Typometrie

1. Geometrische Konstruktion von Schriftzeichen

Unter Typometrie versteht man heute die euklidisch-geometrische Konstruktion von Schriftzeichen. Letternvermessung; Zeichen(geo)metrie, Letternarchitektur. Segment der Schriftgestaltung (Schriftentwurf, Type Design), welches die gestaltlichen Gesetzmäßigkeiten und Größenbeziehungen (Proportionen) zwischen Linien, Schriftlinien und Flächen behandelt, die zur Konstruktion von Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen – unabhängig von den Spezifika der Schriftklassifikation – notwendig sind.

Der Terminus »Typometrie« ist als neu interpretiertes Determinativ-Kompositum eine Zusammensetzung aus den altgriechischen Wurzelnomen »typos« (ursprünglich Schlag, Stoß, Eindruck, später auch Type im Sinne von Druckbuchstabe) und »metrie« als Suffix zur Bildung von Substantiven zur Bezeichnung von Wissenschaften mit der Bedeutung »Messung, Vermessung« bzw. »metron« für »Maß«.

Diese im Jahre 2003 neu interpretrierte Wortschöpfung des Typographen Wolfgang Beinert  (*1960) bezeichnet in ihrer konkreten Bedeutung von »Letternvermessung« die elementare, jahrhundertelang von Schriftentwerfern praktizierte Technik der exakten geometrischen Konstruktion von Buchstaben, die obwohl unabdingbare »conditio sine qua non« in der offiziellen Terminologie bislang fehlte und nunmehr definiert und historisch-bibliographisch dokumentiert in den typographischen Diskurs eingebracht wird.

Modellalphabete der Renaissance

Die Wiederentdeckung der antiken Kultur durch die italienischen Humanisten der Renaissance belebte auch das Interesse an den griechischen und römischen Schriftstilen. Inspiriert von der Epigraphik der Römer und ihrer archetypischen Capitalis monumentalis auf der Trajans-Säule (Trajanisches Alphabet) entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erste systematische Anleitungen zur geometrisch exakten Konstruktion von Buchstaben.

Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. Es handelt sich hierbei um eine eingemeißelte Capitalis Monumentalis auf einer Marmortafel, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule« in Rom befindet. Infografik: www.typolexikon.de
Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. Es handelt sich hierbei um eine eingemeißelte Capitalis Monumentalis auf einer Marmortafel, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule« in Rom befindet.
Die Typometrie der römischen Majuskeln im Zweiliniensystem bestehen aus Geraden und Rundungen, bzw. den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Beispiel gesetzt aus der Trajan von Linotype. Infografik: www.typolexikon.de
Die Typometrie der römischen Majuskeln im Zweiliniensystem bestehen aus Geraden und Rundungen, bzw. den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Beispiel gesetzt aus der Trajan von Linotype.
Typometrische Studien aus der Zeit der Renaissance von Ferdinando Ruano (D), Vespasiano Amphiareo (Z), Wolfgang Fugger (H), Geoffroy Tory (I), Albrecht Dürer (X), Francesco Torniello da Novara (F), Luca Pacioli (Y), Damiano da Moile (B) und Felice Feliciano (P). Abbildungen: Unterschiedliche Quellen aus der klassischen typographischen und paläographischen Fachliteratur.
Typometrische Studien aus der Zeit der Renaissance von Ferdinando Ruano (D), Vespasiano Amphiareo (Z), Wolfgang Fugger (H), Geoffroy Tory (I), Albrecht Dürer (X), Francesco Torniello da Novara (F), Luca Pacioli (Y), Damiano da Moile (B) und Felice Feliciano (P). Abbildungen: Unterschiedliche Quellen aus der klassischen typographischen und paläographischen Fachliteratur.

Vor allem die neuen »Künstler-Ingenieure« der Renaissance – beispielsweise Ferdinando Ruano (o.A.–1560, Kalligraph an der Vatikanischen Bibliothek), Vespasiano Amphiareo (um 1490–1563, Kalligraph in Florenz und Venedig), Wolfgang Fugger (um 1515–1568, Kalligraph in Nürnberg), Geoffroy Tory (um 1480–1533, Kalligraph und Typograph in Paris), Albrecht Dürer (1471–1528, Maler, Grafiker, Mathematiker und Kunsttheoretiker in Nürnberg), Francesco Torniello da Novara (um 1490–1589, Typograph und Schriftschneider in Mailand), Luca Pacioli (um 1445–1514 oder 1517, Kalligraph, Mathematiker und Franziskanerpater in Italien), Damiano da Moile (um 1450–1500/1510, Buchbinder, Kalligraph und Typograph in Parma und Venedig), Leonardo da Vinci (1452–1519, Künstler und Universalgelehrter in Italien und Frankreich) und Felice Feliciano (1433–1479, Kalligraph in Rom) – orientierten sich am Vorbild dieser mit Zirkel und Lineal, die in der Metrologie zu den ersten analogen Messinstrumente zählen, skizzierten Modellalphabete, die sich mathematisch oft auch an der »proportio divina«, der göttliche Proportion (siehe Goldener Schnitt), orientierten.

Die erste überlieferte, noch handschriftliche Abhandlung zur typometrischen Rekonstruktion der römischen Kapitale ist das heute im Vatikan aufbewahrte »Alphabetum Romanum« aus dem Jahr 1463, ein in Verona verfaßtes Manuskript des italienischen Kalligraphen und Inkunabeldruckers Felice Feliciano.

1466 druckte die universitätseigene Offizin der Pariser Sorbonne »De caracteribus institutio« von Guillaume Fichet und 1470 erschien das »Alphabetum« des Damiano da Moile in Parma. 1509 folgte dann die berühmte »Divina Proportione« von Luca Pacioli (siehe Goldener Schnitt), der Leonardo Fibonaccis (um 1170–1240, Mathematiker in Pisa) geniale, aus dem 12. Jahrhundert stammende Studien zu den rekursiven Bildungsgesetzen (Fibonacci-Folge) auf die Letternkonstruktion anwandte.

Ein Traktat von Francesco Torniello da Novara, »Opera del modo de fara le littere maiuscole antique, con mesura de circino & resone de penna«, wurde 1517 gedruckt. Das Werk »La operina de Ludouico Vicentino, da imparare ‚di scrivere‘ littera Cancellarescha« des Ludovico degli Arrighi (1475 –1527, Kalligraph und Typograph in Rom) das speziell den Guß und Druck der sogenannten »Kanzleischrift« behandelte, datiert von 1522.

1525 erschien dann Albrecht Dürers epochale »Underweysung der messung mit dem zirckel un richtscheyt in Linien, ebenen und gantzen corporen, durch Albrecht Dürer zusammen getzogen und zu nutz allen kunstliebhabenden mit zugehörigen figuren in truck gebracht im jar MDXXV«. Den dritten Teil seiner geometrischen Summa widmete er der Konstruktion von typographierten Initialen und erstmals auch den Minuskeln der gotischen Textura (explizit den Kleinbuchstaben der 1517 entwickelten Fraktur). Als Referenzsysteme verwendete Dürer Quadrate und kleine Kreise, nicht jedoch den bei seinen Vorgängern üblichen eingeschriebenen Kreis; auch der unseren modernen computergenerierten Schriftzeichen unterlegte Raster geht auf Dürer zurück.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Typographie war das 1529 in Paris durch Gilles de Gourmont (1499–1533, Typograph in Paris) gedruckte Hauptwerk von Geofroy Tory (des Mentors von Claude Garamond) mit dem poetischen Titel:« Champfleury. Auquel est contenu Lart & Science de la deue & vraye Proportion des Lettres Attiques, qu’on dit autrement Lettres Antiques, & vulgairement Lettres Romaines proportionnées selon le Corps & Visage humain ». Tory kritisierte darin die starren Proportionsregeln von Luca Pacioli, die der schöpferischen Individualität zu wenig Spielraum ließen, und stellte ihnen den menschlichen Körper und das Antlitz als Bezugssysteme seiner sogenannten« construction anthropomorphique »gegenüber.

1531 erschien Giovanni Antonio Taglientes (um 1460–1528, Kalligraph und Verleger in Venedig) »Lo presente libro insegna La vera arte de lo excellente scrivere de diverse varie sorti de littere«, 1535 der »Thesauro de scrittori: opera artifisiosa laquale con grandissima arte si per pratica come per geometria insegna a scrivere diversa sorte littere…« von Sigismondo Fanti (um 1492–1527, italienischer Sprachgelehrter und Typograph) und 1540 schließlich das berühmte »Libro Nuovo« von Giambattista Palatino (1515–1575, Kalligraph und Schriftsteller in Rom). Im selben Jahr 1540 wurde bei Venturino Roffinello (Schaffensperiode um 1530-1559, Kalligraph Venedig und Mantua) in Venedig das Werk »Li diece libri della Pirotechnica« gedruckt, das erstmals die Drucktechniken, das Gießen der Buchstaben und deren Metallzusammensetzung behandelte; verfaßt wurde es von Vannoccio Biringuccio (1480–1537, Ingenieur, Architekt, Büchsenmacher und Chemiker in Rom), der gemeinsam mit Georgius Agricola (1494–1555, Gelehrter in Italien und Deutschland) als Vater der Metallurgie gilt.

Das »Specimen characterum« von Conrad Berner (Konrad Berner, o.A.–1626, Typograph und Schriftgießer in Frankfurt am Main), gedruckt zu Frankfurt 1592, beschließt diese Paläo-Bibliographie der frühesten Abhandlungen über die Konstruktion von Buchstaben. Als Addendum sei noch (wegen der Nennung des Begriffs »Typographie«) ein 1676 in London publiziertes Werk von Joseph Moxon (1627 – Februar 1691, Typograph und Hersteller von Globen und mathematischen Instrumenten in London) mit dem Titel »Regulae trium ordinum Literarum Typographicarum« erwähnt. Moxon hat übrigens auch eines der frühesten Typographischen Maßsysteme entwickelt.

Typometrie und Digitalität

Seit circa um 1995 der Personal Computer und das Desktop Publishing (DTP) weitgehend die optomechanischen Schriftsatzsysteme sowie den damals noch teilweise existierenden analogen Schriftsatz verdrängte, wird die Typometrie von Buchstaben und Sonderzeichen nahezu ausschließlich nur noch mit Font Editor Software konzipiert und generiert, beispielsweise mit Fontographer® und Fontlab® von FontLAP® oder FontForge®. 1 ) 2 )

Seit dem digitalen Paradigmenwechsel wird die Typometrie von Buchstaben nur noch selten händisch entworfen und gezeichnet, sondern ausschließlich mit Font Editor Software, beispielsweise mit FontForge® von George Williams aus Santa Barbara in Kalifornien, USA, kopiert, generiert, entworfen und bearbeitet. Um gegenwärtig Fonts herzustellen, sind also keine kalligraphischen und handwerklichen Fähigkeiten mehr nötig.
Seit dem digitalen Paradigmenwechsel wird die Typometrie von Buchstaben nur noch selten händisch entworfen und gezeichnet, sondern ausschließlich mit Font Editor Software, beispielsweise mit FontForge® von George Williams aus Santa Barbara in Kalifornien, USA, kopiert, generiert, entworfen und bearbeitet. Um gegenwärtig Fonts herzustellen, sind also keine kalligraphischen und handwerklichen Fähigkeiten mehr nötig.

2. Druck von Landkarten im Buchdruckverfahren

Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff »Typometrie« mutmaßlich vom deutschen Theologen, Kartographen und Geologen August Gottlieb Preuschen (1734–1803) kurzweilig für ein drucktechnisches Verfahren verwendet, um großformatige Landkarten und Pläne mit beweglichen Typen – also Landkarten ähnlich wie Bücher – herzustellen. 3 )

Ausschnitt einer Landkarte der Insel Sizilien vor 1850, die im typometrischen Verfahren gedruckt wurde. Als Autoren sind Wilhelm Haas, Gottlieb Preuschen und Alexis Hubert Jaillot benannt. Quelle: Universitätsbibliothek Bern, Schweiz, Magazin, Signatur MUE Ryh 4202:2.
Ausschnitt einer Landkarte der Insel Sizilien vor 1850, die im typometrischen Verfahren gedruckt wurde. Als Autoren sind Wilhelm Haas, Gottlieb Preuschen und Alexis Hubert Jaillot benannt. Quelle: Universitätsbibliothek Bern, Schweiz, Magazin, Signatur MUE Ryh 4202:2.

Dieser drucktechnische Begriff wurde jedoch nach kürzester Zeit vollständig durch die Chemitypie des Goldschmieds und kartographischen Illustrators Christian Actonius Theodorus Piil (1804–1884), 4 ) die Lithographie (Steinzeichnung) von Alois Senefelder (1771–1834) sowie neuen photomechanischen Reproduktionsverfahren verdrängt. Die frühere drucktechnische Interpretation des Terminus konnte sich in der Fachliteratur deshalb nie etablieren und stand somit für eine neue, sinngerechte Interpretation zur Disposition.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Cheng, Karen: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.
2.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952 und Folgejahre, ISBN-10: 3-473-61100-x oder ISBN-13: 978-3473611003.
3.Die Behauptung, dass August Gottlieb Preuschen diesen Begriff bzw. das Verfahren einführte, wurde allerdings 1791 vom Leipziger Buchdrucker und Verleger Johann Gottlob Immanuel Breitkopf (1719–1794) bestritten. Ein ausführlicher Disput dazu findet sich in der »Oeconomischen Encyclopädie« von Johann Georg Krünitz, Band 60 unter »Land-Karte«.
4.Anmerkung:  Als Chemitypie wird ein Verfahren bezeichnet, dass eine – auf einer Metallplatte ausgeführten – Radierung oder Gravierung in einen erhabenen Stempel verwandelt, der sich dann auf der Buchdruckerpresse abdrucken lässt. Quelle: F. A. Brockhaus, 1846.