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Villardscher Teilungskanon
Villardsche Figur

Typographischer Terminus aus der Buchtypographie (Buchgestaltung) für einen Teilungskanon, mit welchem man ohne jeden Maßstab in jedem Rechteck eine Strecke präzise in beliebig viele gleiche Teilen kann; Satzspiegelkonstruktion, die von Joh. A. van de Graaf rekonstruiert und in einer Formatproportion von 2:3 dokumentiert wurde; Gestaltungsraster.

Der »Villardsche Teilungskanon« ist eines der meistpraktizierten frühgotischen Schemata zur geometrisch exakten, in Form, Proportion und Ästhetik ausgewogenen Teilung von rechteckigen Flächen. Dieses auch als »Villardsche Figur« bekannte geometrische Schemata stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und wurde nach dem Dombaumeister Villard aus Honnecourt-sur-l'Escault, einem Dorf nahe Cambrai in der nordfranzösischen Picardie, benannt.

Dieses auf Koordinaten, Diagonalen und Symmetrien basierende, eigentlich architektonische Konstruktionsprinzip, kam in der mittelalterlichen kunsthandwerklichen Praxis neben der Architektur speziell bei der Gestaltung von Folios (Seiten) und Kolumnen für Prachthandschriften und illuminierte Kodizes zur Anwendung. In späterer Folge bei der Gestaltung von Inkunabeln bzw. in der Typographie.

Über die Lebensumstände Villard de Honnecourt, wie er in der Architektur und der Kunstgeschichte genannt wird, ist so gut wie nichts bekannt. Dokumentiert wird seine Existenz durch das um 1230 entstandene, für diese Periode einzigartige »Livre de portraiture«, in dem der Autor sich selbst als »Vilars de honcort« vorstellt und das seit 1795 in der Französischen Nationalbibliothek in Paris aufbewahrt wird. Dieses nur 33 Seiten umfassende Skizzenbuch enthält neben fast zweihundertfünfzig Detailstudien auch theoretische Anmerkungen zu jeder Kategorie der gotischen Kunst und ihrer Ikonographie, vor allem aber zur Proportion als idealem Prinzip und Inbegriff der mittelalterlichen Ästhetik.

Villards »Bauhüttenbuch« ist in einer schönen, deutlich lesbaren, fast kalligraphiert anmutenden Minuskelhandschrift im altfranzösischen Idiom der Picardie verfasst, was den individuellen Charakter dieses kostbaren Zeitdokuments verstärkt. Mehrmals erwähnt Villard ausgedehnte Reisen, die sich anhand von zahlreichen Grundrissen, Interieur- und Fassadenskizzen der besichtigten Bauwerke leicht nachvollziehen lassen: so etwa in Frankreich die Kathedralen von Cambrai, Chartres, Laon, Meaux, Reims und die Abtei von Vaucelles; in der Schweiz der Dom von Lausanne und in Ungarn die Abtei Pilis.

Die erste Faksimile-Edition dieses bedeutenden Manuskripts erfolgte 1858 durch den Pariser Architekten J.B.A. Lassus, der gemeinsam mit Viollet-le-Duc an der Restaurierung der gotischen Kathedralen Frankreichs gearbeitet hatte.

[L] H.R. Hahnloser (Hg.): Villard de Honnecourt. Kritische Gesamtausgabe des Bauhüttenbuches, ms. fr. 19093 der Pariser Nationalbibliothek, Wien 1935.
[L] E. De Bruyne: L'esthétique du moyen âge, Edition de l'Institut Supérieur de Philosophie, Louvain 1947.
[L] Umberto Eco: Arte e bellezza nell' estetica medievale. Bompiani editore, Mailand 1987.
[L] Carl F. Barnes: The Portfolio of Villard de Honnecourt, the artist and his drawings. Michigan 2002.
[L]
Jan Tschichold: Willkürfreie Maßverhältnisse der Buchseite und des Satzspiegels, Der Druckspiegel, Typographische Beilage 7a von 1964. Dieser fundierte Fachaufsatz ist auch in Tschicholds Buch »Schriften 1925–1974, Band 2« enthalten.
[L] Jan Tschichold: Schriften 1925–1974, Band 2. Verlag Brinkmann & Bose, Berlin. ISBN 3-922660-37-1.


Aufsatz zuletzt bearbeitet am 29.01.2007
von
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Quelle: © Wolfgang Beinert, typolexikon.de, Das Lexikon der westeuropäischen Typographie.
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