Hurenkind

Begriff aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz deutscher Schriftsetzer aus der Periode des materiellen Schriftsatzes (z.B. Bleisatz) im 19. und 20. Jahrhundert für einen Fehler im Umbruch eines typographischen Schriftsatzes. Auch als »Hurensohn« oder »Hundesohn«, heute vorzugsweise als »Witwe« bezeichnet. 

Letzte Zeile eines Absatzes, die fehlerhaft alleine am Anfang einer neuen Kolumne, also am Anfang einer neuen Seite steht. Hurenkinder stören den Lesefluss und gelten als unvorteilhaft für die Ästhetik eines Schriftsatzes. 

Die »Witwe« – im gewerbespezifischen Sprachschatz der Schriftsetzer bis zum letzten Jahrhundert auch als »Hurenkind« bezeichnet – ist ein Fehler im Umbruch einer Schriftsatzarbeit. Sie ist die letzte Zeile eines Absatzes, die fehlerhaft alleine am Anfang einer neuen Kolumne, also am Anfang einer neuen Seite steht. Quelle: www.typolexikon.de
Die »Witwe« – im gewerbespezifischen Sprachschatz der Schriftsetzer bis zum letzten Jahrhundert auch als »Hurenkind« bezeichnet – ist ein Fehler im Umbruch einer Schriftsatzarbeit. Sie ist die letzte Zeile eines Absatzes, die fehlerhaft alleine am Anfang einer neuen Kolumne, also am Anfang einer neuen Seite steht.

Die korrekte Satzregel lautet: Die letzte Zeile eines Absatzes darf niemals am Anfang einer neuen Kolumne stehen. Ein ähnlicher Umbruchfehler ist der »Schusterjunge«, der heute auch als »Waisenkind« oder »Findelkind« bezeichnet wird.

Bei Textverarbeitungssoftware, z.B. Word® von Microsoft® oder Pages® von Apple® und DTP Desktop Publishing Software, z.B. InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, können derartige Umbruchfehler automatisch durch die gezielte Formatierung der »Absatzkontrolle« bzw. durch die Wahl geeigneter »Umbruchoptionen« vermieden werden. 1 )

Etymologie

Seit wann und durch wen der Begriff »Hurenkind« in den gewerbespezifischen Sprachschatz der Schriftsetzer Einzug fand, ist nicht bekannt. Den Prototypographen (Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bis 1500) war der Begriff jedenfalls nicht bekannt, wie ebenso wenig den nachfolgenden Generationen von Typographen, unter ihnen Aldus Manutius (1449–1515), John Baskerville (1706–1775), Pierre Simon Fournier (1712–1768), Firmin Ambroise Didot (1764–1836) oder Giambattista Bodoni (1770–1813), die sich bis ins frühe 19. Jahrhundert mehrheitlich einer lateinisch und griechisch orientierten Gelehrtensprache bedienten. 2 )

Der Begriff »Hurenkind« taucht erst mit der Proletarisierung der Typographie, also mit der prosperierenden Industrialisierung, insbesondere ab den 1890er Jahren mit dem Maschinenschriftsatz auf. In dieser Zeit entstand eine Fachsprache, die kurz, knapp und wenig erklärungsbedürftig war und den Anforderungen an die weniger gebildeteren »Stehkragenproletarier« 3 ) großer Zeitungsdruckereien effektiv erfüllte. Soziolinguistisch ist die Bezeichung »Hurenkind« (Kind einer Prostituierten) auch ein Indiz dafür, dass der Beruf des Schriftsetzers bis Mitte des 20. Jahrhunderts ausschließlich von (oft bigotten) Männern ausgeübt wurde. 4 ) 5 ) 

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Share / Beitrag teilen:
></div><div class=

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Exempel: Formatierung von Absätzen und Möglichkeiten der Absatzkontrolle bei Adobe® Indesign® CS6, Benutzerhandbuch, online verfügbar unter https://helpx.adobe.com/at/indesign/using/formatting-paragraphs.html (21.6.2017).
2, 4.Anmerkung: Diese Quintessenz erschließt sich aus der typographischen Fachliteratur ab 1500 bis heute.
3.Anmerkung: Während der Industrialisierung und der entstehenden Arbeiterbewegung (»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«) wurden Schriftsetzer bei großen Zeitungsdruckereien als »Stehkragenproletarier« bezeichnet, was daher rührte, dass sie im Handsatz stehend – meist mit Stehkragen und Krawatte – ihrer Arbeit nachgingen und sie sich gezielt – durch Kleidung und Fachwortschatz – von den anderen Arbeitern abgrenzten, weil sie sich – aufgrund ihrer reichen, elitären typographischen Tradition – nicht der »neuen« Arbeiterklasse zugehörig fühlten. Der Begriff wurde dann später verallgemeinert und auch auf andere Angehörige der Arbeiterklasse erweitert, die sich durch einen sozialen Aufstieg, z.B. als Angestellte, über ihre ehemaligen »Standesgenossen« erhoben haben.
5.Anmerkung: Der Begriff »Hurenkind« sollte heute vermieden werden, da er sicherlich nicht mehr zeitgemäß und politisch inkorrekt ist. Er spiegelt heute eine unreflektierte Geisteshaltung gegenüber Frauen und Kindern wieder.