Schriftgeschichte

Schrift ist eine der ältes­ten Kul­tur­tech­ni­ken der Mensch­heit. Sie wird heu­te als Medi­um zur Kom­mu­ni­ka­ti­on und als eine Tech­no­lo­gie zur Wei­ter­ga­be und Archi­vie­rung von Wis­sen ver­stan­den. Schrift­sys­te­me sind auto­nom an vie­len Orten der Welt ent­stan­den. Archai­sche Vor­stu­fen unse­rer Buch­sta­ben bzw. Alpha­bet­schrift fin­den sich in Höh­len- und Wand­ma­le­rei­en aus dem Paläo­li­thi­kum sowie in Form von prä­his­to­ri­schen Kerb- und Zähl­zei­chen in Holz, Stein und Kno­chen bzw. als Ein­rit­zun­gen auf Kult­ge­gen­stän­den. Zei­chen­sys­te­me für Zah­len und Zah­len­be­grif­fe sind in der Geschich­te der Mensch­heit schon bereits 30.000 bis 25.000 v. Chr. zu fin­den. 1 ) 2 )

Eine mono­ge­ne­ti­sche Schrift­kul­tur mit einem ein­zi­gen Ursprungs­ort und einer kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­brei­tungs­li­nie, wie sie lei­der immer noch in typo­gra­phi­schen Lehr­bü­chern pro­pa­giert wird, exis­tiert nicht. Neu­es­te Erkennt­nis­se unter­mau­ern die The­se von einer Schrift­po­ly­ge­ne­se in den fol­gen­den Regio­nen: Süd­ost­eu­ro­pa 5500 v. Chr., Alt­ägyp­ten 3500 v. Chr. (Hie­ro­gly­phen), Meso­po­ta­mi­en 2700 v. Chr. (sume­ri­sche Keil­schrif­ten), Indu­s­tal 2300 v. Chr. (Indien), Chi­na 1900 v. Chr. und Mit­tel­ame­ri­ka 1000 v. Chr. (Schrift der Olme­ken). 3 ) 4 ) 5 )

Die jewei­lig prak­ti­zier­te Schreib- oder Druck­tech­nik war eben­so wie das Trä­ger­ma­te­ri­al bestim­mend für die Ästhe­tik eines Schreib­stils bzw. einer Schrift­art. Vor der Erfin­dung der Typo­gra­phie dien­ten diver­se spit­ze Ritz­werk­zeu­ge, Mei­ßel, Holz­grif­fel, Rohr­pflan­zen, Feder­kie­le von Vögeln sowie metal­le­ne Grif­fel und Federn als Schrei­bin­stru­men­te (sie­he auch Kal­li­gra­phie). Mit der Erfin­dung der Typo­gra­phie kamen aus Metal­len her­ge­stell­te Stahl­stäb­chen, Sti­chel zum Gra­vie­ren und Ste­chen (Hoch- und Tief­druck), sowie Pin­sel, Stif­te, Linea­le und Zir­kel (Litho­gra­phie) hin­zu.

Die ursprüng­li­chen Trä­ger­ma­te­ria­li­en waren Stein, Kno­chen, Holz, Leder, Blät­ter, Ton, Wachs, Holz, Metall, Stoff, Papy­rus, Per­ga­ment, Papier und Tapa­bast; seit der Pro­to­ty­po­gra­phie wird nahe­zu aus­schließ­li­ch Papier ver­wen­det.

Schrift war bis zu den Anfän­gen der Typo­gra­phie, also rund 6800 Jah­re lang, aus­schließ­li­ch ein Instru­ment der sozia­len und poli­ti­schen Éli­te; der inno­va­ti­ve und krea­ti­ve Umgang mit dem Medi­um Schrift blieb bis in die Mitte/Ende des 20. Jahr­hun­derts patri­ar­chal domi­niert.

Durch den gegen­wär­ti­gen Wan­del von der mate­ri­el­len Schrift­tech­no­lo­gie hin zu vir­tu­el­len mul­ti­me­dia­len Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en, erlebt unse­re Schrift­kul­tur einen noch nie­mals da gewe­se­nen Struk­tur­wan­del, der unse­re Schreib-, Lese- und Betrach­tungs­ge­wohn­hei­ten in den nächs­ten Jah­ren nach­hal­tig ver­än­dern wird.

Chronographie

5300 v. Chr. | Das ers­te mut­maß­li­che Schrift­sys­tem stammt aus Euro­pa aus der Zeit um 5500 v. Chr. Es han­delt sich hier­bei um Inschrif­ten auf Kult­ge­gen­stän­den einer süd­ost­eu­ro­päi­schen Donau­zi­vi­li­sa­ti­on, ein­ge­ritzt in den Ton­ta­feln von Tar­ta­ria im rumä­ni­schen Trans­syl­va­ni­en 6 )

3320 v. Chr. | Die alt­ägyp­ti­schen Hie­ro­gly­phen aus dem Königs­fried­hof von Aby­dos (3320–3150 v. Chr.) und die sume­ri­sche Keil­schrift aus Meso­po­ta­mi­en (um 2600 v. Chr.) sind die ältes­ten Zeug­nis­se für die Schrift­kul­tur im »Alten Ori­ent«.

2500 v. Chr. | Um 2500 v. Chr. leb­ten die süd­ost­eu­ro­päi­schen Zei­chen­for­men im alt­kre­ti­schen Schrift­sys­tem Line­ar A wie­der auf.

2000 v. Chr. | Der Ein­fluss die­ser alt­mi­noi­schen Line­ar­schrift A auf die am Fest­land gebräuch­li­che myke­ni­sch-grie­chi­sche Line­ar B ist neben Zypern auch über die syri­sche Hafen- und Han­dels­stadt Uga­rit nach­zu­wei­sen, die um 1800 v. Chr. zu einer Art Schmelz­tie­gel für die unter­schied­lichs­ten ori­en­ta­li­schen Schrift­sys­te­me wur­de.

Spiraltext (beidseitig) auf dem Diskos aus dem Palastarchiv von Phaistos. Dieses auf etwa 1700 v. Chr. datierte Schriftdokument ist herstellungstechnisch betrachtet das älteste Druckwerk der Kulturgeschichte, denn die Hieroglyphenzeichen wurden mit Stempeln in den weichen Ton gepresst, bevor der Diskos hart gebrannt wurde. Quelle: Modell (beschädigt) aus der Sammlung Beinert. Das Original befindet sich im Archäologischen Museums in Iraklio auf Kreta (Griechenland).
Spi­r­al­text (beid­sei­tig) auf dem Dis­kos aus dem Palas­t­ar­chiv von Phais­tos. Die­ses auf etwa 1700 v. Chr. datier­te Schrift­do­ku­ment ist her­stel­lungs­tech­ni­sch betrach­tet das ältes­te Druck­werk der Kul­tur­ge­schich­te, denn die Hie­ro­gly­phen­zei­chen wur­den mit Stem­peln in den wei­chen Ton gepres­st, bevor der Dis­kos hart gebrannt wur­de. Quel­le: Modell (beschä­digt) aus der Samm­lung Bei­nert. Das Ori­gi­nal befin­det sich im Archäo­lo­gi­schen Muse­ums in Ira­klio auf Kre­ta (Grie­chen­land).

1700 v. Chr. | Par­al­lel dazu ent­wi­ckel­te sich auf Kre­ta auch eine aut­ar­ke Hie­ro­gly­phen­schrift, in der das bekann­tes­te Schrift­denk­mal der minoi­schen Zivi­li­sa­ti­on abge­fasst wur­de, der Spi­r­al­text auf dem Dis­kos aus dem Palas­t­ar­chiv von Phais­tos, wel­cher aller­dings bis heu­te nicht ent­zif­fert wer­den konn­te. Die­ses auf etwa 1700 v. Chr. datier­te Schrift­do­ku­ment ist her­stel­lungs­tech­ni­sch betrach­tet das ältes­te Druck­werk der Kul­tur­ge­schich­te, denn die Hie­ro­gly­phen­zei­chen wur­den mit Stem­peln in den wei­chen Ton gepres­st, bevor der Dis­kos hart gebrannt wur­de.

Alphabet

1500 v. Chr. | Der rege Kul­tur­aus­tau­sch im Nahen Osten führ­te dazu, dass aus der in den regio­na­len alt­s­e­mi­ti­schen Spra­chen übli­chen sume­ri­schen Keil­schrift Meso­po­ta­mi­ens in Uga­rit im 15. Jahr­hun­dert v. Chr. ein rei­nes Buch­sta­ben­al­pha­bet selek­tiert wur­de, auf des­sen Ent­ste­hungs­pro­zess neben den erwähn­ten altä­gäi­schen Schrift­sys­te­men auch hie­ro­gly­phi­sche und hie­ra­ti­sche Vari­an­ten der ägyp­ti­schen Schrift, die Sinai-Schrift und die syl­la­bi­sche Byb­los-Schrift ein­ge­wirkt hat­ten. Vom uga­ri­ti­schen Keil­schrift­al­pha­bet ist ein Abe­ce­da­ri­um mit 27 Haupt­zei­chen über­lie­fert, das die­sel­be alt­s­e­mi­ti­sche Ord­nung der Kon­so­nan­ten auf­weist, wie das spä­te­re phö­ni­zi­sche Alpha­bet. Nach der Zer­stö­rung Uga­rits durch die so genann­ten See­völ­ker um 1200 v. Chr. wur­de die phö­ni­zi­sche Ver­si­on zur wich­tigs­ten Schrift­art der Küs­ten­re­gi­on.

Als eine der bedeu­tends­ten semi­ti­schen Kul­tur­spra­chen des Alter­tums wur­de das Phö­ni­zi­sche im Früh­sta­di­um sei­ner Schrift­lich­keit in drei Schrift­sys­te­men geschrie­ben: in der Byb­los-Sil­ben­schrift, im uga­ri­ti­schen Keil­schrift­al­pha­bet und schließ­li­ch im 22 Buch­sta­ben­zei­chen umfas­sen­den phö­ni­zi­schen Alpha­bet. Von die­ser »Pho­i­nikeia gram­ma­ta« stammt auch das deut­sche (latei­ni­sche) Alpha­bet ab. 7 )

1000 v. Chr. | Eine um 1050 v. Chr. ent­stan­de­ne Inschrift auf dem Sar­ko­phag des Königs Ahi­ram aus Byb­los zeigt die klas­si­sche Form die­ser Schrift, die sich durch die inten­si­ven Han­dels­be­zie­hun­gen der Phö­ni­zi­er und das inter­kul­tu­rel­le Netz, das sie gemein­sam mit den Kar­tha­gern auf­ge­baut hat­ten, rasch über den gesam­ten Mit­tel­meer­raum aus­brei­te­te. Die mut­maß­li­ch ältes­te pro­to-kanaa­ni­ti­sche Schrift (Vor­gän­ger des hebräi­schen Alpha­bets) könn­te aus dem Jah­re 1000–975 v. Chr. stam­men, wor­auf­hin eine 15 mal 15 Zen­ti­me­ter gros­se Ton­scher­be mit einer fünf­zei­li­gen Inschrift deu­tet, die im Juli 2008 bei Aus­gra­bun­gen in Hir­bet Kei­ja­fa, nahe der Stadt Beit Sche­mesch, im Süd­en Isra­els gefun­den wur­de. 8 )

900 v. Chr. | Auf Kre­ta wie­der­um, wo sich seit dem 10. Jahr­hun­dert v. Chr. unter Eteo­kre­tern, myke­ni­schen Grie­chen und dori­schen Ein­wan­de­rern eine grie­chi­sch-minoi­sche Sym­bio­se ent­fal­tet hat­te, erfolg­te im Lau­fe des 9. Jahr­hun­derts v. Chr. die ältes­te euro­päi­sche Adap­ti­on des phö­ni­zi­schen, kon­so­nan­ti­schen Alpha­bets. Sei­ne ursprüng­li­ch links­läu­fi­ge Schrift­rich­tung wur­de in eine von links nach rechts ver­lau­fen­de Schreib­wei­se geän­dert, außer­dem wur­den eini­ge Buch­sta­ben aus der myke­ni­schen Line­ar B für Voka­le ein­ge­führt. So wur­de das alt­s­e­mi­ti­sche Aleph mit dem grie­chi­schen Alpha, He mit Epsi­lon, Heta mit Eta, Jodh mit Iota und Ajin mit Omi­kron besetzt. Zu den Inno­va­tio­nen die­ses eteo­kre­ti­sch grie­chi­schen Alpha­bets gehör­ten auch die Zusatz­zei­chen Phi, Khi und Psi, die aus dem alt­mi­noi­schen, süd­ost­eu­ro­päi­sch beein­fluss­ten Zei­chen­in­ven­tar über­nom­men wur­den.

600 v. Chr. | Die­se im mul­ti­kul­tu­rel­len Milieu auf Kre­ta für das Grie­chi­sche per­fek­tio­nier­te semi­ti­sch-phö­ni­zi­sche Alpha­bet­schrift gelang­te um 600 v. Chr. über die bereits hoch­kul­ti­vier­ten Etrus­ker (»Das Volk der Bücher«) zu den Lati­nern, ins heu­ti­ge Mit­tel- und Nord­wes­t­i­ta­li­en, deren römi­sche Nach­kom­men dar­aus die latei­ni­sche Schrift ent­wi­ckel­ten.

500 v. Chr. | Das ältes­te Zeug­nis für die Schrift der Römer ist eine »Lapis Niger« genann­te Tuff­stein-Ste­le auf dem Forum Roma­num in Rom, die aus dem 6. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert stammt; ihre latei­nisch­spra­chi­ge Inschrift ergibt, mit Aus­nah­me des Buch­sta­bens B, ein voll­stän­di­ges Alpha­bet, das for­mal noch gen­au dem west­grie­chi­schen Typus der schon von Hero­dot als »gram­ma­ta pho­i­nikeia« bezeich­ne­ten alt­s­e­mi­ti­schen Urbuch­sta­ben ent­spricht. In der Fol­ge ent­stand dar­aus das klas­si­sche römi­sche Alpha­bet mit sei­nen 21 modi­fi­zier­ten, nun­mehr latei­ni­schen Buch­sta­ben, das im ers­ten vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert durch die grie­chi­schen Ori­gi­nal­zei­chen Ypsi­lon und Zeta auf 23 Buch­sta­ben ver­voll­stän­digt wur­de. In der Paläo­gra­phie wird die römi­sche Schrift gene­rell als »Scrip­tu­ra capi­ta­lis« bezeich­net. Zu die­ser Zeit ist auch bereits die Dar­stel­lung von Zah­len mit sie­ben Majus­keln aus dem Alpha­bet der Scrip­tu­ra capi­ta­lis aus­ge­reift; ein addi­ti­ves Zah­len­zei­chen­sys­tem, wel­ches wir heu­te auch als »Römi­sche Zah­len« bezeich­nen.

A. D. | Die Epi­gra­phik nennt die­se latei­ni­sche Schrift »Capi­ta­lis monu­men­ta­lis«. Eine Schrift, die nur Majus­keln auf­weist, deren Typo­me­trie sich deut­li­ch an Qua­drat, Kreis und Drei­eck ori­en­tiert und die mit einem Flach­pin­sel vor­ge­schrie­ben wur­de. Typi­sch für die römi­sche Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis, die als das Vor­bild aller Anti­qua-Schrif­ten gilt, sind die durch die Mei­ßel­tech­nik beding­ten Seri­fen.

Das Tra­ja­ni­sche Alpha­bet gilt als das schöns­te Bei­spiel römi­scher Schrift­kunst. Es han­delt sich hier­bei um eine ein­ge­mei­ßel­te Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis auf einer Mar­mor­ta­fel, die sich auf dem wür­fel­för­mi­gen Sockel der »Colum­na Trai­a­na«, der »Tra­jans­säu­le« in Rom befin­det.

Aus der in Stein gemei­ßel­ten Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis ent­wi­ckel­ten sich zwei hand­schrift­li­che Schrift­va­ri­an­ten: Die »Capi­ta­lis qua­drata« (Römi­sche Qua­drat­schrift) für Per­ga­ment­hand­schrif­ten und die »Capi­ta­lis rusti­ca« als eine Schnell­schreib­va­ri­an­te davon. Die Capi­ta­lis Qua­drata und die Capi­ta­lis Rusti­ca gel­ten als die klas­si­schen Buch­schrif­ten der Römer. Als Ver­kehrs­schrift benutz­ten sie eine »Cur­si­va«, die mit einem Grif­fel in Wachs­ta­feln oder mit einer sehr schma­len Rohr­fe­der auf Papy­rus geschrie­ben wur­de.

Die Capitalis Rustica gilt neben der Capitals Quadrata als die klassische Buchschrift der Römer. Sie wurde mit einer breiten Rohrfeder auf Pergament geschrieben. Abbildung: Kopie (Ausschnitt) einer Pergamenthandschrift aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Quelle: Bibliothèque nationale de France, Paris.
Die Capi­ta­lis Rusti­ca gilt neben der Capi­tals Qua­drata als die klas­si­sche Buch­schrift der Römer. Sie wur­de mit einer brei­ten Rohr­fe­der auf Per­ga­ment geschrie­ben. Abbil­dung: Kopie (Aus­schnitt) einer Per­ga­ment­hand­schrift aus dem 5. Jahr­hun­dert n. Chr. Quel­le: Biblio­thèque natio­na­le de Fran­ce, Paris.

Die Erobe­rungs­feld­zü­ge der Römer sorg­ten schließ­li­ch für die wei­te­re Ver­brei­tung und Durch­set­zung die­ser Schreib­tech­no­lo­gie, die mit ihren Stil­va­ri­an­ten zur pro­duk­tivs­ten der gesam­ten Schrift­ge­schich­te wer­den soll­te.

Das ältes­te Bei­spiel einer skrip­to­gra­phi­schen Capi­ta­lis qua­drata ist ein Papy­rus­frag­ment aus Her­cu­la­neum mit einem Gedicht auf die Schlacht von Acti­um, das zwi­schen 31 und 79 geschrie­ben wor­den sein muss. Als Buch­schrift für Per­ga­ment­ko­di­zes ist die Capi­ta­lis qua­drata, die mit einer breit­ge­schnit­te­nen Rohr­fe­der geschrie­ben wur­de, bis ins 6. Jahr­hun­dert in Gebrauch geblie­ben. Bis in die karo­lin­gi­sche Zeit wur­de die Capi­ta­lis qua­drata sogar für Pracht­hand­schrif­ten ver­wen­det.

100 | Das berühm­tes­te Bei­spiel für die Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis ist die Inschrift auf dem Sockel der »Colum­na Trai­a­na«, der »Tra­jans­säu­le«, die im Früh­jahr 113 von Apol­lo­do­ros nach den per­sön­li­chen Anwei­sun­gen des römi­schen Kai­sers auf dem Tra­jans­fo­rum in Rom fer­tig­ge­stellt wur­de. Die­ses »Tra­ja­ni­sche Alpha­bet« gilt als das schöns­te Bei­spiel römi­scher Schrift­kunst.

Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. Es handelt sich hierbei um eine eingemeißelte Capitalis Monumentalis auf einer Marmortafel, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule« in Rom befindet. Infografik: www.typolexikon.de
Das Tra­ja­ni­sche Alpha­bet gilt als das schöns­te Bei­spiel römi­scher Schrift­kunst. Es han­delt sich hier­bei um eine ein­ge­mei­ßel­te Capi­ta­lis Monu­men­ta­lis auf einer Mar­mor­ta­fel, die sich auf dem wür­fel­för­mi­gen Sockel der »Colum­na Trai­a­na«, der »Tra­jans­säu­le« in Rom befin­det.

300 | Im vier­ten Jahr­hun­dert ent­steht die Uncia­lis (Unzia­le), die ers­te Schrift mit run­den For­men. Mit dem Wech­sel vom fase­ri­gen Papy­rus zum glat­te­ren Per­ga­ment und vom pflanz­li­chen, leicht split­tern­den Rohr zum kom­pak­ten Feder­kiel als Schreib­werk­zeug voll­zog sich auch ein Wan­del in der Schreib­tech­nik. Die Uncia­lis, eben­falls eine Majus­kel-Schrift, unter­schei­det sich aber von der Capi­ta­lis durch die neu­ar­ti­ge Run­dung der übli­cher­wei­se gera­den Buch­sta­ben. Die Uncia­lis wur­de als Haupt­buch­schrift der christ­li­chen Tra­di­ti­on bis weit ins 8. Jahr­hun­dert hin­ein ver­wen­det.

Gleich­zei­tig ent­wi­ckelt sich die kur­si­ve Schreib­schrift wei­ter. In ihrem Früh­sta­di­um ist die römi­sche Kur­siv­schrift mehr oder weni­ger eine seit­li­ch geneig­te Vul­gär­form der Capi­ta­lis Qua­drata. Die­se Cur­si­va wur­de vor allem für nicht­li­te­ra­ri­sche, all­täg­li­che Manu­skrip­te ver­wen­det.

Die »Scriptura cursiva« gilt als die Schrägschrift der Römer. Sie wurde insbesondere für Urkunden, Briefe und persönliche Aufzeichnungen verwendet. Man schrieb sie schnell mit einem gefaserten Rohr auf Papyrus. Beispiel: Eine ältere Cursiva aus der Mitte des 1. Jahrhunderts. Quelle: Staatsbibliothek Berlin, Handschriftenabteilung.
Die »Scrip­tu­ra cur­si­va« gilt als die Schräg­schrift der Römer. Sie wur­de ins­be­son­de­re für Urkun­den, Brie­fe und per­sön­li­che Auf­zeich­nun­gen ver­wen­det. Man schrieb sie schnell mit einem gefa­ser­ten Rohr auf Papy­rus. Bei­spiel: Eine älte­re Cur­si­va aus der Mit­te des 1. Jahr­hun­derts. Quel­le: Staats­bi­blio­thek Ber­lin, Hand­schrif­ten­ab­tei­lung.

400 | Fast zeit­gleich mit der Uncia­lis ent­wi­ckel­te sich die »Semi­un­cia­lis« (Hal­bun­zia­le): Sie war als Geschäfts- und Bedarfs­schrift gewis­ser­ma­ßen das ein­fa­che Pen­dant zur kal­li­gra­phier­ten Buch­schrift der Uncia­lis.

Ab dem 5. Jahr­hun­dert bil­de­te die Cur­si­va, ähn­li­ch wie die Semi­un­cia­lis, immer mehr klei­ne Buch­sta­ben mit­O­ber­län­gen und Unter­län­gen aus, gewis­ser­ma­ßen die Vor­for­men der »Caro­li­na« (Karo­lin­gi­schen Minus­kel).

500 | Ers­te Holz­ta­fel­dru­cke unter Kai­ser Wen-Ti (um 593) sind in Chi­na nach­weis­bar.

600 | Nach dem Unter­gang des römi­schen Rei­ches ent­ste­hen aus der Uncia­lis und der Cur­si­va unzäh­li­ge, schwer leser­li­che Ver­kehrs- und Buch­schrif­ten klei­ner Natio­nal­staa­ten (7–11. Jahr­hun­dert).

Karolingische Schreibreform

800 | Zu Beginn des 9. Jahr­hun­derts ent­stand im Rah­men der Karo­lin­gi­schen Schreib­re­form wohl in Koope­ra­ti­on des Klos­terskrip­to­ri­ums von Saint Mar­tin in Tours unter sei­nem Abt Alkuin von York mit der Palast­schu­le, der Reichs­kanz­lei und den übri­gen bedeu­ten­den mit­tel­al­ter­li­chen Schreib­zen­tren im Auf­trag von Karl dem Gro­ßen, der mög­li­cher­wei­se selbst des Lesens nicht mäch­tig gewe­sen sein soll, eine ver­bind­li­che und schnell schreib­ba­re Nor­mal­schrift, die »Caro­li­na«. Eine Neu­schöp­fung, wel­che die bes­ten Merk­ma­le der Uncia­lis, der Semi­un­cia­lis und der »Semikur­si­va« (Hal­bun­zia­le) auf­ge­nom­men hat­te.

Bereits ab 810/20 über­nah­men die meis­ten Schreib­schu­len, Skrip­to­ri­en und Kanz­lei­en die Caro­li­na mit ihren unver­bun­de­nen, gleich­mä­ßig aus­ge­bil­de­ten Minus­keln in der west­frän­ki­schen Schreib­me­tho­de. Mit weni­gen Aus­nah­men, bei­spiels­wei­se Irland, setz­te sich die Caro­li­na in ganz West­eu­ro­pa durch.

900 | Das Wis­sen über Papier gelang­te erst­mals aus Chi­na über die Sei­den­stra­ße mit den Mau­ren (711‑1492) in das Kali­fat von Cór­do­ba (Spa­ni­en), wel­ches um 950‑1050 den intel­lek­tu­el­len Mit­tel­punkt Euro­pas ver­kör­per­te. Die­ses mul­ti­kul­tu­rel­le Cór­do­ba galt als die »Stadt der Bücher, der Wis­sen­schaft und der Kunst«. So zeigt der spa­ni­sche Codex Vigi­la­nus (Escori­al d, I, 2) aus dem Jahr 976 auch erst­mals Abbil­dun­gen von »Indo-ara­bi­schen Zif­fern«, wel­che sich erst im 13. Jahr­hun­dert und ins­be­son­de­re durch die Erfin­dung der Typo­gra­phie im 15. Jahr­hun­dert im christ­li­chen Euro­pa sehr lang­sam durch­set­zen konn­ten.

1000 | Die Epo­che des lang­sa­men Über­gangs der »karo­lin­gi­sch-roma­ni­sch-goti­schen Minus­kel-Schrift« beginnt. Zunächst nimmt die Caro­li­na roma­ni­sche Form­prin­zi­pi­en auf, wie sie vor allem im Skrip­to­ri­um von Mon­te­cas­si­no, dem Zen­trum der lan­go­bar­di­sch-beneven­ta­ni­schen Schrift, prak­ti­ziert wor­den waren. Spe­zi­ell aber in Nord­frank­reich und im heu­ti­gen Bel­gi­en wer­den ers­te Ten­den­zen zur Umwand­lung von der roma­ni­schen Anmu­tung hin zur »Goti­ca« (Goti­sche Minus­kel) sicht­bar.

In Chi­na expe­ri­men­tiert der Grob­schmied Pi-Sin unter Kai­ser Kin-Li mit beweg­li­chen Holz­ty­pen, die aber auf­grund der rund 60.000 Schrift­zei­chen kei­ne Fort­ent­wick­lung fin­den konn­ten.

1100 | Im 12. Jahr­hun­dert exis­tier­te eine Art Misch- bzw. Über­gangs­mi­nus­kel, die in der Paläo­gra­phie als »Caro­li­no-Goti­ca« bzw. als »Roma­no-Goti­ca« bezeich­net wird.

1200 | Die »Caro­li­no-Goti­ca« bil­det die Grund­la­ge für die Hoch­for­men der goti­schen Buch­schrif­ten ab dem spä­ten 13. und 14. Jahr­hun­dert, den Vor­läu­fern der Gebro­che­nen Schrif­ten. Ihre Cha­rak­te­ris­ti­ka sind gera­de Stri­che, die schar­fe Ecken und spit­ze Win­kel bil­den, gebro­che­ne Run­dun­gen, die an die Spitz­bö­gen goti­scher Kathe­dra­len erin­nern, sowie eine betont ver­ti­ka­le Aus­rich­tung der nun enger zusam­men ste­hen­den Buch­sta­ben.

Die »Tex­tu­ra«, wel­che aus der früh­go­ti­schen Minus­kel ent­stand und bis zum Ende des 15. Jahr­hun­derts ver­wen­det wur­de, gilt als die höchst­ent­wi­ckel­te kal­li­gra­phi­sche Buch­schrift der Gotik, gefolgt von der »Rotun­da« (Rund­go­ti­sche Schrift), der »Goti­co Cur­si­va« (Goti­sche Kur­si­ve) und diver­sen »Bas­tar­da–Schrif­ten« (Misch-Schrif­ten). Die Gotik stellt in paläo­gra­phi­scher Hin­sicht die reichs­te Epo­che euro­päi­scher Schrift­ge­schich­te dar. 9 )

Im 13. Jahr­hun­dert sind die ers­ten »Ara­bi­schen Zif­fern« im katho­li­schen Euro­pa nach­weis­bar. Die­se soge­nann­ten »Mediä­val­zif­fern« lös­ten bis zur Spät­re­nais­sance suk­zes­si­ve das Römi­sche Zah­len­sys­tem ab.

1300 | Ende des 14. Jahr­hun­derts wur­de in Deutsch­land der Holz­ta­fel­druck erfun­den. In Ita­li­en tauch­ten die ers­ten Misch- und Über­gangs­schrif­ten auf, die als »Scrip­tu­ra fere-huma­ni­s­ti­ca« bezeich­net wer­den und sich beson­ders in der »Goti­co-Huma­ni­s­ti­ca« mani­fes­tier­ten.

Mit der für die begin­nen­de Renais­sance typi­schen Rück­be­sin­nung auf die Vor­bil­der der Anti­ke und inspi­riert von der Huma­nis­ti­schen Geis­tes­hal­tung, ent­wi­ckel­te Coluc­cio Saluta­ti (1331–1406) eine aus Minus­keln bestehen­de »Huma­ni­s­ti­ca« , die im wesent­li­chen auf der Caro­li­na und der klas­si­schen »Lit­tera anti­qua« – einer kla­ren kal­li­gra­phi­schen Schrift, die bereits Augus­ti­nus ver­wen­de­te – basier­te. Saluta­ti rei­nig­te sei­ne Huma­ni­s­ti­ca von goti­schen Ele­men­ten, also von sti­lis­ti­schen Über­trei­bun­gen, Defor­mie­run­gen und Über­la­dun­gen und pass­te sie struk­tu­rell dem huma­nis­ti­schen Ide­al an. Die Typo­gra­phie bezeich­net die­se For­ma­li­tät heu­te als »Huma­nis­ti­sches Form­prin­zip«, die Schrift als »Huma­nis­ti­sche Minus­kel«.

Ende des 14. Jahr­hun­derts ent­stand in Deutsch­land eine eige­ne Papier­fa­bri­ka­ti­on, die im 15. Jahr­hun­dert eine der Grund­la­gen der Typo­gra­phie wer­den soll­te.

1400 | Pog­gio Brac­cio­li­ni (1380–1459) voll­ende­te die Anstren­gun­gen sei­nes Leh­rers Saluta­ti. Er gilt auch als der maß­geb­li­che Pro­tek­tor, der die­ser neu­en Schreib­schrift der Huma­nis­ten ab 1410 im Vati­kan zum Durch­bruch ver­half. Pog­gi­os Schrift­stil wur­de zum sicht­ba­ren Aus­druck für die huma­nis­ti­sch gebil­de­te Geis­tes­hal­tung der ita­lie­ni­schen Intel­lek­tu­el­len­krei­se. Unge­fähr zur glei­chen Zeit ent­stan­den auch die »Huma­ni­s­ti­ca for­ma­ta« und die »Huma­ni­s­ti­ca cur­si­va« von Nic­co­lo Nic­co­li (Flo­renz um 1364–1437).

Im Zuge der Refle­xi­on auf die grie­chi­sche und römi­sche Klas­sik ver­such­ten ita­lie­ni­sche Kopis­ten und Kal­li­gra­phen ihren Abschrif­ten und Kodi­zes eine anti­ke Anmu­tung zu ver­lei­hen. Sie ver­wen­de­ten des­halb als­Aus­zeich­nungs­schrift die Capi­ta­lis qua­drata, also jene Majus­kel-Schrift, die schon im alten Rom über­wie­gend der Capi­ta­lis monu­men­ta­lis anti­ker Inschrif­ten nach­emp­fun­den wor­den war. Die Minus­kel-Zei­len waren in sich geschlos­sen, ein­zel­ne Majus­keln soll­ten nur den Vers­be­ginn her­vor­he­ben (sie­he auch Ver­sal) und hat­ten noch kei­ne ortho­gra­phi­sche Funk­ti­on, denn zu die­ser Zeit wur­den Grie­chi­sch und Latein aus­schließ­li­ch in Minus­keln geschrie­ben.

Die­se Schreib­wei­se brei­te­te sich mit der früh­hu­ma­nis­ti­schen Strö­mung auch nach Deutsch­land aus. Die Huma­ni­s­ti­ca for­ma­ta und die Capi­ta­lis bil­de­ten die Grund­la­ge für die nach­fol­gen­de Anti­qua-Schrift. 10 ) 11 ) 12 ) 13 )

Typographie

1450 | Der Pro­to­ty­po­gra­ph Johan­nes Guten­berg (um 1400–1468) aus Mainz erfand zwi­schen 1449/50 und 1457 die Typo­gra­phie, den mecha­ni­schen Buch­druck mit beweg­li­chen Let­tern. Er revo­lu­tio­nier­te damit grund­le­gend den bis dahin 6500jäh­ri­gen eli­tä­ren Schrift­ge­brauch. Durch sei­ne Typo­gra­phie wur­de die Schrift­tech­no­lo­gie demo­kra­ti­siert; denn von nun an konn­ten Gedan­ken und Wis­sen maschi­nell repro­du­ziert wer­den, was einen radi­ka­len mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Struk­tur­wan­del zur Fol­ge hat­te, der alle west­eu­ro­päi­schen Zivi­li­sa­tio­nen inner­halb kür­zes­ter Zeit nach­hal­tig ver­än­der­te. Guten­berg benutz­te für sei­ne ers­ten Druck­wer­ke die Tex­tu­ra in unter­schied­li­chen Typen, ähn­li­ch wie sie in den Skrip­to­ri­en für bibli­sche und lit­ur­gi­sche Bücher ver­wen­det wur­de.

Faksimile einer 42-zeiligen Gutenberg-Bibel. Original gedruckt von Johannes Gutenberg in Mainz um 1455. Quelle: New York Public Library, 2009.
Fak­si­mi­le einer 42-zei­li­gen Guten­berg-Bibel. Ori­gi­nal gedruckt von Johan­nes Guten­berg in Mainz um 1455. Quel­le: New York Public Libra­ry, 2009.

Mit Guten­bergs epo­cha­ler Erfin­dung begann die Inku­na­bel­zeit, wel­che um 1500 ende­te. Ab 1462 sorg­ten mehr­heit­li­ch deut­sche Pro­to­ty­po­gra­phen für die Aus­brei­tung der »Deut­schen Kunst« in die euro­päi­schen Han­dels-, Bischofs-, Reichs- und Uni­ver­si­täts­städ­te.

1464 brach­ten die Main­zer Pro­to­ty­po­gra­phen Con­rad Sweyn­he­ym und Arnold Pann­artz die Typo­gra­phie ins ita­lie­ni­sche Bene­dik­ti­ner­hoch­stift Subi­a­co und druck­ten ab 1467 in Rom die ers­te rei­ne Form einer Anti­qua-Schrift.

In den frü­hen Jah­ren des Buch­drucks ver­wen­de­ten die deut­schen Pro­to­ty­po­gra­phen pri­mär die Tex­tu­ra goti­schen Ursprungs; in Ita­li­en paß­ten sie sich jedoch rasch den Bedürf­nis­sen des loka­len Mark­tes an. Klas­si­sche und huma­nis­ti­sche Publi­ka­tio­nen wur­den dort in der von der Huma­nis­ten­hand­schrift abge­lei­te­ten Anti­qua gedruckt, theo­lo­gi­sche und juris­ti­sche Lite­ra­tur tra­di­tio­nell in rund­go­ti­schen Typen. Gene­rell war die Aus­stat­tung der frü­hen Druck­wer­ke stark an die der zeit­ge­nös­si­schen Hand­schrif­ten des 15. Jahr­hun­derts ange­lehnt. Die Pro­to­ty­po­gra­phen setz­ten ihre Inku­na­beln in der Goti­ca, der Tex­tu­ra, der Rotun­da, der Bas­tar­da, der Goti­co-Huma­ni­s­ti­ca und der Anti­qua.

Ab 1468 ent­wi­ckel­ten in Vene­dig die deut­schen Pro­to­ty­po­gra­phen Johan­nes und Wen­de­lin von Spey­er (de Spi­ra) aus der »Sub­la­cen­si­schen Anti­qua« von Sweyn­he­ym und Pann­artz die Vene­zia­ni­sche Renais­sance Anti­qua, die der fran­zö­si­sche Typo­gra­ph Nico­las Jen­son (1420–1480) um 1470 in Vene­dig per­fek­tio­nier­te. Die­se Schrift­art, ins­be­son­de­re die so genann­te »Jen­son Anti­qua«, die als ers­te voll­kom­men aus­ge­bil­de­te Druck­an­ti­qua von exem­pla­ri­scher Aus­ge­wo­gen­heit, Deut­lich­keit und beton­ter Rund­heit in der Buch­sta­ben­kom­po­si­ti­on gilt, fes­tig­te den Ruhm Vene­digs als »Stadt der Typo­gra­phie«.

Die zwei­te Gene­ra­ti­on von ita­lie­ni­schen Typo­gra­phen, allen vor­an der Vene­zia­ner Aldus Manu­ti­us, (1449÷50−1515), kul­ti­vier­te ab 1495 die Anti­qua der deut­schen Pro­to­ty­po­gra­phen für die »huma­nis­ti­sche Typo­gra­phie«. Der­Ty­po­gra­ph Manu­ti­us und sein Schrift­schnei­der Fran­ces­co Grif­fo aus Bolo­gna schu­fen für ihre Aldi­nen die »Bem­bo-Type«, so benannt nach dem bedeu­ten­den Gelehr­ten und Huma­nis­ten Pie­tro Bem­bo, der die Klas­sik­eredi­tio­nen der­Of­fi­zin Manu­ti­us text­kri­ti­sch redi­giert hat­te. Die­se Aldi­ni­sche Anti­qua dis­tan­zier­te sich weit­ge­hend von ihren hand­schrift­li­chen Vor­la­gen und Aldos Typo­gra­phie folg­te erst­mals kon­se­quent dem phi­lo­lo­gi­schen Regel­ka­non von Gram­ma­tik, Ortho­gra­phie und sys­te­ma­ti­scher Groß- und Klein­schrei­bung. In die­ser Zeit ver­wan­del­te sich der skrip­to­gra­phi­sche »Ver­sal« in die typo­gra­phi­sche Majus­kel. 

1500 | Mit dem begin­nen­den 16. Jahr­hun­dert ent­wi­ckelt sich in Deutsch­land aus der »gebro­che­nen« Spät­form der goti­schen Minus­kel die Frak­tur, wel­che im deutsch­spra­chi­gen Raum bis ins 20. Jahr­hun­dert zur vor­herr­schen­den Type wer­den soll­te. Als Schöp­fer der ers­ten rei­nen »frac­tu­ra ger­ma­ni­ca« (1507) gilt der Augs­bur­ger Kal­li­gra­ph und Bene­dik­ti­ner­pa­ter Leon­hard Wag­ner (1453–1522). Beson­ders im Zuge der Refor­ma­ti­on mit Mar­tin Luthers popu­lä­ren Flug­schrif­ten im Quart- und Oktav­for­mat und sei­ner deutsch­spra­chi­gen Bibel wur­de die Frak­tur zum Inbe­griff der »Deut­schen Schrift«. Damit setz­te sich auch die text­sor­ten­spe­zi­fi­sche Tren­nung der Schrift­gat­tun­gen end­gül­tig durch: die Rotun­da wur­de für latei­ni­sche Tex­te ver­wen­det, die Bas­tar­da für deut­sche Tex­te, die Anti­qua-Schrift für die huma­nis­ti­sche Lite­ra­tur und die Frak­tur für Mar­tin Luthers Refor­ma­ti­ons­schrif­ten; gleich­wohl zog die­se Dif­fe­ren­zie­rung einen Schrift­streit zwi­schen den Frak­tur- oder Anti­qua-Befür­wor­tern nach sich, der sich ideo­lo­gi­sch pole­mi­sie­rend bis zum Ende des Drit­ten Rei­ches hin­zie­hen und sogar noch die deut­sche Schrift­kul­tur der Nach­kriegs­zeit beein­flus­sen soll­te.

Unterschiedliche Frakturschriften. Ausschnitt aus »Schrift-Proben« der Schriftgießerei Julius Klinkhardt, Leipzig und Wien, Handausgabe, ca. 1885. Quelle: www.typolexikon.de
Unter­schied­li­che Frak­tur­schrif­ten. Aus­schnitt aus »Schrift-Pro­ben« der Schrift­gie­ße­rei Juli­us Klink­hardt, Leip­zig und Wien, Hand­aus­ga­be, ca. 1885.

1517 druck­te die Offi­zin Schön­sper­ger erst­mals eine Frak­tur-Type (Rit­te­r­e­pos »Theu­er­dank«), die von Vin­zenz Röck­ner ent­wor­fen und von Hier­ony­mus And­reae geschnit­ten wor­den war.

Typometrische Studien aus der Zeit der Renaissance von Ferdinando Ruano (D), Vespasiano Amphiareo (Z), Wolfgang Fugger (H), Geoffroy Tory (I), Albrecht Dürer (X), Francesco Torniello da Novara (F), Luca Pacioli (Y), Damiano da Moile (B) und Felice Feliciano (P). Abbildungen: Unterschiedliche Quellen aus der klassischen typographischen und paläographischen Fachliteratur.
Typo­me­tri­sche Stu­di­en aus der Zeit der Renais­sance von Fer­di­nan­do Rua­no (D), Ves­pa­sia­no Amphia­reo (Z), Wolf­gang Fug­ger (H), Geoff­roy Tory (I), Albrecht Dürer (X), Fran­ces­co Tor­ni­el­lo da Nova­ra (F), Luca Pacio­li (Y), Damia­no da Moi­le (B) und Feli­ce Feli­cia­no ℗. Abbil­dun­gen: Unter­schied­li­che Quel­len aus der klas­si­schen typo­gra­phi­schen und paläo­gra­phi­schen Fach­li­te­ra­tur.

Im 16. Jahr­hun­dert wid­me­te sich ins­be­son­de­re der Nürn­ber­ger Typo­gra­ph und Renais­sance-Künst­ler Albrecht Dürer in sei­ner »Underw­eysung der Mes­sung« von 1525 die­ser »Gebro­che­nen Schrift­gat­tung«. Dürer gehör­te nach Feli­ce Feli­cia­no (Rom um 1460), Damia­nus Moyl­lus (Par­ma um 1483), Luca Pacio­li (1509) und mit Geoff­roy Tory (Paris um 1549) zu den ers­ten Schrift­ge­lehr­ten, die Schrift­bil­der kon­stru­ier­ten und nach der idea­len Form mit­tels der Typo­me­trie such­ten. Als Schreib­schrift wur­de die Frak­tur auf­grund der schwie­ri­gen Schreib­wei­se von der »Deut­schen Kanz­lei­schrift« abge­löst.

In Frank­reich ent­wi­ckel­te sich aus der Vene­zia­ni­schen Renais­sance Anti­qua ab 1530 die Fran­zö­si­sche Renais­sance Anti­qua (Mediä­val), an deren Form­ge­bung maß­geb­li­ch der Pari­ser Typo­gra­ph Antoi­ne Auge­re­au und sein Schü­ler­Clau­de Gara­mond betei­ligt war.

Um 1555 begann die Blü­te­zeit des Druck­we­sens in Frank­furt, initi­iert durch Chris­ti­an Ege­nolff und die von ihm gegrün­de­te Typen­gie­ße­rei, die nach sei­nem Tod vom aus Lyon stam­men­den Typen­schnei­der Jac­ques Sabon höchst erfolg­reich wei­ter­ge­führt wur­de. Ab 1572 arbei­te­te die Frank­fur­ter Schrift­gie­ße­rei als unab­hän­gi­ger Betrieb, der ers­te sei­ner Art in Deutsch­land, der als Ege­nolff-Sabon-Ber­ner-Luthe­ri­sche Gie­ße­rei bis 1810 Bestand hat­te. 14 )

1600 | Das 17. Jahr­hun­dert war ins­be­son­de­re von den Ver­hee­run­gen des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges (1618–1648) und des­sen geis­tes- und sozi­al­ge­schicht­li­chen Fol­gen gekenn­zeich­net; was für Deutsch­land ins­be­son­de­re einen deut­li­chen Ver­fall sei­ner Typo­gra­phie, sowohl in tech­ni­scher wie auch ästhe­ti­scher Hin­sicht zufol­ge hat­te.

1700 | Mit Beginn des 18. Jahr­hun­derts eta­blier­te sich Leip­zig als das Zen­trum der deut­schen Typo­gra­phie, die ab 1719 signi­fi­kant von den Akti­vi­tä­ten der Typo­gra­phen-, Dru­cker-, Schrift­gie­ßer-, Ver­le­ger- und Buch­händ­ler­fa­mi­lie Breit­kopf und spä­ter von dem Typo­gra­phen und Ver­le­ger Georg Joa­chim Göschen geprägt wur­de.

In der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts ent­stand aus der Renais­sance Anti­qua die Vor­klas­si­zis­ti­sche Anti­qua, die auch als Über­gangs­an­ti­qua, Baro­ck Anti­qua oder als Halb­me­diä­val bezeich­net wird. Ins­be­son­de­re der eng­li­sche Typo­gra­ph John Bas­ker­vil­le (1706–1775) und der fran­zö­si­sche Typo­gra­ph Pier­re Simon Four­nier (1712–1768) schnit­ten ihre Druck­schrif­ten in die­ser Schrift­art. Die Vor­klas­si­zis­ti­sche Anti­qua gilt als die ers­te Schrift­art, deren Buch­sta­ben kon­se­quent und sys­te­ma­ti­sch mit­tels der Typo­me­trie kon­stru­iert wur­den.

Mit­te des 18. Jahr­hun­derts revo­lu­tio­nier­te der Leip­zi­ger Ver­le­ger und Typo­gra­ph Johan­nes Gott­lob Imma­nu­el Breit­kopf (1719−1794) den Musi­ka­li­en­druck und sys­te­ma­ti­sier­te die mathe­ma­ti­sche Berech­nung von Schrift­ver­hält­nis­sen, bei­des in kol­le­gia­ler Riva­li­tät zu Pier­re Simon Four­nier, der eben­so wie vie­le ande­re in- und aus­län­di­sche Geis­tes­grö­ßen aus Wis­sen­schaft, Lite­ra­tur, Musik und Kunst zu Breit­kopfs stän­di­gen Kor­re­spon­denz­part­nern zähl­te.

Giambattista Bodoni (Parma, Italien, 1740–1813), der »Fürst der Typographen« (»principe dei tipografi«). Portrait von Andrea Appiani (Mailand, Italien, 1754–1817) aus dem Jahre 1799. Galerie: Galleria Nazionale, Parma, Italien.
Giam­bat­ti­s­ta Bodo­ni (Par­ma, Ita­li­en, 1740–1813), der »Fürst der Typo­gra­phen« (»prin­ci­pe dei tipo­gra­fi«). Por­trait von And­rea Appia­ni (Mai­land, Ita­li­en, 1754–1817) aus dem Jah­re 1799. Gale­rie: Gal­le­ria Nazio­na­le, Par­ma, Ita­li­en.

Ab 1770 ent­wi­ckel­te der ita­lie­ni­sche »Prin­ci­pe dei tipo­gra­fi« (der Fürst unter den Typo­gra­phen) Giam­bat­ti­s­ta Bodo­ni (1740–1813) aus der fran­zö­si­schen vor­klas­si­zis­ti­schen Anti­qua Four­niers eine Klas­si­zis­ti­sche Anti­qua mit einem streng sym­me­tri­schen, fast monu­men­tal anmu­ten­den Auf­bau, wel­che die west­eu­ro­päi­sche Schrift­kul­tur des gesam­ten 19. Jahr­hun­derts maß­geb­li­ch prä­gen soll­te.

Beein­flusst von der Schrif­täs­the­tik eines John Bas­ker­vil­le, Fir­min Didot (1764–1836) oder Giam­bat­ti­s­ta Bodo­ni und in Reak­ti­on auf die Ten­denz der füh­ren­den deut­schen Lite­ra­ten (Goe­the, Schil­ler, Wie­land etc.), wel­che ihre Wer­ke in einer Anti­qua-Schrift gedruckt sehen woll­ten, wan­del­ten sich in Deutsch­land die typo­gra­phi­schen Stan­dards und es wur­den klas­si­zis­ti­sch anmu­ten­de, von allen Schnör­keln befrei­te Frak­tur-Neu­schnit­te geschaf­fen: so die Cam­pe-Frak­tur um 1790 von Joa­chim Hein­rich Cam­pe (1746−1818), die Breit­kopf-Frak­tur um 1793, die Unger-Frak­tur um 1793/94 von Johann Fried­rich Unger (1750−1804) und die zier­li­che »Jean-Paul-Frak­tur« um 1798 aus der Offi­zin von Johan­nes Gott­lob Imma­nu­el Breit­kopf. 15 )

1763 wur­de in in Preu­ßen, 1764 in Öster­reich und 1800 in Bay­ern die »All­ge­mei­ne Schul­pflicht« ein­ge­führt, wel­che die Nach­fra­ge nach Büchern und Zei­tun­gen for­cier­te.

1800 | In Lon­don publi­zier­te 1816 erst­mals der Schrift­gie­ßer Wil­liam Cas­lon IV. (1780–1869) eine seri­fen­lo­se Druck­schrift, die ers­te Gro­tesk, mit der Schrift­be­zeich­nung »Two Lines Eng­lish Egyp­ti­an«. 1817 ver­öf­fent­lich­te eben­falls in Lon­don der Typo­gra­ph und Schrift­gie­ßer Vin­cent Figg­ins (1766−1844) die ers­te seri­fen­be­ton­te Linearan­ti­qua, die soge­nann­te »Egyp­ti­en­ne«.

Durch die Indus­tria­li­sie­rung, (Dampf­ma­schine 1769, Dampf­schiff 1807, Loko­mo­ti­ve 1814, Eisen­bahn 1830, in Deutsch­land ab ca. 1871) wan­del­te sich auch der Begriff Typo­gra­phie: unter zuneh­men­der Pro­le­ta­ri­sie­rung bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts wur­de er nahe­zu aus­schließ­li­ch nur noch für den mate­ri­el­len Schrift­satz ver­wen­det.

1900 | Anfang des 20. Jahr­hun­derts riva­li­sier­ten drei unter­schied­li­che Ten­den­zen in der Typo­gra­phie: Die tra­di­tio­nel­le Buch­ty­po­gra­phie (Frak­tur, Anti­qua-Schrift), die kunst­ge­werb­li­che Gebrauchs- und Akzi­denz­ty­po­gra­phie, die sich immer noch am His­to­ris­mus und am Jugend­stil ori­en­tier­te (Egyp­ti­en­ne, kunst­ge­werb­li­che Hybri­de) und die »Moder­ne Typo­gra­phie« bzw. die »Neue Kunst-Typo­gra­phie« (Gro­tesk), die durch die Indus­trie und die Kunst (Futu­ris­mus, Dada­is­mus, Kon­struk­ti­vis­mus) inspi­riert wur­de.

1907 wur­de in Mün­chen der »Deut­sche Werk­bund« gegrün­det, die Keim­zel­le der moder­nen »Visu­el­len Gestal­tung«. Unter ihnen der Archi­tekt Wal­ter Gro­pi­us.

Mit dem Zeit­geist der 10er und 20er Jah­re begann die Pha­se der »kon­stru­ier­ten Gro­tesk«. Der Typo­gra­ph Paul Ren­ner ent­warf 1928 die »Futu­ra« und der Typo­gra­ph Mor­ris Ful­ler Ben­ton (1872–1948) kon­stru­ier­te zwi­schen 1905 und 1930 aus der »Älte­ren Gro­tesk« die »Ame­ri­ka­ni­sche Gro­tesk« (Stan­dard).

Der US-amerikanische Typograph Morris Fuller Benton (USA, 1872–1948), vermutlich um 1915 in Plainfield, New Jersey (USA). Fotograf unbekannt.
Der US-ame­ri­ka­ni­sche Typo­gra­ph Mor­ris Ful­ler Ben­ton (USA, 1872–1948), ver­mut­li­ch um 1915 in Plain­field, New Jer­sey (USA). Foto­graf unbe­kannt.

Ab 1923 nahm László Moh­oly-Nagy die Ten­denz der »Neu­en Typo­gra­phie« am Wei­ma­rer Bau­haus auf, wel­ches 1919 u.a. von Wal­ter Gro­pi­us gegrün­det und 1933 unter dem Druck der Natio­nal­so­zia­lis­ten auf­ge­löst wur­de. Moh­oly-Nagy inter­pre­tier­te die Typo­gra­phie nicht mehr wie Johan­nes Itten oder Lothar Schrey­er als »künst­le­ri­sches Aus­drucks­mit­tel«, son­dern als »Medi­um der Kom­mu­ni­ka­ti­on«, als »kla­re Mit­tei­lung in ihrer ein­dring­lichs­ten Form«. Erst­mals wur­de »Visu­el­le Gestal­tung« an einer Kunst­schu­le gelehrt. Im Bau­haus Des­sau ent­wi­ckel­te sich aus Moh­oly-Nagys »Typo­gra­phie-Werk­statt« mit Hil­fe Joost Schmidt und Her­bert Bay­er eine Druck- und Reklame­werk­statt, wel­che zu einem »Ate­lier für Gra­phik-Desi­gn« aus­ge­baut wur­de. Typo­gra­phie und Foto­gra­fie ver­schmol­zen zum »Typo­fo­to«.

Der Beginn einer internationalen Karriere: Im Oktober 1925 publizierte »ivan tschichold« als Co-Autor erstmals in zwei kurzen Aufsätzen im Sonderheft »elementare typographie«, einer Beilage der Zeitschrift »typographische mitteilungen« (Herausgeber: Bildungsverband der deutschen Buchdrucker, Leipzig), seine Betrachtungsweisen über »die neue gestaltung« und die »elementare typographie«. Quelle: Archiv von Wolfgang Beinert, Berlin.
Der Beginn einer inter­na­tio­na­len Kar­rie­re: Im Okto­ber 1925 publi­zier­te »ivan tschi­chold« als Co-Autor erst­mals in zwei kur­zen Auf­sät­zen im Son­der­heft »ele­men­ta­re typo­gra­phie«, einer Bei­la­ge der Zeit­schrift »typo­gra­phi­sche mit­tei­lun­gen« (Her­aus­ge­ber: Bil­dungs­ver­band der deut­schen Buch­dru­cker, Leip­zig), sei­ne Betrach­tungs­wei­sen über »die neue gestal­tung« und die »ele­men­ta­re typo­gra­phie«.

Rudolf Koch (1876–1934) schuf zwi­schen 1910 und 1929 »moder­ne Frak­tu­ren«, bei­spiels­wei­se die »Deut­sche Schrift«, die »Kar­ten­schrift«, die »Maxi­mi­li­an-Goti­sch«, die »Kling­s­por«, die »Jes­sen-Frak­tur« und die »Wall­au«.

Nach sei­ner Flucht vor den Natio­nal­so­zia­lis­ten grün­de­te 1937 u.a. László Moh­oly-Nagy (Grün­dungs­di­rek­tor) in Chi­ca­go das »New Bau­haus«, aus dem die »School of Desi­gn« (ab 1944 Insti­tu­te of Desi­gn) her­vor­ging. Typo­gra­phie gehör­te von nun an zu den Grund­la­gen des »Gra­phic-Designs«.

Der Ber­li­ner Inge­nieur Kon­rad Zuse (1910–1995) erfand 1938 den ers­ten mecha­ni­schen Rech­ner mit binä­ren Zah­len­sys­tem und Relais­tech­nik. Die­ser soge­nann­te »Z1-Rech­ner« gilt als der ers­te Com­pu­ter der Welt.

1941 | Die Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­bo­ten die »jüdi­sche Frak­tur« in einem von Mar­tin Bor­mann stell­ver­tre­tend für den Füh­rer Adolf Hit­ler gezeich­ne­ten Schrift-Ver­dikt. Sie erklär­ten die »nicht­jü­di­sche Anti­qua« im Deut­schen Reich zur Nor­mal­schrift (sie­he Frak­tur). Im Zeit­raum der faschis­ti­schen Dik­ta­tur ver­ur­sach­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten und ihre Sym­pa­thi­san­ten euro­pa­weit und ins­be­son­de­re in Deutsch­land einen unbe­schreib­li­chen typo­gra­phi­schen Kahl­schlag, einen kul­tu­rel­len Super­gau, des­sen Aus­wir­kun­gen bis heu­te noch spür- und sicht­bar sind (sie­he auch Typo­gra­phie).

Verbot der Fraktur durch die Nationalsozialisten: Schrift-Verdikt vom 3. Januar 1941 auf dem Briefpapier der NSDAP. Gekennzeichnet von Martin Bormann. Quelle: Bundesarchiv Koblenz im Bestand NS 6/334.
Ver­bot der Frak­tur durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten: Schrift-Ver­dikt vom 3. Janu­ar 1941 auf dem Brief­pa­pier der NSDAP. Gekenn­zeich­net von Mar­tin Bor­mann. Quel­le: Bun­des­ar­chiv Koblenz im Bestand NS 6/334.

1945 | Aus unter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen – ins­be­son­de­re aus der Mathe­ma­tik, der Elek­tro­tech­nik und der Nach­rich­ten­tech­nik – ent­stand nach dem II. Welt­krieg die »Infor­ma­tik« (Com­pu­ter Sci­en­ce), die in den nach­fol­gen­den Jah­ren die Schrift­tech­no­lo­gie grund­le­gend ver­än­dern wird.

1953 | Max Bill, Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher grün­de­ten in der Tra­di­ti­on des Bau­hau­ses die »hoch­schu­le für gestal­tung ulm« (1953–1968). Aus der anfäng­li­chen »Typo­gra­phie-Werk­statt« im Fach­be­reich »Visu­el­le Gestal­tung« ent­wi­ckel­te sich die Dis­zi­plin »Visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on«, das heu­ti­ge »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gn«. Die »hfg ulm« favo­ri­sier­te – wie das Bau­haus – in der Akzi­denz- und Gebrauchs­ty­po­gra­phie nahe­zu aus­schließ­li­ch die Gro­tesk.

Ende der 50er Jah­ren ver­öf­fent­lich­te Adri­an Fru­ti­ger (1928–2015) sei­ne »Uni­vers« Fami­lie (1957), Max Mie­din­ger schnitt nach der Vor­la­ge der »Akzi­denz Gro­tesk« die »Hel­ve­ti­ca« (1958) und Gün­ter Ger­hard Lan­ge (1921–2008) und Anton Stan­kow­ski ver­hal­fen der Akzi­denz-Gro­tesk in Deutsch­land ent­gül­tig zum Durch­bruch.

1960 | Zu Beginn der drit­ten Com­pu­ter-Gene­ra­ti­on (1965–1975) eta­blier­ten sich in den USA im Zuge der Büro­au­to­ma­ti­sa­ti­on die ers­ten Text­ver­ar­bei­tungs­sys­te­me und pro­fes­sio­nel­len Schreib­au­to­ma­ten, bei­spiels­wei­se die von An Wang.

Digitale Schriftlichkeit

1970 | 1975 erober­te der ers­te »Micro-Com­pu­ter« (Mini-Rech­ner – Pen­dant zu einem Groß­rech­ner), der »Altair 8800« von Edvard Roberts (Micro Instru­men­ta­ti­on and Tele­me­try Sys­tems), den US-Markt. Die­ser erst­mals für jeder­mann erschwing­li­che Rech­ner-Bau­satz lös­te in den USA und ins­be­son­de­re in Kali­for­ni­en eine Com­pu­te­reu­pho­rie aus, die u.a. dazu führ­te, dass ab Mit­te der 70er Jah­re in San­ta Cla­ra Val­ley (Kali­for­ni­en, USA), dem spä­te­ren Sili­con Val­ley, aus dem Micro-Com­pu­ter der »Per­so­nal Com­pu­ter (PC)« ent­stand. Zu den popu­lä­ren Prot­ago­nis­ten die­ses uni­ver­sell ein­setz­ba­ren »PCs« zähl­ten bei­spiels­wei­se Wil­liam Hen­ry Gates und Paul Allen (Micro-Soft, heu­te Micro­soft ®), Ste­ven Paul Jobs und Ste­phen Woz­niak (App­le ® Com­pu­ter Com­pany) sowie die Ent­wick­ler Dou­glas Engel­bart (Stan­ford Rese­ar­ch Insti­tu­te) und Alan Kay (Palo Alto Rese­ar­ch Cen­ter, Xer­ox ® PARC).

Im Mai 1979 errich­te­ten sie­ben ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten in Koope­ra­ti­on mit der »Natio­nal Sci­en­ce Foun­da­ti­on« (NSF), basie­rend auf dem mili­tä­ri­schen »ARPA­Net« (Advan­ced Rese­ar­ch Pro­jects Agen­cy) von J.C.R. Lick­li­der und Dou­glas C. Engel­bart, ein eige­nes zivi­les Daten­netz, das »CSNet« (Com­pu­ter Sci­en­ce Net­work), um Text­da­ten aus­zu­tau­schen.

Ende der 70er Jah­re ver­dräng­ten auf Micro-Com­pu­ter basie­ren­de opto­me­cha­ni­sche Schrift­satz­sys­te­me (Foto­satz) inner­halb nur eines Jahr­zehnts den 500 Jah­re alten mate­ri­el­len Schrift­satz (Blei­satz).

1980 | 1982 grün­de­te John War­no­ck »Ado­be ® Sys­tems«, ein Soft­ware-Unter­neh­men, das Mit­te der 80er Jah­re zusam­men mit App­le Com­pu­ter das revo­lu­tio­nä­re »Desk Top Publis­hing« (DTP) eta­blier­te, das Anfang der 80er Jah­re von Paul Brai­nard mit der Soft­ware »Page-Maker« für den »App­le Mac­in­to­sh-Com­pu­ter« (Mac) ent­wi­ckelt wur­de. Ins­be­son­de­re die inno­va­ti­ve Ado­be-Soft­ware für die Bear­bei­tung von Schrift, Gra­fik und Bild ver­än­der­te rapi­de ab Ende der 80er Jah­re die gesam­te »Medi­en­welt« und das »Gra­fi­sche Gewer­be« grund­le­gend.

1984 wur­de in den USA das »CSNet« zu dem auf TCP/IP basie­ren­den »NSFNet« umge­wan­delt. Damit hat­ten alle US-ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten Zugang zum »Netz«. Ab Mit­te der 80er Jah­re bis Mit­te der 90er Jah­re wur­den welt­weit die meis­ten geo­lo­ka­len Netz­wer­ke inte­griert, in Deutsch­land 1989. Unter den zahl­rei­chen »Diens­ten« im Inter­net, wel­che anfäng­li­ch über­wie­gend von Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­ein­rich­tun­gen genutzt wur­den, eta­blier­te sich Ende der 80er Jah­re das »World Wide Web« (www), das auf der Visi­on »eines mul­ti­me­dia­len Fern­netz-Infor­ma­ti­ons­sys­tems« des Eng­län­ders Tim Ber­ners-Lee beruht.

Erste Website im World Wide Web (1991)
Am 6. August 1991 wur­de vom bri­ti­schen Phy­si­ker Tim Ber­ners-Lee und sei­nem Team am Gen­fer For­schungs­zen­trum Cern in der Schweiz die ers­te Sei­te des World Wide Web online gestellt. Quel­le: http://​home​.cern/​t​o​p​i​c​s​/​b​i​r​t​h​-​web.

1990 | Der »PC« ver­dräng­te bis 1995 weit­ge­hend die opto­me­cha­ni­schen Schrift­satz­sys­te­me sowie den noch teil­wei­se exis­tie­ren­den ana­lo­gen Schrift­satz.

Mit Beginn der 90er Jah­re modu­lier­te eine neue Gene­ra­ti­on von Schrift­ge­stal­tern vor­han­de­ne Schrift­ar­ten aus allen Schrift- und Stil­epo­chen. Unter ihnen Zuzana Licko, Jona­than Bar­n­brook und Nevil­le Bro­dy. Neben unzäh­li­gen »Remakes« klas­si­scher Druck­schrif­ten, wur­de von einer neu­en »Type-Com­mu­ni­ty« von der »Capi­ta­lis monu­men­ta­lis« (z.B. Tra­jan) über die »Caro­li­na« (z.B. Demo­cra­ti­ca) und Leo­nar­do Davin­cis Hand­schrift (Leo­nar­do) bis hin zur ame­ri­ka­ni­schen Auto­bahn­be­schrif­tung (z.B. Inter­sta­te von Tobi­as Fre­re-Jones, 1993–94) so ziem­li­ch alles digi­ta­li­siert, was die Schrift­ge­schich­te je her­vor­ge­bracht hat­te. Es ent­stan­den vie­le neue Schrif­ten­bi­blio­the­ken und Schrif­ten­an­bie­ter wie Émi­gré ®, Bit­stream ®, Font Bure­au ®, The Found­ry ®, App­ly ® oder Fuse ®, die nun über das Web ihre Schrif­ten dis­tri­bu­ie­ren konn­ten. Zehn­tau­sen­de von »neu­en-alten« Schrif­ten über­flu­te­ten den Markt, meist Zier­s­chrif­ten, die im Sin­ne der klas­si­schen Typo­gra­phie kei­ne inno­va­ti­ve Berei­che­rung des Alpha­bets dar­stell­ten und sich auch nicht mehr klas­si­fi­zie­ren lie­ßen.

Mit der Eta­blie­rung des Word Wide Web ent­stan­den ver­mehrt »Screen- und Web­fonts«, wie die von Mat­t­hew Car­ter gestal­te­te »Ver­da­na«; Druck­schrif­ten, die spe­zi­ell für das Lesen am Bild­schirm adap­tiert wur­den.

2000 | Das letz­te Jahr­hun­dert zeich­ne­te sich ins­be­son­de­re dadurch aus, dass Visio­nä­re neue und bahn­bre­chen­de Metho­den und Band­brei­ten zur Über­mitt­lung von Schrift erschlos­sen. Ins­be­son­de­re die von der »Sili­con-Val­ley-Com­mu­ni­ty« rea­li­sier­te Tech­no­lo­gie eines indi­vi­du­ell ein­setz­ba­ren Mini-Rech­ners und die damit ver­bun­de­ne digi­ta­le Schrift­lich­keit revo­lu­tio­nier­ten und demo­kra­ti­sier­ten die gesam­te Typo­gra­phie und die über 7000jäh­ri­ge Schrift­ge­schich­te in nicht ein­mal zwei Jahr­zehn­ten. Neue Betrach­tungs­wei­sen, Gestal­tungs­kri­te­ri­en und Dis­zi­pli­nen ent­stan­den. Die Schrift ver­ließ die tra­di­tio­nel­len Trä­ger­ma­te­ria­len und erober­te den vir­tu­el­len Raum. 16 )

Die Schrift­ge­stal­tung als sol­che, ein­mal abge­se­hen von der gera­de­zu baby­lo­ni­schen Schrif­ten­viel­falt, sta­gnier­te aller­dings sub­stan­ti­ell. Der Schrift­be­stand der frü­he­ren Jahr­hun­der­te wur­de nur ver­wal­tet, wie­der­ver­wer­tet (z.B. als Web­fonts) oder ideo­lo­gi­sch ver­ein­nahmt. Im Sin­ne der gestal­te­ri­schen Typo­gra­phie (Kunst, Gra­fik­de­si­gn, Wer­bung) war das 20. Jahr­hun­dert sicher­li­ch das quan­ti­ta­tiv krea­tivs­te Jahr­hun­dert.

2016 | Die Anti­qua-Schrift, so wie sie bereits in der Renais­sance geprägt wur­de, ist auch heu­te noch die ver­bind­li­che Ver­kehrs­schrift der west­li­chen Welt.

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Rud­gley, R.: Lost civi­li­sa­ti­ons of the Sto­ne Age, Lon­don und Syd­ney 1998.
2.Emp­feh­lung: Mal-, Kerb und Rit­zei­chen zum Anfas­sen: Höh­le von Las­caux in Frank­reich. Wand­ma­le­rei­en etwa 30.000 bis 25.000 v. Chr.
3.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Föl­des-Papp, Kár­o­ly: Vom Fels­bild zum Alpha­bet: Die Geschich­te der Schrift von ihren frü­hes­ten Vor­stu­fen bis zur latei­ni­schen Schreib­schrift, Bel­ser, Stutt­gart 1984.
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Faul­mann, Carl: Schrift­zei­chen und Alpha­be­te aller Zei­ten und Völ­ker, Reprint im Augus­tus Ver­lag, ISBN 3–8043-0142–8.
5.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Fru­ti­ger, Adri­an: Der Men­sch und sei­ne Zei­chen, 1978, Vou­rier Ver­lag ISBN 3–925037-39-X.
6.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Haar­mann, Harald: Geschich­te der Schrift, Ver­lag C. H. Beck, Mün­chen 2002, ISBN 3406479987.
7.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Sei­pel, Wil­fried (Hrsg.): Der Turm­bau zu Babel, Ursprung und Viel­falt von Spra­che und Schrift, Band 2, 3a und 3b, Aus­stel­lungs­ka­ta­log des Kunst­his­to­ri­schen Muse­um Wien, 2003, ISBN 3–85497-055–2.
8.Quel­le: Jos­si Gar­fin­kel, Hebräi­sche Uni­ver­si­tät Jeru­sa­lem, Pres­se­mel­dung über die Nach­rich­ten­agen­tur ap, The Asso­cia­ted Press, 30.10.2008.
9.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Delit­sch, Her­mann: Geschich­te der abend­län­di­schen Schreib­schrift­for­men, Leip­zig 1928.
10.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Mazal, Otto: Paläo­gra­phie und Paläo­ty­pie. Zur Geschich­te der Schrift im Zeit­al­ter der Inku­na­beln, Ver­lag Anton Hier­se­mann, Stutt­gart 1984.
11.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Mazal, Otto: Lehr­buch der Hand­schrif­ten­kun­de, Rei­chert, Wies­ba­den 1986.
12.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Sama­ran, Charles: Cata­lo­gue des manu­scrits en écri­tu­re lati­ne, Biblio­thèque Natio­na­le, fonds latin, Paris 1962.
13.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Foers­ter, Hans: Abriß der latei­ni­schen Paläo­gra­phie, Ver­lag Haupt, Bern 1949; Nach­druck Stutt­gart 1981.
14.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Bre­kle, Her­bert : Die Anti­qua­li­nie von ca. –1500 bis ca. +1500, Nodus Publi­ka­tio­nen Müns­ter, 1994, ISBN 3–89323-259–1.
15.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Dege­ring, Her­mann: Die Schrift. Atlas der Schrift­for­men des Abend­lan­des vom Alter­tum bis zum Aus­gang des 18. Jahr­hun­derts, 1952.
16.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Nau­mann, Fried­rich: Vom Aba­kus zum Inter­net, Die Geschich­te der Infor­ma­tik, Pri­mus Ver­lag 2001, ISBN 3–89678-224-X.