Schriftmischung

Ter­mi­nus aus dem gewer­be­spe­zi­fi­schen Sprach­schatz deutsch­spra­chi­ger Typographen/innen für das »Mischen« von zwei oder meh­re­ren Schrift­gat­tun­gen, Schrift­ar­ten und/oder Schrift­stil­va­ri­an­ten inner­halb eines geschlos­se­nen Schrift­sat­zes. 

URSPRUNG UND HISTORIE

Die Ver­wen­dung von unter­schied­li­chen Schrif­ten inner­halb einer Text­ar­beit war bereits in der Anti­ke den Ägyp­tern, Grie­chen und Römern bekannt. Sie gebrauch­ten für ihre in Stein gehaue­n­en Inschrif­ten ver­schie­de­ne Schrift­gat­tun­gen und Schrift­ar­ten, um einer­seits Text­pas­sa­gen sys­te­ma­ti­sch zu glie­dern oder dar­über hin­aus auch den his­to­ri­schen und sozio-lin­gu­is­ti­schen Kon­text zu ver­deut­li­chen.

Zu den bekann­tes­ten Epi­gra­phen die­ser Art gehö­ren u.a. ägyp­ti­sche Pries­ter-Dekre­te, bei­spiels­wei­se der Roset­ta-Stein (196 v. Chr.). Das skrip­tu­ra­le Schrift­mi­schen ent­wi­ckel­te sich in West­eu­ro­pa im 9. Jahr­hun­dert vor allem mit der Aus­bil­dung der Vers­zei­le bzw. des Ver­sals. Beson­ders in Evan­ge­li­a­ren, Bibeln und Bre­vie­ren – wel­che über­wie­gend in ihrer Grund­schrift in Minus­keln ver­faßt waren – wur­den Über­schrif­ten, Ein­lei­tungs­tex­te und Zei­len­an­fän­ge, soge­nann­te Rubri­ken, meist in Majus­keln – mit röt­li­chen Tin­ten, Tuschen oder Tem­pe­ra­far­ben – her­vor­ge­ho­ben.

Erste epigraphische Formen einer »Integralen Schriftmischung«: Rosetta-Stein (Ausschnitt), ein ptolemäisches Priester-Dekret, gefunden in El-Rashid (Rosette). Granitplatte 112,3 cm x 75,7 cm (beschädigt) mit 14 Zeilen ägyptischen Hieroglyphen (diverse Zeilen fehlen), 32 Zeilen demotischen Schriftzeichen und 54 Zeilen altgriechischen Majuskeln. Datiert auf den 27.3.196 v. Chr. Quelle: British Museum, London, Department of Ancient Egypt and Sudan. Inv.-Nr. EA 24.
Ers­te epi­gra­phi­sche For­men einer »Inte­gra­len Schrift­mi­schung«: Roset­ta-Stein (Aus­schnitt), ein pto­le­mä­i­sches Pries­ter-Dekret, gefun­den in El-Rashid (Roset­te). Gra­nit­plat­te 112,3 cm x 75,7 cm (beschä­digt) mit 14 Zei­len ägyp­ti­schen Hie­ro­gly­phen (diver­se Zei­len feh­len), 32 Zei­len demo­ti­schen Schrift­zei­chen und 54 Zei­len alt­grie­chi­schen Majus­keln. Datiert auf den 27.3.196 v. Chr. Quel­le: Bri­tish Muse­um, Lon­don, Depart­ment of Anci­ent Egypt and Sudan. Inv.-Nr. EA 24.

Im Mit­tel­al­ter wur­de das ästhe­ti­sch und biblio­phil moti­vier­te Schrift­mi­schen beson­ders kul­ti­viert und bereits in der Gotik gehör­te das Kom­bi­nie­ren von unter­schied­li­chen Schrift­gat­tun­gen und Schrift­stil­va­ri­an­ten in lit­ur­gi­schen Pracht­hand­schrif­ten, natur­wis­sen­schaft­li­chen und juris­ti­schen Kodi­zes sowie Manu­skrip­ten der lite­ra­ri­schen Wer­ke klas­si­sch-anti­ker Auto­ren zum Stan­dard­re­per­toire jedes ver­sier­ten Kal­li­gra­phen.

In der Früh­re­nais­sance wur­de die­se Schreib­tech­no­lo­gie von der Typo­gra­phie über­nom­men, imi­tiert und für den Druck mit beweg­li­chen Let­tern adap­tiert. So misch­te der Pro­to­ty­po­gra­ph Johan­nes Guten­berg (um 1400–1468), bei­spiels­wei­se in sei­nen »Zypri­schen Ablaß­brie­fen« von 1454/55 eine klei­ne halb­go­ti­sche Druck­bas­tar­da, mit einer groß­di­men­sio­nier­ten Tex­tu­ra goti­schen Ursprungs. Die pri­mär typo­lo­gi­sch und mor­pho­lo­gi­sch moti­vier­te Schrift­mi­schung ent­wi­ckel­te sich in der Hoch­re­nais­sance mit Zunah­me an wis­sen­schaft­li­cher und metasprach­li­cher Lite­ra­tur, also mit Stei­ge­rung des seman­ti­schen Prä­zi­si­ons­grads sprach­li­cher Dar­stel­lung.

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts erfolg­te in der Gebrauchs­gra­fik (sie­he auch Gra­fik­de­si­gn), in der Kunst- und ganz beson­ders in der Buch­ty­po­gra­phie der lite­ra­ri­schen Avant­gar­de – gemeint ist hier die »visu­el­le Poe­sie« der Dada­is­ten und Futu­ris­ten – eine gera­de­zu radi­ka­le Neu­ori­en­tie­rung des Schrift­mi­schens.

MOTIVE 

Abge­se­hen von ästhe­ti­schen und künst­le­ri­schen Ambi­tio­nen ermög­licht es die Tech­nik der Schrift­mi­schung, eine Schrift­satz­ar­beit sys­te­ma­ti­sch zu glie­dern, sie also im Sin­ne der Medi­en­di­dak­tik ver­ständ­li­cher zu machen. Eben­so kann durch Schrift­mi­schung die Aus­drucks­mög­lich­keit einer Spra­che in ihrer Schrift­lich­keit erwei­tert wer­den. Schrift­mi­schung ist also auch eine Metho­de, rhe­to­ri­sche Pro­zes­se sicht­bar zu machen und unter­schied­li­che Arti­ku­la­ti­ons­ebe­nen ein­präg­s­am zu kon­stru­ie­ren. 

Grund­sätz­li­ch för­dert effek­ti­ve Schrift­mi­schung die Lese­mo­ti­va­ti­on und ermög­li­chen das rasche­re Quer­le­sen oder schnel­le­re Auf­fin­den einer bestimm­ten Text­pas­sa­ge. Lese­tests im Seg­ment der Lese­ty­po­gra­phie wei­sen regel­mä­ßig nach, dass Rezi­pi­en­ten in kür­zes­ter Zeit ler­nen, Schrift­aus­zeich­nun­gen zuzu­ord­nen und zu ihrem Vor­teil zu nut­zen. Ins­be­son­de­re bei Schnell- oder Quer­le­sern und Per­so­nen mit hoher Lese­kom­pe­tenz kön­nen Schrift­aus­zeich­nun­gen vor allem die Fixa­ti­ons­pro­zes­se wäh­rend der Lek­tü­re sinn­voll unter­stüt­zen.

Schrift­mi­schung ist also ein wich­ti­ger Para­me­ter, um kom­ple­xe Inhal­te klar, schnell und erfolg­reich zu ver­mit­teln. Als wesent­li­ches Ele­ment der Typo­gra­phie trägt die Schrift­mi­schung natür­li­ch auch dazu bei, den biblio­phi­len und damit mer­kan­ti­len Wert eines Druck­werks oder einer Mul­ti­me­dia-Arbeit zu stei­gern.

Im »Inter­net der Din­ge« (Seman­tic Web, Web 3.0) wird die seman­ti­sch opti­mier­te Schrift­mi­schung auch im Rah­men der SEO (Sear­ch Engi­ne Opti­miza­t­i­on) zuneh­mend zu einer Not­wen­dig­keit, um der schie­ren Daten­flut durch die Zuord­nung von blo­ßen Daten zu einem Kon­text Herr zu wer­den.

DEFINITION

Unter Schrift­mi­schung ver­steht die Typo­gra­phie heu­te die Kom­bi­na­ti­on von zwei oder meh­re­ren Schrift­gat­tun­gen, Schrift­ar­ten und/oder Schrift­stil­va­ri­an­ten (sie­he Schrift­klas­si­fi­ka­ti­on) inner­halb eines geschlos­se­nen Schrift­sat­zes.

Makro­ty­po­gra­phi­sch betrach­tet ist Schrift­mi­schung eine Metho­de, die Typo­lo­gie eines Tex­tes sys­te­ma­ti­sch zu visua­li­sie­ren und auch die Aus­drucks­mög­lich­kei­ten einer Spra­che zu erwei­tern. Also bei­spiels­wei­se Text­pas­sa­gen mit einer ande­ren Schrift­gat­tung, Schrift­art und/oder Schrift­stil­va­ri­an­te zu glie­dern, her­vor­zu­he­ben oder zu mar­gi­na­li­sie­ren.

Schrift­mi­schung ist aber auch ein mikro­ty­po­gra­phi­sches Ver­fah­ren, die Ästhe­tik und Les­bar­keit einer Schrift­satz­ar­beit durch Aus­tau­sch von ein­zel­nen Buch­sta­ben, Zif­fern, Figu­ren oder Son­der­zei­chen zu opti­mie­ren.

Segmente der Schriftmischung

Integrale Schriftmischung

Sie glie­dert eine Schrift­satz­ar­beit hier­ar­chi­sch und kon­se­quent in Text­flä­chen bzw. Text­mo­du­le. Bei­spiels­wei­se in Head­lines, Ein­lei­tungs­tex­te, Grund­schrift, Kolum­nen, Bild­un­ter­schrif­ten, Quel­len­an­ga­ben, Legen­den, Fuß­no­ten, Mar­gi­na­li­en etc. Jedes die­ser Text­mo­du­le könn­te in unter­schied­li­chen Schrift­gat­tun­gen, Schrift­ar­ten oder Schrift­sti­len for­ma­tiert sein. 

Beispiel einer kombinierten Integralen und Selektiven Schriftmischung: Layout der Süddeutsche Zeitung nach dem Redesign im Jahre 2012. Im Rahmen der Überarbeitung beauftrage der Süddeutsche Verlag den Typographen und Schriftgestalter Henning Skibbe mit der Entwicklung einer Schriftsippe bestehend aus rund 40 Einzelschnitten (SZ-Text, SZ-Serif, SZ-Sans und SZ-SansCondensed), die auf die semantisch-typographischen Anforderungen abgestimmt wurden. Bildzitat: Süddeutsche Zeitung, München.
Bei­spiel einer kom­bi­nier­ten Inte­gra­len und Selek­ti­ven Schrift­mi­schung: Lay­out der Süd­deut­sche Zei­tung nach dem Rede­si­gn im Jah­re 2012. Im Rah­men der Über­ar­bei­tung beauf­tra­ge der Süd­deut­sche Ver­lag den Typo­gra­phen und Schrift­ge­stal­ter Hen­ning Skib­be mit der Ent­wick­lung einer Schrifts­ip­pe bestehend aus rund 40 Ein­zel­schnit­ten (SZ-Text, SZ-Serif, SZ-Sans und SZ-Sans­Con­den­sed), die auf die seman­ti­sch-typo­gra­phi­schen Anfor­de­run­gen abge­stimmt wur­den. Bild­zi­tat: Süd­deut­sche Zei­tung, Mün­chen.

Selektive Schriftmischung

In der Selek­ti­ven Schrift­mi­schung wer­den unter­schied­li­che Schrift­gat­tun­gen, Schrift­ar­ten und/oder Schrift­stil­va­ri­an­ten inner­halb einer Text­pas­sa­ge, einer Zei­le, eines Wor­tes oder einer Zah­len- oder Buch­sta­ben­kom­bi­na­ti­on mit­ein­an­der gemischt bzw. aus­ge­tauscht. Bei­spiels­wei­se könn­te hier das Her­vor­he­ben von Neu­ein­ge­füg­tem durch eine ande­re Schrift­art, das wort- und phra­sen­wei­se Zitie­ren durch eine ande­re Schrift­stil­va­ri­an­te (statt Anfüh­rungs­zei­chen) oder der Aus­tau­sch von Tabel­lenzif­fern durch Mediä­val­zif­fern gemeint sein.

Dif­fe­ren­ziert wird zwi­schen har­mo­ni­scher und dis­har­mo­ni­scher Selek­ti­ver Schrift­mi­schung. Har­mo­ni­sche Schrift­mi­schun­gen sol­len – im Gegen­satz zu dis­har­mo­ni­schen Schrift­mi­schun­gen – vom Leser kaum oder nicht wahr­ge­nom­men wer­den.

Schriftauszeichnungen

Inner­halb der Selek­ti­ven Schrift­mi­schung wer­den Schrift­mi­schun­gen im »glat­ten Satz«, also inner­halb eines fort­lau­fen­den Tex­tes,  »Aus­zeich­nun­gen« genannt. 

Die­ser Begriff hat sei­nen Ursprung in der Inku­na­bel­zeit der Jah­re 1450 bis 1500. Denn Initia­len, Rubri­ken, Lom­bar­den, Illu­mi­na­tio­nen, Unter­strei­chun­gen und Aus­zeich­nungs­stri­che konn­ten in den Anfän­gen der Typo­gra­phie nur von Kal­li­gra­phen, Illu­mi­na­to­ren und Rubri­ka­to­ren hän­di­sch »aus­ge­zeich­net« wer­den. Des­halb bezeich­net man auch auch heu­te noch die Schrift­schnit­te einer Schrift­fa­mi­lie – extra des nor­ma­len Schnitts – als »Aus­zeich­nungs­schnit­te«.

Die Typo­gra­phie dif­fe­ren­ziert zwi­schen lei­sen und lau­ten Aus­zeich­nun­gen. Die »Lei­se Aus­zeich­nung« – auch als »Inte­grier­te Aus­zeich­nung« bezeich­net –, fügt sich har­mo­ni­sch in das Schrift­bild ein und wird vom Leser erst in der aktu­el­len Zei­le wahr­ge­nom­men. Mit die­sen Lei­sen Aus­zeich­nun­gen sind Stil­va­ri­an­ten inner­halb einer Schrift­fa­mi­lie gemeint, aus­ge­hend von der Grund­schrift, bei­spiels­wei­se der kur­si­ve Stil oder die Kapi­täl­chen einer Schrift­fa­mi­lie.

Leise und laute Schriftauszeichnungen. Beispiele gesetzt in der Compatil™ Text und Fakt von Linotype. Infografik: www.typolexikon.de
Lei­se und lau­te Schrift­aus­zeich­nun­gen. Bei­spie­le gesetzt in der Com­pa­til™ Text und Fakt von Lino­ty­pe.

Die »Lau­te Aus­zeich­nung« hin­ge­gen sticht schon ins Auge, bevor der Leser die Text­pas­sa­ge erreicht hat. Sie wird des­halb auch als »Akti­ve Aus­zeich­nung« bezeich­net. In der Regel ver­steht man dar­un­ter die Aus­zeich­nung mit fet­te­ren Schrift­sti­len inner­halb einer Schrift­fa­mi­lie oder mit ande­ren Schrift­ar­ten; bei­spiels­wei­se eine Anti­qua im nor­ma­len Stil als Grund­schrift und als Aus­zeich­nungs­schrift eine Gro­tesk im fet­ten oder halb­fet­ten Stil.

Lyrische Schriftmischung

Sie ist pri­mär indi­vi­du­ell und emo­tio­nal moti­viert und fin­det vor allem im Gra­fik­de­si­gn, der Kunst-, Wer­be- und Gebrauchs­ty­po­gra­phie Anwen­dung (z.B. die »visu­el­le Poe­sie« der Dada­is­ten). Im Bereich der klas­si­schen Lese­ty­po­gra­phie gilt die lyri­sche Schrift­mi­schung in vie­len Fäl­len als unvor­teil­haft. 

Beispiel einer Lyrischen Schriftmischung mit unterschiedlichen Schriftgattungen und Schriftarten. Sie ist primär individuell und emotional motiviert und findet vor allem im Grafikdesign Anwendung. Foto: Einladungsbroschüre für das Korea Institute of Design, Seoul. Designer: Wolfgang Beinert, Berlin.
Bei­spiel einer Lyri­schen Schrift­mi­schung mit unter­schied­li­chen Schrift­gat­tun­gen und Schrift­ar­ten. Sie ist pri­mär indi­vi­du­ell und emo­tio­nal moti­viert und fin­det vor allem im Gra­fik­de­si­gn Anwen­dung. Foto: Ein­la­dungs­bro­schü­re für das Korea Insti­tu­te of Desi­gn, Seo­ul. Desi­gner: Wolf­gang Bei­nert, Ber­lin.

SEMANTISCH-TYPOGRAPHISCHE AUSZEICHNUNGSMATRIX

Weder in der Lin­gu­is­tik noch in der Typo­gra­phie besteht Kon­sens über die Norm, die einer Aus­zeich­nungs­ma­trix zugrun­de zu legen ist. Es ist des­halb prin­zi­pi­ell vor­teil­haft, sich vor der gestal­te­ri­schen Umset­zung ein Sche­ma anzu­le­gen, das fixiert, wel­che seman­ti­schen Aus­zeich­nungs­vor­ga­ben aner­kannt wer­den und wel­che typo­gra­phi­schen Mit­tel man dafür wählt. Die­se Vor­ge­hens­wei­se ermög­licht eine schnel­le und prä­zi­se Imple­men­tie­rung einer Schrift­satz­ar­beit. Eine seman­ti­sch-typo­gra­phi­sche Aus­zeich­nungs­struk­tur ist die Basis jeg­li­cher Form effek­ti­ver Schrift­mi­schung. Sie doku­men­tiert alle Kor­re­la­tio­nen zwi­schen Seman­tik, Typo­gra­phie, Schrift, Gly­phe, Far­be und Bild­zei­chen.

Semantische Auszeichnungsstruktur

Die Kon­struk­ti­on einer Aus­zeich­nungs­ma­trix hängt natür­li­ch vom Inhalt und Zweck einer Arbeit ab. So hat ein wis­sen­schaft­li­ches Buch in der Regel ande­re Aus­zeich­nungs­be­dürf­nis­se als ein Ver­an­stal­tungs­pro­gramm eines Kul­tur­in­sti­tuts oder der Geschäfts­be­richt einer Hypo­the­ken­bank. Grund­sätz­li­ch soll­te eine seman­ti­sche Aus­zeich­nungs­struk­tur vor der typo­gra­phi­schen Glie­de­rung fixiert wer­den.

Bei­spiel einer seman­ti­schen Aus­zeich­nungs­struk­tur für einen wis­sen­schaft­li­chen Text:

Anmer­kun­gen
Annä­he­rung
Autor-Jahr-Sys­tem
Begriff­lich­keits­be­to­nung
Biblio­gra­phie
Bild­un­ter­schrif­ten
Eigen­na­men
Fremd­sprach­lich­keit
Fuß­no­ten
Gloss­ar
Grund­text [Grund­schrift]
Haupt­ti­tel
Hyper-Links
Inhalt
Inter­ak­ti­ons-Links
Kapi­tel­über­schrif­ten
Kolum­nen­ti­tel lebend
Kolum­nen­ti­tel tot
Kon­sul­ta­ti­ons­zif­fern und –buch­sta­ben
Legen­den
Lex­em­er­wäh­nung
Mathe­ma­ti­sche For­mel­schreib­wei­sen
Metaspra­che
Neu­ein­ge­führ­tes Wort
Noten [Musik]
Objekt­spra­che kurz
Objekt­spra­che lang
Pagi­na
Quel­len­an­ga­ben
Regis­ter
Satz­ak­zent
Schmutz­ti­tel
Semio­ti­sche Fak­to­ren
Sinn­schwer­punkt
Tabel­len
Ter­mi­no­lo­gie­aus­druck
Über­schrift Glie­de­rung Ebe­ne 1
Über­schrift Glie­de­rung Ebe­ne 2
Über­schrift Glie­de­rung Ebe­ne 3
Über­schrift Glie­de­rung Ebe­ne 4
Vor­ti­tel
Zif­fern
Zitat lang
Zitat kurz

Bei­spiel einer seman­ti­schen Aus­zeich­nungs­struk­tur für ein Ver­an­stal­tungs­pro­gramm:

Bild­un­ter­schrif­ten
Datum [Ter­mi­ne]
Ein­tritts­prei­se
Grund­text [Grund­schrift]
Haupt­ti­tel
Hyper-Links
Kapi­tel­über­schrif­ten
Name der Ver­an­stal­tung
Neu­ein­ge­führ­ter Künst­ler­na­me
Sinn­schwer­punk­te
Uhr­zei­ten
Ver­an­stal­tungs­or­te
Zif­fern
Zita­te

Typographische Auszeichnungsstruktur

Eine typo­gra­phi­sche Aus­zeich­nungs­struk­tur besteht in der Regel aus unter­schied­li­chen Schrift­gat­tun­gen, Schrift­ar­ten und Schrift­stil­va­ri­an­ten (sie­he Schrift­klas­si­fi­ka­ti­on), die har­mo­ni­sch oder dis­har­mo­ni­sch auf­ein­an­der abge­stimmt wer­den und in Kor­re­la­ti­on zur seman­ti­schen Aus­zeich­nungs­struk­tur ste­hen.

Bei­spiel einer Aus­zeich­nungs­ma­trix:

Seman­tikTypo­gra­phieFontGly­pheFar­be
Grund­schriftAnti­qua
nor­mal
Con­cor­de Nova 
nor­mal
Schwarz
Head­linesZier­s­chriftTam­pla­te Got­hic
bold
HKS 92
Bild­un­ter­schrif­tenGro­tesk
nor­mal
Fru­ti­ger schmal 
nor­mal
Schwarz
NamenAnti­qua
Kapi­täl­chen
Con­cor­de Nova 
Caps
Minus­kelnSchwarz
Zif­fernMediä­val­zif­fernCon­cor­de Nova 
Caps
Mediä­val­zif­fernSchwarz
Zita­teAnti­qua
kur­siv
Con­cor­de Nova 
Ita­lic
Schwarz

TYPOGRAPHIE

Die Wahl von Schriften

Schrift­mi­schung ist nicht nur eine Fra­ge der Res­sour­cen und Les­bar­keit, son­dern auch der Mode, des per­sön­li­chen Geschmacks und des ästhe­ti­schen Emp­fin­dens. Die Kom­po­si­ti­on einer typo­gra­phi­schen Aus­zeich­nungs­struk­tur bezieht sich immer auf die gewähl­te Grund­schrift. Deren Qua­li­tät, Ästhe­tik und Viel­falt sind ent­schei­dend für das Gelin­gen einer Schrift­mi­schung. Die Wahl der Schrif­ten, ins­be­son­de­re der Grund­schrift, hängt von der Auf­ga­ben­stel­lung ab und gehört zu den ele­men­ta­ren Grund­la­gen der Makro­ty­po­gra­phie (Aus­wahl­kri­te­ri­en für Schrif­ten sie­he Schrift­wahl).

Techniken des Schriftmischens

Die Typo­gra­phie unter­schei­det grund­sätz­li­ch fami­liä­re und extra­f­a­mi­liä­re Schrift­mi­schun­gen.

Familiäre Schriftmischung

Die Schrift­mi­schung inner­halb einer Schrift­fa­mi­lie ist die schlich­tes­te Form der Schrift­mi­schung, da der Schriftgestalter/in bereits alle Schrift­stil­va­ri­an­ten sei­ner Schrift­fa­mi­lie per­fekt auf­ein­an­der abge­stimmt hat. In der Regel sind die­se har­mo­ni­schen Schrift­mi­schun­gen bereits seit Jahr­hun­der­ten erprobt. Um inner­halb einer Schrift­fa­mi­lie zu mischen, soll­te eine Schrift min­des­tens über den nor­ma­len Schrift­stil, über Kapi­täl­chen, den kur­si­ven Stil und den halb­fet­ten Stil oder den fet­ten Stil ver­fü­gen. Her­vor­ra­gend eig­nen sich für fami­liä­re Schrift­mi­schun­gen soge­nann­te Exper­ten­sät­ze, wie bei­spiels­wei­se die Renais­sance Anti­qua »Mini­on« von Robert Slim­bach.

Beispiel einer familiären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate A Regular Italic.
Bei­spiel einer fami­liä­ren Schrift­mi­schung. Grund­schrift des Roh­sat­zes in der Cor­po­ra­te A Regu­lar von Kurt Wei­de­mann (1922–2011). Aus­zeich­nung in Cor­po­ra­te A Regu­lar Ita­lic.
Extrafamiliäre Schriftmischung

Das Mischen unter­schied­li­cher Schrift­gat­tun­gen und Schrift­ar­ten gilt als die schwie­rigs­te Form der Schrift­mi­schung. Denn sie setzt sowohl makro­ty­po­gra­phi­sches als auch mikro­ty­po­gra­phi­sches Wis­sen vor­aus. Aus­ge­hend von der gewähl­ten Grund­schrift wer­den extra­f­a­mi­liä­re Schrift­gat­tun­gen und Schrift­ar­ten meist für lau­te Aus­zeich­nun­gen, Legen­den, Mar­gi­na­li­en, Rubri­ken, Bild­un­ter­schrif­ten und sepa­rier­te Dar­stel­lungs­ebe­nen ver­wen­det.

Beispiel einer extrafamiliären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate S Bold. Quelle: Typolexikon.de
Bei­spiel einer extra­f­a­mi­liä­ren Schrift­mi­schung. Grund­schrift des Roh­sat­zes in der Cor­po­ra­te A Regu­lar von Kurt Wei­de­mann (1922–2011). Aus­zeich­nung in Cor­po­ra­te S Bold.
Schriftmischung mit Schriftsippen

Das sicher­s­te und zeit­spa­rends­te Ver­fah­ren, extra­f­a­mi­liä­re Schrif­ten zu mischen, ist das Typo­gra­phie­ren inner­halb einer Schrifts­ip­pe. Schrifts­ip­pen sind Schrift­sys­te­me, die meist aus einer Anti­qua-, einer Gro­tesk- und einer Egyp­ti­en­ne–Schrift­fa­mi­lie bestehen. Man­che Schrifts­ip­pen, bei­spiels­wei­se die Cor­po­ra­te A-S-E von Kurt Wei­de­mann (1922–2011), ver­fü­gen zusätz­li­ch über Nicht­rö­mi­sche Schrift­sti­le. Alle Schrift­ar­ten und die dazu­ge­hö­ri­gen Schrift­sti­le einer Schrifts­ip­pe sind in der Regel aus einem Grund­kör­per (sie­he auch Typo­me­trie) ent­wi­ckelt wor­den; ihre Figu­ren wei­sen die glei­chen Grund­for­men und Pro­por­tio­nen auf oder wur­den zumin­dest bewusst vom Schrift­ge­stal­ter auf­ein­an­der abge­stimmt.

Vergleich einer extrafamiliären, lauten Auszeichnung außer- und innerhalb einer Schriftsippe. Zeile oben: Minion Pro normal mit einer fetten Helvetica im gleichen Schriftgrad. Ober- und Unterlängen stimmen nicht überein. Die Auszeichnung wirkt klobig. Zeile mitte: Minion Pro normal mit Helvetica fett, wobei die laute Auszeichnung auf die x-Linie der Grundschrift angepasst wurde. Auszeichnung wirkt harmonischer, dennoch stimmen die Ober- und Unterlängen nicht überein. Zeile unten: Corporate A normal und Corporate S fett im gleichen Schriftgrad. Die Ober- und Unterlängen der Schriftsippe von Kurt Weidemann (1922–2011) stimmen überein.
Ver­gleich einer extra­f­a­mi­liä­ren, lau­ten Aus­zeich­nung außer- und inner­halb einer Schrifts­ip­pe. Zei­le oben: Mini­on Pro nor­mal mit einer fet­ten Hel­ve­ti­ca im glei­chen Schrift­grad. Ober- und Unter­län­gen stim­men nicht über­ein. Die Aus­zeich­nung wirkt klo­big. Zei­le mit­te: Mini­on Pro nor­mal mit Hel­ve­ti­ca fett, wobei die lau­te Aus­zeich­nung auf die x-Linie der Grund­schrift ange­passt wur­de. Aus­zeich­nung wirkt har­mo­ni­scher, den­no­ch stim­men die Ober- und Unter­län­gen nicht über­ein. Zei­le unten: Cor­po­ra­te A nor­mal und Cor­po­ra­te S fett im glei­chen Schrift­grad. Die Ober- und Unter­län­gen der Schrifts­ip­pe von Kurt Wei­de­mann (1922–2011) stim­men über­ein.

Typometrische Vergleiche

»Wel­che Schrift zu wel­cher passt? Fra­ge hun­dert Typographen/innen und du wirst hun­dert ver­schie­de­ne Ant­wor­ten erhal­ten!«. Sicher ist aber eines: In einer Zeit der baby­lo­ni­schen Schrif­ten­viel­falt macht mehr denn je die Übung den Meis­ter! Anders aus­ge­drückt: Hier zahlt sich Fleiß, gepaart mit Genau­ig­keit aus. Denn maß­geb­li­ch für die Ästhe­tik und die wir­kungs­vol­le Dra­ma­tur­gie einer Schrift­mi­schung ist die bewuss­te Auf­ein­an­der­ab­stim­mung unter­schied­li­cher Schrift­va­ri­an­ten. Hier ent­ste­hen – aus­ge­hend von der Grund­schrift – u.a. Span­nung, Har­mo­nie, Tem­pe­ra­ment und Moder­ni­tät einer Schrift­mi­schung. Wesent­li­che Para­me­ter des Schrif­ten­ver­gleichs sind die Typo­me­trie (Let­tern­ar­chi­tek­tur), die Schrift­li­ni­en, die Dick­te, die Grö­ßen der Unter­län­genMit­tel­län­gen und Ober­län­gen der Figu­ren und die Schrift­wei­te als sol­che.

Bei­spiels­wei­se wir­ken har­mo­ni­sche Schrift­mi­schun­gen erst dann kom­pa­ti­bel und schein­bar per­fekt, wenn u.a. die x-Höhen und/oder die Majus­kel­hö­hen (Ver­sal­hö­he) auf­ein­an­der abge­stimmt sind. Dies geschieht durch die Ver­grö­ße­rung oder Ver­klei­ne­rung des Schrift­gra­des der jewei­li­gen Aus­zei­chungs­schrift.

Bei harmonischen Schriftmischungen ist neben anderen Kriterien die Kalibrierung der x-Höhe der gemischten Schriften ein Qualitätsmerkmal. Beispiel: Vergleich der x-Linien einer Antiqua (Serif) und einer Grotesk (Sans Serif). In der ersten Zeile haben beide Schriftarten den gleichen Schriftgrad. Die Grotesk wirkt hier allerdings zu klobig. Um die x-Linie der Grotesk an die der Antiqua (Grundschrift) anzugleichen, muss deren Schriftgrad verkleinert werden. In den meisten Fällen stimmt dann allerdings die Majuskelhöhe nicht mehr überein. Dieses Problem kann durch die Wahl einer Schriftsippe oder durch ausgiebige Schriftvergleiche umgangen werden. Quelle: Typolexikon.de
Bei har­mo­ni­schen Schrift­mi­schun­gen ist neben ande­ren Kri­te­ri­en die Kali­brie­rung der x-Höhe der ein­ge­misch­ten Schrif­ten ein Qua­li­täts­merk­mal. Bei­spiel: Ver­gleich der x-Lini­en einer Anti­qua (Serif) und einer Gro­tesk (Sans Serif). In der ers­ten Zei­le haben bei­de Schrift­ar­ten den glei­chen Schrift­grad. Die Gro­tesk wirkt hier aller­dings zu klo­big. Um die x-Linie der Gro­tesk an die der Anti­qua (Grund­schrift) anzu­glei­chen, muss deren Schrift­grad ver­klei­nert wer­den. In den meis­ten Fäl­len stimmt dann aller­dings die Majus­kel­hö­he nicht mehr über­ein. Die­ses Pro­blem kann durch die Wahl einer Schrifts­ip­pe oder durch aus­gie­bi­ge Schrift­ver­glei­che umgan­gen wer­den.

Mikrotypographische Eingriffe durch Schriftmischung

Der Aus­tau­sch von ein­zel­nen Buch­sta­ben, Zif­fern, Figu­ren, Liga­tu­ren oder Son­der­zei­chen kann die Ästhe­tik und die Les­bar­keit einer Schrift­satz­ar­beit opti­mie­ren.

Beispiel einer harmonischen, sehr dezenten »Selektiven Schriftmischung« im glatten Satz. Der Rohsatz im oberen Absatz wurde komplett in der Celeste Regular von Christopher Burke gesetzt. Um die mikrotypographische Ästhetik des Rohsatzes harmonisch aufzuwerten, wurden im unteren Absatz einige Buchstaben und Satzzeichen gegen andere Schriftstilvarianten und Schriftarten ausgetauscht: Die Majuskeln der Headline der Celeste Regular gegen die gemeinen Kapitälchen der Celeste, die Guillemets der Celeste gegen Guillemets der Mrs Eaves Roman von Zuzana Licko, die Majuskelziffern der Celeste gegen Mediävalziffern der Celeste und das Prozentzeichen der Celeste gegen das Prozentzeichen der Matrix Script Regular von Zuzana Licko. Quelle: Typolexikon.de
Bei­spiel einer har­mo­ni­schen, sehr dezen­ten »Selek­ti­ven Schrift­mi­schung« im glat­ten Satz. Der Roh­satz im oberen Absatz wur­de kom­plett in der Celeste Regu­lar von Chris­to­pher Bur­ke gesetzt. Um die mikro­ty­po­gra­phi­sche Ästhe­tik des Roh­sat­zes har­mo­ni­sch auf­zu­wer­ten, wur­den im unte­ren Absatz eini­ge Buch­sta­ben und Satz­zei­chen gegen ande­re Schrift­stil­va­ri­an­ten und Schrift­ar­ten aus­ge­tauscht: Die Majus­keln der Head­line der Celeste Regu­lar gegen die gemei­nen Kapi­täl­chen der Celeste, die Guil­le­mets der Celeste gegen Guil­le­mets der Mrs Eaves Roman von Zuzana Licko, die Majus­kel­zif­fern der Celeste gegen Mediä­val­zif­fern der Celeste und das Pro­zent­zei­chen der Celeste gegen das Pro­zent­zei­chen der Matrix Script Regu­lar von Zuzana Licko.

Anforderungen

Die Tech­nik des Schrift­mi­schens erfor­dert logi­sches Den­ken, viel Sinn für Form, Struk­tur und Pro­por­ti­on, und sie setzt neben einer hohen Sprach- und Lese­kom­pe­tenz auch die Fähig­keit zu kri­ti­scher Text­in­ter­pre­ta­ti­on sowie psy­cho­lo­gi­sch-ana­ly­ti­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen vor­aus. Form­schö­ne, extra­f­a­mi­liä­re Schrift­mi­schun­gen erfor­dern noch zusätz­li­ch sehr viel Erfah­rung im Umgang mit Schrif­ten, makro­ty­po­gra­phi­sches und mikro­ty­po­gra­phi­sches Fach­wis­sen und dazu hohe per­sön­li­che rezep­ti­ve Sen­si­bi­li­tät. »Schrift­mi­schen« gilt des­halb als Königs­dis­zi­plin der Typo­gra­phie. 

© Wolf­gang Bei­nert, typo​l​e​xi​kon​.de

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