Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Typograph/in
Definition, Entwicklung und Wandel

Berufsgattung, zu der Berufsgruppen gehören, die sich handwerklich, gestalterisch, technisch oder philologisch mit
Typographie befassen. Im ursprünglichen Sinn der Renaissance »Buchdruckkünstler«. Der erste »Typograph« war der Mainzer Freimeister und Inkunabeldrucker Johannes Gutenberg (um 1400–1468). Die erste Generation der Typographen wird in der Paläotypie als Prototypographen bezeichnet.

Etymologisch leitet sich das Wort »Typo-« vom altgriechischen »typos« her, das eigentlich »Schlag, Stoß«, später auch »Eindruck, Muster, Bild« bedeutet, analog zu »typtein« für »schlagen, hauen«, als Ursprung für das lateinische »typus«, das dann »Figur, Bild, Muster« meint; das Affix »-graph« (in Zusammensetzungen mit den Bedeutungen »Schrift, Geschriebenes« z.B. Autograph, und »Schreiber«, z.B. Stenograph) wurde vornehmlich in griechischen Entlehnungen ins Deutsche übernommen; sein Ursprung ist gr. »-gráphos« als Nomen agentis und Adjektiv zu gr. »gráphein« für »ritzen, schreiben«. Allograph »Typograf«.
 
In gedruckter Form ist das Wort »Typographus« (neulateinisch »typographus« für »Drucker«) erstmals 1488 in der Einleitung zum »Astronomicon« des römischen Poeten und Astrologen Marcus Manilius (1. Jahrhundert n.Chr.), einer Inkunabel aus der Mailänder Offizin von Antonio Zarotto (1450-1510) nachweisbar. Ein Indiz für die Hypothese, dass die erst mit der »nova latinitas«, also dem »Neulatein« der Renaissance aufkommende und direkt dem Griechischen entlehnte Nomenklatur »Typographia, Typographus« ihren Ursprung im Mailänder Humanistenkreis um den byzantinischen Gelehrten Konstantin Laskaris [1] haben dürfte.

In den frühen deutschen und venezianischen Inkunabeln finden sich dagegen überwiegend die vom klassisch-lateinischen »imprimere« für »ein-, hinein-, aufdrücken« abgeleiteten neulateinischen Bezeichnungen »impressor« für »Drucker, Buchdrucker« und »ars impressoria« für »Buchdruckerkunst«. Mit den Druckwerken aus der Offizin des
Aldus Manutius um 1500 wird der Begriff »Typographus« allmählich geläufiger und immer häufiger scheint er im Verlauf des 16. Jahrhunderts in einem Impressum unmittelbar neben dem Namen des Druckers als konkrete Berufsbezeichnung auf. Ab dem 17. Jahrhundert ist diese aus dem Humanismus stammende Wortschöpfung fixer Bestandteil des Gelehrten-Vokabulars [2].

Der semantische Bedeutungsgehalt des Begriffs »Typograph« entwickelte sich in Deutschland, Italien und Frankreich von 1450 bis 1500, also während der sogenannten Inkunabelzeit, aus unterschiedlichen Berufsbildern und Motiven. So gab es einerseits den bildungspolitisch agierenden, humanistischen Universalgelehrten und »Künstler-Ingenieur«, der die Typographie auch als Möglichkeit betrachtete, Ideen und Wissen maschinell zu reproduzieren; zu dieser multidisziplinären Gruppe gehörten beispielsweise
Petrus Schoeffer (1425–1502/1503), Aldus Manutius (1449/50-1515) und Geoffroy Tory (1480-1533). Später waren es beispielsweise John Baskerville (1706–1775), Pierre Simon Fournier (1712-1768), Giambattista Bodoni (1740-1813), Firmin Didot (1764–1836), Frederic Goudy (1865-1947), Morris Fuller Benton (1872-1948), Hermann Berthold oder auch Jan Tschichold (1902–1974), die in der einen oder anderen Personalunion als Gelehrte, Autoren, Lehrende, Editoren, Buchgestalter, Graphic Designer, Kalligraphen, Illustratoren, Schriftentwerfer, Schriftschneider, Schriftgießer, Schriftsetzer, Drucker, Konstrukteure, Ingenieure, Techniker, Verleger und Unternehmer wirkten.

Und es gab bereits seit der
Prototypographie den Spezialisten, der sich auf ein spezielles handwerkliches Segment konzentrierte, um seine Kunstfertigkeit darin zu perfektionieren. Zu dieser Gruppe gehörten beispielsweise der deutsche Buchdrucker Erhard Ratdolt (1447-1527), der italienische Schriftschneider Francesco Griffo (o.A.-1518), die französischen Schriftschneider und Gießer Claude Garamond (1498/99-1561) und Robert Granjon (1513-1589) oder der britische Schriftschneider und -gießer Vincent Figgins (1766-1844).
 
Mit zunehmender Technisierung, Ökonomisierung und Spezifizierung der Arbeits- und Produktionsbedingungen im Zuge der »industriellen Revolution« (Friedrich Engels, 1845) während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine neue, proletarische Definition des Begriffs »Typograph«, die bis in die späten 1980er Jahre ihre Gültigkeit behielt. Über 150 Jahre lang verstand man darunter nur noch den Beruf des »proletarischen Schriftsetzers« [3] oder, wie der Duden leider bis heute noch – in seiner 24. Auflage – falsch erklärt, eine mechanische »Zeilensetzmaschine«. Nebenbei bemerkt, wurde die letzte Satz- und Gießmaschine (Modell UB) mit diesem Namen von der »Berliner Typograph GmbH Setzmaschinenfabrik« 1965 vertrieben.

Der »Beruf« des Typographen war bis Ende des 20. Jahrhunderts in der Regel nur Männern vorbehalten. Dies hat sich in der extrafakultären Kunst während der 1890er bis 1920er Jahren, an den Akademien, Hochschulen und Fachhochschulen etwa seit den 1930er bis 1970er Jahren und im Handwerk erst ab den 1980er Jahren geändert.

Heute wird der Begriff Typograph/in überwiegend als periphere Bezeichnung für eine Person verwendet, die sich professionell mit dem materiell oder digital reproduzierbaren Schriftbild als solchem beschäftigt. Dies können heute u.a. Schriftgestalter, Grafikdesigner, Kommunikationsdesigner, Webdesigner, Polygraphen, Mediengestalter, Typographische Gestalter, Architekten, Kulturwissenschaftler oder Informatiker sein. Die Berufsgruppe der »Drucker« gehört heute nicht mehr zu dieser Berufsgattung.

[1] Konstantin Laskaris (geboren 1434 in Konstantinopel, gestorben 1501 in Messina), ein Nachfahre der byzantinischen Kaiser von Nicäa, war einer der bedeutendsten Gelehrten der Renaissance. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) kam er auf Vermittlung des Kardinals Bessarion nach Italien ins Exil und 1460 an den Mailänder Herzogshof, wo er von Francesco Sforza zum Hauslehrer für dessen Tochter Hippolyta ernannt und rasch zum Mittelpunkt eines Zirkels von Humanisten wurde. Laskaris lehrte an den Universitäten von Rom und Neapel, ab 1466 bis zu seinem Tod auch in Messina, wo Pietro Bembo zu seinen Studenten gehörte. Konstantin Laskaris war u.a. der Verfasser der griechischen Grammatik »Erotemata«, die 1476 in der Mailänder Offizin des Dionysius Paravisinus als erstes Werk vollständig in griechischen Lettern, geschnitten vom Kreter Demetrius Damilas, gedruckt wurde. Der erste Nachdruck dieses Standardwerks der griechischen Sprache erschien 1495 in der Offizin von Aldus Manutius, als dessen erster Druck überhaupt, ediert von Pietro Bembo und in Typen von Francesco Griffo. Die Majuskeln der zweiten in diesem Druck verwendeten Type, einer noch etwas rudimentären Antiqua, wurden als Vorlagen für einen neuen Schnitt benützt, mit dem Aldus den Traktat »De Aetna« von Pietro Bembo druckte. Diese legendäre »Bembo-Type« leitete die neue Gruppe der sogenannten »Antiqua des Aldinischen Typs« ein.
[2] Johannes Kepler etwa schreibt in seinem Werk »De stella nova«, Frankfurt/Prag 1606: »Nach der Geburt der Typographie wurden Bücher zum Gemeingut«. Der bayrische Jesuit Michael Pexenfelder (1613-1685) publizierte 1670 in Nürnberg bei Michael und Friedrich Endter den »Apparatus eruditionis tam rerum quam verborum per omnes artes et scientias«, einen hundert Kapitel umfassenden systematischen Grundriß des Wissens, das an Lateinschulen des 17. Jahrhunderts, insbesondere Jesuitengymnasien, vermittelt wurde. Die Kapitel 49 bis 60 sind den Freien Künsten gewidmet, darunter das Capitel L explizit den »Litterae, Charta, Scriptura Libri, cum administratoriis artibus«, in dem ausführlichst die Typographie und die wichtigsten Druckschriften erläutert werden. Im Anhang des »Apparatus eruditionis« findet sich ein lateinisch-deutscher Index mit den folgenden Begriffserklärungen und Übersetzungen: typus für Form, Modei für Vorbild, patron für die Bilder, typographus für Buchdrucker, typographium für Buchdruckerey, typographia für die Kunst und typotheta für Buchstabensetzer.
[3] Schriftsetzer wurden während der Epoche der großen Industrieschriftsetzereien des 19. und 20. Jahrhunderts von anderen Arbeitern salopp auch als »Stehkragenproletarier« bezeichnet, weil ein (Hand-)Schriftsetzer während der Arbeit (im Stehen) meist ein weißes Hemd mit »Stehkragen« und Krawatte trug, um sich so von den anderen Arbeitern im Betrieb abzugrenzen. Dazu gehörte natürlich auch der gewerbespezifische Sprachschatz, der alleine im Satzbereich einer Offizin weit über tausend historische und aktuelle Begriffe umfassen konnte.
[L] G. Bologna, Le cinquecentine della Bibliteca Trivulziana, II, le edizione lombarde, Comune di Milano, Allegretti, Milano 1966.
[L] Gedeon Borsa, Clavis typographorum librariorumque Italiae 1465-1600, work in progress seit 1980.
[L] Konrad Haebler, Die Erfindung der Buchdruckerkunst und ihre Ausbreitung in den Ländern Europas. Mainz 1930.
[L] Konrad Haebler, Handbuch der Inkunabelkunde. Neudruck, Stuttgart 1966.
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Giesecke, Michael: Als die alten Medien noch neu waren, Frankfurt 1990.
[L] Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, Frankfurt 1991.
[L] Vilém Flusser: Die Schrift, Hat Schreiben Zukunft?, European Photography, Göttingen 1989–2002, ISBN 3-923283-59-8.
[L] Werner Rolevinck: Fasciculus temporum omnes antiquorum cronicas complectens, deutsche Ausgabe, Basel, 1481.
[L] Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1958.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 11.02.2007
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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