich harmonisch in das Schriftbild einfügt und vom Leser erst in der aktuellen Zeile wahrgenommen wird. Mit diesen Leisen Auszeichnungen sind Stilvarianten innerhalb einer Schriftfamilie gemeint, ausgehend von der Grundschrift, beispielsweise der kursive Stil oder die Kapitälchen einer Schriftfamilie.

Die Laute Auszeichnung hingegen sticht schon ins Auge, bevor der Leser die Textpassage erreicht hat. Sie wird deshalb auch als Aktive Auszeichnung bezeichnet. In der Regel versteht man darunter die Auszeichnung mit fetteren Schriftstilen innerhalb einer Schriftfamilie oder mit anderen Schriftarten; beispielsweise eine Antiqua im normalen Stil als Grundschrift und als Auszeichnungsschrift eine Grotesk im fetten Stil.

Lyrische Schriftmischung

Sie ist primär individuell und emotional motiviert und findet vor allem in der Kunst-, Werbe- und Gebrauchstypographie Anwendung (z.B. die »visuelle Poesie« der Dadaisten).

DIE AUSZEICHNUNGSMATRIX

Weder in der Linguistik [15] noch in der Typographie besteht Konsens über die Norm, die einer Auszeichnung zugrunde zu legen ist. Es ist deshalb prinzipiell vorteilhaft, sich vor der gestalterischen Umsetzung eine Matrix anzulegen, die fixiert, welche semantischen Auszeichnungsvorgaben anerkannt werden und welche typographischen Mittel man dafür wählt. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine schnelle und präzise Implementierung einer Schriftsatzarbeit. Denn der Typograph erkennt bereits im Vorfeld des visuellen Gestaltungsprozesses Fehler oder Komplikationen bei der Konstruktion einer Matrix, welche beispielsweise bei umfangreichen Gliederungen und problematischen Mehrfachauszeichnungen entstehen können.

Die semantische Auszeichnungsstruktur

Die Konstruktion einer Matrix hängt natürlich vom Inhalt und Zweck der Arbeit ab. So hat ein wissenschaftliches Buch in der Regel andere Auszeichnungsbedürfnisse als ein Veranstaltungsprogramm eines Kulturinstituts oder der Geschäftsbericht einer Hypothekenbank. Grundsätzlich sollte eine semantische Auszeichnungsstruktur vor der typographischen Gliederung fixiert werden.

Beispiel einer semantischen Auszeichnungshierarchie für einen wissenschaftlichen Text:

Anmerkungen
Annäherung
Autor-Jahr-System
Begrifflichkeitsbetonung
Bibliographie
Bildunterschriften
Eigennamen
Fremdsprachlichkeit
Fußnoten
Glossar
Grundtext [Grundschrift]
Haupttitel
Hyper-Links
Inhalt
Interaktions-Links
Kapitelüberschriften
Kolumnentitel lebend
Kolumnentitel tot
Konsultationsziffern und -buchstaben
Legenden
Lexemerwähnung
Mathematische Formelschreibweisen
Metasprache
Neueingeführtes Wort
Noten [Musik]
Objektsprache kurz
Objektsprache lang
Pagina
Quellenangaben
Register
Satzakzent
Schmutztitel
Semiotische Faktoren
Sinnschwerpunkt
Tabellen
Terminologieausdruck
Überschrift Gliederung Ebene 1
Überschrift Gliederung Ebene 2
Überschrift Gliederung Ebene 3
Überschrift Gliederung Ebene 4
Vortitel
Ziffern
Zitat lang
Zitat kurz


Beispiel einer semantischen Auszeichnungshierarchie für ein Veranstaltungsprogramm:

Bildunterschriften
Datum [Termine]
Eintrittspreise
Grundtext [Grundschrift]
Haupttitel
Hyper-Links
Kapitelüberschriften
Name der Veranstaltung
Neueingeführter Künstlername
Sinnschwerpunkte
Uhrzeiten
Veranstaltungsorte
Ziffern
Zitate


Die typographische Auszeichnungsstruktur

Neben der Wahl unterschiedlicher Schriftarten wird eine typographische Auszeichnungsstruktur in der Regel aus Schriftstilen innerhalb einer Schriftgattung konstruiert. In der westeuropäischen Typographie sind heute unterschiedliche Schriftklassifikationsmodelle gebräuchlich, wobei die Anzahl und Form der Schriftstile innerhalb einer Schriftfamilie sehr unterschiedlich sein können.

Mögliche Schriftgattungen, Schriftarten und Schriftstilen für eine typographischen Auszeichnungshierarchie:

Siehe Schriftklassifikation ...


Beispiel einer Matrix für ein Veranstaltungsprogramm:

Semantik Typographie Schrift
Bildunterschriften Grotesk normal Frutiger schmal normal
Mengentext (Grundschrift) Antiqua normal Concorde Nova normal
Haupttitel Zierschrift Template Gothic bold
Name der Veranstaltung Antiqua Caps Concorde Nova Caps, Minuskeln
Neueingeführter Künstlername Grotesk fett Frutiger schmal fett
Sinnschwerpunkte Grotesk fett Frutiger schmal fett
Ziffern im Mengentext Antiqua Caps Concorde Nova Caps, Mediäval
Zitate Antiqua kursiv Concorde Nova kursiv


DIE WAHL VON SCHRIFTEN

Schriftmischung ist nicht nur eine Frage der Ressourcen, sondern auch der Mode, des persönlichen Geschmacks und des ästhetischen Empfindens. Die Komposition einer typographischen Auszeichnungsstruktur bezieht sich immer auf die gewählte Grundschrift. Deren Qualität, Ästhetik und Vielfalt sind entscheidend für das Gelingen einer Schriftmischung. Die Wahl der Schriften, insbesondere der Grundschrift, hängt von der Aufgabenstellung ab und gehört zu den elementaren Grundlagen der Makrotypographie. Im Segment der Lesetypographie gilt die Faustregel, dass eine Antiqua sich besser als Grundschrift eignet, als eine Grotesk oder gar eine Egyptienne.

Mögliche Auswahlkriterien für Schriften:

Siehe Schriftwahl ...


TECHNIKEN DES SCHRIFTMISCHENS

Die Typographie unterscheidet grundsätzlich familiäre und extrafamiliäre Schriftmischungen.

Familiäre Schriftmischung

Die Schriftmischung innerhalb einer Schriftfamilie ist die schlichteste Form der Schriftmischung, da der Schriftgestalter bereits alle Schriftstile seiner Schriftfamilie perfekt aufeinander abgestimmt hat. In der Regel sind diese harmonischen Schriftmischungen bereits seit Jahrhunderten erprobt. Um innerhalb einer Schriftfamilie zu mischen, sollte eine Schrift mindestens über den normalen Schriftstil, über Kapitälchen, den kursiven Stil und den halbfetten Stil oder den fetten Stil verfügen. Hervorragend eignen sich für familiäre Schriftmischungen sogenannte Expertensätze, wie beispielsweise die Renaissance Antiqua »Minion« von Robert Slimbach.

Extrafamiliäre Schriftmischung

Das Mischen unterschiedlicher Schriftgattungen und Schriftarten gilt als die Königsdisziplin der Typographie. Denn es setzt sowohl makro- als auch mikrotypographisches Wissen voraus. Ausgehend von der gewählten Grundschrift werden extrafamiliäre Schriftgattungen und Schriftarten im Rahmen der selektiven Schriftmischung meist für laute Auszeichnungen, Legenden, Marginalien, Rubriken, Bildunterschriften und separierte Darstellungsebenen verwendet.

Schriftsysteme

Das sicherste Verfahren, extrafamiliäre Schriften zu mischen, ist das Typographieren mit einer Schriftsippe. Schriftsippen sind Schriftsysteme, die meist aus einer Antiqua-, einer Grotesk- und einer Egyptienne-Schriftfamilie bestehen. Manche Schriftsysteme, beispielsweise die Corporate ASE von Kurt Weidemann (1922–2011), verfügen zusätzlich über Nichtrömische Schriftstile. Alle Schriftarten und die dazugehörigen Schriftstile einer Schriftsippe sind in der Regel aus einem Grundkörper entwickelt worden; ihre Figuren weisen die gleichen Grundformen und Proportionen auf oder wurden zumindest bewusst vom Schriftgestalter aufeinander abgestimmt.

Der typometrische Vergleich

»Welche Schrift zu welcher passt? Frage hundert Typographen und du wirst hundert verschiedene Antworten erhalten!«. Sicher ist aber eines: In einer Zeit der babylonischen Schriftenvielfalt macht mehr denn je die Übung den Meister! Anders ausgedrückt: Hier zahlt sich Fleiß, gepaart mit Genauigkeit aus. Denn maßgeblich für die Ästhetik und die wirkungsvolle Dramaturgie einer Schriftmischung ist die bewusste Aufeinanderabstimmung unterschiedlicher Schriftvarianten. Hier entstehen – ausgehend von der Grundschrift – u.a. Spannung, Harmonie, Temperament und Modernität einer Schriftmischung. Wesentliche Parameter des Schriftenvergleichs sind die Letternarchitektur, die Dickte, die Größen der Unterlängen, Mittellängen und Oberlängen der Figuren und die Schriftweite als solche.

Anpassung der Auszeichnungsschrift

Oftmals wirken unterschiedliche Schriftarten erst dann kompatibel und perfekt, wenn Mittellängen und/oder die Versalhöhe aufeinander abgestimmt werden. Dies geschieht durch die Vergrößerung oder Verkleinerung des Schriftgrads der Auszeichungsschrift. Neben der Anpassung des Schriftgrads ist die Abstimmung der Laufweite der Auszeichnungsschrift zur Normalschriftweite der Grundschrift wichtig. Denn gleiche Laufweiten können langweilig und monoton, kontrastreiche Laufweiten hingegen durchaus harmonisch wirken. Auch hier macht die Übung den Meister!

Austausch von Figuren

Der Austausch von einzelnen Buchstaben, Ziffern, Figuren oder Sonderzeichen kann die Ästhetik und die Lesbarkeit einer Schriftsatzarbeit optimieren.

ANFORDERUNG DEN TYPOGRAPHEN

Die Technik des Schriftmischens erfordert vom Typographen logisches Denken, viel Sinn für Form, Struktur und Proportion, und sie setzt neben einer hohen Sprach- und Lesekompetenz auch die Fähigkeit zu kritischer Textinterpretation sowie psychologisch-analytisches Einfühlungsvermögen voraus. Formschöne, extrafamiliäre Schriftmischungen erfordern noch zusätzlich sehr viel Erfahrung im Umgang mit Schriften, mikrotypographisches Fachwissen und dazu hohe persönliche rezeptive Sensibilität.

DIE QUINTESSENZ VON SCHRIFTMISCHUNGEN

Schriftmischungen erfordern grundsätzlich mehr Ressourcen als monomorphe Schriftsatzarbeiten. Wirtschaftlich betrachtet lohnt sich dieser Mehraufwand vornehmlich bei wissenschaftlichen Publikationen, Geschäftsberichten und Firmendarstellungen sowie künftig besonders in der Internetpublikation. Also überall dort, wo schnell und effektiv schriftliche Informationen strukturiert vermittelt werden müssen. Kulturell betrachtet, sind Schriftmischungen stets das Qualitätsmerkmal einer typographischen Schriftsatzarbeit.

[1] Rosetta-Stein, ein ptolemäisches Priester-Dekret, gefunden in El-Rashid [Rosette]. Granitplatte 112,3 cm x 75,7 cm [beschädigt] mit 14 Zeilen ägyptischen Hieroglyphen [diverse Zeilen fehlen], 32 Zeilen demotischen Schriftzeichen und 54 Zeilen altgriechischen Majuskeln. Datiert auf den 27.3.196 v. Chr. British Museum, London, Department of Ancient Egypt and Sudan. Inv.-Nr. EA 24 (Haupteingang im EG).
[2] Res gestae divi Augusti. Tatenberichte des römischen Kaisers Augustus, die nach seinem Tod am 19. August 14 vor dem Augustus-Mausoleum in Rom aufgestellt wurden. Diese Steintafeln wurden im gesamten römischen Reich kopiert und publiziert. Eine Kopie der »Res gestae divi Augusti«, welche 1555 in »Ancyra« [Ankara, Türkei] gefunden wurde, zeigt eine Inschrift in zwei unterschiedlichen Schriftstilvarianten. Die zweizeilige Überschrift in einer großen »Capitalis Monumentalis-Bastarda« und der Grundtext in einer schmallaufenden Majuskelschrift, welche bereits der römischen Buchschrift »Capitalis Rustica« sehr ähnelt. Deutsches Museum München, Typographische Abteilung, Inv.-Nr. 06/11834.
[3] Skriptural »das Geschriebene betreffend«; Ableitung von Skriptor, einem Terminus für einen antiken oder mittelalterlichen Buchschreiber.
[4] Brevier ist ein Terminus für das Gebetbuch eines katholischen Klerikers mit Stundengebeten.
[5] Rubriken ist der Terminus für in mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln rötlich gehaltene Überschriften [oder auch Initalen], welche in der Regel einzelne Abschnitte trennten.

[6] Bibliophil bedeutet »schöne und kostbare Buchausstattung«; »kostbare und schöne Bücher liebend«.
[7] Kodex (Kodizes) ist ein Terminus für eine [gebundene] Sammlung von mittelalterlichen Handschriften und Urkunden.
[8] Typologie ist die Wissenschaft und Lehre von der Gruppenzuordnung aufgrund einer umfassenden Ganzheit von Merkmalen, die einen Typus kennzeichnen.
[9] Morphologie ist die Wissenschaft von den Gestalten und Formen; »morphologisch«: die äußere Gestalt betreffend, der Form nach.
[10] Semantik ist ein Teilgebiet der Linguistik [Sprachwissenschaft], das sich mit den Bedeutungen sprachlicher Zeichen und Zeichenfolgen befaßt.
[11] Lombarden ist der Terminus für einfache, bauchig gerundete Initialen in mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, meist in rötlichen und blauen Farben.
[12] Illumination ist ein Terminus für Buchschmuck. Künstlerische Ausgestaltung bzw. Ausmalung einer mittelalterlichen Handschrift oder Buches. Damit können u.a. Initialen oder Rubrizierung gemeint sein. Illuminatoren sind Hersteller von Malereien in mittelalterlichen Handschriften und Büchern.
[13] Rubrikatoren sind mittelalterliche Maler von Rubriken [Überschriften, Einleitungszeilen und Initialen].
[14] Didaktik ist die Wissenschaft vom Unterricht und vom Unterrichten; Methode des Unterrichtens.
[15] Linguistik ist eine Spachwissenschaft, die vor allem Theorien über die Struktur der Sprache erarbeitet.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 20.08.2013
von Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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