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Tironische Noten
Tironiana

Römisches Kurzschriftsystem. In der Paläographie auch als »Tironiana« bezeichnet. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert von Marcus Tullius Tiro (um 103–4 v.Chr.) entwickelt. Tiro war in seiner Jugend Sklave im Hause des römischen Dichters, Redners und Staatsmanns Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.) gewesen, wurde aber dank seiner Intelligenz und Gelehrigkeit bald zu dessen Privatsekretär und schließlich sogar aus der Sklaverei entlassen.

Im Rang eines professionellen Schreibers, damals eine Stellung mit sehr hohem sozialen Ansehen, notierte Tiro hauptsächlich die Protokolle der in Volksversammlungen oder vor dem Senat gehaltenen Reden römischer Politiker. Tiro und Cicero blieben einander zeitlebens freundschaftlich verbunden und nach dem Tod seines berühmt-berüchtigten Mentors verfaßte Tiro die erste Biographie über Cicero. Diese ist zwar nicht original erhalten, wurde jedoch von Plutarch als Hauptquelle für dessen »Vita Ciceronis« oft zitiert. Tiro war auch der erste Herausgeber von Ciceros Reden und Briefen.

Marcus Tullius Tiros bedeutender Beitrag zur westeuropäischen
Schriftgeschichte ist seine Verbesserung eines lediglich rudimentär überlieferten, aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert stammenden Tachygraphiesystems des Dichters Quintus Ennius (geboren 239 v.Chr. in Rudiae, Kalabrien, gestorben 169 v.Chr.). Ennius soll übrigens die beiden Abbreviaturen M für Mille (Tausend) und C für Centum (Hundert) erfunden haben, wie Isidor von Sevilla um 620 in seiner zwanzigbändigen Enzyklopädie des gesamten Wissens jener Zeit »Originum seu etymologiarum libri XX« berichtet.

Der erste Nachweis der »notae Tironianae« ist aus dem Jahr 63 v.Chr. überliefert, als Tiro die Rede des jüngeren Cato gegen den putschenden Catilina mitschrieb. Tiro hat, um das gesprochene Wort quasi »synchron« festzuhalten, alle Möglichkeiten zur vereinfachten Darstellung ausgeschöpft; in systematischer Kombinatorik von bereits üblichen mit neuen Abbreviaturen, von
Graphemkürzungen mit Strichen, Punktierungen und Durchkreuzungen entwickelte er ein 4.000 Zeichen umfassendes Repertoire, das von seinen Schülern Vipsanius Filagrius und Aquila noch erweitert wurde. Seneca verfaßte ein erstes kommentiertes Lexikon mit 5.000 unterschiedlichen Noten.

Diese spezielle Schreibkunst nach Tiro wurde in den römischen Schulen gelehrt und war im Altertum weit verbreitet. Auch Caesar hat sie beherrscht. Die frühchristlichen Konzilien wurden ebenso in »Tironischen Noten« protokolliert wie die Predigten des Augustinus. Die sogenannten »Notare« hatten auch ihren eigenen Heiligen, Cassian von Imola, der als Schriftenlehrer in Rom während der Christenverfolgungen unter Diokletian von seinen Schülern erstochen worden war - mit Schreibgriffeln.

Im Mittelalter umfaßte Tiros Schrift über 13.000 – auswendig zu lernende – Noten und wurde vor allem in klösterlichen Skriptorien gepflegt, wie etwa im Martinskloster zu Tours, das bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts eine der wichtigsten Gelehrtenschulen des karolingischen Kulturraumes beherbergte; das Korrigieren, Exzerpieren und Kommentieren waren typische Tätigkeiten, bei denen die »Tironiana« zum Einsatz kamen.

Aus offiziellen Urkunden (Diplomatik) der Hofkanzleien wurden sie erst um das Jahr 1100 verbannt. Die Besinnung auf die Kultur der Antike zu Beginn der Renaissance führte zur Wiederbelebung der Tironischen Noten durch den deutschen Humanisten Johannes Trithemius und in der Folge auch in der Typographie zur Ausbildung eines umfangreichen Repertoires an Kürzeln, Schriftkürzungen und Abbreviaturen.

Mit fortschreitender Entwicklung der eigentlichen Stenographie ausgehend von England verloren die Tironischen Noten ab dem 17. Jahrhundert ihren praktischen Wert. Sie sind heute nur noch für die Schriftgeschichte von Bedeutung. Um das Jahr 2000 hat der deutsche Paläograph Martin Hellmann das komplette Tironische Zeicheninventar in digitaler Form erschlossen; für die Wiedergabe der Tironiana entwickelte Hellmann den elektronischen Zeichensatz »Liutramnus«, benannt nach einem Schreibmönch im Skriptorium von Tours.

[L] Herbert Boge: Griechische Tachygraphie und Tironische Noten. Ein Handbuch der antiken und mittelalterlichen Schnellschrift, Berlin 1973.
[L] Emile Châtelain: Introduction à la lecture des notes tironiennes, Paris 1900.
[L] Luigi Schiaparelli: Tironische Noten in den Urkunden der Könige von Italien aus dem 9. und 10. Jahrhundert, Archiv für Stenographie 57, 1906.
[L] Arthur Mentz: Die tironischen Noten. Eine Geschichte der römischen Kurzschrift. Berlin 1944.
[L] José López de Toro: Abreviaturas Hispanicas, Madrid 1957.
[L] Martin Hellmann: Tironische Noten in der Karolingerzeit am Beispiel eines Persius-Kommentars aus der Schule von Tours, Dissertation 1999 an der Uni Heidelberg, publiziert bei Hahn, Hannover 2000.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 06.03.2011
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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