Urheberrecht für Schriften und Mythos Schriftsoftware

Eine kri­ti­sche Anmer­kung von Wolf­gang Bei­nert zum ver­meint­li­chen Urhe­ber­recht und der Nut­zung von Schrif­ten.

Ausgangssituation

Seit län­ge­rer Zeit ver­su­chen Font Found­ries und Schrif­ten­händ­ler durch mas­si­ve PR- und Lob­by­ar­beit den Ein­druck zu erwe­cken, dass Schrift kraft Gesetz durch Urhe­ber­rech­te oder sons­ti­ge Per­sön­lich­keits- oder Schutz­rech­te, ähn­li­ch wie Musik oder bil­den­de Kunst, geschützt und gere­gelt wären.

Des Wei­te­ren behaup­ten Font Found­ries und deren Lob­by­is­ten, dass es sich bei Fonts um »Soft­ware« han­deln wür­de. In guter alter GEZ-Manier ver­su­chen sie, Desi­gner, Agen­tu­ren, Webent­wick­ler und ihre Auf­trag­ge­ber – ja selbst Stu­den­ten – sys­te­ma­ti­sch mit ihren Betrach­tungs­wei­sen zu indok­tri­nie­ren und schluss­end­li­ch zu ver­un­si­chern. Unlau­te­re Ste­reo­ty­pen schei­nen heu­te zur PR- und Mar­ke­ting­stra­te­gie zu gehö­ren. 1 )  

Kritik

Letzt­end­li­ch sind der­ar­ti­ge Behaup­tun­gen nicht nur unsach­li­ch son­dern über­dies unge­heu­er­li­ch. Bekannt­li­ch zählt Schrift seit Jahr­tau­sen­den zum Kul­tur­gut der Mensch­heit (sie­he Schrift­ge­schich­te) bzw. Typo­gra­phie seit Jahr­hun­der­ten. Auch Buch­sta­ben digi­ta­ler Fonts, bei­spiels­wei­se Web­fonts, kön­nen des­halb nichts ande­res als Repli­ken, Remakes, Klo­ne, Form­va­ri­an­ten und Misch­for­men Jahr­hun­dert alter Typo­me­trie sein. Gleich­ar­tig­keit ist hier kein Man­ko, sie liegt nun mal in der Natur einer Schrift. Des­halb sind Buch­sta­ben bzw. Schrif­ten im Sin­ne des Urhe­ber­rechts auf­grund ihrer gerin­gen »Schöp­fungs­hö­he« welt­weit nicht schutz­fä­hig.

Unab­hän­gig davon stellt sich eine wei­te­re Grund­satz­fra­ge: Sind Font Found­ries und Schrif­ten­händ­ler über­haupt selbst Inha­ber mut­maß­li­cher Urhe­ber- oder Nut­zungs­rech­te und wären sie somit über­haupt kla­ge­be­rech­tigt? 

Im Ergeb­nis wur­de bis­her die urhe­ber­recht­li­che Schutz­fä­hig­keit von Werk­satz­schrif­ten (Gebrauchs­schrif­ten, Brot­schrif­ten, Text­schrif­ten) welt­weit (!) in allen ent­schie­de­nen Fäl­len ver­neint, ihnen also der urhe­ber­recht­li­che Schutz kon­se­quent ver­wei­gert. Glei­ches gilt selbst für einen ein­fa­chen Gebrauch­mus­ter­schutz für Text­schrif­ten. So wur­de bei­spiels­wei­se 2006 in einem auf­se­hen­er­re­gen­den Mus­ter­pro­zess das von Micro­soft® ange­mel­de­te Gemein­schafts­mus­ter der »Segoe UI« für nich­tig erklärt, weil auch die­se Schrift­fa­mi­lie aus ande­ren Schrif­ten – in die­sem Fal­le von einer Schrift Adri­an Fru­ti­gers (1928–2015) – abge­lei­tet wur­de. Nur der Name »Segoe Ul« konn­te tem­po­r­är als Waren­zei­chen ein­ge­tra­gen wer­den. 

Sind Fonts Anwendersoftware?

Font Found­ries und Schrif­ten­händ­ler ver­su­chen nun – da ihnen die Schut­zun­fä­hig­keit von Schrif­ten leid­li­ch bewusst sein muss – durch einen mehr oder weni­ger unlau­te­ren Trick, der auch durch eine bei­na­he schon sek­ten­haf­te PR- und Lob­by­ar­beit flan­kiert wird, Schrift als »Schrift­soft­ware« unter den Nut­zungs­ver­ein­ba­run­gen der EULA (End User Licen­se Agree­ment) zu ver­kau­fen. Die­se neue Mar­ke­ting­stra­te­gie ist aller­dings mehr als frag­wür­dig. Denn ob es sich bei einem Font um ein Com­pu­ter­pro­gramm han­delt, ist welt­weit mehr als umstrit­ten.

Fakt ist aller­dings, dass bis­her welt­weit Font Files die für Anwen­der­soft­ware benö­ti­ge Schöp­fungs­hö­he gene­rell ver­wei­gert wird. Dar­an haben auch neue Font-Tech­no­lo­gi­en, bei­spiels­wei­se die platt­form­über­grei­fen­den Open­Ty­pe-For­ma­te nichts geän­dert. Im Gegen­teil, denn die Open­Ty­pe-Initia­ti­ve ist ein offe­ner Stan­dard, der von Ado­be® und Micro­soft® der gesam­ten Font Com­mu­ni­ty kos­ten­los zur Ver­fü­gung gestellt wird. Das gilt somit u.a. auch für das Web Open Font For­mat (WOFF). 2 )

Alle mir bekann­ten Soft­ware­ent­wick­ler und Fach­ju­ris­ten gehen des­halb davon aus, dass die in Deutsch­land, Öster­reich und in der Schweiz ver­wen­de­ten End­be­nut­zer-Lizenz­ver­trä­ge (EULA, End User Licen­se Agree­ment) für Font Files sit­ten­wid­rig sind und höchst­rich­ter­li­ch kei­nen Bestand haben. Anders for­mu­liert: Es kann kein Nut­zungs­ver­trag zustan­de kom­men, da ein Font kei­ne Soft­ware ist und somit nicht über EULA lizen­ziert wer­den kann, 3 ) ganz abge­se­hen davon, ob die EULA im deut­schen Rechts­raum in die­ser Form über­haupt wirk­sam ist, da die­se den AGB-Rege­lun­gen des BGBs unter­liegt und somit in wei­ten Tei­len nur Maku­la­tur wäre.

Glei­ches gilt für die »Hin­wei­se zum lega­len Schrift­ge­brauch« oder den »Lizenz­ver­ein­ba­run­gen« der Schrif­ten­händ­ler, bei­spiels­wei­se betref­fend der Wei­ter­ga­be von Schrif­ten an die Druck­vor­stu­fe oder das Ein­bet­ten von Schrif­ten in Doku­men­te (z.B. PDF-Datei­en). Abge­se­hen davon, dass die­se meist gro­tes­ken und pra­xis­fer­nen AGBs in der Regel dem BGB wider­spre­chen und somit unwirk­sam sind, tun sich der­ar­ti­ge »Schrift­ex­per­ten« selbst kei­nen Gefal­len, da die­se kurz­sin­ni­ge Arti­ku­la­ti­on den Ver­brau­cher (User) nur ver­un­si­chert und letzt­end­li­ch vom Kauf einer Qua­li­täts­schrift abschreckt.

Quintessenz 

Den Flur­scha­den, den eini­ge Prot­ago­nis­ten zu Guns­ten ihres unre­flek­tier­ten Gewinn­stre­bens seit eini­gen Jah­ren ange­rich­tet haben, ist lei­der unüber­seh­bar. Pre­kä­re Lebens­ver­hält­nis­se für Schrift­ge­stal­ter einer­seits, Mono­po­le von Big Dad­dies ande­rer­seits, kei­ner­lei Schrif­tin­no­va­ti­on, ver­un­si­cher­te User, unzäh­li­ge mise­ra­ble Adap­tio­nen und aber­tau­sen­de geklon­te Fonts mit neu­en Namen, die im Grun­de meist nichts ande­res als Kopi­en von Kopi­en von Kopi­en sind.

Schaut man näher hin, gewinnt man unwei­ger­li­ch den Ein­druck, die Type Desi­gner Com­mu­ni­ty besteht mehr­heit­li­ch nur noch aus Copy Nerds, die sich Vor­han­de­nes unver­blümt mit­tels Copy and Pase bemäch­ti­gen, im bes­ten Fal­le ein paar Pixel ver­schie­ben, weg­neh­men oder hin­zu­fü­gen, einen Copy­right-Ver­merk ein­fü­gen und eine PC-auto­ba­sie­ren­de Dienst­leis­tung dar­aus machen möch­ten, die nichts mehr mit der Erfah­rung, dem Kön­nen und dem künst­le­ri­schen Anspruchs eines Paul Helum­th Rädi­sch oder Louis Hoell zu tun haben. 

Schrift­ge­stal­tung ist ein Hand­werk – so sahen es zumin­dest renom­mier­te Schrift­ge­stal­ter wie Gün­ter Ger­hard Lan­ge. Die Gestal­tung von Werk­satz­schrif­ten (Gebrauchs­schrif­ten, Brot­schrif­ten, Text­schrif­ten) ist kein schöp­fe­ri­scher Akt, der durch das UrhG geschützt wer­den muss. Schließ­li­ch ist ein Buch­sta­be kein Mars Rover oder ein Cézan­ne. Und ein durch Fon­to­gra­pher®, FontFor­ge® & Co auto­ma­ti­sch gene­rier­tes Alpha­bet, eine mit Scan­Font® gescann­te Schrift aus einem alten Schrift­mus­ter­buch, eine Out­line­kor­rek­tur für ein Font-Update oder das Hin­ting von Post­Script-Out­lines macht aus einem simp­len Font File noch lan­ge kei­ne Anwen­der­soft­ware!

Und sei­en wir ehr­li­ch: Ein­mal abge­se­hen von der gera­de­zu baby­lo­ni­schen Schrif­ten­viel­falt, sta­gniert die Schrift­ge­stal­tung seit Jahr­zehn­ten sub­stan­ti­ell. Der Schrift­be­stand der frü­he­ren Jahr­hun­der­te wird nur ver­wal­tet, wie­der­ver­wer­tet, mone­tär aus­ge­beu­tet oder ideo­lo­gi­sch und recht­li­ch ver­ein­nahmt.

Quid pro quo!

Das heißt aber nicht, dass gut zube­rei­te­te Qua­li­täts­schrif­ten nichts kos­ten dür­fen. Quid pro quo! Aber kei­nes­falls über das Hin­ter­tür­chen »Schrift­soft­ware«, via Page Views oder sons­ti­ge auf­la­gen- oder tracking­be­zo­ge­ne Abrech­nungs­sys­te­me – die neben­bei bemerkt, den Daten­schutz unter­lau­fen. 4 ) Die Rechts­fol­gen für Desi­gner, Unter­neh­men und alle ande­ren User wären unab­seh­bar und somit nicht akzep­ta­bel. Das mög­li­che Sper­ren von Web­sites per einst­wei­li­ger Ver­fü­gung zur Durch­set­zung von Unter­las­sungs­an­sprü­chen im Wege des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes, Rei­hen­ab­mah­nun­gen, irr­wit­zi­ge Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen und sons­ti­ge juris­ti­sche Schar­müt­zel gehör­ten dann zum All­tag.

Und stän­di­ge Bestre­bun­gen à la ACTA (Anti-Coun­ter­feit­ing Tra­de Agree­ment, wel­ches am 4. Juli 2012 durch das Euro­päi­sche Par­la­ment vor­läu­fig abge­lehnt wur­de) oder TTIP (Trans­at­lan­tic Tra­de and Invest­ment Part­nership), wür­den die­se frag­wür­di­gen Rechts­durch­set­zun­gen dann auch noch mit pri­va­ten »Hilfs­she­riffs« umset­zen und unse­re rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en voll­ends aus­höh­len.

Im Übri­gen sei dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der glo­ba­le Han­del mit digi­ta­len Fonts heu­te nahe­zu bereits ein mono­po­lis­ti­scher Akt ist, den sich im Wesent­li­chen zwei Schrif­ten­händ­ler, bei­de mit Haupt­sitz in den USA, tei­len und sich dabei eine gol­de­ne Nase ver­die­nen. 5 ) Und was folgt als nächs­tes? Viel­leicht Lizen­zen nach Sei­ten­zahl und Auf­la­ge eines Buches? Also Schluss mit der pro­fit­gie­ri­gen Wah­rung von instru­men­ta­li­sier­ten und angeb­li­chen Urhe­ber­in­ter­es­sen sei­tens der »Ver­wer­ter«.

Gott bewah­re uns vor US-Gen­mais, TTIP und dem Rechts­an­spruch auf urhe­ber­recht­li­ch geschütz­te »Schrift­soft­ware«!

GNU 6 ) Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmer­kung: Bei­spiels­wei­se die Font­shop AG wort­wört­li­ch in einem Pro­spekt: »Uner­laub­tes Kopie­ren von Schrif­ten (Soft­ware) wird als Urhe­ber­rechts­ver­stoß straf­recht­li­ch ver­folgt. Das Straf­maß reicht von Geld­bu­ßen bis zu Frei­heits­ent­zug. In jedem Fall erfolgt eine Beschlag­nah­mung der ille­gal kopier­ten Soft­ware – meist zusam­men mit der Hard­ware, auf der sie benutzt wur­de« (Quel­le: Font­shop AG, ALLES WAS RECHT IST, über Schrift­li­zen­zen, Embed­ding und Fonts im Work­flow). Font­shop gehört heu­te zur Mono­ty­pe Inc., USA.
2.Anmer­kung: Zur Siche­rung von Lizenz­rech­ten der im Inter­net genutz­ten Schrif­ten wur­de 2009 das Web Open Font For­mat (WOFF) geschaf­fen. Es unter­schei­det sich nur gering von einem Open­Ty­pe File. Eine WOFF-Datei ist nichts ande­res als ein ZIP-Archiv, das XML-Metain­for­ma­tio­nen über Lizenz und Her­stel­ler sowie den Raw­Font ent­hält. Ent­wi­ckelt wur­de die­ses For­mat von Erik van Blok­land, Tal Leming und Jona­than Kew.
3.Anmer­kung: An die­ser Betrach­tungs­wei­se kann auch das von Lob­by­is­ten stän­dig und ein­zig erwähn­ba­re Urteil des LG Köln vom Janu­ar 2000 (28 O 133/97) nichts ändern, bei dem es im Wesent­li­chen um einen Scha­dens­er­satz­pro­zess eines Schrift-Ver­sand­han­dels (Klä­ger) gegen einen kon­kur­rie­ren­den Schrift-Ver­sand­han­del (Beklag­te) wegen Raub­ko­pie­rens von Fonts auf einer kom­mer­zi­ell ver­trie­be­nen CD ging. Ein Urteil aus einer pro­to­di­gi­ta­len Zeit. Heu­te wür­de wohl kein Gericht dem dama­li­gen Gut­ach­ten des Klä­gers so fol­gen kön­nen. Im Übri­gen hat die­ses Urteil kei­ner­lei Rele­vanz für die Nut­zung von Schrif­ten durch einen User.
4.Anmer­kung: Wer Web­fonts über Tracking­ver­fah­ren oder Zähl­pi­xel abrech­net, kann gleich sei­nen Piwik oder Goo­gle Ana­lytics Account öffent­li­ch machen.
5.Anmer­kung: Bei­spiels­wei­se gehö­ren zur Mono­ty­pe Inc. Ascen­der, Bit­stream, Font­Font, ITC, Lino­ty­pe oder die größ­ten und wich­tigs­ten Inter­net­han­dels­platt­for­men Fonts​.com, Font­shop oder MyFonts. MyFonts wur­de zum Jah­res­wech­sel 2011/12 laut Zei­tungs­be­rich­ten für 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar von Bit­stream Inc. gekauft, Font­shop im Juli 2014 für rund 13 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Und da sage noch einer, mit Schrift läßt sich kein Geld ver­die­nen!
6.Lizenz zur frei­en Publi­ka­ti­on: Die­ser Arti­kel »Urhe­ber­recht für Schrif­ten und Mythos Schrift­soft­ware« darf unver­än­dert für Print- und Online­pu­bli­ka­tio­nen über­nom­men wer­den.