Schriftsippe

Typographischer Terminus für eine Gruppe zusammengehöriger Hauptschriftgruppen, Schriftuntergruppen und Schriftschnitte (Schriftstilvarianten), die typometrisch aus einem Grundkörper entwickelt wurden und deren Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen in der Regel die gleichen Grundformen und Proportionen besitzen, jedoch unterschiedliche Klassifikationsmerkmale aufweisen; auch als »Schriftgroßfamilie« bezeichnet.

Etymologisch von lt. »scriptum« zu »scribere« für dt. »Schreiben« bzw. »Schrift« und »Sippe« von mhd. »sippe« bzw. got. »sibja« für »Verwandtschaft« bzw. idg. »sebho« für »eigene Art«. Im Deutschen wurde das Wort im 18. Jh. insbesondere in der Wissenschaft im Sinne von »Verwandtschaftsverhältnis« wiederbelebt. 

Vergleich der Majuskeln F aus der Schriftsippe Corporate A-S-E von Kurt Weidemann (1922–2011), die als Hausschrift für die Mercedes-Benz AG entwickelt wurde. Die Buchstaben aller Hauptschriftgruppen wurden aus einem Grundkörper entwickelt. Die Hauptschriftlinien bei Antiqua, Grotesk und Egyptienne stimmen überein.
Vergleich der Majuskeln F aus der Schriftsippe Corporate A-S-E von Kurt Weidemann (1922–2011), die als Hausschrift für die Mercedes Benz AG entwickelt wurde. Die Buchstaben aller Hauptschriftgruppen wurden aus einem Grundkörper entwickelt. Die Hauptschriftlinien bei Antiqua, Grotesk und Egyptienne stimmen überein.

Schriftsippen umfassen in der Regel Schriftschnitte (Schriftstile) aus den Hauptschriftgruppen Antiqua, Grotesk und Egyptienne in jeweils unterschiedlichen Schriftlagen (z.B. normal, kursiv), Schriftstärken (z.B. leicht, fett) und Schriftbreiten (z.B. eng, breit) – vereinzelt auch Antiqua Varianten (z.B. Zierschriften), dicktengleiche Schriften (z.B. Monospaced Fonts), spezielle Ziffernsätze (z.B. Tabellenziffern), musikalische oder wissenschaftliche Zeichensätze (z.B. mathematische Zeichen) und Nichtrömische Schriften (z.B. kyrillisch).

Vergleich einer extrafamiliären, lauten Auszeichnung außer- und innerhalb einer Schriftsippe. Zeile oben: Minion Pro normal mit einer fetten Helvetica im gleichen Schriftgrad. Ober- und Unterlängen stimmen nicht überein. Die Auszeichnung wirkt klobig. Zeile mitte: Minion Pro normal mit Helvetica fett, wobei die laute Auszeichnung auf die x-Linie der Grundschrift angepasst wurde. Auszeichnung wirkt harmonischer, dennoch stimmen die Ober- und Unterlängen nicht überein. Zeile unten: Corporate A normal und Corporate S fett im gleichen Schriftgrad. Die Ober- und Unterlängen der Schriftsippe von Kurt Weidemann (1922–2011) stimmen überein.
Vergleich einer extrafamiliären, lauten Auszeichnung außer- und innerhalb einer Schriftsippe. Zeile oben: Minion Pro normal mit einer fetten Helvetica im gleichen Schriftgrad. Ober- und Unterlängen stimmen nicht überein. Die Auszeichnung wirkt klobig. Zeile mitte: Minion Pro normal mit Helvetica fett, wobei die laute Auszeichnung auf die x-Linie der Grundschrift angepasst wurde. Auszeichnung wirkt harmonischer, dennoch stimmen die Ober- und Unterlängen nicht überein. Zeile unten: Corporate A normal und Corporate S fett im gleichen Schriftgrad. Die Ober- und Unterlängen der Schriftsippe von Kurt Weidemann (1922–2011) stimmen überein.

Vorteile von Schriftsippen

Schriftsippen, beispielsweise die Corporate A-S-E 1 ) oder die Compatil®,2 ) werden heute als Schriftsysteme verstanden, um effizient komplexe typographische Anforderungen im Corporate Publishing zu lösen.

  • Schriftsippen sind in Ihrer Anwendung einfach zu handhaben. Mikrotypographisches Wissen ist kaum nötig.
  • Schriftsippen verfügen in der Regel über viele unterschiedliche Schriftschnitte, die vom Schriftgestalter/in aufeinander abgestimmt sind. Sie eigenen sich deshalb besonders gut, um komplexe semantische Typologien in eine typographische Auszeichnungsmatrix umzusetzen (siehe Schriftmischung).
  • Schriftsippen sparen bei extrafamilären Schriftauszeichnungen spürbar Zeit, da Oberlängen, Mittellängen und Unterlängen nicht angepasst werden müssen. 
  • Schriftsippen verfügen in allen Hauptschriftgruppen über die gleichen Hauptschriftlinien, weshalb Schriftmischungen auch bei lauten Auszeichungen harmonisch wirken.
  • Schriftsippen verfügen oft über einen außergewöhnlichen großen Zeichenvorrat. Sie eigenen sich deshalb oft auch als Expertensätze, um komplexe Medien zu setzen, beispielsweise Geschäftsberichte, wissenschaftliche Bücher oder Zeitungen.
  • Schriftsippen verfügen oft über dicktengleiche Formvarianten, Tabellenziffern und Nichtrömische Alphabete, was eine Corporate Typography vereinfacht.
  • Schriftsippen verfügen in den normalen und kursiven Schriftschnitten im besten Falle schriftgruppenübergreifend über eine gleiche Normalschriftweite (NSW), was insbesondere bei mehrsprachigen oder mehrspaltigen Umbruchsystemen – für das Layout, den Grauwert und die Satzumfangsberechnung – vorteilhaft sein kann.

 

Vergleich der Normalschriftweite (NSW) bei Schriftsippen. Beispiel oben: Die Corporate A-S-E (URW) von Kurt Weidemann (1922–2011). Die NSW stimmt bei gleichem Schriftgrad in den Hauptschriftgruppen nicht überein, was sich – je nach Anforderung – in der Praxis als gravierender Nachteil herausstellen kann. Beispiel unten: Das Schriftsystem Compatil® (Linotype) von Olaf Leu, Silja Bilz, Erik Faulhaber und Reinhard Haus. Hier korrespondieren nicht nur die Hauptschriftlinien, sondern auch die NSW.
Vergleich der Normalschriftweite (NSW) bei Schriftsippen. Beispiel oben: Die Corporate A-S-E (URW) von Kurt Weidemann (1922–2011). Die NSW stimmt bei gleichem Schriftgrad in den Hauptschriftgruppen nicht überein, was sich – je nach Anforderung – in der Praxis als gravierender Nachteil herausstellen kann. Beispiel unten: Das Schriftsystem Compatil® (Linotype) von Olaf Leu, Silja Bilz, Erik Faulhaber und Reinhard Haus. Hier korrespondieren nicht nur die Hauptschriftlinien, sondern auch die NSW.

 

Vertreter von Schriftsippen

Dual- Trilogie- und Polyschriftsysteme

SchriftsippeSchriftgestalter/inFont FoundryJahr
AuthenticHuschka, KarinLinotype1999
Compatil®Bilz, Silja
Faulhaber, Erik
Haus, Reinhard
Leu, Olaf
Linotype2001
Corporate A-S-EWeidemann, KurtURW1990
FoundryQuay, David
Sack, Freda
Linotype1989
LucidaBigelow, Charles
Holmes, Chris
Lucida® Fonts1984
MetaSpiekermann, ErikFontFont1991–2010
NexusMajoor, MartinFontFont2004
Officina ITCChaeva, Isabella
Schäfer, Ole
Spiekermann, Erik
van Rossum, Just
Adobe
Elsner+Flake
ITC
ParaType
1990
QuadraatSmeijers, FredFontFont1992
RotisAicher, OtlAgfa
Linotype
1989
ScalaMajoor, MartinFontFont1990–1993
StoneStone, SummerITC1987–2010
SyntaxMeier, Hans EduardLinotype
Stempel
1968–1995
Thesisde Groot, LucasLucasFonts1994–2000

 

Bezugsquellen von Schriftsippen

Schriftsippen werden von Font Foundries als Kollektionen, in Schriftfamilien und in Form von einzelnen Schriftschnitten in unterschiedlichen Font Technologien (z.B. TTF, OTF, Webfonts) angeboten (siehe auch Schriftwahl). 3 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Die Corporate A-S-E wurde Ende der 1980er Jahre im Auftrag der Daimler Benz AG (E. Reuter, Mercedes) von Kurt Weidemann (1922–2011) entworfen, von Kurt Stecker gezeichnet, von Günter Gerhard Lange (1921–2008) in der Protovariante »gefinisht« und von URW digitalisiert.
2. Anmerkung: Das Schriftsystem Compatil® wurde unter der Regie von Olaf Leu von Silja Bilz, Erik Faulhaber und Reinhard Haus für die Linotype GmbH entworfen.
3.Tipp: Da es keine Norm für die Ausstattung von Schriftsippen gibt, ist es ratsam, vor dem Kauf bzw. vor der Anwendung den Umfang und die Qualität der Typometrie (z.B. Dickten– und Schriftlinienvergleiche) zu prüfen. Denn Schriftsippe ist nicht gleich Schriftsippe!