Venezianische Renaissance Antiqua

Schriftart; Nebenschriftgruppe, die im Sinne der typographischen Schriftklassifikation zur Schriftuntergruppe der Renaissance Antiqua (Mediaeval, Old Style, Old Face) gehört, welche wiederum zur Schriftgattung (Hauptschriftgruppe) der Antiqua zählt; rundbogige Druckschrift römischen Ursprungs mit Serifen.

In der Paläographie und in der typographischen Literatur wird die Venezianische Renaissance Antiqua auch als »Litterae Venetae« oder »Venezianische Antiqua«, im angelsächsischen Sprachraum (GB, USA etc.) als »Humanist« 1 ) oder »Venetian Oldstyle« bezeichnet. 

Etymologie

»Venezianisch« bezieht sich auf die Republik und Stadt Venedig im Nordosten Italiens an der adriatischen Küste. Venedig entwickelte sich in der Renaissance durch die Migration deutscher Prototypographen ab Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der Typographie. 2 )

Unter »Renaissance« wird eine europäische Kulturepoche verstanden, die sich durch die »Wiederbelebung« antiker Ideale – insbesondere in Philosophie, Literatur, Wissenschaft, Malerei und Architektur – auszeichnet. Der Ursprung der Renaissance liegt in Italien, insbesondere in Florenz, Venedig, Rom und Mailand. Die Kulturwissenschaft unterscheidet in Frührenaissance (ab ca. 1420), Hochrenaissance (ab ca. 1500) und Spätrenaissance (ab ca. 1520).

In der Frührenaissance entwickelte sich auch die  Typographie durch die Erfindung Johannes Gutenbergs (um 1400–1468). Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typographie sind deshalb untrennbar miteinander verbunden.

Etymologisch bedeutet Renaissance »Rückbesinnung, Wiederbelebung«, was aus dem frz. »renaissance« für »Wiedergeburt« zu frz. »renitre« für »wiedergeboren werden, aufleben« zu frz. »naitre« für »geboren werden »und« re-« für »wieder« stammt. In Deutschland ist der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich, um kulturwissenschaftlich den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit zu skizzieren.

Die Bezeichnung »Antiqua« leitet sich etymologisch von der lateinischen weiblichen Form zu »antiquus« für »vorig, alt«, einer Nebenform von »anticus« für »der vordere« vom lateinischen »ante« für »vor« ab. Mit »Antiqua« ist somit die »alte Schrift« gemeint.

Der Begriff »Antiqua« wird als Terminus primär im deutschsprachigen Raum sowohl für die Schriftgattung als auch für eine Schriftart verwendet. Er bezeichnet ausschließlich eine Druckschrift. Vorlagen aus der Epigraphik und Kalligraphie werden in der Paläographie anders bezeichnet. Die Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt.

Typometrie

Die frühen Archetypen der Venezianischen Renaissance Antiqua orientieren sich bis zum Ende der Inkunabelzeit im Jahr 1500 immer noch leicht an der Kalligraphie, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass die Prototypographen potentielle Käufer von kostbaren Büchern nicht durch die noch junge »Deutsche Kunst« (Typographie) abschrecken wollten. 3 ) Denn die Leser orientierten sich höchstwahrscheinlich mehrheitlich an den gewohnten Buchschriften, insbesondere an der Textura, die heute in der Paläographie als die höchstentwickelte kalligraphische Buchschrift der Gotik gilt, gefolgt von der Rotunda (Rundgotische Schrift), der »Gotico Cursiva« (Gotische Kursive) und diversen »Bastarda-Schriften« (Misch-Schriften). 4 ) 

Die Formgebung der Buchstaben der Venezianischen Renaissance Antiqua und ihre Anmutung wirken bis zur Schöpfung der »Aldinischen Antiqua« (Bembo-Type) noch sehr rudimentär. Die Kehlungen der Serifen und die der Dachansätze sind stark gerundet und die Oberlängen der Minuskeln ragen – wie auch bei der späteren französischen Variante – über die H-Höhe hinaus. Die Majuskeln »A« und »M« haben bei manchen historischen Varianten doppelseitige Kopfserifen; oder die Majuskel »A« besitzt einen kreisförmigen, nach innen geneigten Dachansatz oder einen überstehenden Scheitel. 

Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach. Infografik: www.typolexikon.de
Renaissance Antiquas werden in Venezianische und Französische Renaissance Antiquas unterschieden. Eine Französische Renaissance Antiqua wirkt stabiler, ruhiger und gleichmäßiger als ihre venezianische Vorlage; die Kehlungen ihrer Serifen und die der Dachansätze sind wendiger gerundet, der Innenbalken beim »e« ist bereits waagrecht. Beispiel gesetzt in der Stempel Schneidler Roman (Adobe) von F. H. Ernst Schneidler und der Garamond Premier Pro Regular (Adobe) von Robert Slimbach.
Die primären Klassifikationsmerkmale einer Venezianischen Renaissance Antiqua sind die schrägen Dachansätze der Minuskeln, die grundsätzlich über die H-Linie zur k-Linie gehen, runde bis konische Serifenübergänge, leicht bis stark gekehlte Serifenunterkanten, eine schräge Achse der Minuskel »e« und eine optische Achse, die bei den Rundformen leicht bis stark nach links geneigt ist sowie ein geringer Strichstärkenkontrast. Beispiel gesetzt aus der »Stempel Schneidler« (1939) von Friedrich Hermann Ernst Schneidler.
Die primären Klassifikationsmerkmale einer Venezianischen Renaissance Antiqua sind die schrägen Dachansätze der Minuskeln, die grundsätzlich über die H-Linie zur k-Linie gehen, runde bis konische Serifenübergänge, leicht bis stark gekehlte Serifenunterkanten, eine schräge Achse der Minuskel »e« und eine optische Achse, die bei den Rundformen leicht bis stark nach links geneigt ist sowie ein geringer Strichstärkenkontrast. Beispiel gesetzt aus der »Stempel Schneidler« (1939) von Friedrich Hermann Ernst Schneidler.

Wobei jedoch zu erwähnen ist, dass die originalen »Litterae Venetae« im Hochdruck sehr viel klarer und besser auf dem Papier stehen, als ihre digitalen Remakes im Offsetdruck, beispielsweise die »Stempel Schneidler« (1939) von Friedrich Hermann Ernst Schneidler (1882–1956) als PostScript Font.

Die digitalen Nachbildungen imitieren zwar die alten Schriftstempel der Frührenaissance, berücksichtigen aber in der Regel nicht die Produktionstechniken jener Zeit (Anpressdruck, Farbkonsistenz, Papierbeschaffenheit, Wegschlagverhalten usw.). Deshalb haben digitale Remakes 5 ) und Formvarianten 6 ) – philologisch und ästhetisch betrachtet – mit den originalen Drucktypen im Auflagendruck meist wenig Gemeinsamkeiten. Ebenso sind die »fetten Auszeichnungsschnitte« eine Erfindung der Neuzeit.

Die wichtigsten Klassifikationsmerkmale 7 ) 8 ) einer Venezianischen Renaissance Antiqua:

  • Dachansätze der Minuskeln: Schräg
  • Minuskeloberlängen: Über die H-Linie bis zur k-Linie
  • Achse der Minuskel e: Schräger Innenbalken nach links geneigt
  • Optische Achse der Rundformen: Teilweise stark nach links geneigt
  • Serifenübergänge: Rund bis konisch
  • Serifenseitenkante: Sehr starke bis leichte Bogenform oder glatt asymmetrisch rechtsgerichtet
  • Serifenunterkante: Stark bis leicht gekehlt
  • Stichstärkenkontrast Balken/Querbalken: Gering

 

Historie

Die »Litterae Venetae«, die Druckschrift der Humanisten und Gelehrten, gilt als die erste reine Antiqua der Schriftgeschichte. Sie entstand in der Frührenaissance in Italien aus der »Humanistica formata« (Humanistische Minuskel), einer Minuskelschrift (skriptographisches Kleinbuchstabenalphabet) u.a. von Coluccio Salutati (1331–1406) und Poggio Bracciolini (1380–1459) und aus der römischen Majuskelschrift (skriptographisches Großbuchstabenalphabet), der »Capitalis quadrata« (Römische Quadratschrift).

Mit frühen »Archetypen« einer Antiqua im Minuskelalphabet experimentierten bereits um 1465 die deutschen Prototypographen Conrad Sweynheym (o.A.) und Arnold Pannartz (o.A.) im Benediktinerkloster von Subiaco in der Provinz Rom.

In ihrer eigenen Offizin in Rom druckten Sweynheym und Pannartz 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten Sublacensischen Antiqua-Type.

Die deutschen Gebrüder von Speyer (Johannes von Speyer, Joannes de Spira, erwähnt 1473, † um 1477) und letztendlich der französische Typograph und Graveur Nicolas Jenson (um 1420–1480) entwickelten um 1468 in Venedig aus dieser Sublacensischen Antiqua die »Litterae Venetae« (Venezianische Antiqua). Sie gilt als die erste vollkommen ausgebildeten Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

1470 druckte Jenson erstmals in dieser neuen Type die »Praeparatio Evangelica« (»Die Vorbereitung auf das Evangelium« in fünfzehn Bänden) des Bischofs Eusebius von Caesarea (um 260/64–339/340). Woraufhin dieser Schrifttypus in ganz Italien nachgeahmt wurde und als legendäre »Jenson Antiqua« des venezianischen Typus, der sogenannten Venezianischen Renaissance-Antiqa, in die Geschichte der Typographie einging.

Eine Innenseite (Recto) der Inkunabel »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero. Gedruckt von Dominicus de Lapis (1476-1482) in Bologna. Ein Wiegedruck aus dem Jahre 1477, der in einer frühen Venezianischen Antiqua gedruckt wurde. Die Inkunabel wurde 1493 in Florenz von Schülern von Angelus Politianus unter dessen Aufsicht mit zwei Handschriften von Ciceros Epistulae ad familiares kollationiert, von denen sich eine im Besitz des florentinischen Kanonikers Francesco Minerbetti (1507–1574) befand. Quelle und weiterführende Informationen: Universitätsbibliothek Heidelberg, online verfügbar unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicero1477/0001/thumbs?sid=594a2018c2434bc12c2c4fac57502cc0#/current_page (8.6.2017).
Eine Innenseite (Recto) der Inkunabel »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero. Gedruckt von Dominicus de Lapis (1476-1482) in Bologna. Ein Wiegedruck aus dem Jahre 1477, der in einer frühen Venezianischen Antiqua gedruckt wurde. Die Inkunabel wurde 1493 in Florenz von Schülern von Angelus Politianus unter dessen Aufsicht mit zwei Handschriften von Ciceros Epistulae ad familiares kollationiert, von denen sich eine im Besitz des florentinischen Kanonikers Francesco Minerbetti (1507–1574) befand. Quelle und weiterführende Informationen: Universitätsbibliothek Heidelberg, online verfügbar unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicero1477/0001/thumbs?sid=594a2018c2434bc12c2c4fac57502cc0#/current_page (8.6.2017).

Mit dem Augsburger Prototypographen Erhard Ratdolt (1447–um 1527/1528) kam um 1486 die Renaissance Antiqua venezianischer Prägung nach Süddeutschland. Ratdolts venezianische Antiqua-Typen zeichnen sich durch einen eleganten und klaren Duktus aus, der offensichtlich vom Vorbild Jensons inspiriert ist. Dass sich jedoch Wendelin de Spiras eigenwilliges e mit Cedille (eigentlich also das französische c-Häkchen ¸) in Ratdolts Typenrepertoire wiederfindet, lässt auf enge Verbindungen zwischen diesen beiden deutschstämmigen Druckern schließen, was allerdings keine Besonderheit ist, denn die venezianische Stadtchroniken verzeichnen allein für die Dekade von 1470 bis 1480 nicht weniger als fünfzig Typographen, nahezu ausnahmslos von deutscher Herkunft. 

1496 druckte erstmals der Humanist, Verleger und Typograph Aldus Manutius (1449–1515) eine Antiqua mit Serifen, die sich weitweitgehend von den typographischen Protoformen der Sublacensischen Antiqua-Type und der Litterae Venetae distanzierte. Diese von seinem bologneser Schriftgießer und Stempelschneider Francesco Griffo (Francesco da Bologna, 1450–1518) geschnittene »Bembo-Type« (Griffo-Lettern), leitete die neue Ära der sogenannten »Antiqua des Aldinischen Typs« ein, welche später auch als »Garamondschriften« bzw. Französische Renaissance Antiquas bezeichnet werden. 9 ) 10 ) 

Mehrheitlich gelten digitale Remakes und Formvarianten der Venezianischen Renaissance Antiqua – im Gegensatz zur Französische Renaissance Antiqua – im Auflagendruck und als Screen Font nicht unbedingt als lesefördernd.

 

Vertreter dieser Schriftart

Venezianische Renaissance Antiquas (Auswahl):

SchriftSchriftgestalterFont FoundryJahr
AmaltheaSchneidler, Ernst F. H.Bauersche Gießerei1936
BerkeleyStan, TonyITC1983
CentaurRogers, BruceMonotype1914/16/29
GuardiHaus, ReinhardLinotype1986
HadrianoGoudy, Frederic W.ATF1918
ItaliaBrignall, ColinLinotype1975
Italian Old StyleGoudy, Frederic W.Monotype1924
Jenson ClassicoLuin, FrankoEricsson (?)1993
LegacyArnholm, RonaldITC1992
SchneidlerSchneidler, ErnstD. Stempel1939
TiffanyBenguiat, EdwardITC1974
TrajanusChappell, WarrenD. Stempel1940
WeidemannWeidemann, KurtITC1983

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: »Humanist« bezieht sich auf den »Humanismus der Renaissance«, einer seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlichen Bezeichnung für diverse Betrachtungsweisen, die den Menschen in den Mittelpunkt allen Denkens, Seins und Glücks stellt.
2.Anmerkung: Venezianische Stadtchroniken verzeichnen allein für die Dekade von 1470 bis 1480 nicht weniger als fünfzig Typographen, nahezu ausnahmslos von deutscher Herkunft.
3.Anmerkung: Die oft verbreitete These, dass sich die Venezianische Renaissance Antiqua aus technischen Gründen an der Kalligraphie orientierte, ist nicht korrekt. Technisch waren alle Prototypographen (darunter Graveure, Goldschmiede etc.) in der Lage, jede Schriftform zu schneiden und zu drucken.
4.Anmerkung: Die Gotik stellt in paläographischer Hinsicht die reichste Epoche europäischer Schriftgeschichte dar.
5.Anmerkung: Ein Remake ist eine spätere Nachbildungen einer bereits existierenden, aber nicht mehr am Markt verfügbaren Schrift, die sich streng am Original orientiert.
6.Anmerkung: Eine Formvariante ist eine abweichende Interpretation einer bereits existierenden Schrift.
7.Literaturempfehlung: Tschichold, Jan: Meisterbuch der Schrift, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1952, ISBN 3-473-61100-x.
8.Literaturempfehlung: Cheng, Karen: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.
9.Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
10.Literaturempfehlung: Brekle, Herbert: Die Antiqualinie von ca. -1500 bis ca. +1500, Nodus Publikationen Münster, 1994, ISBN 3-89323-259-1.