Schriftwahl

Die Wahl einer geeigneten Schrift ist in allen Teildisziplinen der Typographie von hoher Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur massgeblich die Lesbarkeit und die Ästhetik eines Kommunikationsmediums, sie verursacht auch nachhaltige Konklusionen bei der Implementierung.

Die Wahl der Schriftgattung (z.B. Antiqua-Schrift), der Schriftart (z.B. Klassizistische Antiqua), der Nebengruppe (z.B. Bodoni-Variante), des Schriftstils/Schriftschnitts (z.B. Roman) und der Schrifttechnologie (z.B. OpenType, PostScript®) gehört in den Bereich der Makrotypographie.

Die Selektion einer bestimmten Schriftvariante, also einer Schriftreplik, 1 ) eines Schriftremakes, 2 ) eines Schriftklons 3 ) oder einer Formvariante 4 ) (z.B. Bauer Bodoni™) nebst Schriftgestalter (z.B. Heinrich Jost und Lois Höll), dem Erscheinungsjahr (z.B. 1926/1927), der Version (z.B. Katalognummer 16740074 mit dem Figurenverzeichnis W2G, 2013, 420 Characters) sowie die Font Foundry (z.B. Linotype) dagegen in den Bereich der Mikrotypographie.

Unabhängig von subjektiven Kriterien – also Vorlieben, Formgefühl, Stilempfinden, Gepflogenheiten, Zeitgeschmack oder kulturellen Ressourcen – basiert die Wahl von Schriften insbesondere auf praxisbezogenen Argumenten.

Auswahlkriterien

Funktion (Aufgabe und Zweck einer Schrift)

  • In welchem Kontext wird die Schrift als »Interface« eingesetzt? 5 )
  • Welche typographischen Teildisziplinen muss die Schrift abdecken? 19 )
  • Verfügt das Figurenverzeichnis der Schrift über die notwendigen Satzzeichen, Sonderzeichen, Ligaturen, Ziffern, Glyphen etc.?
  • Wird eine Nichtrömische Schrift aus der gleichen Schriftfamilie benötigt? 
  • Wie viele Schriftarten und inner- bzw. extrafamiläre Auszeichnungsschriften werden für die Umsetzung einer semantisch-typographischen Matrix (siehe Schriftmischung) benötigt?

Form (Charakter einer Schrift) 

  • Welche Schrift passt zum Thema, zum Produkt oder/und zum Auftraggeber? 6 )
  • Welche Schriftvariante mit gleichen Klassifikationsmerkmalen ist die passende Schrift? 7 )
  • Welche Schriftvariante der gleichen Nebengruppe verfügt über die gewünschten typometrischen Eigenschaften? 8 )

Implementierung (Schrift in der Produktion)

  • Wie funktioniert die Schriftvariante auf unterschiedlichen Trägermaterialien? 9 )
  • Wie funktioniert die Schriftvariante in unterschiedlichen Produktionsverfahren? 10 )
  • Welche Schrifttechnologie wird benötigt? 11 )
  • Bei Screen- und Webfonts: Welche Qualität hat das Font Hinting
  • Wie reagiert die Schriftvariante im Umbruch? 12 )
  • Ist der User qualifiziert, mit der gewählten Schrift zu arbeiten? 13 )
  • Ist die Schrift bei Dritten verfügbar? 14 )

Kosten und Lizenzen (Kosten und Nutzung einer Schrift)

  • Ist die Schrift in der eigenen Schriftenbibliothek vorhanden?
  • Ist die Schrift nutzungsfrei oder nutzungsgebunden?
  • Bei Neuerwerb: Ist die Schrift kostenfrei oder kostenpflichtig?
  • Bei Neuerwerb: Ist die Schrift lizenzfrei oder lizenzpflichtig? 15 )
  • Bei Neuerwerb: Welche Font Foundry bietet welche Schriftvariante zu welchem Preis und zu welchen Konditionen an?
  • Bei Neuerwerb: Fallen Lizenzbestimmungen an und welche juristischen Auswirkungen haben diese? 16 )
  • Bei Webfonts: Wer hostet Webfonts wie und wo? 17 )
  • Wie hoch sind die Folgekosten der gewählten Schrift in der Herstellung? 20 )
  • Bei Neuerwerb: Fallen Folgekosten pro Medium oder Arbeitsplatz an? 18 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1. Anmerkung: Eine Schriftreplik ist eine erneute Ausführung eines bereits vorhandenen Originals durch den Schriftgestalter selbst.
2. Anmerkung: Ein Schriftremake ist eine spätere Nachbildungen einer bereits existierenden, aber nicht mehr am Markt verfügbaren Schrift, die sich streng am Original orientiert.
3. Anmerkung: Ein Schriftklone ist eine 1:1-Kopie einer Schrift.
4. Anmerkung: Eine Formvariante ist eine abweichende Interpretation einer bereits existierenden Schrift.
5. Anmerkung: Z.B. in einem Buch, auf einer Lebensmitteletikette, in einer App, auf einer Website, einem Plakat, in einem Corporate Design, einer Anzeige, einem Geschäftsbericht oder einem Werbefilm? Schlussfolgerungen hieraus wären u.a., ob eine Schrift mit oder ohne Serifen, mit Mediävalziffern oder Majuskelziffern, als Textschrift, als Webfont, als dicktengleiche Schriftsippe, als Display oder als Konsultationsschrift etc. gewählt werden müsste.
6. Anmerkung: Z.B. Ästhetik, Anmutung, Modernität, Kontinuität, Geschmack, Wettbewerb.
7. Anmerkung: Schrift ist nicht gleich Schrift! Z.B. eine bestimmte Bodoni von Linotype, Berthold oder Adobe?
8. Anmerkung: Beispielsweise eine Minion oder eine andere Garamondvariante? Für den Bildschirm oder für den Offsetdruck?
9. Anmerkung: Z.B. auf unterschiedlichen Papieren, VGA-Monitoren, Retina-Displays, Multi-Touch-Screendisplays, Stoff, Plastik etc.
10. Anmerkung: z.B. Bürodrucker, Offsetdruck, Siebdruck, HTML, Flash, Photoshop, Folien, Beamer etc.
11. Anmerkung: Z.B. TrueType oder PostScript® oder Webfont? Mit welcher Software oder Betriebssystemen ist die Schrift kompatibel?
12. Anmerkung: Z.B. Umbruchverhalten, Optischer Randausgleich, Kerning, Austauschbarkeit von Schriftstilen etc.
13. Anmerkung: Manche Schriften sind in ihrer Anwendung sehr simpel, andere dagegen erfordern sehr viel typographisches Wissen und handwerkliches Geschick.
14. Anmerkung: Z.B. Druckereien, Werbeagenturen, Kunden oder Internet-User.
15. Hinweis: Urheberrecht für Schriften und Mythos »Schriftsoftware«. Eine kritische Anmerkung von Wolfgang Beinert.
16. Anmerkung: Manche Font Foundries untersagen beispielsweise das Erzeugen eines PDFs. Andere tracken Webfonts und haben somit Einsicht in das Traffic einer Website, widerum andere verbieten die Nutzung eines OT-Fonts im Internet etc. 
17. Anmerkung: Wer und wie hostet die Webfonts? Eigener oder fremder Server? Welche Gefahren drohen – insbesondere bei Abomodellen – bei Insolvenz oder Einstellung des Webfontdienstes (z.B. WebINK, der ab Juni 2015 seinen Dienst einstellt und dadurch erhebliche Kosten bei Agenturen und Firmen verursacht. (Quelle: Pressemitteilung Dr. Web: Webfonts adé: Typekit-Konkurrent WebINK gibt auf, 17.2.2015). Wie schnell sind die Server? Wie gut ist die Anbindung an das Web?
18. Anmerkung: Z.B. Webfonts bei Abrechnung nach Pageviews, bei Abonnementmodellen oder Anwendung auf anderen Medien. Oder was kostet eine Schriftlizenz pro PC-Arbeitsplatz?
19. Anmerkung:  Animationstypographie, Corporate Typography, Gebrauchstypographie, Kunsttypographie, Lesetypographie oder Plastische Typograpie? Wird beispielsweise eine Schrift für ein Corporate Design gesucht, sollte diese über multimediale Eigenschaften verfügen. Sie müsste möglicherweise auf Briefpapieren, in Geschäftsberichten, im Web und an Hausfassaden funktionieren.
20. Anmerkung: Wie wirkt sich z.B. die Laufweite oder Dickte einer Schrift im Mengensatz auf den Umfang eines Buches aus? Wieviel Papier benötige ich dafür mehr oder weniger? Werden dadurch die Druck-, Lager- und Versandkosten höher Wie wirkt sich das auf die Ladezeit einer Website aus?