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Venezianische Renaissance-Antiqua
Litterae Venetae, Venetian Oldstyle
Schriftart; Nebenschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Unterschriftgruppe der Renaissance-Antiqua gehört, welche wiederum zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) Antiqua zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen. Philologisch als » Litterae Venetae «, im englischsprachigen Raum als » Venetian « bezeichnet.
Das Nomen » Venezianisch « bezieht sich auf die Republik und Stadt » Venedig « im Nordosten Italiens an der adriatischen Küste. Venedig entwickelte sich in der Renaissance durch die Migration deutscher Prototypographen ab Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der Typographie. Venezianische Stadtchroniken verzeichnen allein für die Dekade von 1470 bis 1480 nicht weniger als fünfzig Typographen, nahezu ausnahmslos von deutscher Herkunft.
Unter » Renaissance « wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die » Wiederbelebung « antiker Ideale - insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur - auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz, Venedig, Rom und Mailand. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520). In der Frührenaissance entwickelte sich auch ab 14501457 die Typographie durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden. Etymologisch bedeutet Renaissance » Rückbesinnung, Wiederbelebung «, was aus dem frz. » renaissance « für » Wiedergeburt « zu frz. » renitre « für » wiedergeboren werden, aufleben « zu frz. » naitre « für » geboren werden » und « re- « für » wieder « stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.
Die Bezeichnung » Antiqua « leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu » antiquus « für » vorig, alt «, einer Nebenform von » anticus « für » der vordere « vom lateinischen » ante « für » vor « ab. Mit » Antiqua « ist somit die » alte Schrift « gemeint. Der Begriff » Antiqua « wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine typographische Schrifttype mit - in der Regel - einem Majuskel- und einem Minuskelfigurenverzeichnis. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.
Die Typometrie der Venezianischen Renaissance-Antiqua orientiert sich bis zum Ende der Inkunabelzeit aus merkantilen Gründen noch an der Kalligraphie. Die Formgebung ihrer Buchstaben und ihre Anmutung wirken deshalb bis zur Schöpfung der » Bembo-Type « vermutlich zwischen 1494 und 1501 von Francesco Griffo da Bologna geschnitten noch sehr rudimentär. Die Kehlungen der Serifen und die der Dachansätze sind stark gerundet und die Oberlängen der Minuskeln ragen - wie auch bei der späteren französischen Variante - über die Majuskeln hinaus. Die Majuskeln » A « und » M « haben bei manchen historischen Varianten doppelseitige Kopfserifen; oder die Majuskel » A « besitzt einen kreisförmigen, nach innen geneigten Dachansatz oder einen überstehenden Scheitel.
Primäre Klassifikationsmerkmale:
- Dachansätze der Minuskeln: Schräg
Minuskeloberlängen: Enden bei der k-Linie
Achse der Minuskel e: Schräger Innenbalken nach links geneigt
Optische Achse der Rundformen: Nach links geneigt
Serifenübergänge: Rund bis konisch
Serifenseitenkante: sehr starke bis leichte Bogenform oder glatt asymmetrisch rechtsgerichtet
Serifenunterkante: Stark bis leicht gekehlt
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Gering
Bemerkung: Nur bei der Venezianischen Renaissance-Antiqua ist der Innenbalken der Minuskel »e« schräg nach links geneigt
Die » Litterae Venetae «, die Druckschrift der Humanisten und Gelehrten, gilt als die erste reine Antiqua der Schriftgeschichte. Sie entstand in der Frührenaissance in Italien aus der » Humanistica formata « (Humanistische Minuskel), einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (13311406) und Poggio Bracciolini (13801459) und aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der » Capitalis quadrata « (Römische Quadratschrift).
Mit frühen » Archetypen « einer Antiqua im Minuskelalphabet experimentierten bereits um 1465 die deutschen Prototypographen Conrad Sweynheym und Arnold Pannartz im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom. In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten » Epistulae familiares « von Marcus Tullius Cicero (10643 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten Sublacensischen Antiqua-Type.
Die deutschen Gebrüder von Speyer und letztendlich der französische Typograph Nicolas Jenson entwickelten um 1468 in Venedig aus dieser Sublacensischen Antiqua-Type die Antiqua » Litterae Venetae «. Sie gilt als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.
1470 druckte Jenson erstmals in dieser neuen Type die » Praeparatio Evangelica « des Eusebius. Daraufhin dieser Schrifttypus in ganz Italien nachgeahmt wurde und als legendäre Jenson-Antiqua des venezianischen Typus, der sogenannten Venezianischen Renaissance-Antiqa, in die Geschichte der Typographie einging. Mit Erhard Ratdolt kam 1486 die Renaissance-Antiqua venezianischer Prägung nach Deutschland.
Die zweite Generation von italienischen Typographen, allen voran der Venezianer Aldus Manutius (1449/50-1515), kultivierte ab 1495 die Antiqua der Prototypographen für die » humanistische Typographie «. Der Typograph Manutius und sein hochtalentierter » Schriftschneider « Francesco Griffo aus Bologna schufen für ihre Aldinen die Bembo-Type, so benannt nach dem bedeutenden Gelehrten und Humanisten Kardinal Pietro Bembo, der die Klassikereditionen der Offizin Manutius textkritisch redigiert hatte. Diese » Aldinische Antiqua « distanzierte sich weitgehend von ihren handschriftlichen Vorlagen und Aldos Typographie folgte erstmals konsequent dem philologischen Regelkanon von Grammatik, Orthographie und systematischer Groß- und Kleinschreibung.
In Frankreich entwickelte sich aus der Venezianischen Renaissance-Antiqua, insbesondere aus den Griffo-Lettern, ab 1530 die Französische Renaissance-Antiqua (Mediäval, Garalde), an deren Formgebung maßgeblich die französischen Typographen Antoine Augereau (um 1485-1534) und Claude Garamond (1480/15001561) beteiligt waren.
Vertreter dieser Schriftart: Amalthea (Ernst Schneidler), Bembo (Francesco Griffo da Bologna, um 14941501), Bembo Cursiva (Firbank Bembo, Alfred John Fairbank, 1929), Berkeley Old Style ITC (Tony Stan, 1983), Centaur (Bruce Rogers, 1914/1916/1929), Guardi (Reinhard Haus, 1986), Hadriano (Frederic W. Goudy, 1918), Italia Linotype (Colin Brignall, 1975), Italian Old Style (Frederic W. Goudy, 1924), Jenson Classico (Franko Luin, 1993), Lagacy Serif ITC, Schneidler Stempel (Ernst Schneidler, 1939), Weidemann ITC (Kurt Weidemann, 1983), Tiffany (Edward Benguiat, 1974) und Trajanus (Warren Chappell, 1940).
[T] Originale » Litterae Venetae « stehen besser im Druck als ihre » Nachschnitte « als PostScript Font. Die Nachschnitte imitieren zwar die alten Stempel, berücksichtigen aber nicht die Produktionstechniken der Prototypographie (Anpressdruck, Farbkonsistenz, Papierbeschaffenheit, Wegschlagverhalten usw.). Deshalb haben Nachschnitte - philologisch und ästhetisch betrachtet - mit den originalen Drucktypen der Renaissance wenig Gemeinsamkeiten. So sind auch die » fetten Auszeichnungsschriften « eine Erfindung der Neuzeit.
[T] Nachschnitte bzw. Neuinterpredationen Venezianischer Renaissance-Antiquas gelten, im Vergleich zu Französischen Renaissance- oder Vorklassizistischen Antiquas, aufgrund ihrer geringen Kontrastunterschiede in den Strichstärken als weniger lesefreundlich; sie wirken oft leichter und heller als andere Schriftarten mit Serifen.
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die Belichtung, z.B. auf Film oder Platte, der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[L] Otto Mazal: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
[L] Jan Tschichold: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.07.2007
von Wolfgang Beinert
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