Sperren

Typographischer Terminus aus der Periode des materiellen Schriftsatzes für das gleichmäßige Erweitern der Schriftlaufweite. Sperrsatz; Synonym im Handsatz »Spatiieren«. Etymologisch »sperren« von althochdeutsch »sperran« in Bezug zu »Sparren« für »Spatien« von lateinisch »spatium«. In der Mikrotypographie zählt das Sperren zum Optischen Schriftweitenausgleich

Mit der Etablierung des optomechanischen Lichtsatzes (Fotosatz) seit Anfang der 1960er Jahre hat der Terminus »Spationieren« den aus dem gewerblichen Sprachschatz deutscher Handschriftsetzer kommenden Begriff »Sperren« sukzessive abgelöst bzw. diesen in einen technisch bedingten differenzierteren Kontext gestellt. Heute versteht man unter »Sperren«:

  1. Bei physischen Drucktypen die Erweiterung des normalen Breitenlaufs mit gleich großen Trennfugen bzw. Spatien ohne individuellen Ausgleich der Buchstaben-, Zeichen- bzw. Wortzwischenräume.
  2. Bei digitalen Fonts die gleichmäßige Erweiterung der Normalschriftweite (NSW) durch ein oder mehrere Leerraumzeichen ohne individuellen Ausgleich der Buchstaben-, Zeichen- und Wortzwischenräume. Bei Nichtproportionalschriften (Festbreitenschriften) als »Dicktengleiches Sperren« bezeichnet.
  3. Bei mechanischen Schreibmaschinen die Erweiterung der dicktengleichen Schriftlaufweite mit einem oder mehreren Leerraumzeichen.

Sperren oder Spationieren? Obere Zeile: Dicktengleiches Sperren der Normalschriftweite (NSW) eines Monospaced Fonts mit Leerraumzeichen. Untere Zeile: Spationieren der NSW des gleichen Monospaced Fonts mit +550/1000 Gevierten. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift). Infografik: www.typolexikon.de
Sperren oder Spationieren? Obere Zeile: Dicktengleiches Sperren der Normalschriftweite (NSW) eines Monospaced Fonts mit Leerraumzeichen. Untere Zeile: Spationieren der NSW des gleichen Monospaced Fonts mit +550/1000 Gevierten. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift).

Motive für das Sperren 

Es gibt unterschiedliche Argumente, die das Sperren rechtfertigen können:

(Weitere Motive für die Erweiterung der Schriftlaufweite im Fotosatz und DTP Desktop Publishing siehe Spationieren).

Sperren bei Druckschriften

Sperren im Bleisatz

Im materiellen Schriftsatz (z.B. Bleisatz) gibt es in der Regel nur den normalen Breitenlauf einer Drucktype, der durch die Dickte des Schriftkegels bestimmt wird. Sehr wenige Werksatzschriften verfügen darüber hinaus über die Grundschriftweiten eng, weit oder extraweit.

Deshalb wird der natürliche Breitenlauf einer Bleisatzschrift mit Ausschlußstücken, Kartenspänchen, Halbpunktfüllern und (Ein)Punktfüllern bzw. mit Trennfugen oder Spatien (Sing. Spatium) in unterschiedlichen Stärken in Typographischen Punkten (z.B. ein Achtelpetit) bzw. in der relativen Maßeinheit Geviert gleichmäßig gesperrt und vereinzelt »Ausgemittelt«. 1 ). Spatien bzw. Trennfugen gehören im materiellen Schriftsatz zum nichtdruckenden »Blindmaterial«.

Handsatzgebinde (Bleisatz) einer Empfehlungskarte vor der Drucklegung. Die oberen Majuskelzeilen sind im normalen Breitenlauf gesetzt, die untere Zeile wurde gleichmäßig gesperrt und bei manchen Zeichenpaaren mit unterschiedlichen Spatien optisch »ausgemittelt«. Foto: Wolfgang Beinert, Berlin. Quelle: www.typolexikon.de
Handsatzgebinde (Bleisatz) einer Empfehlungskarte vor der Drucklegung. Die oberen Majuskelzeilen sind im normalen Breitenlauf gesetzt, die untere Zeile wurde gleichmäßig gesperrt und bei manchen Zeichenpaaren mit unterschiedlichen Spatien optisch »ausgemittelt«. Foto: Wolfgang Beinert, Berlin.

Sperrsatz bei Gebrochenen Schriften

In der Schriftgattung der Gebrochenen Schriften wird »Sperrsatz« mangels geeigneter Auszeichnungsschriften 2 ) als Schriftauszeichnung verwendet. Sperrsatz erschwert bei mehr als drei bis fünf Wörtern den Leseprozess (siehe Fixationen). Er gilt als schlecht lesbar und ist deshalb nur im Titelsatz oder bei kurzen »Leisen Auszeichnungen« sinnvoll.

Klassischer Sperrsatz unterliegt speziellen Schriftsatzregeln. Beispielsweise wird die deutsche Fraktur im Sperrsatz  u.a.

  • in einem Achtelgeviert-Rhythmus gesetzt,
  • die Leerraumzeichen vor und nach einer Auszeichnung werden mitgesperrt,
  • ebenso die Satzzeichen (außer orthographischer Punkt, Anführungszeichen und Arabische Ziffern).
  • Im Deutschen Sperrsatz werden die zweifachen Minuskelligaturen ch, ck, ſt und tz sowie die phonetische Ligatur (Tonligatur) ß nicht aufgelöst,
  • alle anderen Minuskelligaturen werden mitgesperrt.

Deutscher Sperrsatz einer Gebrochenen Schrift. Die »Auszeichnung« ist bis auf die Minuskelligaturen »ch« und den ortographischen Punkt gesperrt bzw. dicktengleich spationiert. Beispiel gesetzt im Photoshop® von Adobe® in der Fraktur »Notre Dame« (1993) von Karlgeorg Hoefer (1914–2000), Vertrieb Linotype®. Infografik: www.typolexikon.de
Deutscher Sperrsatz einer Gebrochenen Schrift. Die »Auszeichnung« ist bis auf die Minuskelligaturen »ch« und den ortographischen Punkt gesperrt bzw. dicktengleich spationiert. Beispiel gesetzt im Photoshop® von Adobe® in der Fraktur »Notre Dame« (1993) von Karlgeorg Hoefer (1914–2000), Vertrieb Linotype®.

Sperren im Fotosatz und Desktop Publishing (DTP)

Im Grunde macht im Fotosatz (Lichtsatz) und im Desktop Publishing (DTP) nur das dicktengleiche Sperren mit Leerraumzeichen von nichtproportionalen Fonts (Monospaced Fonts) und Tabellenziffern Sinn. Ansonsten werden Fonts grundsätzlich stufenlos in Geviertwerten spationiert

Bei dicktengleichen Schriften (Monospaced Fonts) und Ziffern (Tabellenziffern) sind alle Buchstaben, Zeichen- bzw. Leerraumabstände systematisch vereinheitlicht. Beispiele gesetzt in der Prestige Elite von Clayton Smith für IBM (1953), der Orator von John Schepper für IBM (1962), der Courier von Howard Kettler für IBM (1955) und der OCR A der US-Regierung (1968). Infografik: www.typolexikon.de
Bei dicktengleichen Schriften (Monospaced Fonts) und Ziffern (Tabellenziffern) sind alle Buchstaben, Zeichen- bzw. Leerraumabstände systematisch vereinheitlicht. Beispiele gesetzt in der Prestige Elite von Clayton Smith für IBM (1953), der Orator von John Schepper für IBM (1962), der Courier von Howard Kettler für IBM (1955) und der OCR A der US-Regierung (1968).
Insbesondere bei Programmlistings (z.B. HTML-Codes) ist ein übersichtlicher Aufbau durch dicktengleiche Einrückungen mittels Leeraumzeichen wichtig. Im Vergleich das dicktengleiche Spationieren der Wortzwischenräume durch Leeraumzeichen mit einer Proportional- und einer Nichtproportionalschrift. Zeile 1–10 Source Sans Pro bold und Zeile 11–20 Source Code Pro bold, beide Webfonts von Paul D. Jagdt (USA), Download u.a. über Google Fonts. Infografik: www.typolexikon.de
Insbesondere bei Programmlistings (z.B. HTML-Codes) ist ein übersichtlicher Aufbau durch dicktengleiche Einrückungen mittels Leeraumzeichen wichtig. Im Vergleich das dicktengleiche Spationieren der Wortzwischenräume durch Leeraumzeichen mit einer Proportional- und einer Nichtproportionalschrift. Zeile 1–10 Source Sans Pro bold und Zeile 11–20 Source Code Pro bold, beide Webfonts von Paul D. Jagdt (USA), Download u.a. über Google Fonts.

Sperren bei Webfonts

Nichtproportionale Webfonts (Monospaced Fonts) können mittels eines Leeraumzeichens nur bedingt gesperrt werden, da Browser (z.B. Safari® von Apple® oder Google Chrome® von Google®) in der Regel ohne Zusatzbefehl im Code nicht mehrere Leeraumzeichen gleichmäßig hintereinander darstellen. Um dicktengleiche Webfonts mit mehr als einem Leerraumzeichen gleichmäßig zu sperren, wird das Element »pre« im CSS Cascading Style Sheets benötigt, 3 ) das den Fließtext dicktengleich auch mit mehreren Leeraumzeichen darstellen kann, und zwar so, wie er im Editor eingegeben wurde. Beispielsweise ist diese Darstellung für Programmlistings oder Tabellen wichtig. Das Element »pre« bedeutet »preformatted«, also »präformatiert« bzw. »vorformatiert«.

Beispiel eines präformatierten Textes mit dem Element »pre« in einem Quelltext: 4 )

<html>
  <head>
    <title>Text des Titels</title>
  </head>
  <body>
    <h1>Headline</h1>

    <pre>
      FUNCTION Berechnung(year : INTEGER) : INTEGER;
      VAR  a, b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m : INTEGER;
      BEGIN
        a  :=  year MOD 19;
        b  :=  year DIV 100;
        c  :=  year MOD 100;
        d  :=  b DIV 4;
        e  :=  b MOD 4;
        f  :=  ( b + 8 ) DIV 25;
        g  :=  ( b  f + 1 ) DIV 3;
        h  :=  ( 19 * a + b  d  g + 15 ) MOD 30;
        i  :=  c DIV 4;
        k  :=  c MOD 4;
        l  :=  ( 32 + 2 * e + 2 * i  h  k ) MOD 7;
        m  :=  ( a + 11 * h + 22 * l ) DIV 451;
        Easter :=  h + l - 7 * m + 22;
      END{FUNC};
    </pre>

  </body>
</html>

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Anmerkung: Handschriftsetzer, die ihr Handwerk meisterlich beherrschten, glichen kritische Buchstabenkombinationen in kleinen Schriftgraden (Konsultationsgrößen) sogar mit Seidenpapier aus.
2.Anmerkung: Bei gebrochenen Schriften gibt es in der Regel aufgrund der komplizierten Typometrie kaum oder keine innerfamilären Auszeichnungsschnitte, beispielsweise gibt es keine kursiven Frakturschnitte.
3.Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen verfügbar unter http://www.w3c.de/about/ (12.12.2015).
4.Quelle: Wacker, Swen, SELFHTML, Kiel. Verfügbar auf dem Server der Uni Hamburg unter http://www3.physnet.uni-hamburg.de/physnet/selfhtml81/editorial/impressum.htm (12.12.2015).