Allograph

Terminus für Grapheme, die denselben Laut darstellen, aber eine voneinander abweichende typometrische oder orthographische Form bzw. Schreibweise aufweisen. Etymologisch aus dem altgr. »allos« für »anders« und »graphein« für »schreiben«. Alternative Schreibweise »Allograf«. 

In der Linguistik beschreibt ein Allograph eine von mehreren möglichen Formen eines bestimmten Schriftzeichens, unterschiedliche bzw. alternative Schreibweisen desselben Phonems oder die unterschiedlichen Schreibweisen sprachlicher Ausdrücke.

Unterschiedliche Allographen: Grapheme die sich im Lauf der Zeit verändert haben (Zeile 1), orthographische Grapheme (Zeile 2), typografisch reglementierte Grapheme (Zeile 3 und 4) und typografische Auflösung des Eszetts (Zeile 5).
Unterschiedliche Allographen: Grapheme die sich im Lauf der Zeit verändert haben (Zeile 1), orthographische Grapheme (Zeile 2), typografisch reglementierte Grapheme (Zeile 3 und 4) und typografische Auflösung des Eszetts (Zeile 5).

In der Typografie wird primär darunter die unterschiedliche Typometrie (Letternarchitektur) eines Zeichens – z.B. als Glyphe eines bestimmten Zeichens – oder die Formgebung eines Buchstabens in einem anderen Schriftschnitt, z.B. ein »a« im normalen Schriftschnitt hin zu einem »a« im kursiven Schriftschnitt verstanden. Zur besseren Abgrenzung werden Varianten des gleichen Satzzeichens innerhalb einer Schriftfamilie oder Schriftsippe als Allographen, unterschiedliche Formvarianten eines Schriftzeichens innerhalb eines Schriftschnitts als Glypen bezeichnet.

Die Typografie kennt unterschiedliche Arten von Allographen:

  • Grapheme, die sich im Lauf der Schriftgeschichte verändert haben. So der Wechsel der Buchstaben »I« zu »J« und »V« zu »U«. Beispiel: »SENATVS POPVLVS« zu »Senatus populus«.
  • Orthographisch reglementierte Grapheme. So die verschiedenen Schriftzeichen und Zeichenkombinationen für s-Laute (s, ss, ß) oder f statt ph. Beispiel: »Typographie« und »Typografie« oder »Allograph« und »Allograf«.
  • Typografisch reglementierte Grapheme ohne funktionale Veränderungen, die lediglich unterschiedliche periphere graphischen Merkmale im Schriftstil und im Figurenverzeichnis aufweisen, z.B. »a« zu »a«.
  • Die »Auflösung« (Transformation) der Minuskelligatur »ß« (Eszett) im normalen Schriftstil zu »SS« in der Formvariante der Kapitälchen bzw. Majuskeln. Beispiel: »mußte« zu »MUSSTE«. 

 

Begriffsabgrenzung

Ein »Graphem« ist die kleinste grafische Einheit eines Schriftsystems oder eines schrift­ähnlichen Zeichensystems. In der Regel handelt es sich hierbei um einen einzelnen Buchstaben oder um ein Schriftzeichen. Mehrere Grapheme, die innerhalb eines Schriftsystems die gleiche Funktion erfüllen bzw. die gleiche Bedeutung haben und einander ersetzen können, bezeichnet man als »Allographe«.

Jede Klasse von Allographen bildet wiederum ein Graphem. Beispielsweise fasst das Graphem »ö« mehrere Allographe zusammen. Beispielsweise hatte das heute gebräuchliche »ö« früher die Gestalt »oe«, »oͤ« oder »o̎«. Es könnte außerdem wie »ō», »õ» oder »ő« aussehen, in anderen Sprachen auch wie »œ» oder »ø». 1)

»Glyphen« hingegen sind konkrete Schriftzeichen innerhalb eines Schriftschnitts, beispielsweise Buchstaben (z.B. A,b,c), Buchstabenvarianten (z.B. geschlossenes »a« statt offenes »a«), Interpunktionszeichen (z.B. Anführungszeichen) oder Sonderzeichen (z.B. Pluszeichen). Der Begriff »Glyphe« wird in der Typografie also primär im Zusammenhang mit der Typometrie von Schrift- und Satzzeichen verwendet.

Irrungen und Wirrungen bei der Begriffsabgrenzung
In der Regel entspricht eine einzelne Glyphe einem einzelnen Graphem. Wobei eine Glyphe zwar in der lateinischen Schriftkultur ein Graphem ist, jedoch kein Allograph sein muss. Eine Glyphe kann aber auch mehrere Grapheme enthalten. Beispiel: Die Graphfolge »oe« kann als Ligatur »œ« angelegt sein – also als eine eigenständige Glyphe bzw. typografische Ligatur darstellen. Andererseits kann eine Glyphe auch nur ein Teil eines Graphems sein. Zum Beispiel kann das Graph »ö« aus einer Glyphe für den Buchstaben »o« und einer Glyphe für die Umlautpunkte »¨« zusammengesetzt werden. Normalerweise wird jedoch die Glyphe »ö« verwendet. In der Schriftlinguistik sind Grapheme darüber hinaus auch abstrakte Einheiten, um einen Bedeutungsunterschied in Wortpaaren zu markieren.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: In der deutschen Orthographie gilt »oe« als eine zulässige Ersatzschreibung für »ö».