Schriftsatz

»Schriftsatz« ist eine Bezeichnung aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz der dspr. Typografie für unterschiedliche satztechnische Verfahren (Satzsysteme) und Arbeitsschritte, um aus einer zur Publikation vorgesehenen Textvorlage, z.B. einem Manuskript (Handschrift), einem Typoskript (Maschinenmanuskript) oder einer Textdatei (Text File), eine materielle oder digitale Druckvorlage zu erstellen, bspw. für den Druck eines Buches, einer Zeitung oder eines Prospekts; typografischer Schriftsatz; Satzherstellung; Abk. »Satz«; Verb »setzen«. 

Seit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern zwischen 1450 und 1457 durch den Mainzer Prototypografen Johannes Gutenberg (um 1400 bis 1468) haben sich unterschiedliche Satzverfahren und Satzsysteme etabliert. Dazu zählen – in chronologischer Reihenfolge – der materielle Handsatz und der Maschinensatz 1)  mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung), Holz (z.B. aus Birnenholz) oder Kunststoff (z.B. aus Kunstharz), der Fotosatz sowie das Desktop Publishing (DTP).

In Abgrenzung zur digitalen Textverarbeitung (z.B. mit Textverarbeitungsprogrammen wie Microsoft Word® oder Apple Pages®) oder textbasierten Online- bzw. Netzpublikationen (Electronic Publishing), wird der typografische Schriftsatz heute mehrheitlich mittels Desktop Publishing Computer Software, z.B. InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, erstellt. Das Formatieren von elektronischen Dokumenten nach typografischen Regeln, beispielsweise auf einer HTML-Website mittels CSS Cascading Style Sheets, 2)  zählt im traditionellen Sinne nicht zum typografischen Schriftsatz.

Die typografische Satzherstellung basiert auf zahlreichen – teils jahrhundertealten – makrotypografischen und mikrotypografischen Regeln, gestalterischen Wissen, mathematischen Grundlagen, unterschiedlichen Techniken zur Satzherstellung sowie dem Satzmaterial (z.B. Fonts). 3)  4) 5)  6)  7) 8)

Zu den Arbeitsschritten der Satzherstellung zählen:

Vor dem digitalen Paradigmenwechsel wurde der Schriftsatz im polygrafischen Gewerbe (Druckwesen) im Allgemeinen von ausgebildeten Schriftsetzer:innen (Abk. Setzer:innen) erbracht. Im Bleisatz des 19. und 20. Jahrhunderts unterschied man dabei zwischen Handsetzer:innen und Maschinensetzer:innen sowie zwischen Setzer:innen im Werksatz (Buchsatz, Mengensatz) und im Akzidenzsatz (Titelsatz), sog. Akzidenzsetzer:innen. Darüber hinaus gab es im Buch- und Zeitungssatz noch den Beruf des »Metteur en pages«. 10)

Mit der Etablierung von Desktop Publishing Computerprogrammen zählen Schriftsatzabeiten heute zu den Aufgaben von ausgebildeten Mediengestalter:innen, Grafikdesigner:innen und Kommunikationsdesigner:innen (ggf. auch Layouter:innen oder Artdirector:innen). Die Grenzen zwischen der Gestaltung (Design) und dem Schriftsatz (Herstellung) einer Drucksache sind heute – da technisch möglich – mehr oder weniger fließend.

Im polygrafischen Gewerbe zählt der Schriftsatz zur »Druckvorstufe« (Preepress), bei Werbeagenturen, Verlagen sowie Kommunikations- und Grafikdesignbüros mehrheitlich zur »Herstellung« (bzw. Verlagsherstellung).

Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Literaturempfehlung: Moll, Herbert: Das Setzmaschinenbuch. Eine Zusammenstellung aller in der Praxis eingesetzten Setzmaschinen ihre Arbeitsweise und Produkte, Blersch Stuttgart, 1960.
2 Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen verfügbar unter https://www.w3c.de/about/ (18.5.2022).
3 Anmerkung: Zum klassischen Satzmaterial zählen die Druckschriften bzw. Fonts nebst Sonderzeichen, Arabischen Ziffern, Linien, Zierrat, Bildzeichen und Symbole, Ornamente und Vignetten sowie bildliche Darstellungen, z.B. Illustrationen oder Fotografien. Im materiellen Schriftsatz zählt auch noch das Blindmaterial dazu.
4 Literaturempfehlung: Bosshard, Hans Rudolf: Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Bildungsverband Schweizer Typografen, Bern, 1980, ISBN: 3855840105 und 3-85584-010-5.
5 Literaturempfehlung: De Jong, Ralf und Friedrich Forssman: Detailtypografie, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978-3-87439-642-4.
6 Literaturempfehlung: Willberg, Hans Peter und Friedrich Forssman: Lesetypografie, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, ISBN 978-3-87439-800-8.
7 Museumsempfehlung: Gutenberg-Museum, Liebfrauenplatz 5, 55116 Mainz, Informationen online unter https://www.mainz.de/microsite/gutenberg-museum/splash-page.php (18.5.2022).
8 Museumsempfehlung: Stiftung Werkstattmuseum für Druckkunst Leipzig, Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig, online unter https://www.druckkunst-museum.de (18.5.2022).
9 Anmerkung: Feinsatz ist der qualitativ bestmögliche Schriftsatz mit hohen ästhetischer Ansprüchen und maximaler Lesbarkeit.
10 Literaturempfehlung: Wolf, Hans-Jürgen: Geschichte der graphischen Verfahren, Historia Verlag, Dornstadt, ISBN 3-980-0257-4-8.