Satzbreite

Die Satzbreite beschreibt in der Typographie die Zeilenlänge einer, jedoch meist mehrerer untereinander gesetzter Textzeilen; Satzspaltenbreite (Spaltenbreite); Textspaltenbreite; maximale Zeilenlänge innerhalb einer Kolumne (Kolumnenbreite). Satzbreiten werden in unterschiedlichen Maßeinheiten (z.B. metrisches Maßsystem), in Wörtern oder in Anschlägen – also anhand der Anzahl der einzelnen Zeichen inklusive Leerraumzeichen einer Zeile – gemessen. 

Die Evaluierung der Satzbreite gehört in das Segment der Mikrotypographie. Satzbreiten werden in einem Satzspiegel bzw. im Kolumnenraster eines Gestaltungsrasters bzw. in einem CSS Cascading Style Sheets 1 ) dokumentiert.

Beispiel eines 3-spaltigen Gestaltungsrasters mit integrierten Kolumnenraster, Zeilenraster und Bildraster. Die Breite einer Kolumne entspricht der Satzbreite.
Beispiel eines 3-spaltigen Gestaltungsrasters mit integrierten Kolumnenraster, Zeilenraster und Bildraster. Die Breite einer Kolumne entspricht der Satzbreite.

Im Segment der Lesetypographie ist die Satzbreite – neben anderen Ingredienzien der Makrotypographie (z.B. Schriftwahl, Schriftsatzarten oder Schriftgrad) und der Mikrotypographie (z.B. Schriftlaufweite, Zeilendurchschuss oder Zeilenabstand) 2 )  –  ausschlaggebend für die Lesbarkeit eines Schriftsatzes. 

Grundsätzlich verfügt ein Blocksatz über exakt gleiche, der symmetrische und asymmetrische Flattersatz über unterschiedlich große Zeilenlängen. 

Die ideale Satzbreite

Seit der Digitalisierung der Schrift und deren multikulturellen und multicrossmedialen Gebrauch können keine pauschalen oder gar verbindlichen Aussagen mehr über eine »ideale Satzbreite« getroffen werden, so wie sie im materiellen Schriftsatz (z.B. Bleisatz) üblich waren. Die optimale Satzbreite ist deshalb heute »relativ« und im Einzelfall zu beurteilen. Dies gilt insbesondere für digitale Anwendungen, z.B. bei Responsive Websites oder eBooks, wo sich über verschiedene Monitorgrößen hinweg die Spaltenbreiten ändern. 3 )

Die ideale Satzbreite in der klassischen Buchtypographie

Vermutlich die einzige noch relevante Maxime in Bezug auf die Spaltenbreite dürfte heute nur noch den klassischen Werksatz von einspaltigen gebundenen Handbüchern 4 ) in Belletristikformaten betreffen, dessen typographische Regeln sich seit Urzeiten nicht oder kaum geändert haben. So gilt seit Mitte der 1940er Jahre – mit der Umstellung des deutschen Fraktursatzes auf die Englische Typographie – bis heute im deutschsprachigen, einspaltigen Buchsatz das Richtmaß, dass bei einem Roman, gesetzt in einer Cicero (Schriftgrad von rund 5 mm) in der Normalschriftweite im Stil einer Vorklassizistischen Antiqua (z.B. einer Baskerville von John Baskerville, 1706–1775) oder einer Französischen Renaissance Antiqua (z.B. einer Simoncini Garamond von Francesco Simoncini, 1912–1975), eine Blocksatzbreite von durchschnittlich acht bis zwölf Wörtern als optimal anzusehen ist, was rund sieben bis elf Wortzwischenräume ergibt, bei langen oder gekuppelten Wörtern natürlich weniger.

Diese Zielvorgabe kommt erfahrungsgemäß einem bequemen und schnellen Lesen (siehe u.a. Fixationen) der deutschen Sprache sehr entgegen und bietet darüber hinaus dem Schriftsetzer/in auch genügend Möglichkeiten, den »Ausschluss« eines Blocksatzes zu optimieren, also gleichmäßige Wortzwischenräume zu erzielen (siehe Wortzwischenraum5 ) 6 ) 7 )

Im oberen Beispiel wurde eine Spaltenbreite von acht bis zwölf Wörtern gewählt, ähnlich wie sie in der klassischen Buchtypographie bei Belletristikformaten gerne genutzt wird. Im unteren Beispiel sind die Zeilenlängen bei jeweils 65 Anschlägen pro Zeile markiert. Im Grunde macht das hier gezeigte Beispiel allerdings keinen wirklichen Sinn. Es kann nur verdeutlichen, dass Faustregeln über eine ideale Satzbreite nicht unreflektiert anwendbar sind. In einem gebundenen Buch mag die obige Satzbreite vielleicht genau richtig sein, hier in einem verkleinerten Screenshot wohl eher nicht. Die Evaluation der Satzbreite ist und bleibt also eine Einzelfallentscheidung, die von vielen Faktoren abhängt. Rohsatz ohne Korrektur gesetzt in der Georgia von Matthew Carter mit Adobe Photoshop®.
Im oberen Beispiel wurde eine Spaltenbreite von acht bis zwölf Wörtern gewählt, ähnlich wie sie in der klassischen Buchtypographie bei Belletristikformaten gerne genutzt wird. Im unteren Beispiel sind die Zeilenlängen bei jeweils 65 Anschlägen pro Zeile markiert. Im Grunde macht das hier gezeigte Beispiel allerdings keinen wirklichen Sinn. Es kann nur verdeutlichen, dass Faustregeln über eine ideale Satzbreite nicht unreflektiert anwendbar sind. In einem gebundenen Buch mag die obige Satzbreite vielleicht genau richtig sein, hier in einem verkleinerten Screenshot wohl eher nicht. Die Evaluation der Satzbreite ist und bleibt also eine Einzelfallentscheidung, die von vielen Faktoren abhängt. Rohsatz ohne Korrektur gesetzt in der Georgia von Matthew Carter mit Adobe Photoshop®.

Dieser Erfahrungswert gilt allerdings nur für den deutschen (Buch)Schriftsatz in bestimmten Buchformaten, nicht für den Fremdsprachensatz, beispielsweise Italienisch, Französisch oder Englisch, da in diesen Sprachen die Wörter viel kürzer sind und weniger Majuskeln enthalten. 8 )

Die Satzbreite im mehrspaltigen Schriftsatz

Die Anzahl von Kolumnen auf einer (Doppel)Seite und deren Spaltenbreite(n) ist primär vom Seitenformat und vom strukturellen Aufbau eines Layouts abhängig. 

Grundsätzlich gilt, dass Zeitungsformate (z.B. Berliner Format, 315 × 470 mm) in der Regel über deutlich kürzere Kolumnenbreiten als klassische Handbücher (z.B. Oktavformat, 8°) und Tischbücher (z.B. Großfolioformat, Gr. 2°) bzw. buchähnliche Publikationen (z.B. Geschäftsberichte) verfügen. Dementsprechend weichen auch die erlernten Betrachtungs- und Lesegewohnheiten bei Zeitungen und Magazinen von denen bei Büchern ab. 9 )

Die Satzbreite bei Desktop-Anwendungen

Feste, einheitliche Satzbreiten – wie sie bei Druckerzeugnissen machbar sind – sind bei digitalen Desktop-Anwendungen grundsätzlich nicht möglich, da sich die Zeilenlängen – z.B. bei Responsive Websites oder eBooks – auf unterschiedlichen Monitorgrößen unterschiedlich groß dargestellt werden. Anders formuliert: Ein Schriftsetzer/in hat nur tendenziösen Einfluß darauf, beispielsweise durch Breakpoints, 10 ) in welcher Satzbreite die Zeile vom User abgerufen wird.

Thesen zur Satzbreite

  • Pauschale, medienübergreifende Faustregeln über eine ideale Satzbreite können nicht getroffen werden. Die Evaluation einer vorteilhaften Satzbreite ist eine Einzelfallentscheidung. 
  • Die Satzbreite sollte auf das Rezeptions- und Perzeptionsverhalten sowie die Betrachtungs- und Lesegewohnheiten unterschiedlicher Medien, Inhalte und Leser abgestimmt werden. So sind beispielsweise die Anforderungen an eine Mobile Website für ein iPhone andere, als die an einen Roman in einem Taschenbuchformat oder an eine Tageszeitung im Halbrheinischen Format.
  • Nicht nur die Typographie ist entscheidend, ob eine Satzbreite als angenehm und richtig empfunden wird, sondern auch die physische Beschaffenheit der Augen. So ist beispielsweise das Gesichtsfeld – der ohne Augenbewegung mit beiden Augen gleichzeitig sichtbare Bereich – bei jedem Menschen unterschiedlich. Es beträgt je nach Alter zwischen 174 bis 138 Grad mit abnehmender Tendenz zum höheren Alter hin. Bei Frauen ist es wenige Grad breiter als bei Männern.
  • Die Satzbreite sollte mindestens auf das Seitenformat, den Leseabstand, die Sprache, die Schrift, den Schriftgrad und die Schriftlaufweite abgestimmt werden. 
  • Zu große Satzbreiten sind erfahrungsgemäß lesehemmend, da die Augen beim Wechsel vom Ende einer Zeile zum Anfang in die nächste Zeile eine längere Distanz ohne eigentliche Informationsaufnahme überwinden müssen. Dadurch steigt insbesondere bei Regressionen (Rückwärtssprünge) die Gefahr, dass der Leseprozess unter- oder abgebrochen wird (siehe auch Fixationen, Sakkaden und Regressionen). Dies gilt verstärkt bei zunehmender Textschwierigkeit in Bezug auf Inhalt und Grammatik.
  • Sobald nicht nur die Augen, sondern auch der Kopf beim Lesen einer Zeile bewegt werden muss, ist die Satzbreite garantiert zu lang. 
  • Satzbreiten unter vier Worten – egal in welcher Schriftsatzart – sind lese- und konzentrationshemmend, da das Auge ständig von einer Zeile in die nächste Zeile springen muss und so die jeweils sechs Augenmuskeln 11 ) schneller ermüden. Kurze Marginalien und Legenden sind hiervon ausgenommen.
  • Je kürzer die Satzbreite, desto kürzer die Aufmerksamkeitsspanne eines Rezipienten. Diese Beobachtung ist insbesondere bei (mobilen) Desktop-Anwendungen zu machen, wo sich die klassischen Lesegewohnheiten hin zu einem »F-Form-Sannen« entwickeln. 12 )
  • Je kürzer die Satzbreite, desto mehr Trennungen sind die Folge.
  • Bei kurzen Satzbreiten von maximal vier Worten ist der Flattersatz dem Blocksatz vorzuziehen.
  • Im Blocksatz sollte die Mindestbreite einer Kolumne so bemessen werden, das der Ausschluss der Wortzwischenräume gleichmäßig erscheint.
  • Sobald im Blocksatz die Wortzwischenräume trotz mikrotypographischer Korrekturen nicht gleichmäßig »ausgeschlossen« werden können, ist die Satzbreite zu kurz. 
  • Je kürzer die Satzbreite eines Blocksatzes ist, desto mehr ungleichmäßige Wortzwischenräume entstehen.
  • Je kürzer die Satzbreite eines Blocksatzes ist, desto größer wird die Gefahr von Gießbachen. 13 )
  • Satzbreiten wirken sich auf das Umbruchverhalten von Schriften unterschiedlich aus.
  • Spaltenabstände werden immer in optischer Relation zur Satzbreite bemessen.
  • Bei Websites sollte die Satzbreite zwar flexibel (responsive) sein, ihre maximale Breite jedoch begrenzt werden. 

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen verfügbar unter http://www.w3c.de/about/ (29.10.2017).
2.Anmerkung: Die weit verbreitete Binsenweisheit »Je länger die Zeilen, desto größer der Zeilenabstand« ist inkorrekt. Zu lange Zeile erschweren schlicht und einfach den Fixationsprozess beim Lesen einer Wortsprache, unabhängig vom Durchschußverhalten einer Schrift oder dem Grauwert. Lange Zeilen bleiben auch dann lang und lesehemmend, wenn der ZAB erweitert wurde!
3.Anmerkung: Pauschale Feststellungen wie »eine Satzbreite von 50 bis 70 Zeichen«, »65 Anschläge« oder »bei wissenschaftlichen Texten bis 80 Zeichen« seien optimal lesbar, sind heute – in einer Zeit der multicrossmedialen Kommunikation – nicht mehr zielführend.
4.Anmerkung: Ein Handbuch ist ein Buch, dass aufgrund seines Formats beim Lesen in der Hand gehalten werden kann, beispielsweise ein Taschenbuch. Ein Tischbuch ist ein Buch, dass aufgrund seiner Übergröße auf einem Tisch gelesen wird, beispielsweise ein Atlas.
5.Tipp: Abgesehen von großformatigen Zeitungen und Magazinen, Nachschlagewerken mit vielen in sich geschlossenen Themenkomplexen (z.B. Sachbuch mit vielen Illustrationen) oder kurzen erklärenden Informationen (z.B. Wörterbücher oder Lexika), ist in der Lesetypographie der einspaltige Schriftsatz mit genügend Weißraum (siehe Satzspiegel und Grauwert) immer dem flächenfüllenden (Mehr)Spaltensatz vorzuziehen. Denn einspaltiger Kolumnensatz ist lesemotivierender, schneller und angenehmer lesbar. Dies gilt heute in besonderem Maße für Desktop-Anwendungen. Also: Keine Angst vor leeren Flächen, denn ein Seitenformat muss nicht immer mit Text »zugepflastert« werden und einer »Bleiwüste« gleichen!
6.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie. Eine Fibel für jedermann, Maro-Verlag Augsburg 1988 ISBN 3-87512-403-0.
7.Literaturempfehlung: Bose, Günter und Erich Brinkmann (Herausgeber): Jan Tschichold: Schriften 1925–1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1991, Band 1 und 2, ISBN 3-922660-35-5 und 3-922660-36-3.
8.Tipp: Da jede Sprache ein unterschiedliches Schriftsatzbild aufweist und ggf. unterschiedliche Satzlängen benötigt, ist das Konstruieren eines Satzspiegels bzw. Gestaltungsrasters mit Blindtext à la »Lorem ipsum dolor sit amet …« kontraproduktiv.
9.Literaturempfehlung: Luidl, Philipp: Typographie, Herkunft, Aufbau, Anwendung. Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover, 1984, ISBN 3–87706-212–1.
10.Anmerkung: »Webseiten, die die Grundsätze des responsive Webdesign berücksichtigen, passen ihr Layout an die unterschiedlichen Viewport-Größen an. Wenn der Viewport zu schmal wird, werden z.B. Elemente wie Header und Navigation bzw. Text und die Sidebars nicht mehr nebeneinander, sondern untereinander angezeigt. Mittels Media Queries werden an bestimmten breakpoints (engl. für Bruchstelle, Haltemarke) die Einstellungen verändert. Ähnlich funktionieren auch breakpoints für das Laden unterschiedlich großer Bilder mit dem picture-Element.« Quelle des Zitats: selfhtml, online verfügbar unter https://wiki.selfhtml.org/wiki/Breakpoint (25.10.2017).
11.Anmerkung: Die sechs Muskeln eines Auges leisten beim Lesen Schwerstarbeit. Eine zusätzliche Belastung wirkt sich spürbar auf das Leseverhalten und die Konzentration aus. Die Beobachtung gilt insbesondere für das Lesen von Texten an Monitoren.
12.Quelle: Jakob Nielsen, Websiteforscher, NNG/g Nelsen Norman Group, online verfügbar unter https://www.nngroup.com/articles/how-users-read-on-the-web/ (31.10.2017).
13.Anmerkung: Ein »tadelloser Ausschluss« – also ein durchgehend annähernd gleichmäßiger Wortzwischenraum – vermeidet Gießbäche und zählt zu den Qualitätsmerkmalen eines Blocksatzes.