Tironische Noten

Römi­sches Kurz­schrift­sys­tem. In der Paläo­gra­phie auch als »Tiro­ni­a­na« bezeich­net. Im ers­ten vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert von Mar­cus Tul­li­us Tiro (um 103–4 v.Chr.) ent­wi­ckelt. Tiro war in sei­ner Jugend Skla­ve im Hau­se des römi­schen Dich­ters, Red­ners und Staats­manns Mar­cus Tul­li­us Cice­ro (106–43 v.Chr.) gewe­sen, wur­de aber dank sei­ner Intel­li­genz und Geleh­rig­keit bald zu des­sen Pri­vat­se­kre­tär und schließ­li­ch sogar aus der Skla­ver­ei ent­las­sen.

Im Rang eines pro­fes­sio­nel­len Schrei­bers, damals eine Stel­lung mit sehr hohem sozia­len Anse­hen, notier­te Tiro haupt­säch­li­ch die Pro­to­kol­le der in Volks­ver­samm­lun­gen oder vor dem Senat gehal­te­nen Reden römi­scher Poli­ti­ker. Tiro und Cice­ro blie­ben ein­an­der zeit­le­bens freund­schaft­li­ch ver­bun­den und nach dem Tod sei­nes berühmt-berüch­tig­ten Men­tors ver­faß­te Tiro die ers­te Bio­gra­phie über Cice­ro. Die­se ist zwar nicht ori­gi­nal erhal­ten, wur­de jedoch von Plut­ar­ch als Haupt­quel­le für des­sen »Vita Cice­ro­nis« oft zitiert. Tiro war auch der ers­te Her­aus­ge­ber von Cice­ros Reden und Brie­fen.

Im Ausschnitt: Das tironische Et ist ein Kürzel für lateinisch et (und). Als einzige tironische Note wird diese heute noch in Irrland verwendet. Bildnachweis: Tironische Noten im Codex Casselanus aus dem 8. Jahrhundert, commons.wikimedia.org, gemeinfrei (18.12.2016).
Im Aus­schnitt: Das tiro­ni­sche Et ist ein Kür­zel für latei­ni­sch et (und). Als ein­zi­ge tiro­ni­sche Note wird die­se heu­te noch in Irr­land ver­wen­det. Bild­nach­weis: Tiro­ni­sche Noten im Codex Cas­sela­nus aus dem 8. Jahr­hun­dert, com​mons​.wiki​me​dia​.org, gemein­frei (18.12.2016).

Mar­cus Tul­li­us Tiros bedeu­ten­der Bei­trag zur west­eu­ro­päi­schen Schrift­ge­schich­te ist sei­ne Ver­bes­se­rung eines ledig­li­ch rudi­men­tär über­lie­fer­ten, aus dem zwei­ten vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert stam­men­den Tachy­gra­phie­sys­tems des Dich­ters Quin­tus Enni­us (gebo­ren 239 v.Chr. in Rudiae, Kala­bri­en, gestor­ben 169 v.Chr.). Enni­us soll übri­gens die bei­den Abbre­via­tu­ren M für Mil­le (Tau­send) und C für Cen­tum (Hun­dert) (sie­he Römi­sche Zah­len) erfun­den haben, wie Isi­dor von Sevil­la um 620 in sei­ner zwan­zig­bän­di­gen Enzy­klo­pä­die des gesam­ten Wis­sens jener Zeit »Ori­gi­num seu ety­mo­lo­giar­um libri XX« berich­tet.

Der ers­te Nach­weis der »notae Tiro­ni­a­nae« ist aus dem Jahr 63 v.Chr. über­lie­fert, als Tiro die Rede des jün­ge­ren Cato gegen den put­schen­den Cati­li­na mit­schrieb. Tiro hat, um das gespro­che­ne Wort qua­si »syn­chron« fest­zu­hal­ten, alle Mög­lich­kei­ten zur ver­ein­fach­ten Dar­stel­lung aus­ge­schöpft; in sys­te­ma­ti­scher Kom­bi­na­to­rik von bereits übli­chen mit neu­en Abbre­via­tu­ren, von Gra­phem­kür­zun­gen mit Stri­chen, Punk­tie­run­gen und Durch­kreu­zun­gen ent­wi­ckel­te er ein 4.000 Zei­chen umfas­sen­des Reper­toire, das von sei­nen Schü­lern Vip­sa­ni­us Filag­ri­us und Aqui­la noch erwei­tert wur­de. Sene­ca ver­faß­te ein ers­tes kom­men­tier­tes Lexi­kon mit 5.000 unter­schied­li­chen Noten.

Die­se spe­zi­el­le Schreib­kunst nach Tiro wur­de in den römi­schen Schu­len gelehrt und war im Alter­tum weit ver­brei­tet. Auch Cae­s­ar hat sie beherrscht. Die früh­christ­li­chen Kon­zi­li­en wur­den eben­so in »Tiro­ni­schen Noten« pro­to­kol­liert wie die Pre­dig­ten des Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen Augus­ti­nus von Hip­po (um 354–430).

Die soge­nann­ten »Nota­re« hat­ten auch ihren eige­nen Hei­li­gen, Cas­si­an von Imo­la (gestor­ben um 304), der als Schrif­ten­leh­rer in Rom wäh­rend der Chris­ten­ver­fol­gun­gen unter Dio­kle­ti­an von sei­nen Schü­lern ersto­chen wor­den war – mit Schreib­grif­feln.

Im Mit­tel­al­ter umfaß­te Tiros Schrift über 13.000 – aus­wen­dig zu ler­nen­de – Noten und wur­de vor allem in klös­ter­li­chen Skrip­to­ri­en gepflegt, wie etwa im Mar­tins­klos­ter zu Tours, das bis zur Mit­te des 9. Jahr­hun­derts eine der wich­tigs­ten Gelehr­ten­schu­len des karo­lin­gi­schen Kul­tur­rau­mes beher­berg­te; das Kor­ri­gie­ren, Exzer­pie­ren und Kom­men­tie­ren waren typi­sche Tätig­kei­ten, bei denen die »Tiro­ni­a­na« zum Ein­satz kamen.

Aus offi­zi­el­len Urkun­den (sie­he Diplo­ma­tik) der Hof­kanz­lei­en wur­den sie erst um das Jahr 1100 ver­bannt. Die Besin­nung auf die Kul­tur der Anti­ke zu Beginn der Renais­sance führ­te zur Wie­der­be­le­bung der Tiro­ni­schen Noten durch den deut­schen Huma­nis­ten Johan­nes Trithe­mi­us und in der Fol­ge auch in der Typo­gra­phie zur Aus­bil­dung eines umfang­rei­chen Reper­toires an Kür­zeln, Schrift­kür­zun­gen und Abbre­via­tu­ren.

Mit fort­schrei­ten­der Ent­wick­lung der eigent­li­chen Ste­no­gra­phie aus­ge­hend von Eng­land ver­lo­ren die Tiro­ni­schen Noten ab dem 17. Jahr­hun­dert ihren prak­ti­schen Wert. Sie sind heu­te nur noch für die Schrift­ge­schich­te von Bedeu­tung. Um das Jahr 2000 hat der deut­sche Paläo­gra­ph Mar­tin Hell­mann das kom­plet­te Tiro­ni­sche Zei­chen­in­ven­tar in digi­ta­ler Form erschlos­sen; für die Wie­der­ga­be der Tiro­ni­a­na ent­wi­ckel­te Hell­mann den elek­tro­ni­schen Zei­chen­satz »Liutram­nus«, benannt nach einem Schreib­mön­ch im Skrip­to­ri­um von Tours. 1 ) 2 ) 3 ) 4 )

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Boge, Her­bert: Grie­chi­sche Tachy­gra­phie und Tiro­ni­sche Noten. Ein Hand­buch der anti­ken und mit­tel­al­ter­li­chen Schnell­schrift, Ber­lin 1973.
2.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Schia­pa­rel­li, Lui­gi: Tiro­ni­sche Noten in den Urkun­den der Köni­ge von Ita­li­en aus dem 9. und 10. Jahr­hun­dert, Archiv für Ste­no­gra­phie 57, 1906.
3.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Mentz, Arthur: Die tiro­ni­schen Noten. Eine Geschich­te der römi­schen Kurz­schrift. Ber­lin 1944.
4.Lite­ra­tur­emp­feh­lung: Hell­mann, Mar­tin: Tiro­ni­sche Noten in der Karo­lin­ger­zeit am Bei­spiel eines Per­si­us-Kom­men­tars aus der Schu­le von Tours, Dis­ser­ta­ti­on 1999 an der Uni Hei­del­berg, publi­ziert bei Hahn, Han­no­ver 2000.