Fotosatz

»Fotosatz« ist eine ugs. Bezeichnung aus dem gewerblichen Sprachschatz dspr. Schriftsetzer und Drucker für den »Optomechanischen Lichtsatz«, einem Verfahren zur Schriftsatzherstellung; alternative Bezeichnung »Lichtsatz«.

Verkürzt formuliert, durchwandert bei optomechanischen, projektionsgesteuerten Fotosatzanlagen der von der Lichtquelle erzeugte Lichtstrahl ein System von Linsen, Spiegeln und Prismen eine Schablone mit der Schrift (Schriftbildträger), um dann auf Fotopapier oder Lithofilm (Abk. Litho) seitenrichtig für den Siebdruck oder seitenverkehrt für den Offsetdruck belichtet und im Anschluss im Nasslabor bzw. später in speziellen Entwicklungsmaschinen entwickelt zu werden. Mit diesen »Lithos« können dann Siebe für den Siebdruck oder Druckplatten für den Offsetdruck belichtet werden.

Fotosatz-Verbundsystem »tps 6300« (Texterfassung und Datenverwaltung) und »tpu 3608« (Belichtungseinheit) der Berthold GmbH. Quelle: Lehrdruckerei des Instituts für Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Foto: Derivat Graph, 2007 gemeinfrei.
Fotosatz-Verbundsystem »tps 6300« (Texterfassung und Datenverwaltung) und »tpu 3608« (Belichtungseinheit) der Berthold GmbH. Quelle: Lehrdruckerei des Instituts für Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Foto: Derivat Graph, 2007 gemeinfrei.

Die Belichtung auf einer Fotosetzmaschine erfolgt Schriftzeichen für Schriftzeichen, wobei die Schriftgrade durch Festoptiken oder später, ab den 1980er Jahren, stufenlos durch ein Zoomobjektiv wählbar waren. Ebenso konnten erstmals optomechanisch Zeilenabstände, Schriftlaufweiten, Schriftlagen, Schriftstärken und Schriftbreiten stufenlos verändert werden, was allerdings aus Sicht der Mikrotypografie zu qualitativ minderwertigen Satzergebnissen führte. Beispielsweise war es nun technisch möglich, Schriften optisch zu verzerren, zu dehnen, zu verdicken oder zu stauchen, was allerdings der Lesbarkeit und der Ästhetik in vielerlei Hinsicht nicht unbedingt förderlich war.

Mit der Einführung des Fotosatzes verzichteten weltweit Buch- und Zeitungsverlage auf die Verwendung von typografischen Ligaturen, denn diese waren technisch nun nicht mehr notwendig und der Werksatz wurde dadurch deutlich günstiger. Infolge veränderten sich auch die Lesegewohnheiten der Rezipienten.

Historie

Der Fotosatz wurde ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts für Flachdruckverfahren, speziell für den Tiefdruck und Offsetdruck entwickelt. Die ersten Patente erhielt 1893 der Engländer Arthur Ferguson und der 1894 der Ungar E. Porzsold. 1)

Die ersten Fotosetzmaschinen in Deutschland kamen Ende der 1950er Jahre zum Einsatz, beispielsweise die halbautomatische und mechanisches »Diatype« von Hugo Heine, die er zwischen 1952 und 1960 im Auftrag der Schriftgießerei H. Berthold AG (siehe Hermann Berthold) 2) entwickelt hatte und die 1958 – kurz vor dem hundertjährigen Jubiläum der H. Berthold AG – auf der Drupa in Düsseldorf, der weltgrößten Messe der Druck- und Druckmedienindustrie, vorgestellt wurde.

Fotosatzgerät Diatype der H. Berthold AG. Quelle: Lehrdruckerei des Instituts für Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Foto: Derivat Graph, 2007 gemeinfrei.
Fotosatzgerät Diatype der H. Berthold AG. Quelle: Lehrdruckerei des Instituts für Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Foto: Derivat Graph, 2007 gemeinfrei.

In den nachfolgenden Jahren bis Ende der 1990er Jahre produzierten unterschiedliche Hersteller, unter ihnen auch die Linotype GmbH, 3) unterschiedliche Arten von Fotosetzmaschinen, die den materiellen Schriftsatz mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) in der BRD (Westdeutschland), Österreich und der Schweiz ab den 1970er Jahren sukzessive ablösten und den Schriftsatz, die Druckvorstufe (Prepress) und das gesamte polygrafische Gewerbe (Druckwesen) revolutionierte und völlig neu strukturiere. Darüber hinaus brachte der Fotosatz für das Grafikdesign und Editorial Design mehr gestalterische Freiheiten und löste – außer in der DDR (Ostdeutschland) – den materiellen Schriftsatz nahezu komplett ab. Althergebrachte Berufe gingen verloren, völlig neue Berufsbilder, Maschinen und Firmen entstanden, so auch viele eigenständige Fotosetzereien.

Ab 1982 revolutionierte das »Desk Top Publishing« (DTP), das Anfang der 80er Jahre von Paul Brainerd (*1948) mit der Software Page-Maker® für den Apple Macintosh (Mac) von Apple® Inc. (USA) entwickelt wurde, ab Ende der 80er Jahre die gesamte Typografie. Der Personal Computer löste den Fotosatz in kürzester Zeit ab; wieder entstanden neue Medien, Berufe, Firmen, Ausbildungsstätten und Betrachtungsweisen. 4)  5) 6)

Die Ära des angewandten Fotosatzes dauerte im Wesentlichen nur knapp vier Jahrzehnte.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Quelle: Welke, Martin und Boris Fuchs: Zeitungsdruck, Die Entwicklung der Technik vom 17. zum 20 Jahrhundert, KG Saur, München 2000, ISBN 3-598-21321-2.
2 Anmerkung: Die Berliner Berthold AG wurde im II. Weltkrieg weitgehend durch Bomben zerstört. Sie zog in den 1980er Jahren vom Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg in die Teltowkanalstraße in Berlin-Lankwitz. 1964 kaufte Berthold die Firma »Film-Klischee« in Taufkirchen bei München, die das Titelsatzgerät »staromat« für den Fotosatz herstellte. Dorthin wurde dann auch die Schriftträgerfertigung für Fotosatzschriften verlegt (Quelle: Eric Spiekermann in einer E-Mail vom 18.5.2020 an Wolfgang Beinert). Künstlerischer Leiter war dort der Typograf Günter Gerhard Lange. Im Zuge der Digitalisierung ging die H. Berthold GmbH 1993 in Konkurs. Ein Rechtsnachfolger der Berthold GmbH existiert nicht, auch wenn dies der eine oder andere Schriftenhändler beteuert.
3 Anmerkung: 2006 wurde die »Linotype GmbH« mit dem Firmensitz in Bad Homburg (Hessen) eine Tochtergesellschaft der »Monotype Imaging Inc.«, der nun weltweit größten Font Foundry, mit mehr als 20.000 Fonts im Sortiment. Quelle: Monotype Imaging Inc., 600 Unicorn Park Drive, Woburn, MA 01801, Massachusetts, USA. Online verfügbar unter https://www.monotype.com (4.5.2020). Am 4. März 2013 wurde die Linotype GmbH in »Monotype GmbH« umbenannt.
4 Museumsempfehlung: Museum für Druckkunst Leipzig, Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig. Weiterführende Informationen online unter www.druckkunst-museum.de (14.5.2020)
5 Museumsempfehlung: Deutsches Museum, Abteilung Drucktechnik, Museumsinsel 1, 80538 München. Weiterführende Informationen verfügbar unter https://www.deutsches-museum.de/ausstellungen/kommunikation/drucktechnik (14.5.2020).
6 Workshopempfehlung: Lehrdruckerei des Gutenberg-Instituts für Weltliteratur und schriftorientierte Medien, Abteilung Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Jakob-Welder-Weg 18, 55128 Mainz. Weiterführende Informationen verfügbar unter www.buchwissenschaft.uni-mainz.de/ueber-uns/lehrdruckerei (14.5.2020).