Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Sweynheym, Conrad
Prototypograph, Deutschland [1], Mitte 15. Jh.

Deutscher Prototypograph aus Mainz. Schüler des deutschen Kalligraphen und Prototypographen Petrus Schoeffer (1425–1502/1503), dem zweiten Typographen nach Johannes Gutenberg (um 1400–1468). Conrad Sweynheym lernte in der Mainzer Offizin des Johann Fust seinen späteren Partner Arnold Pannartz sowie Nicolas Jenson (1420–1480) kennen, der höchstwahrscheinlich im Gefolge von Sweynheym und Pannartz nach Italien emigrierte, wo er ab 1468 in Venedig aus deren Antiqua-Prototype seine berühmte » litterae Venetae « (Venezianische Renaissance-Antiqua) entwickelte.

Nach der gewaltsamen Einnahme von Mainz durch die Truppen des von Papst und Kaiser favorisierten Adolf von Nassau, mussten in der Nacht vom 28. Oktober 1462 Arnold Sweynheym und seine Kollegen die Offizin im Humbrechthof (die Keimzelle der Prototypographie) geradezu fluchtartig verlassen, da Fust und Schoeffer Günstlinge des nunmehr abgesetzten Erzbischofs Diether von Isenburg gewesen waren.

Sweynheym und Pannartz folgten deshalb nach der Schließung der Fust'schen Offizin 1462 einem Ruf des Kardinals Turrecremata nach Rom und brachten somit die Typographie, die bis dahin geheime » Deutsche Kunst «, um 1464 nach Italien. Sie stellten im Benediktinerklosters von Subiaco, in der Provinz von Rom, Inkunabeln her und druckten dort erstmals eine Antiqua, die sie aus der » Humanistica formata « einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (1331–1406) und Poggio Bracciolini (1380–1459) sowie aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der Capitalis quadrata (Römische Quadratschrift), als Druckschrift adaptierten. Die Bibliothek des Klosters Santa Scolastica besaß somit die frühesten Druckwerke deutscher Provenienz im Ausland sowie die ersten Inkunabeln, welche in einer Antiqua gesetzt und gedruckt wurden.

In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten » Epistulae familiares « von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann. Sie legten hier den Grundstein des Cicero-Schriftschnitts, welche in Venedig die Gebrüder von Speyer (Johannes de Spira) und insbesondere Nicolas Jenson in der » Litterae Venetae « weiterentwickelten.

Sweynheym und Pannartz haben bis heute mit ihrer gedruckten » Antiqua-Prototype « Generationen von Typographen inspiriert; die ersten unter ihnen waren neben Nicolas Jenson u.a. die venezianischen Typographen Aldus Manutius (1449/50–1515) und Francesco Griffo.

[1] Damals: Kurfürstentum Mainz, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation (962–1806).
[T] Obwohl Sweynheym und Pannartz die kalligraphische » Schrift der Humanisten und Gelehrten « für die Typographie » nur « adaptiert haben, gelten sie – salopp formuliert – als die Erfinder der Antiqua. Denn nur eine Druckschrift römischen Ursprungs wird als Antiqua bezeichnet, nicht die kalligraphische Formvariante. Für kalligraphischen Schriftarten bedient sich die Paläographie anderer Termini. Ergo: Eine Antiqua ist immer Druckschrift, keine kalligraphische Schrift.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Chr. Fr. Harless: Die Lit(t)eratur der ersten hundert Jahre nach der Erfindung der Typographie, Fest´sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1840.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 23.08.2006
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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