Wagner, Leonhard

Bedeutendster Kalligraph der deutschen Spätrenaissance und Schöpfer der Deutschen Fraktur. Geboren 1453 in Schwabmünchen (ca. 30 km südlich von Augsburg entfernt), gestorben 1522 in der freien Reichstadt Augsburg (heute Bayern). Alternative Schreibweisen seines Namens: Lienhart Wagner, Meister Leonhard und Würstlin. 

1472 trat Leonhard Wagner in Augsburg als Novize der Ordensgemeinschaft der Benediktiner der Reichsabtei St. Ulrich und Afra (1012–1803) bei. 1 ) Er wirkte dort ab 1480 im Skriptorium des Klosters. Der Klosterchronik und seinen autobiographischen Aufzeichnungen zufolge – seine »Conscriptiones« (Abfassungen) von 1494 werden in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg 3 ) aufbewahrt – vollendete Leonhard Wagner mehr als 50 Manuskripte, überwiegend liturgische Kodizes, deren einige von so bedeutenden Miniaturmalern wie dem Augsburger Nikolaus Bertschi (o.A.–1542) illuminiert wurden.

»Her Lienhart Wagner, der guot Schreiber«, wie der berühmte Augsburger Maler Hans Holbein d.Ä. auf einem seiner heute in der Kollektion des Berliner Kupferstichkabinetts befindlichen Portraits des Meisterkalligraphen vermerkte, beinflusste die deutsche Schriftgeschichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Quelle: Kupferstichkabinett Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz.
»Her Lienhart Wagner, der guot Schreiber«, wie der berühmte Augsburger Maler Hans Holbein d.Ä. auf einem seiner heute in der Kollektion des Berliner Kupferstichkabinetts befindlichen Portraits des Meisterkalligraphen vermerkte, beinflusste die deutsche Schriftgeschichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Quelle: Kupferstichkabinett Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz.

Für den Habsburger Kaiser Maximilian I. (1459–1519) kalligraphierte Leonhard Wagner 1492 die Prachthandschrift »Vita Sancti Simperti« mit Illustrationen des Malers Hans Holbein d.Ä. (um 1465–1524), die heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt. 2 )

Auch in anderen Benediktinerklöstern, beispielsweise im schweizerischen St. Gallen, lehrte Leonhard Wagner die Kunst der Kalligraphie, die er selbst in solcher Vollendung beherrschte, dass er von Zeitgenossen sogar als »das achte Weltwunder« gepriesen wurde. Sein kalligraphisches Meisterwerk ist die Kaiser Maximilian I. gewidmete »Proba centum scripturarum una manu exaratarum« von 1507, ein heute (noch?) in der Bibliothek des Bischöflichen Ordinariats zu Augsburg 4 ) aufbewahrtes Musterbuch mit über 100 Schriften, von denen Leonhard Wagner einige auch selbst entworfen hatte. Im Kapitel »Lettera moderna« wurden erstmals die Fraktur und eine Halbfraktur vorgestellt, die Wagner dezidiert als »fractura germanica« und »semifractura« bezeichnete. Ein Faksimile der »Proba centum scripturarum« in zwei Bänden wurde erstmals 1963 von dem Direktor der Universitätsbibliothek Heidelberg Dr. Carl Wehmer (1903–1978) in Frankfurt am Main publiziert. 5 )

Leonhard Wagner starb 1522 in Augsburg. Seine Fraktur verdrängte ab 1520 in Deutschland, Österreich und der Schweiz sukzessive die Textura. Die »Deutsche Fraktur« (Deutsche Schrift) war über 400 Jahre im Wesentlichen die Buch- und Verkehrsschrift der Deutschen und bis 3. Januar 1941 die offizielle Amts- und Verkehrsschrift im »Deutschen Reich« (siehe Fraktur und Schriftgeschichte). 6 ) 7 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Das ehemalige Kollegiatstift wurde 1012 in ein Benediktinerkloster umgewandelt. Ab 1643/1644 bis zum Jahr 1802 war es eine Reichsabtei mit Sitz und Stimme auf dem Reichstag. 1802 wurde es im Zuge der Säkularisation aufgelöst. Unter König Ludwig I. von Bayern (1786–1868) wurde 1835 das Benediktinerstift St. Stephan auf Wunsch der Augsburger Bürger zur nachfolgenden Institution, um dort eine katholische Studieneinrichtung zu betreiben. Das Kloster gehört heute zur Bayerischen Benediktinerkongregation und unterhält immer noch ein Gymnasium mit dem angegliederten Studienseminar St. Joseph am Stephansplatz 6 in 86152 Augsburg. Weiterführende Informationen zu St. Afra und Ulrich auf der Website der Pfarrei, online verfügbar unter www.st-ulrich-und-afra.de (28.10.2017) und über die Abtei St. Stephan auf deren Website, online verfügbar unter www.abtei-st-stephan.de (28.10.2017).
2.Bibliotheksempfehlung: Die Bayerische Staatsbibliothek in München ist die zentrale Landesbibliothek des Freistaats Bayern und eine der bedeutendsten europäischen Forschungs- und Universalbibliotheken mit internationalem Rang. Sie beherbergt auch Deutschlands umfangreichste Wiegendruck-Sammlung (16.785 Exemplare bei 9.573 Titeln): Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München, online verfügbar unter www.bsb-muenchen.de (28.10.2017).
3.Bibliotheksempfehlung: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Schaezlerstraße 25, 86152 Augsburg, Regionalbibliothek für den Regierungsbezirk Schwaben der Bayerischen Staatsbibliothek, online verfügbar unter www.sustb-augsburg.de (28.10.2017). Mit 3.676 Handschriften, darunter 1.000 mittelalterlichen, 2.797 Inkunabeln und mehr als 120.000 Bänden aus der Zeit vor 1800, zählt die Bibliothek zu den großen deutschen spätmittelalterlichen-frühneuzeitlichen Sammlungen.
4.Weiterführende Informationen: Generalvikariat – Zentrale Dienste des Bistums Augsburg, online verfügbar unter https://bistum-augsburg.de/Bistum/Generalvikariat (28.10.2017).
5.Literaturempfehlung: Wagner, Leonhard: Proba centum scripturarum, ein Augsburger Schriftmusterbuch aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts, Hrsg. und Begleitext von Carl Wehmer, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 1963.
6.Literaturempfehlung: Bauer, Konrad Friedrich: Leonhard Wagner der Schöpfer der Fraktur. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Schrift, Bauersche Gießerei, Frankfurt am Main, 1936. 
7.Literaturempfehlung: Kapr, Albert: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 1993. ISBN 3-87439-260-0.