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Vorklassizistische Antiqua
Barock-Antiqua, Übergangsantiqua, Halbmediäval, Transitional
Schriftart; Nebenschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) der Antiqua gehört; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen. In der deutschen typographischen Literatur auch als » Barock-Antiqua «, Übergangsantiqua oder Halbmediäval, im englischsprachigen Raum als » Transitional « bezeichnet.
Unter » vorklassizistisch « wird in der Typographie der Zeitraum zwischen den Schriftepochen Renaissance-Antiqua und Klassizistische Antiqua « verstanden, eine kunstgeschichtliche Epoche, die in römisch katholisch geprägten Kulturkreisen Kontinentalwesteuropas als Barockzeit bezeichnet wird. Die Bezeichnung » Barock-Antiqua « etablierte sich mit der DIN 16518 zwischen 1964 und 1975. Kunstgeschichtlich betrachtet, ist dieser nur in der deutschsprachigen Typographie gebräuchlicher Begriff irreführend. » Barock « bezeichnet zwar korrekt den historischen Zeitraum der Entstehung einer » Vorklassizistischen Antiqua «, nicht aber ihre Klassifikationsmerkmale. Beispielsweise hat eine » Baskerville « oder eine » Times « keinesfalls eine » übertriebenen, bizarre, geschmacklose oder dekatente «, also eine » barocke « Anmutung im Sinne Rousseaus. Grund für die unglückliche Wahl dieses irreführenden Terminus dürfte sicherlich auch in der fehlenden Antiqua-Tradition Deutschlands sein (siehe Schriftgeschichte und Fraktur).
Unter Barock wird - aus Sicht der Moderne - ein westeuropäischer Kunststil vom Anfang des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts (ca. 16001750) verstanden, der auf die Renaissance und den Manierismus folgte. Die Barockzeit wurde insbesondere durch die Gegenreformation der römisch-katholische Kirche, den Jesuitismus, die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges (16181648), den politischen Absolutismus und durch die Traditionen der Antike geprägt. Etymologisch leitet sich der Begriff aus dem franz. » baroque « für » wunderlich, eigenartig, verschnörkelt « ab, dieser wiederum vom portugiesischen » barroco « für » schiefrund, in Form einer unregelmäßigen Perle «.
Als Bezeichnung für einen Kunststil erscheint das Wort offiziell zuerst in Denis Diderots » Encyclopédie « (1751 und Folgejahre), wo in einem von Jean-Jacques Rousseau verfaßten Artikel » barock « als pejoratives Adjektiv für die Charakterisierung der Architektur Borrominis angewendet und abwertend mit dem Übertriebenen, Bizarren, Geschmacklosen und Dekadenten gleichgesetzt wird. Die Franzosen verwendeten also im 18. Jahrhundert den Begriff » baroque « abwertend für die Kunstformen, die ihrem klassizistisch geprägten Geschmack nicht entsprachen. Im Deutschen hat erstmals Jacob Burckhardt 1855 im » Cicerone « das Wort zur Beschreibung der auf die Renaissance folgenden Kunstepoche angewandt. Als positiv besetzter Stilbegriff und Bezeichnung für eine kunstgeschichtliche Periode mit eigenständigen Höchstleistungen manifestierte sich diese Terminologie erst langsam ab 1880 durch die kunsttheoretischen Schriften von Heinrich Wölfflin.
Die Bezeichnung » Antiqua « geht etymologisch auf die lateinische weibliche Form von » antiquus « zurück, für » vorig, alt «, eine Nebenform von » anticus « für » der vordere « vom lateinischen » ante « für » vor «. Mit » Antiqua « ist somit die » alte Schrift « gemeint. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.
Die Vorklassizistische Antiqua gilt als die erste Schriftart, deren Buchstaben konsequent und systematisch mittels der Typometrie konstruiert wurde [1]. Die horizontalen Stand- und Kopfserifen der Majuskeln sind absolut symmetrisch, konsequent geradlinig und haben im Gegensatz zur Renaissance-Antiqua keine oder nur sehr geringe Kehlungen. Sie stehen optisch sehr stabil auf der Grundline bzw. schließen gerade bei der H-Linie (Versalhöhe) ab; die Übergänge (Kehlen) von den Serifen zu den Grund- und Haarstrichen sind im Vergleich zur Renaissance-Antiqua kaum bis weniger weich ausgerundet, was auch für die vertikalen Abschlußserifen bzw. einseitigen Standserifen gilt; die unterschiedliche Strichstärke zwischen den vertikalen und horizontalen Schriftlinien ist stärker ausgeprägt, Haar- und Grundstriche sind unterschiedlich breit; die Anstriche (Dachansätze) der Minuskeln sind noch leicht schräg und keilförmig, zeigen aber bereits die Tendenz, immer gerader - wie bei der klassiszistischen Antiqua - zu werden; die Schriftachse bei den Rundformen ist meist vertikal oder nur ganz leicht nach links geneigt; die Mittellänge (Grundlinie bis x-Linie) ist deutlich länger als die Oberlänge (x-Linie bis H-Linie bzw. Versalhöhe); die Abstriche, besonders charakteristisch beim r, enden in Tropfenform (Auslaufpunkt). Insgesamt wirken die Punzen (Binnenräume) aller Buchstaben des Alphabets harmonisch bzw. gleichmäßig aufeinander abgestimmt.
Primäre Klassifikationsmerkmale:
- Dachansätze der Minuskeln: Schräg
Minuskeloberlängen: Enden bei der H-Linie, allerdings oft Dachansatz zur » Großen Überhangslinie «
Achse der Minuskel e: Waagrechter Innenbalken
Optische Achse der Rundformen: Leicht nach links oder rechts geneigt oder gerade
Serifenübergänge: Rund
Serifenseitenkante: Gerade
Serifenunterkante: Leicht gekehlt bis gerade auf der Grundlinie
Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Stark
In der philologischen Schriftklassifikation können vorklassizistische Antiqua-Schrifttypen beispielsweise noch in französische, englische, holländische und italienische oder beispielsweise in Spätbarock- und Rokoko-Varianten gegliedert werden.
Die Vorklassizistische Antiqua entstand sukzessive in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus der Renaissance-Antiqua. Als Modell diente dafür vermutlich die legendäre Antiqua des Claude Garamond (1480/15001561), die um 1622 in einem leicht modifizierten Neuschnitt von Jean Jannon (15891658) die europäischen Offizinen eroberte. Repräsentativ für die Typographie der Barockzeit sind in den Niederlanden die Drucker-Dynastie der Elzevier, die zwischen 1620 und 1712 an die 5.000 Publikationen der damals bedeutendsten Autoren verlegte; weiters die Offizin des Amsterdamer Kartographen Willem Janszoon Blaeu und die Offizin Enschedé in Haarlem, für die der aus Nürnberg stammende Stempelschneider Johann Michael Fleischmann (1701-1768) um 1732 eine Reihe von Antiqua-Schriftschnitten anfertigte; in Deutschland der Leipziger Drucker Timotheus Ritzsch, die Familie Merian und die Nürnberger Druckerei Endter; in Wien der aus Polen stammende Universitäts- und Hofdrucker Cosmerovius und Johannes van Ghelen, der vor allem fremdsprachige Texte in der Antiqua druckte, unter anderem die immer sehr begehrten Opernlibretti; in Frankreich vor allem die 1640 von Ludwig XIII. auf Anregung von Kardinal Richelieu gegründete » Imprimerie Royale « unter ihrem ersten Direktor Sébastien Cramoisy und dem Schriftschneider Philippe Grandjean de Fouchy, der eine Antiqua entwarf, die unter dem Namen » Romain du roi Louis XIV « europaweit bekannt wurde; in Italien schließlich die von Papst Urban VIII. gegründete » Tipografia poliglotta della Sacra Congregazione de Propaganda Fide «, die zentrale Druckerei des Vatikans und der hauptsächlich von den Jesuiten getragenen katholischen Mission in der Neuen Welt.
In England veröffentlichte 1722 der Typograph William Caslon (16921766) die » Caslon Old Face Roman and Italic «, die er vermutlich nach holländischem Vorbild Van Dijck´s schuf und die zu dieser Zeit als britische Nationaltype galt. 1750 entwarf der englische Typograph John Baskerville (17061775) seine puristisch elegante Transitional, die Baskerville, die in der angelsächsischen Typographiegeschichte als » Präviktorianik « klassifiziert wird. Gemeinsam mit dem kursiven Schriftschnitt (im Französischen wird diese Schriftart als » romain italique « bezeichnet) des Pariser Typographen Pierre Simon Fournier (17121768) von 1734 und dessen Antiqua Cicéro von 1742 bildet die Baskerville-Transitional bereits den Übergang zur klassizistischen Antiqua des späten 18. Jahrhunderts.
Um die Jahrhundertwende entwickelte der italienische Typograph Giambattista Bodoni (17401813) aus der französischen Vorklassizistischen Antiqua Fourniers die Klassizistische Antiqua.
Die deutsche Typographie blickt leider auf keine nennenswerte vorklassizistischen Antiqua-Tradition. Denn während der Barockzeit wurde im deutschsprachigen Raum überwiegend in Gebrochenen Schriften bzw. in der Fraktur gesetzt.
Vertreter dieser Schriftart: Americana (Richard Isbell, 1965), Apollo (Adrian Frutiger, 1962), Baskerville (John Baskerville, 1768), Baskerville New ITC (Linotype Design Studio, 1982), Bookmann ITC (Edward Benguiat, 1975), Bulmer (ATF, 1928), Caslon 3 (ATF, 1905), Caslon 224 ITC (Edward Benguiat, 1982), Caslon 540 (Wiliam Caslon, 1725, ATF 1902), Catull, Celeste (Chris Burke, 1994) [2], Century Old Style (Morris Fuller Benton, 1906), Clearface ITC (Victor Caruso, 1978), Cochin (Georges Peignot, 1914), Columbia, Comedius, Concorde (Günther Gerhard Lange, 1969), Concorde Nova (Günther Gerhard Lange, 1975), Corona (Chauncey H. Griffith, 1941), Cremona, Cushing ITC (Vincent Pacella, 1982), Jaeger Daily News, Erhardt (Monotype, 1937), Fournier (Monotype, 1924), Foundry Wilson, Gamma ITC (Jovica Veljovic, 1986), Gazette (Edwin W. Shaar, 1977), Goudy Modern (Frederic W. Goudy, 1918), GST-Basta, Impressum (Konrad F. Bauer und Walter Baum, 1963), Imprimatur, Imprint, Janson Text (Nicolaus Kisz, 1690), Joanna (Eric Gill, 1937), Life (Francesco Simoncini, 1965), Maximus (Walter Tracy, 1967), Meridien (Adrian Frutiger, 1957), Old Style 7 (Miller und Richard, 1902), Olympian (Matthew Carter, 1970), Perpetua (Eric Gill, 1928), Photina (Jose Mendoza y Almeida, 1972), Poppl-Pontifex (Poppl, Berthold), Rotation (Arhur Ritzel, 1971), Rotis Semiserif und Serif (Otl Aicher, 1988), Schneider-Antiqua, Scotsch Roman (A.D. Farmer, 1904), Slimbach ITC (Robert Slimbach, 1987), Times (Stanley Morrison, 1932), Times Europa (Walter Tracy, 1974), Times New Roman (Stanley Morison und Victor Lardent, 1932), Times Ten (Stanley Morison, 1931), URW Antiqua, Utopia (Robert Slimbach, 1989), Veljovic (Jovica Veljovic, 1984), Versailles (Adrian Frutiger, 1984), Wilke (Martin Wilke, 1988) und Zapf International (Hermann Zapf, 1976).
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[1] In manchen deutschen Typo-Lehrbüchern geistern immer noch die Behauptung umher, dass Barock-Antiquas von der Breitbandfeder beeinflusst wurden. Das ist philologisch betrachtet absoluter Nonsens. Die Transitional ist die erste Antiqua, deren Buchstaben eigenständig und konsequent im koordinalen Schriftliniensystem (Schriftlinien) konstruiert wurden, ohne sich an kalligraphischen Schreibtechniken zu orientieren.
[2] Ein Beispiel für die Problematik der Schriftklassifikation ist die Druckschrift Celeste von Chris Burke aus dem Jahre 1994. Burke selbst klassifiziert seine Schrift als » eine moderne humanistische Textschrift «, Fontshop als Renaissance-Antiqua und Hans Peter Willberg und Wolfgang Beinert als Barock- bzw. als Vorklassizistische Antiqua.
[T] In der englischen und französischen Terminologie gibt es den Begriff » Barock-Antiqua « nicht. In England wird sie korrekt als » Transitional « bezeichnet, so wie in Deutschland vor 1964.
[T] Verwirrende deutsche Begrifflichkeit: In England gilt z.B. die Baskerville keineswegs als » barock « sondern eher als » antibarock «, als präviktorianisch.
[T] Schriftklassifikation und die kunstgeschichtliche Zuordnung von Schriften werden in der Paläographie und Paläotypie erforscht.
[T] Schriften werden von den Herstellern regelmäßig überarbeitet und für neue Satzsysteme adaptiert. Deshalb sollte grundsätzlich für die Belichtung, z.B. auf Film, Platte oder in die Druckmaschine, der exakte Schriftstil inklusive der Bezugsquelle der verwendeten Schrift angegeben werden. Also Schriftname [z.B. Baskerville], Schriftbreite [z.B. normal], Schriftstärke [z.B. halbfett], Schriftlage [z.B. kursiv] und Schriftenbibliothek [z.B. Berthold ®]. Denn je nach Hersteller oder Distributor kann es zu markanten Unterschieden der Figuren und der Schriftstilbezeichnung kommen. Schrift ist nicht gleich Schrift!
[T] Auch für sehr geübte Typographen ist es oftmals unmöglich, eine Spätrenaissance-Antiqua von einer Vorklassizistischen Antiqua zu unterscheiden. Den Schriftschnitte können durchaus über hybride Klassifikationsmerkmale verfügen.
[T] Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes in den 1970er Jahren konnten handelsübliche Schriften relativ einfach klassifiziert und in Gruppen eingeteilt werden. Dies ist seit dem optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) und insbesondere seit Beginn der digitalen Typographie (Fonts) nicht mehr oder nur zum Teil möglich. Zu viele Varianten und Mischformen sind existent. Einheitliche Formmerkmale sind nicht mehr konkret nachweisbar und es ist nahezu unmöglich geworden, Antiquaschriften kunstgeschichtlich zuzuordnen.
[L] Herbert Brekle: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.
[L] Jan Tschichold: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
[L] Jan Tschichold: Schriften 1925-1974, Brinkmann & Bose, Berlin 1991, Band 1 und 2, ISBN 3-922660-35-5 und 3-922660-36-3.
[L] Denis Diderot et Jean Le Rond d'Alembert, Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, par une Société de Gens de lettres. Edition de Paris, éditée entre 1751 et 1772.
[L] Jacob Burckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens, Erstausgabe Basel 1855, neue kritische Gesamtausgabe im C. H. Beck Verlag, München 2001.
[L] Heinrich Wölfflin: Renaissance und Barock: Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien, Basel/Stuttgart 1888, Neuauflage hrsg. von Hubert Faensen, Leipzig 1986.
[L] Cornelius Gurlitt: Geschichte. des Barockstiles in Italien, Stuttgart 1887.
[L] Anthony Blunt: Kunst des Barock und Rokoko: Architektur und Dekoration, Freiburg, Basel, Wien 1979.
[L] Hermann Bauer: Barock. Kunst einer Epoche, Berlin 1992.
[L] Martin Warnke: Geschichte der deutschen Kunst. Spätmittelalter und Frühe Neuzeit 1400-1750, München 1999.
[L] Thomas DaCosta Kaufmann: Höfe, Klöster und Städte. Kunst und Kultur in Mitteleuropa, DuMont Verlag, Köln 2000.
Aufsatz zuletzt bearbeitet am 05.07.2007
von Wolfgang Beinert
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