Typolexikon.de. Das Lexikon der westeuropaeischen Typographie. Herausgegeben von Wolfgang Beinert, Berlin. Online seit 2002. Nec scire fas est omnia.
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Typometrie

Letternarchitektur; Buchstabenkonstruktion; Zeichen(geo)metrie. Segment der Schriftgestaltung (Schriftentwurf, Type Design), welches die gestaltlichen Gesetzmäßigkeiten und Größenbeziehungen zwischen Linien, Schriftlinien und Flächen behandelt, die zur Konstruktion von Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen notwendig sind.

Der Terminus »Typometrie« ist als neu interpretiertes Determinativ-Kompositum eine Zusammensetzung aus den altgriechischen Wurzelnomen »typos« (ursprünglich Schlag, Stoß, Eindruck, später auch Type im Sinne von Druckbuchstabe) und »-metrie« als Suffix zur Bildung von Substantiven zur Bezeichnung von Wissenschaften mit der Bedeutung »Messung, Vermessung« bzw. »metron« für »Maß«. Diese neu interpretrierte Wortschöpfung von Wolfgang Beinert bezeichnet also in ihrer konkreten Bedeutung von »Letternvermessung« die elementare, jahrhundertelang von Schriftentwerfern praktizierte Technik der exakten geometrischen Konstruktion von Buchstaben, die obwohl unabdingbare »conditio sine qua non« in der offiziellen Terminologie bislang fehlte und nunmehr definiert und historisch-bibliographisch dokumentiert in den typographischen Diskurs eingebracht wird [1].

Die Wiederentdeckung der antiken Kultur durch die italienischen Humanisten der Renaissance belebte auch das Interesse an den griechischen und römischen Schriftstilen. Inspiriert von der Epigraphik der Römer und ihrer archetypischen Capitalis monumentalis auf der Trajans-Säule ( Trajanisches Alphabet) entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erste systematische Anleitungen zur geometrisch exakten Konstruktion von Buchstaben. Vor allem die neuen »Künstler-Ingenieure« der Renaissance – beispielsweise Ruano, Amphiareo, Fugger, Tory, Dürer, Torniello, Pacioli, da Moile, da Vinci und Feliciano – orientierten sich am Vorbild dieser mit Zirkel und Lineal, die in der Metrologie zu den ersten analogen Messinstrumente zählen, skizzierten Modellalphabete, die auch mathematisch oft den idealen »göttlichen« Proportionen des Goldenen Schnitts entsprachen.

Die erste überlieferte, noch handschriftliche Abhandlung zur typometrischen Rekonstruktion der römischen Kapitale ist das heute im Vatikan aufbewahrte »Alphabetum Romanum« aus dem Jahr 1463, ein in Verona verfaßtes Manuskript des italienischen Kalligraphen und Inkunabeldruckers Felice Feliciano. 1466 druckte die universitätseigene Offizin der Pariser Sorbonne »De caracteribus institutio« von Guillaume Fichet und 1470 erschien das »Alphabetum« des Damiano da Moile in Parma. 1509 folgte dann die berühmte »Divina Proportione« von Luca Pacioli, der Fibonaccis geniale, aus dem 12. Jahrhundert stammende Studien zum Goldenen Schnitt auf die Letternkonstruktion anwandte. Ein Traktat von Francesco Torniello, »Opera del modo de fara le littere maiuscole antique, con mesura de circino & resone de penna«, wurde 1517 gedruckt. Das Werk »La operina de Ludouico Vicentino, da imparare 'di scrivere' littera Cancellarescha« des Ludovico degli Arrighi, das speziell den Guß und Druck der sogenannten »Kanzleischrift« behandelte, datiert von 1522.

1525 erschien dann Albrecht Dürers epochale »Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, ebenen und gantzen corporen, durch Albrecht Dürer zusammen getzogen und zu nutz allen kunstliebhabenden mit zugehörigen figuren in truck gebracht im jar MDXXV«. Den dritten Teil seiner geometrischen Summa widmete er der Konstruktion von typographierten Initialen und erstmals auch den Minuskeln der gotischen Textura (explizit den Kleinbuchstaben der 1517 entwickelten »Fraktur«). Als Referenzsysteme verwendete Dürer Quadrate und kleine Kreise, nicht jedoch den bei seinen Vorgängern üblichen eingeschriebenen Kreis; auch der unseren modernen computergenerierten Schriftzeichen unterlegte Raster geht auf Dürer zurück.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Typographie war das 1529 in Paris durch Gilles de Gourmont gedruckte Hauptwerk von Geofroy Tory (des Mentors von Claude Garamond) mit dem poetischen Titel:« Champfleury. Auquel est contenu Lart & Science de la deue & vraye Proportion des Lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres Antiques, & vulgairement Lettres Romaines proportionnées selon le Corps & Visage humain ». Tory kritisierte darin die starren Proportionsregeln von Luca Pacioli, die der schöpferischen Individualität zu wenig Spielraum ließen, und stellte ihnen den menschlichen Körper und das Antlitz als Bezugssysteme seiner sogenannten« construction anthropomorphique »gegenüber.

1531 erschien Giovanni Antonio Taglientes »Lo presente libro insegna La vera arte de lo excellente scrivere de diverse varie sorti de littere«, 1535 der »Thesauro de scrittori: opera artifisiosa laquale con grandissima arte si per pratica come per geometria insegna a scrivere diversa sorte littere...« von Sigismondo Fanti und 1540 schließlich das berühmte »Libro Nuovo« von Giambattista Palatino. Im selben Jahr 1540 wurde bei Venturino Roffinello in Venedig das Werk »Li diece libri della Pirotechnica« gedruckt, das erstmals die Drucktechniken, das Gießen der Buchstaben und deren Metallzusammensetzung behandelte; verfaßt wurde es vom Architekten und Büchsenmacher Vannoccio Biringuccio, der gemeinsam mit dem Deutschen (Georg Bauer) Agricola als Vater der Metallurgie gilt.

Das »Specimen characterum« von Conrad Berner (Konrad Berner), gedruckt zu Frankfurt 1592, beschließt diese Paläo-Bibliographie der frühesten Abhandlungen über die Konstruktion von Buchstaben. Als Addendum sei noch (wegen der Nennung des Begriffs »Typographie«) ein 1676 in London publiziertes Werk von Joseph Moxon mit dem Titel »Regulae trium ordinum Literarum Typographicarum« erwähnt. Moxon hat übrigens auch eines der frühesten Typographischen Maßsysteme entwickelt.

[1] Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff »Typometrie« auch kurzweilig für ein Verfahren benutzt, auf typographischem Wege Landkarten herzustellen. Dieser drucktechnische Begriff wurde aber vollständig durch die Chemitypie und andere photomechanische Reproduktionsverfahren verdrängt. Die frühere drucktechnische Interpretation konnte sich in der Fachliteratur nie etablieren und stand somit für eine sinngerechte Interpretation zur Disposition
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[L] Karen Cheng: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.
[L]
Jan Tschichold: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
[L] Frutiger, Adrian: Der Mensch und seine Zeichen, 1978, Vourier Verlag ISBN 3-925037-39-X.
[T] Peter Karow: Schrifttechnologie, Methoden und Werkzeuge, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, N.Y., ISBN 3-540-54918-8.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 06.09.2012
von
Wolfgang Beinert

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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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