Graphem

Sprachwissenschaftlicher Terminus für das kleinste, bedeutungskennzeichnende Merkmal eines Schriftsystems. Die Strukturen und Zusammenhänge von Graphemen werden in der Graphemik, einer Hilfswissenschaft der Linguistik untersucht.

Begriffsabgrenzung

Ein »Graphem« ist die kleinste grafische Einheit eines Schriftsystems oder eines schrift­ähnlichen Zeichensystems. In der Regel handelt es sich hierbei um einen einzelnen Buchstaben oder um ein Schriftzeichen. Mehrere Grapheme, die innerhalb eines Schriftsystems die gleiche Funktion erfüllen bzw. die gleiche Bedeutung haben und einander ersetzen können, bezeichnet man als »Allographe«.

Jede Klasse von Allographen bildet wiederum ein Graphem. Beispielsweise fasst das Graphem »ö« mehrere Allographe zusammen. Beispielsweise hatte das heute gebräuchliche »ö« früher die Gestalt »oe«, »oͤ« oder »o̎«. Es könnte außerdem wie »ō», »õ» oder »ő« aussehen, in anderen Sprachen auch wie »œ» oder »ø». 1)

»Glyphen« hingegen sind konkrete Schriftzeichen innerhalb eines Schriftschnitts, z.B. Buchstaben (z.B. A,b,c), Buchstabenvarianten (z.B. geschlossenes »a« statt offenes »a«), Interpunktionszeichen (z.B. Anführungszeichen) oder Sonderzeichen (z.B. Pluszeichen). Der Begriff »Glyphe« wird in der Typografie also primär im Zusammenhang mit der Typometrie von Schrift- und Satzzeichen verwendet.

Irrungen und Wirrungen bei der Begriffsabgrenzung

In der Regel entspricht eine einzelne Glyphe einem einzelnen Graphem. Wobei eine Glyphe zwar in der lateinischen Schriftkultur ein Graphem ist, jedoch kein Allograph sein muss. Eine Glyphe kann aber auch mehrere Grapheme enthalten. Beispiel: Die Graphfolge »oe« kann als Ligatur »œ« angelegt sein – also als eine eigenständige Glyphe bzw. typografische Ligatur darstellen. Andererseits kann eine Glyphe auch nur ein Teil eines Graphems sein. Zum Beispiel kann das Graph »ö« aus einer Glyphe für den Buchstaben »o« und einer Glyphe für die Umlautpunkte »¨« zusammengesetzt werden. Normalerweise wird jedoch die Glyphe »ö« verwendet. In der Schriftlinguistik sind Grapheme darüber hinaus auch abstrakte Einheiten, um einen Bedeutungsunterschied in Wortpaaren zu markieren.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: In der deutschen Orthographie gilt »oe« als eine zulässige Ersatzschreibung für »ö».