Schriftmischung

Terminus aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz deutschsprachiger Typographen/innen für das »Mischen« von zwei oder mehreren Schriftgattungen, Schriftarten und/oder Schriftstilvarianten innerhalb eines geschlossenen Schriftsatzes. 

URSPRUNG UND HISTORIE

Die Verwendung von unterschiedlichen Schriften innerhalb einer Textarbeit war bereits in der Antike den Ägyptern, Griechen und Römern bekannt. Sie gebrauchten für ihre in Stein gehauenen Inschriften verschiedene Schriftgattungen und Schriftarten, um einerseits Textpassagen systematisch zu gliedern oder darüber hinaus auch den historischen und sozio-linguistischen Kontext zu verdeutlichen.

Zu den bekanntesten Epigraphen dieser Art gehören u.a. ägyptische Priester-Dekrete, beispielsweise der Rosetta-Stein (196 v. Chr.). Das skripturale Schriftmischen entwickelte sich in Westeuropa im 9. Jahrhundert vor allem mit der Ausbildung der Verszeile bzw. des Versals. Besonders in Evangeliaren, Bibeln und Brevieren – welche überwiegend in ihrer Grundschrift in Minuskeln verfaßt waren – wurden Überschriften, Einleitungstexte und Zeilenanfänge, sogenannte Rubriken, meist in Majuskeln – mit rötlichen Tinten, Tuschen oder Temperafarben – hervorgehoben.

Erste epigraphische Formen einer »Integralen Schriftmischung«: Rosetta-Stein (Ausschnitt), ein ptolemäisches Priester-Dekret, gefunden in El-Rashid (Rosette). Granitplatte 112,3 cm x 75,7 cm (beschädigt) mit 14 Zeilen ägyptischen Hieroglyphen (diverse Zeilen fehlen), 32 Zeilen demotischen Schriftzeichen und 54 Zeilen altgriechischen Majuskeln. Datiert auf den 27.3.196 v. Chr. Quelle: British Museum, London, Department of Ancient Egypt and Sudan. Inv.-Nr. EA 24.
Erste epigraphische Formen einer »Integralen Schriftmischung«: Rosetta-Stein (Ausschnitt), ein ptolemäisches Priester-Dekret, gefunden in El-Rashid (Rosette). Granitplatte 112,3 cm x 75,7 cm (beschädigt) mit 14 Zeilen ägyptischen Hieroglyphen (diverse Zeilen fehlen), 32 Zeilen demotischen Schriftzeichen und 54 Zeilen altgriechischen Majuskeln. Datiert auf den 27.3.196 v. Chr. Quelle: British Museum, London, Department of Ancient Egypt and Sudan. Inv.-Nr. EA 24.

Im Mittelalter wurde das ästhetisch und bibliophil motivierte Schriftmischen besonders kultiviert und bereits in der Gotik gehörte das Kombinieren von unterschiedlichen Schriftgattungen und Schriftstilvarianten in liturgischen Prachthandschriften, naturwissenschaftlichen und juristischen Kodizes sowie Manuskripten der literarischen Werke klassisch-antiker Autoren zum Standardrepertoire jedes versierten Kalligraphen.

In der Frührenaissance wurde diese Schreibtechnologie von der Typographie übernommen, imitiert und für den Druck mit beweglichen Lettern adaptiert. So mischte der Prototypograph Johannes Gutenberg (um 1400–1468), beispielsweise in seinen »Zyprischen Ablaßbriefen« von 1454/55 eine kleine halbgotische Druckbastarda, mit einer großdimensionierten Textura gotischen Ursprungs. Die primär typologisch und morphologisch motivierte Schriftmischung entwickelte sich in der Hochrenaissance mit Zunahme an wissenschaftlicher und metasprachlicher Literatur, also mit Steigerung des semantischen Präzisionsgrads sprachlicher Darstellung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte in der Gebrauchsgrafik (siehe auch Grafikdesign), in der Kunst- und ganz besonders in der Buchtypographie der literarischen Avantgarde – gemeint ist hier die »visuelle Poesie« der Dadaisten und Futuristen – eine geradezu radikale Neuorientierung des Schriftmischens.

MOTIVE 

Abgesehen von ästhetischen und künstlerischen Ambitionen ermöglicht es die Technik der Schriftmischung, eine Schriftsatzarbeit systematisch zu gliedern, sie also im Sinne der Mediendidaktik verständlicher zu machen. Ebenso kann durch Schriftmischung die Ausdrucksmöglichkeit einer Sprache in ihrer Schriftlichkeit erweitert werden. Schriftmischung ist also auch eine Methode, rhetorische Prozesse sichtbar zu machen und unterschiedliche Artikulationsebenen einprägsam zu konstruieren. 

Grundsätzlich fördert effektive Schriftmischung die Lesemotivation und ermöglichen das raschere Querlesen oder schnellere Auffinden einer bestimmten Textpassage. Lesetests im Segment der Lesetypographie weisen regelmäßig nach, dass Rezipienten in kürzester Zeit lernen, Schriftauszeichnungen zuzuordnen und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Insbesondere bei Schnell- oder Querlesern und Personen mit hoher Lesekompetenz können Schriftauszeichnungen vor allem die Fixationsprozesse während der Lektüre sinnvoll unterstützen.

Schriftmischung ist also ein wichtiger Parameter, um komplexe Inhalte klar, schnell und erfolgreich zu vermitteln. Als wesentliches Element der Typographie trägt die Schriftmischung natürlich auch dazu bei, den bibliophilen und damit merkantilen Wert eines Druckwerks oder einer Multimedia-Arbeit zu steigern.

Im »Internet der Dinge« (Semantic Web, Web 3.0) wird die semantisch optimierte Schriftmischung auch im Rahmen der SEO (Search Engine Optimization) zunehmend zu einer Notwendigkeit, um der schieren Datenflut durch die Zuordnung von bloßen Daten zu einem Kontext Herr zu werden.

DEFINITION

Unter Schriftmischung versteht die Typographie heute die Kombination von zwei oder mehreren Schriftgattungen, Schriftarten und/oder Schriftstilvarianten (siehe Schriftklassifikation) innerhalb eines geschlossenen Schriftsatzes.

Makrotypographisch betrachtet ist Schriftmischung eine Methode, die Typologie eines Textes systematisch zu visualisieren und auch die Ausdrucksmöglichkeiten einer Sprache zu erweitern. Also beispielsweise Textpassagen mit einer anderen Schriftgattung, Schriftart und/oder Schriftstilvariante zu gliedern, hervorzuheben oder zu marginalisieren.

Schriftmischung ist aber auch ein mikrotypographisches Verfahren, die Ästhetik und Lesbarkeit einer Schriftsatzarbeit durch Austausch von einzelnen Buchstaben, Ziffern, Figuren oder Sonderzeichen zu optimieren.

Segmente der Schriftmischung

Integrale Schriftmischung

Sie gliedert eine Schriftsatzarbeit hierarchisch und konsequent in Textflächen bzw. Textmodule. Beispielsweise in Headlines, Einleitungstexte, Grundschrift, Kolumnen, Bildunterschriften, Quellenangaben, Legenden, Fußnoten, Marginalien etc. Jedes dieser Textmodule könnte in unterschiedlichen Schriftgattungen, Schriftarten oder Schriftstilen formatiert sein. 

Beispiel einer kombinierten Integralen und Selektiven Schriftmischung: Layout der Süddeutsche Zeitung nach dem Redesign im Jahre 2012. Im Rahmen der Überarbeitung beauftrage der Süddeutsche Verlag den Typographen und Schriftgestalter Henning Skibbe mit der Entwicklung einer Schriftsippe bestehend aus rund 40 Einzelschnitten (SZ-Text, SZ-Serif, SZ-Sans und SZ-SansCondensed), die auf die semantisch-typographischen Anforderungen abgestimmt wurden. Bildzitat: Süddeutsche Zeitung, München.
Beispiel einer kombinierten Integralen und Selektiven Schriftmischung: Layout der Süddeutsche Zeitung nach dem Redesign im Jahre 2012. Im Rahmen der Überarbeitung beauftrage der Süddeutsche Verlag den Typographen und Schriftgestalter Henning Skibbe mit der Entwicklung einer Schriftsippe bestehend aus rund 40 Einzelschnitten (SZ-Text, SZ-Serif, SZ-Sans und SZ-SansCondensed), die auf die semantisch-typographischen Anforderungen abgestimmt wurden. Bildzitat: Süddeutsche Zeitung, München.

Selektive Schriftmischung

In der Selektiven Schriftmischung werden unterschiedliche Schriftgattungen, Schriftarten und/oder Schriftstilvarianten innerhalb einer Textpassage, einer Zeile, eines Wortes oder einer Zahlen- oder Buchstabenkombination miteinander gemischt bzw. ausgetauscht. Beispielsweise könnte hier das Hervorheben von Neueingefügtem durch eine andere Schriftart, das wort- und phrasenweise Zitieren durch eine andere Schriftstilvariante (statt Anführungszeichen) oder der Austausch von Tabellenziffern durch Mediävalziffern gemeint sein.

Differenziert wird zwischen harmonischer und disharmonischer Selektiver Schriftmischung. Harmonische Schriftmischungen sollen – im Gegensatz zu disharmonischen Schriftmischungen – vom Leser kaum oder nicht wahrgenommen werden.

Schriftauszeichnungen

Innerhalb der Selektiven Schriftmischung werden Schriftmischungen im »glatten Satz«, also innerhalb eines fortlaufenden Textes,  »Auszeichnungen« genannt. 

Dieser Begriff hat seinen Ursprung in der Inkunabelzeit der Jahre 1450 bis 1500. Denn Initialen, Rubriken, Lombarden, Illuminationen, Unterstreichungen und Auszeichnungsstriche konnten in den Anfängen der Typographie nur von Kalligraphen, Illuminatoren und Rubrikatoren händisch »ausgezeichnet« werden. Deshalb bezeichnet man auch auch heute noch die Schriftschnitte einer Schriftfamilie – extra des normalen Schnitts – als »Auszeichnungsschnitte«.

Die Typographie differenziert zwischen leisen und lauten Auszeichnungen. Die »Leise Auszeichnung« – auch als »Integrierte Auszeichnung« bezeichnet –, fügt sich harmonisch in das Schriftbild ein und wird vom Leser erst in der aktuellen Zeile wahrgenommen. Mit diesen Leisen Auszeichnungen sind Stilvarianten innerhalb einer Schriftfamilie gemeint, ausgehend von der Grundschrift, beispielsweise der kursive Stil oder die Kapitälchen einer Schriftfamilie.

Leise und laute Schriftauszeichnungen. Beispiele gesetzt in der Compatil™ Text und Fakt von Linotype. Infografik: www.typolexikon.de
Leise und laute Schriftauszeichnungen. Beispiele gesetzt in der Compatil™ Text und Fakt von Linotype.

Die »Laute Auszeichnung« hingegen sticht schon ins Auge, bevor der Leser die Textpassage erreicht hat. Sie wird deshalb auch als »Aktive Auszeichnung« bezeichnet. In der Regel versteht man darunter die Auszeichnung mit fetteren Schriftstilen innerhalb einer Schriftfamilie oder mit anderen Schriftarten; beispielsweise eine Antiqua im normalen Stil als Grundschrift und als Auszeichnungsschrift eine Grotesk im fetten oder halbfetten Stil.

Lyrische Schriftmischung

Sie ist primär individuell und emotional motiviert und findet vor allem im Grafikdesign, der Kunst-, Werbe- und Gebrauchstypographie Anwendung (z.B. die »visuelle Poesie« der Dadaisten). Im Bereich der klassischen Lesetypographie gilt die lyrische Schriftmischung in vielen Fällen als unvorteilhaft. 

Beispiel einer Lyrischen Schriftmischung mit unterschiedlichen Schriftgattungen und Schriftarten. Sie ist primär individuell und emotional motiviert und findet vor allem im Grafikdesign Anwendung. Foto: Einladungsbroschüre für das Korea Institute of Design, Seoul. Designer: Wolfgang Beinert, Berlin.
Beispiel einer Lyrischen Schriftmischung mit unterschiedlichen Schriftgattungen und Schriftarten. Sie ist primär individuell und emotional motiviert und findet vor allem im Grafikdesign Anwendung. Foto: Einladungsbroschüre für das Korea Institute of Design, Seoul. Designer: Wolfgang Beinert, Berlin.

SEMANTISCH-TYPOGRAPHISCHE AUSZEICHNUNGSMATRIX

Weder in der Linguistik noch in der Typographie besteht Konsens über die Norm, die einer Auszeichnungsmatrix zugrunde zu legen ist. Es ist deshalb prinzipiell vorteilhaft, sich vor der gestalterischen Umsetzung ein Schema anzulegen, das fixiert, welche semantischen Auszeichnungsvorgaben anerkannt werden und welche typographischen Mittel man dafür wählt. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine schnelle und präzise Implementierung einer Schriftsatzarbeit. Eine semantisch-typographische Auszeichnungsstruktur ist die Basis jeglicher Form effektiver Schriftmischung. Sie dokumentiert alle Korrelationen zwischen Semantik, Typographie, Schrift, Glyphe, Farbe und Bildzeichen.

Semantische Auszeichnungsstruktur

Die Konstruktion einer Auszeichnungsmatrix hängt natürlich vom Inhalt und Zweck einer Arbeit ab. So hat ein wissenschaftliches Buch in der Regel andere Auszeichnungsbedürfnisse als ein Veranstaltungsprogramm eines Kulturinstituts oder der Geschäftsbericht einer Hypothekenbank. Grundsätzlich sollte eine semantische Auszeichnungsstruktur vor der typographischen Gliederung fixiert werden.

Beispiel einer semantischen Auszeichnungsstruktur für einen wissenschaftlichen Text:

Anmerkungen
Annäherung
Autor-Jahr-System
Begrifflichkeitsbetonung
Bibliographie
Bildunterschriften
Eigennamen
Fremdsprachlichkeit
Fußnoten
Glossar
Grundtext [Grundschrift]
Haupttitel
Hyper-Links
Inhalt
Interaktions-Links
Kapitelüberschriften
Kolumnentitel lebend
Kolumnentitel tot
Konsultationsziffern und –buchstaben
Legenden
Lexemerwähnung
Mathematische Formelschreibweisen
Metasprache
Neueingeführtes Wort
Noten [Musik]
Objektsprache kurz
Objektsprache lang
Pagina
Quellenangaben
Register
Satzakzent
Schmutztitel
Semiotische Faktoren
Sinnschwerpunkt
Tabellen
Terminologieausdruck
Überschrift Gliederung Ebene 1
Überschrift Gliederung Ebene 2
Überschrift Gliederung Ebene 3
Überschrift Gliederung Ebene 4
Vortitel
Ziffern
Zitat lang
Zitat kurz

Beispiel einer semantischen Auszeichnungsstruktur für ein Veranstaltungsprogramm:

Bildunterschriften
Datum [Termine]
Eintrittspreise
Grundtext [Grundschrift]
Haupttitel
Hyper-Links
Kapitelüberschriften
Name der Veranstaltung
Neueingeführter Künstlername
Sinnschwerpunkte
Uhrzeiten
Veranstaltungsorte
Ziffern
Zitate

Typographische Auszeichnungsstruktur

Eine typographische Auszeichnungsstruktur besteht in der Regel aus unterschiedlichen Schriftgattungen, Schriftarten und Schriftstilvarianten (siehe Schriftklassifikation), die harmonisch oder disharmonisch aufeinander abgestimmt werden und in Korrelation zur semantischen Auszeichnungsstruktur stehen.

Beispiel einer Auszeichnungsmatrix:

SemantikTypographieFontGlypheFarbe
GrundschriftAntiqua
normal
Concorde Nova
normal
Schwarz
HeadlinesZierschriftTamplate Gothic
bold
HKS 92
BildunterschriftenGrotesk
normal
Frutiger schmal
normal
Schwarz
NamenAntiqua
Kapitälchen
Concorde Nova
Caps
MinuskelnSchwarz
ZiffernMediävalziffernConcorde Nova
Caps
MediävalziffernSchwarz
ZitateAntiqua
kursiv
Concorde Nova
Italic
Schwarz

TYPOGRAPHIE

Die Wahl von Schriften

Schriftmischung ist nicht nur eine Frage der Ressourcen und Lesbarkeit, sondern auch der Mode, des persönlichen Geschmacks und des ästhetischen Empfindens. Die Komposition einer typographischen Auszeichnungsstruktur bezieht sich immer auf die gewählte Grundschrift. Deren Qualität, Ästhetik und Vielfalt sind entscheidend für das Gelingen einer Schriftmischung. Die Wahl der Schriften, insbesondere der Grundschrift, hängt von der Aufgabenstellung ab und gehört zu den elementaren Grundlagen der Makrotypographie (Auswahlkriterien für Schriften siehe Schriftwahl).

Techniken des Schriftmischens

Die Typographie unterscheidet grundsätzlich familiäre und extrafamiliäre Schriftmischungen.

Familiäre Schriftmischung

Die Schriftmischung innerhalb einer Schriftfamilie ist die schlichteste Form der Schriftmischung, da der Schriftgestalter/in bereits alle Schriftstilvarianten seiner Schriftfamilie perfekt aufeinander abgestimmt hat. In der Regel sind diese harmonischen Schriftmischungen bereits seit Jahrhunderten erprobt. Um innerhalb einer Schriftfamilie zu mischen, sollte eine Schrift mindestens über den normalen Schriftstil, über Kapitälchen, den kursiven Stil und den halbfetten Stil oder den fetten Stil verfügen. Hervorragend eignen sich für familiäre Schriftmischungen sogenannte Expertensätze, wie beispielsweise die Renaissance Antiqua »Minion« von Robert Slimbach.

Beispiel einer familiären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate A Regular Italic.
Beispiel einer familiären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate A Regular Italic.
Extrafamiliäre Schriftmischung

Das Mischen unterschiedlicher Schriftgattungen und Schriftarten gilt als die schwierigste Form der Schriftmischung. Denn sie setzt sowohl makrotypographisches als auch mikrotypographisches Wissen voraus. Ausgehend von der gewählten Grundschrift werden extrafamiliäre Schriftgattungen und Schriftarten meist für laute Auszeichnungen, Legenden, Marginalien, Rubriken, Bildunterschriften und separierte Darstellungsebenen verwendet.

Beispiel einer extrafamiliären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate S Bold. Quelle: Typolexikon.de
Beispiel einer extrafamiliären Schriftmischung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate S Bold.
Schriftmischung mit Schriftsippen

Das sicherste und zeitsparendste Verfahren, extrafamiliäre Schriften zu mischen, ist das Typographieren innerhalb einer Schriftsippe. Schriftsippen sind Schriftsysteme, die meist aus einer Antiqua-, einer Grotesk– und einer Egyptienne-Schriftfamilie bestehen. Manche Schriftsippen, beispielsweise die Corporate ASE von Kurt Weidemann (1922–2011) verfügen zusätzlich über Nichtrömische Schriftstile. Alle Schriftarten und die dazugehörigen Schriftstile einer Schriftsippe sind in der Regel aus einem Grundkörper (siehe auch Typometrie) entwickelt worden; ihre Figuren weisen die gleichen Grundformen und Proportionen auf oder wurden zumindest bewusst vom Schriftgestalter aufeinander abgestimmt.

Typometrische Vergleiche

»Welche Schrift zu welcher passt? Frage hundert Typographen/innen und du wirst hundert verschiedene Antworten erhalten!«. Sicher ist aber eines: In einer Zeit der babylonischen Schriftenvielfalt macht mehr denn je die Übung den Meister! Anders ausgedrückt: Hier zahlt sich Fleiß, gepaart mit Genauigkeit aus. Denn maßgeblich für die Ästhetik und die wirkungsvolle Dramaturgie einer Schriftmischung ist die bewusste Aufeinanderabstimmung unterschiedlicher Schriftvarianten. Hier entstehen – ausgehend von der Grundschrift – u.a. Spannung, Harmonie, Temperament und Modernität einer Schriftmischung. Wesentliche Parameter des Schriftenvergleichs sind die Typometrie (Letternarchitektur), die Schriftlinien, die Dickte, die Größen der Unterlängen, Mittellängen und Oberlängen der Figuren und die Schriftweite als solche.

Beispielsweise wirken harmonische Schriftmischungen erst dann kompatibel und scheinbar perfekt, wenn u.a. die x-Höhen und/oder die Majuskelhöhen (Versalhöhe) aufeinander abgestimmt sind. Dies geschieht durch die Vergrößerung oder Verkleinerung des Schriftgrades der jeweiligen Auszeichungsschrift.

Bei harmonischen Schriftmischungen ist neben anderen Kriterien die Kalibrierung der x-Höhe der gemischten Schriften ein Qualitätsmerkmal. Beispiel: Vergleich der x-Linien einer Antiqua (Serif) und einer Grotesk (Sans Serif). In der ersten Zeile haben beide Schriftarten den gleichen Schriftgrad. Die Grotesk wirkt hier allerdings zu klobig. Um die x-Linie der Grotesk an die der Antiqua (Grundschrift) anzugleichen, muss deren Schriftgrad verkleinert werden. In den meisten Fällen stimmt dann allerdings die Majuskelhöhe nicht mehr überein. Dieses Problem kann durch die Wahl einer Schriftsippe oder durch ausgiebige Schriftvergleiche umgangen werden. Quelle: Typolexikon.de
Bei harmonischen Schriftmischungen ist neben anderen Kriterien die Kalibrierung der x-Höhe der eingemischten Schriften ein Qualitätsmerkmal. Beispiel: Vergleich der x-Linien einer Antiqua (Serif) und einer Grotesk (Sans Serif). In der ersten Zeile haben beide Schriftarten den gleichen Schriftgrad. Die Grotesk wirkt hier allerdings zu klobig. Um die x-Linie der Grotesk an die der Antiqua (Grundschrift) anzugleichen, muss deren Schriftgrad verkleinert werden. In den meisten Fällen stimmt dann allerdings die Majuskelhöhe nicht mehr überein. Dieses Problem kann durch die Wahl einer Schriftsippe oder durch ausgiebige Schriftvergleiche umgangen werden.

Mikrotypographische Eingriffe durch Schriftmischung

Der Austausch von einzelnen Buchstaben, Ziffern, Figuren, Ligaturen oder Sonderzeichen kann die Ästhetik und die Lesbarkeit einer Schriftsatzarbeit optimieren.

Beispiel einer harmonischen, sehr dezenten »Selektiven Schriftmischung« im glatten Satz. Der Rohsatz im oberen Absatz wurde komplett in der Celeste Regular von Christopher Burke gesetzt. Um die mikrotypographische Ästhetik des Rohsatzes harmonisch aufzuwerten, wurden im unteren Absatz einige Buchstaben und Satzzeichen gegen andere Schriftstilvarianten und Schriftarten ausgetauscht: Die Majuskeln der Headline der Celeste Regular gegen die gemeinen Kapitälchen der Celeste, die Guillemets der Celeste gegen Guillemets der Mrs Eaves Roman von Zuzana Licko, die Majuskelziffern der Celeste gegen Mediävalziffern der Celeste und das Prozentzeichen der Celeste gegen das Prozentzeichen der Matrix Script Regular von Zuzana Licko. Quelle: Typolexikon.de
Beispiel einer harmonischen, sehr dezenten »Selektiven Schriftmischung« im glatten Satz. Der Rohsatz im oberen Absatz wurde komplett in der Celeste Regular von Christopher Burke gesetzt. Um die mikrotypographische Ästhetik des Rohsatzes harmonisch aufzuwerten, wurden im unteren Absatz einige Buchstaben und Satzzeichen gegen andere Schriftstilvarianten und Schriftarten ausgetauscht: Die Majuskeln der Headline der Celeste Regular gegen die gemeinen Kapitälchen der Celeste, die Guillemets der Celeste gegen Guillemets der Mrs Eaves Roman von Zuzana Licko, die Majuskelziffern der Celeste gegen Mediävalziffern der Celeste und das Prozentzeichen der Celeste gegen das Prozentzeichen der Matrix Script Regular von Zuzana Licko.

Anforderungen

Die Technik des Schriftmischens erfordert logisches Denken, viel Sinn für Form, Struktur und Proportion, und sie setzt neben einer hohen Sprach- und Lesekompetenz auch die Fähigkeit zu kritischer Textinterpretation sowie psychologisch-analytisches Einfühlungsvermögen voraus. Formschöne, extrafamiliäre Schriftmischungen erfordern noch zusätzlich sehr viel Erfahrung im Umgang mit Schriften, makrotypographisches und mikrotypographisches Fachwissen und dazu hohe persönliche rezeptive Sensibilität. »Schriftmischen« gilt deshalb als Königsdisziplin der Typographie

© Wolfgang Beinert, typolexikon.de

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