Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Textura
Textur

Höchstentwickelte kalligraphische Buchschrift der Gotik. » Prototype « der Typographie.
Schriftart; Untergruppe, die gemäß der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung der Gebrochenen Schriften gehört.

Im variationsreichen paläographischen Kaleidoskop der Gebrochenen Schriften nimmt die Textura, die als liturgische Hauptbuchschrift der Gotik bezeichnenderweise auch Missal- oder Psalterschrift genannt wird, eine zentrale Stellung ein. Sie entwickelt sich um 1300 aus der frühgotischen Minuskel und gehört bis zum Ende des 15. Jahrhunderts gemeinsam mit der Rotunda zu den kalligraphischen Hochformen der » Littera textualis formata «.

Der Terminus » Textura « geht auf das 12. Jahrhundert zurück und soll das dicht geschlossene, texturartig verwobene Schriftbild einer handgeschriebenen gotischen Buchseite veranschaulichen. Augenfällige Merkmale der Textura sind die gebrochenen Rundungen, die an Spitzbögen der gotischen Kathedralarchitektur erinnern, sowie das filigrane Wechselspiel von Haar- und Schattenstrichen, beide bedingt durch die Verwendung eines Federkiels anstelle des pflanzlichen Schreibrohres (Kalamos). Charakteristisch ist auch die Betonung der Vertikale durch die Streckung der Buchstabenschäfte und die sich immer deutlicher ausprägende Tendenz, die Gabelungen am Ansatz zu einer kantigen Verstärkung umzuformen, deren Resultat schließlich auf die Spitze gestellte Quadrate oder Rechtecke sind.

Auch wenn die Textura eine strukturell sehr einheitliche Schrift ist, zeigt ihr Duktus doch künstlerisch-graphische Modifikationen. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nennt der deutsche Kalligraph » Johann von Hagen « aus Bodenwerder als Spielformen beispielsweise eine lockere Textura mit abgerundeten Füßchen (» textus rotundus «), eine Textura mit scharf gebrochenen Füßchen (» textus semiquadratus «), sowie eine kompliziert auszuführende und darum nur für Luxushandschriften verwendete Textura mit horizontal zugeschnittenen Füßchen (» textus prescisus vel sine pedibus «); die klassische Form bezeichnet Hagen als » Quadrattextur « (» textus quadratus «), weil ihr Charakteristikum die an Kopf und Fuß des Schaftes auf die Spitze gestellten Quadrate sind.

Beginnend mit Johannes Gutenberg (um 1400–1468) wird die Textura buchstäblich zur Prototype der deutschen Druckschriften. Vorbildwirkung haben neben den spätgotischen Manuskripten auch die sogenannten » Blockbücher « oder » xylographischen Kodizes «, die im Holzschnittverfahren hergestellt wurden. Innerhalb weniger Jahre perfektioniert Gutenberg die Urtype der Ablaßbriefe und die Donat-Kalender-Type zur Quadrattextur, mit der 1454 in der Gutenberg-Fustschen Offizin die 42zeilige Bibel traditionsgemäß im für liturgische Werke üblichen zweispaltigen Satz gedruckt wird.

Gutenbergs Quadrattexturatype zeigt alle Merkmale dieser Minuskelschrift in ausgeprägter Form: das schmale, gitterartige Textbild mit hoher Letterndichte, die Brechung der Bogen, die Quadrangeln an den oberen und unteren Abschlüssen der Mittelschäfte und die geringe Betonung der Oberlängen, das zweibäuchige a, die quadratischen Füßchen und die Vielzahl der Ligaturen und Abbreviaturen. Charakteristisch ist auch das höchstwahrscheinlich von Petrus Schöffer (um 1425–1502/1503) kalligraphisch formvollendete System der Anschlußbuchstaben und das dadurch erzielte geometrisch geschlossene Schriftbild ohne störende weiße Flächen zwischen den Lettern.

Obwohl als Textschrift schon bald durch die Entwicklung der Gotico-Antiqua und besonders der venezianischen Antiqua konkurrenziert, kann die Textura als
Auszeichnungsschrift für Titel und Kapitelüberschriften ihre Dominanz bis weit über das Ende der Inkunabelzeit um 1500 hinaus behaupten, in den Niederlanden als » Nederlandtsche Textur « sogar bis in den Barock.

[T] Das typographische Mittel » Text « geht auf die von Johannes Gutenberg verwendete Textura zurück.
[L] Otto Mazal, Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.07.2007
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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