Unterschneiden

Typo­gra­phi­scher Ter­mi­nus für die Ver­rin­ge­rung der Schrift­lauf­wei­te einer maschi­nell oder digi­tal repro­du­zier­ba­ren Schrift, bei­spiels­wei­se einer Druck­schrift oder eines Screen Fonts, aus­ge­hend von der Nor­mal­schrift­wei­te (NSW); engl. »Kerning«. In der Mikro­ty­po­gra­phie zählt das Unter­schnei­den zum Opti­schen Schrift­wei­ten­aus­gleich

Der Begriff »Unter­schnei­den« stammt aus dem gewer­be­spe­zi­fi­schen Sprach­schatz deut­scher Schrift­set­zer aus der Peri­ode des mate­ri­el­len Hand­schrift­sat­zes (z.B. Blei­satz). Seman­ti­sch rührt »unter­schnei­den« von »unten schnei­den« zu »unten abschnei­den«. Gemeint ist hier das buch­stäb­li­che Abschnei­den des »Flei­sches« unter­halb des erha­be­nen Buch­sta­ben­bil­des einer phy­si­schen Druck­ty­pe bis maxi­mal zur Dick­ten­li­nie (sie­he Dick­te) eines Schrift­ke­gels, um die Buch­sta­ben dann näher anein­an­der set­zen zu kön­nen.

Unter »Unter­schnei­den« bzw. »Unter­schnei­dung« wird sowohl die sys­te­ma­ti­sche als auch die selek­ti­ve Ver­rin­ge­rung des Abstands der Buch­sta­ben, Ara­bi­schen Zif­fern bzw. der Satz­zei­chen (Zei­chen­ab­stands­kerning) zuein­an­der und der Wort­wi­schen­räu­me (Wort­ab­stands­kerning) ver­stan­den. Die hän­di­sche nega­ti­ve Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung (-LW) der natür­li­chen Lauf­wei­te (LW 0) bzw. der Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) gehört in den Bereich der Mikro­ty­po­gra­phie.

Manuelle Korrektur der Schriftsatzästhetik durch eine negative (-LW) Laufweitenveränderung zwischen den kritischen Buchstabenpaaren VA und DA. Beispiel gesetzt im Photoshop® von Adobe® in der Celeste Caps (1995) von Christopher Burke, Publisher FontFont. Obere Zeile: Normalschriftweite (NSW) spationiert in +120/1000 Geviert. Untere Zeile: NSW spationiert in +120/1000 Geviert mit Unterschneidungen zwischen V und A mit -140/1000 Geviert und zwischen D und A mit -75/1000 Geviert. Infografik: www.typolexikon.de
Manu­el­le Kor­rek­tur der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch eine nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung zwi­schen den kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­ren VA und DA. Bei­spiel gesetzt im Pho­to­shop® von Ado­be® in der Celeste Caps (1995) von Chris­to­pher Bur­ke, Publis­her Font­Font. Obere Zei­le: Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) spa­tio­niert in +120/1000 Geviert. Unte­re Zei­le: NSW spa­tio­niert in +120/1000 Geviert mit Unter­schnei­dun­gen zwi­schen V und A mit −140÷1000 Geviert und zwi­schen D und A mit −75÷1000 Geviert.

Motive für das Unterschneiden

Es gibt unter­schied­li­che Argu­men­te, die das hän­di­sche Unter­schnei­den der Nor­mal­schrift­wei­te (NSW) recht­fer­ti­gen kön­nen:

  • Opti­mie­rung der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung, bei­spiels­wei­se bei sehr gro­ßen Head­lines, ins­be­son­de­re bei sehr gro­ßen Majus­keln
  • Opti­mie­rung der Schrift­sat­z­äs­the­tik durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung bei Unter­schnei­dungs­paa­ren, z.B. bei Av, AV, Aw, AW, LT, LV, Ly, Ta, Te, To, Ty, T., Va, Vo, V., Ya, Yo oder Y.
  • Nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­kor­rek­tur einer feh­ler­haf­ten, zu wei­ten NSW, um die Les­bar­keit der Schrift zu erhö­hen
  • Nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung bei Text­schrif­ten in Schau-, Fern- und Pla­kat­grö­ßen, um Tex­te in sehr gro­ßen Schrift­gra­den bes­ser les­bar zu machen
  • Selek­ti­ve nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung als mikro­ty­po­gra­phi­sche Ver­fah­rens­wei­se, um eine Zei­le, einen Tabel­len­satz oder eine Zah­len­kom­bi­na­ti­on aus­zu­trim­men
  • Selek­ti­ve nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung als Kor­rek­tur von zu gro­ßen Wort­z­wi­schen­räu­men im Foto­satz und DTP

Automatisches und manuelles Unterschneiden

Im DTP Desk­top Publis­hing wird grund­sätz­li­ch zwi­schen auto­ma­ti­scher Unter­schnei­dung (Auto­kerning) und manu­el­ler Unter­schnei­dung (Manu­el­les Kerning) unter­schie­den. 

Die auto­ma­ti­sche Unter­schnei­dung gehört zum »Relea­ti­ven Kerning«, das bei digi­ta­len Fonts durch Long- oder Short-Kerning-Tabel­len vom Schrift­ge­stal­ter bzw. Schrift­her­stel­ler vor­ge­ge­ben ist. Das hän­di­sche Unter­schnei­den durch nega­ti­ve (-LW) Lauf­wei­ten­ver­än­de­rung mit­tels Desk­top Publis­hing Com­pu­ter­pro­gram­men, z.B. InDe­si­gn® von Ado­be® oder Quar­kX­press® von Quark®, zählt zur manu­el­len Unter­schnei­dung.

InDe­si­gn® bie­tet für das manu­el­le Kerning die Optio­nen »Opti­sch« und »Metri­sch« an. Wobei das »Metri­sche Kerning« auto­ma­ti­sch die kri­ti­schen Buch­sta­ben­paa­re unter­schnei­det. Im Fal­le, dass Fonts kein Kerning beinhal­ten, emp­fiehlt sich das »Opti­sche Kerning«. Der Abstand zwi­schen den benach­bar­ten Zei­chen wird dann auf der Grund­la­ge der Zei­chen­form unter­schnit­ten. 1 )

Unterschneiden bei Druckschriften

Bleisatz

Unter­schnei­dun­gen bei phy­si­schen Druck­ty­pen wer­den nur sehr sel­ten ange­wen­det, weil die­se – ins­be­son­de­re bei umfang­rei­chen Schrifts­satz­ar­bei­ten – sehr zeit­auf­wän­dig und mate­rial­in­ten­siv sind. Bei Werk­satz­schrif­ten ist eine Unter­schnei­dung kaum mög­li­ch, da die Druck­ty­pe zu klein für einen der­ar­ti­gen hand­werk­li­chen Ein­griff ist. Für häu­fig vor­kom­men­de kri­ti­sche Buch­sta­ben­kom­bi­na­tio­nen wer­den des­halb spe­zi­el­le »Unter­schnei­dungs­li­ga­tu­ren« ver­wen­det. Bei Akzi­denz­schrif­ten in gro­ßen Schrift­gra­den (z.B. für Titel­satz) wird der Schrift­ke­gel hän­di­sch so beschnit­ten, dass der erha­be­ne Buch­sta­be in den Bereich des benach­bar­ten Schrift­bil­des hin­ein­ragt.  

Hän­di­sche Unter­schnei­dun­gen wer­den im Blei­satz mehr oder weni­ger als Luxus betrach­tet. Sie sym­bo­li­sier­ten im mate­ri­el­len Schrift­satz einen sehr hohen typo­gra­phi­schen Qua­li­täts­an­spruch und wer­den des­hab meist nur in biblio­phi­len Druckerzeug­nis­en ange­wen­det.

Fotosatz und Desktop Publishing (DTP)

Im Opto­me­cha­ni­schen Schrift­satz (Foto­satz) und im Desk­top Publis­hing (DTP) wer­den Schrift­lauf­wei­ten stu­fen­los in der rela­ti­ven Mass­ein­heit Geviert gemes­sen und unter­schnit­ten. Die Wer­te des Lauf­wei­ten­aus­gleichs von Desk­top Publis­hing Com­pu­ter­pro­gram­men, bei­spiels­wei­se InDe­si­gn® von Ado­be® oder Quar­kX­press®  von Quark®, wei­chen in der Regel von­ein­an­der ab. 2 )

Bei­spiels­wei­se wird in InDe­si­gn® die Schrift­lauf­wei­te sowie das manu­el­le Kerning in 1/1000 Geviert gemes­sen, einer Maß­ein­heit rela­tiv zum aktu­el­len Schrift­grad. Schrift­lauf­wei­te und manu­el­les Kerning ver­hal­ten sich also pro­por­tio­nal zum aktu­el­len Schrift­grad. Z.B. beträgt bei einem Schrift­grad von 8 DTP-Punk­ten ein Geviert 8 DTP-Punk­te, folg­li­ch beträgt bei einem Schrift­grad von 12 DTP-Punk­ten ein Geviert 12 DTP-Punk­te. 3 )

Unterschneiden bei Webfonts

Die Schrift­lauf­wei­te (Zei­chen­ab­stand) von Web­fonts kann nur in begrenz­tem Umfang ver­rin­gert wer­den. Dies geschieht in der Regel durch die Sty­le­s­heet Eigen­schaft »let­ter-spa­c­ing« im CSS Cas­ca­ding Sty­le Sheets 4 ) einer Web­site. 

Bei­spiel der Eigen­schaft »let­ter-spa­c­ing« in einem CSS:

<html> 
 <head> 
 <title>Beispiel für Zeichenabstand eines Webfonts</title>
 <style type="text/css"> 
 .unterschneiden {letter-spacing: -1px;}
 </style>

</head> 
 <body> 
 <p class="unterschneiden">Dies ist ein enger Text.</p>
 </body>

</html>

Dick­ten­glei­che Fonts (Mono­s­pa­ced Fonts) sind in ihrem »Rela­ti­ven Kerning« nicht unter­schnit­ten. 

© Wolf­gang Bei­nert, www​.typo​l​e​xi​kon​.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps   [ + ]

1, 3.Quel­le: Ado­be® Com­mu­ni­ty Help, InDe­si­gn®, Kerning und Lauf­wei­te. Ver­füg­bar unter https://​hel​px​.ado​be​.com/​d​e​/​i​n​d​e​s​i​g​n​/​u​s​i​n​g​/​k​e​r​n​i​n​g​-​t​r​a​c​k​i​n​g​.​h​tml (11.12.2015).
2.Anmer­kung: In Text­ver­ar­bei­tungs­soft­ware, z.B. Word® von Micro­soft® oder Pages® von App­le®, kann die Lauf­wei­te meist nur ein­fach erwei­tert oder ver­engt bzw. pro­zen­tual »ska­liert« wer­den. Der­ar­ti­ge Text­ver­ar­bei­tungs­soft­ware ist u.a. des­halb für das pro­fes­sio­nel­le DTP nicht geeig­net.
4.Anmer­kung: CSS Cas­ca­ding Sty­le Sheets ist ein welt­wei­ter Stan­dard des W3C (World Wide Web Con­sor­ti­um). Infor­ma­tio­nen ver­füg­bar unter http://​www​.w3c​.de/​a​b​o​ut/ (12.12.2015).