Typolexikon.de : Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie : Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin.
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Typographischer Punkt
Point typographique, Didot-Punkt, Pica Point, PostScript Point

Typographisches Maßsystem; im gewerbespezifischen Sprachschatz auch als » Punkt « abgekürzt. Ursprünglich als » Point typographique « bezeichnet. Der typographische Punkt ist die kleinste Einheit eines typographischen Punkt-Systems, dass Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich aus einem unmetrischen und duodezimalen Maßsystem zur einheitlichen Größenbestimmung von Buchstaben bzw. Schriftgraden und Abständen hervorgegangen ist. Dieser typographische Punkt hat nichts mit dem orthographischen Punkt zu tun.

Das typographische Punkt-System geht auf den Pariser Typographen Pierre Simon Fournier (1712–1768) zurück. Als Ausgangsmaß wählte er zwölf
Cicero, das etwa zwei Zoll des damaligen Landesmaßes, des » Pied de roi « (französisch für Königsfuß), maß. Inspiriert von der englischen Zollteilung unterteilte Fournier dieses Maß dann in zwei Teile mit je zwölf Linien. Ein Sechstel einer Linie bestimmte er als kleinste Einheit, dem » Point typographique «. Aus Rücksicht auf bereits bestehende Schriftgrade, insbesondere auf die weit verbreiteten Cicero-Schriftvarianten, hatte er nur die Unterteilung des Landesmaßes übernommen. Der » Pied de roi « entsprach 32,49 cm. Fourniers » Point typographique « war somit nicht mit dem » Pied de roi « kompatibel und besaß auch keine amtliche Bezugsgröße.

1790 beschloss der französische Nationalkonvent – nach einer langen öffentlichen Diskussion – das staatliche Messwesen zu reformieren. Er beauftragte deshalb die Akademie der Wissenschaften, ein neues Einheitensystem auf der Grundlage geeigneter physikalischer Größen auszuarbeiten. Joseph Lagrange und Claude de Berthollet empfahlen daraufhin u.a. die Einführung des Dezimalsystems.

Dieser nationale Reformwille inspirierte vermutlich auch um 1789–1795 den Typographen François Ambroise Didot und seinen Sohn Firmin Didot, den » Point typographique « von Fournier dem » Pied de roi « anzugleichen und auf 0,376065 mm festzulegen. Didots Punkt war nun etwas größer als der bisherige; 11 Didot-Punkte entsprachen 12 Fournier-Punkten.

Das Didot-Punkt-System löste dann in Westeuropa das Fournier-Punkt-System ab. Die kleinste typographische Maßeinheit war fortan der » Didot-Punkt « und das Maßsystem das » Didotsche Maßsystem «. 1879 wurde der Didot-Punkt vom deutschen Typographen Hermann Berthold (1831–1904) und Wilhelm Foerster (1832–1921) im Auftrag der Vereinigung der deutschen Schriftgießerein auf 0,376 mm abgerundet.

In den USA wurde das Fournier-System weiterhin benutzt und verschmolz im 19. Jahrhundert mit dem britischen Caslon-System zum Pica Point System. Seit der Etablierung des PostScript-Systems, in Deutschland von 1985 bis 1994, benutzt man in Westeuropa überwiegend auch die angloamerikanische Maßeinheit » Pica Point « (traditionell) und » PostScript Point « (Adobe Systems ®). Ein Pica Point misst 0,351 mm. Ein Pica-Punkt ist also um 0,025 mm kleiner als ein Didot-Punkt.


Umrechnungstabelle

1 Didot-Punkt = 0,376 mm
1
Cicero (Mittel) = 12 Didot-Punkte = 4,512 mm

1 Pica Point = 0,35147 mm (gerundet 0,351 mm)
1 Pica Point = 1/72,27 Inches
1 Pica Point = 0.013837 inch
1 Pica Point = 0,93457 Didot-Punkt
1,00375001 Pica Point = 1 PostScript Point

1 Pica = 4,2176 mm (gerundet 4,216 mm)
1 Pica = 1/6 inch
1 Pica = 12 Pica Point

1 PostScript Point (DTP-Punkt von Adobe ®) = 1,00375001 Pica Point

1 Inch = 25,399 mm (gerundet 25,4 mm bzw. 2,54 cm)
1 Zoll = 6 Pica = 25,4 mm

1 mm = 2,66 Didot-Punkt
1 mm = 0,237 Pica
1 mm = 2,846 Pica Points
1 mm = 0,0394 Inches

[T] Schriftgrade können nur relativ sein, da verbindliche Bemessungsgrundlagen für Schriftgrößen im Sinne der Metrologie und der Typometrie nicht existieren.
[T] Die Divergenz bei Typometern, Software, Peripheriegeräten (RIPs) etc. ist – trotz oft gleich lautender Termini und Größen – gravierend.
[T] Schriftgrade, die auf Benutzeroberflächen dargestellt werden, sind noch » relativer « als gedruckte Schriftgrade, egal welche Maßeinheit verwendet wird.
[T] Schriftgrade auf Benutzeroberflächen sind insbesondere systemabhängig, wie bispielsweise das » Windows/Mac Font-size-Problem «. Windows berechnet die Bildschirmauflösung mit 96 dpi (dot per Inch = Punkte per Zoll) und Apple mit 72 dpi. Als weitere Variable gilt die physische Größe des Bildschirms und die verwendete Auflösung. Weitere Variablen sind u.a. unterschiedliche Browser.
[T] Pica-, Didot- oder PostScript-Punkt: Alle drei Punkt-Systeme sind heute in Europa gebräuchlich und in jeder professionellen Schriftsatz-Software (z.B. Adobe InDesign ®) kalibrierbar, wobei der » PostScript Point « von Adobe ® (DTP-Punkt) nicht mit dem klassischen » Pica Point « zu verwechseln ist. Ein traditioneller Pica Point misst 1/72,27 Inches, ein PostScript Point 1/72 Inches.
[T] Die Feststellung, dass der » Pica Point « kleiner als der » Didot-Punkt « ist, ist insofern wichtig, um typographische Maßeinheiten und Lesetests in der kontinentaleuropäischen Fachliteratur im materiellen Schriftsatz korrekt zu interpretieren. Gleiches gilt natürlich auch für typographische Messinstrumente, wie zum Beispiel für Typometer oder für Durchschusstabellen. So kann sich zum Beispiel über die Länge einer DIN A4-Seite der Unterschied zwischen dem typographischen Maß eines Didot-Punkts und dem eines Pica Points mit bis zu fünf Textzeilen bemerkbar machen.
[T] Während der prädigitalen Schriftsatzperiode gab es in den USA viele unterschiedliche Pica-Point-Systeme, beispielsweise von IBM ®, welche in ihrer Metrik stark divergierten.
[T] Der Typograph Jan Tschichold rechnete den typographischen Didot-Punkt wie folgt um: Ein Punkt ist 0,3759 mm; 2660 Punkte sind ein Meter; 12 Punkte bilden ein Cicero; vier Cicero oder 48 Punkte sind eine Konkordanz.
[T] In Deutschland ist offiziell das metrische System, also die Angaben in mm, cm bzw. Meter bindend.
[T] Obwohl Lese-, Gleitsichtbrillen und Mehrstärken-Kontaktlinsen eine Presbyopie (Alterssichtigkeit, beginnend ca. ab dem 40. Lebensjahr) erfolgreich ausgleichen können, sollte bei der typographischen Gestaltung daran gedacht werden, dass in der Hektik des Alltags nicht immer eine Lesebrille parat ist. Kleine Schriftgrade sind zwar hübsch, aber für die meisten » Über40jährigen « nur schwer oder nicht lesbar.

Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.11.2008
von
Wolfgang Beinert




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Quelle: © Wolfgang Beinert, Typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie
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