Schriftstärke

»Schriftstärke« ist ein Terminus aus der dspr. Typografie für eine variable oder konstante »Strichstärke« bzw. »Strichbreite« eines gedruckten oder virtuellen Buchstabens, Schriftzeichens oder einer Schrift bzw. eines Schriftschnitts (Schriftstils) innerhalb einer Schriftfamilie; im gewerbespezifischen Sprachschatz dspr. Schriftsetzer, Schriftgießer und Drucker aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) auch als »Schriftgewicht« (Abk. »Gewicht«) bezeichnet; eng. »Font Weight« (Schriftgewicht); CSS-Eigenschaft »font-weight«; ugs. »Schriftdicke«.

Terminologie

Strichstärke und Schriftstärke

In der Kalligrafie, bei Schreibschriften bzw. Script Fonts, in der Schriftgestaltung (Type Design) sowie in der Schriftklassifikation bei der Beschreibung eines einzelnen Buchstabens oder Satzzeichens, beispielsweise eines Grundstrichs, Haarstrichs oder dem Spannungsverhältnis von senkrechten zu waagrechten Strichen, wird primär der sinnverwandte, jedoch detaillierter beschreibende Terminus »Strichstärke« verwendet. In der angewandten Typografie verwendet man bei produktionsfertigen Schriftschnitten einer Schriftfamilie bzw. Schriftsippe hingegen den Begriff »Schriftstärke«.

Die Strichstärke beschreibt in der Mikrotypografie also ein Detail eines Zeichens, 1) die Schriftstärke in der Makrotypografie die Gesamtheit (z.B. fett oder mager) der Strichstärken einer Schrift.

Ursprung

Der Begriff »Strichstärke« stammt ursprünglich aus der Kalligrafie, wo er je nach Schreibgerät (z.B. Rohrfeder) sowie Stift- bzw. Federführung von mager bis fett und von gleichmäßig bis hin zum ausgeprägten Wechselzug variieren kann (siehe Duktus). Die Prototypografen haben dann ab Mitte des 16. Jahrhunderts diese Art der kalligrafischen Strichführung bei Werksatzschriften aufgrund vorhandener Lesegewohnheiten und dementsprechender kaufmännischer Notwendigkeit übernommen und in Form von unterschiedlichen »Schriftgewichten« bzw. »Schriftstärken« adaptiert.

Bezeichnungen

Die Terminologie für Schriftstärken ist nicht einheitlich. So wird beispielsweise »mager« auch als »leicht«, »extra leicht« als »extrafein« oder »extra fett« als »doppeltfett« (etc.) bezeichnet. Des Weiteren werden Schriftschnitte auch mit zweistelligen Zahlen benannt, beispielsweise die Grundschrift der »Univers« von Adrian Frutiger (1928–2015) mit der Basisschriftstärke als »55«, der halbfette mit »65« und der fette Auszeichnungsschnitt mit »75« (etc.).

Bei physischen Drucktypen existieren darüber hinaus fein abstufende Gewichtungen (Fette), beispielsweise »Dreiviertelfett«, wobei alle positiven und negativen Abstufungen sich von der Basisschriftstärke des normalen Schriftschnitts einer bestimmten Schriftgießerei (Font Foundry) ableiten.

Unterschiedliche Schriftstärken

Eine Schriftfamilie bzw. eine Schriftsippe einer Text- bzw. Werksatzschrift besteht in der Regel aus unterschiedlichen Schriftstilvarianten, also mehreren familiären Schriftstilen bzw. Schriftschnitten, deren Charaktereigenschaften jeweils auf unterschiedliche Schriftbreiten (z.B. schmal oder breit), Schriftlagen (z.B. kursiv oder schräg) und Schriftstärken (z.B. mager oder fett) beruhen.

Beispiel: Unterschiedliche Schriftstärken der Corporate A, eine Renaissance-Antiqua von Kurt Weidemann (1922–2011) aus der Schriftsippe Corporate A-S-E, die als Hausschrift für die Mercedes-Benz AG entwickelt wurde. Von oben: Light, Regular, Medium, Demi und Bold.
Beispiel: Unterschiedliche Schriftstärken der Corporate A, eine Renaissance-Antiqua von Kurt Weidemann (1922–2011) aus der Schriftsippe Corporate A-S-E, die als Hausschrift für die Mercedes-Benz AG entwickelt wurde. Von oben: Light, Regular, Medium, Demi und Bold.

Gewöhnliche Schriftstärken bei Druck-, Screen- und Webfonts:

Schriftstärken (deu.)Schriftstärken (int.)CSS font-weight
ultraleichtmuy fina
thin
ultra chiaro
ultra light
ultra mager
ultra maigre
100
extraleichtextra light
200
magerchiarissimo
chiaro
fina
light
maigre
mager
zart
300
normalchiaro tondo
normal
regular
400
leichthalbfettmedium500
halbfettalvfet
demi-bold
demi-gras
neretto
semibold
seminegra
600
fettbold
fet
gras
negra
nero
700
extrafettextra bold
extrafet
extra gras
extra heavy
muy negra
nerissimo
800
ultrafettblack
extra black
super
ultra bold
900

Gut »ausgebaute« Schriftfamilien (und Schriftgarnituren) bieten – ausgehend von der Basisschriftstärke des normalen Schriftschnitts (regular) – zusätzliche Abstufungen in den Schriftstärken von »ultra leicht« bis »ultra fett«.

In Verbindung mit unterschiedlichen Schriftbreiten und Schriftlagen können sich daraus viele und teils exotisch klingende Kombinationen, z.B. »Kapitälchen schmalmager kursiv«, ergeben. Bei Expertensätzen sind die Schriftstärken auch auf die unterschiedlichen Optischen Größen (Optical Sizes) einer Schriftfamilie abgestimmt.

Bei Optischen Größen werden die Strichstärken vom Schriftgestalter/in zusätzlich noch an den Schriftgrad angepaßt. Beispiel: Im Vergleich die Majuskel A der »Minion Pro regular« von Robert Slimbach für Adobe®. Links im Caption-Schnitt, z.B. als Konsultationsschrift für Kleingedrucktes, und rechts als Display-Schnitt, z.B. als Displayschrift für eine Headline. Die Typometrie – insbesondere die Strichstärken beider Designgrößen – unterscheidet sich signifikant.
Bei Optischen Größen werden die Strichstärken vom Schriftgestalter/in zusätzlich noch an den Schriftgrad angepaßt. Beispiel: Im Vergleich die Majuskel A der »Minion Pro regular« von Robert Slimbach für Adobe®. Links im Caption-Schnitt, z.B. als Konsultationsschrift für Kleingedrucktes, und rechts als Display-Schnitt, z.B. als Displayschrift für eine Headline. Die Typometrie – insbesondere die Strichstärken beider Designgrößen – unterscheidet sich signifikant.

Je mehr optimierte Schriftstärkenabstufungen eine Schriftfamilie besitzt, desto besser ist sie semantisch (siehe Schriftmischung und Auszeichnung), gestalterisch und mikrotypografisch in unterschiedlichen Schriftreproduktionstechniken, Trägermaterialien und Schriftgraden implementierbar.

Lesbarkeit

Die Schriftstärke beeinflusst sowohl mikro- als auch makrotypografisch den Grauwert und somit die Lesbarkeit eines Schritsatzes. Denn je dunkler und dichter oder zu hell und licht ein Mengentext ist, desto unangenehmer und schwerer ist er lesbar.

Grundsätzlich gilt in der Lesetypografie für den Werksatz die Lehrmeinung: Je weiter die Schriftstärke von der Basisschriftstärke (normal/regular) abweicht, desto schwerer bzw. langsamer ist die Schrift zu lesen. Verkürzt formuliert: Eine zu fette oder zu dünne Schrift ist in einem längeren Fließtext oder im Mengensatz schlechter lesbar, als eine normale Schriftstärke. 2)

Bei normalbreiten Druckschriften für den Satz von längeren Textpassagen in Lesegrößen – die auch als Grundschriften, Textschriften, Mengensatzschriften, Werksatzschriften oder Brotschriften bezeichnet werden – werden deshalb in der Regel die Schriftstärken »normal« (regular), »buch« (book) und ggf. »mager« (light), im gemischten Satz bzw. im geschlossenen Satz für laute Auszeichnungen »halbfett« und »fett« verwendet.

Generierte Schriftstärken

Optische (z.B. im Fotosatz) und elektronische Modifikationen (z.B. mit Kathodenstrahl-Lichsetzanlage Digiset) sowie per Anwendersoftware generierte Strichstärken – egal ob im Schriftentwurf (z.B. mit Fontographer® von FontLAP®) oder in der Anwendung (z.B. in InDesign® von Adobe®) – gelten als weitaus weniger ästhetisch. In den meisten Fällen weichen generierte Schriftstärken (»Falsche Fette«) in ihrer Typometrie (Letternarchitektur) extrem von der des Originalschnitts (»Echte Fette«) ab.

Sehr deutlich erkennt man an diesem Beispiel den Unterschied zwischen der generierten Schriftstärke (»Falsche Fette«, Zeile 2) und dem Originalschnitt (»Echte Fette«, Zeile 3) der Amerikanischen Grotesk »Trade Gothic« des US-amerikanischen Buchgestalters und Schriftentwerfers Jackson Burke (1908–1975). Ausgehend vom normalen Schriftschnitt (Zeile 1) wurde mit dem Button »bold« der fette Schriftschnitt (Zeile 2) am PC generiert. Allerdings hat dieser herzlich wenig mit dem originalen fetten Schnitt (Zeile 3), geschweige denn mit der typischen Letternarchitektur einer fetten Trade Gothic zu tun.
Sehr deutlich erkennt man an diesem Beispiel den Unterschied zwischen der generierten Schriftstärke (»Falsche Fette«, Zeile 2) und dem Originalschnitt (»Echte Fette«, Zeile 3) der Amerikanischen Grotesk »Trade Gothic« des US-amerikanischen Buchgestalters und Schriftentwerfers Jackson Burke (1908–1975). Ausgehend vom normalen Schriftschnitt (Zeile 1) wurde mit dem Button »bold« der fette Schriftschnitt (Zeile 2) am PC generiert. Allerdings hat dieser herzlich wenig mit dem originalen fetten Schnitt (Zeile 3), geschweige denn mit der typischen Letternarchitektur einer fetten Trade Gothic zu tun.

Des Weiteren sind generierte, also gefakte Strichstärken – insbesondere bei Schriften mit Serifen und in Lese- und Konsultationsgrößen – immer schlechter lesbar als Schriftstärken, -breiten und -lagen, die vom Schriftgestalter/in individuell entworfen und mikrotypografisch abgestimmt wurden. Dies gilt auch für generierte Schriftstärken bei Variablen Fonts, die leider immer noch in der Qualität ihrer Strichstärken minderwertig erscheinen.

Laufweiten

Je fetter oder magerer eine Schriftstärke von der normalen Basisschriftstärke abweicht, desto mehr oder weniger weicht die Normalschriftweite von der des normalen Schriftschnitts ab. D.h., je fetter ein Schriftschnitt ist, desto längere und/oder breitere Kolumnen – und umgekehrt – benötigt ein Fließtext. 3) Die Wahl der Schriftstärken haben im korrespondierenden Fremdsprachensatz 4) auch Einfluss auf die Synchronisation der sinnentsprechenden Textposition. 5)

Wahl der Schriftstärke

Schriftstärken sind nicht genormt. D.h., bei jeder Schrift fällt die Schriftstärke – z.B. der fette Schnitt – völlig unterschiedlich aus. Oder anders formuliert: Schrift ist nicht gleich Schrift und fett ist nicht gleich fett!

Deshalb kann beispielsweise die Wahl aus mehreren fetten Schriftschnitten nur schrift- und anwendungsspezifisch getroffen werden. Ob beispielsweise eine halbfette oder fette Schriftstärke die bessere Wahl ist, hängt u.a. von der Typometrie, dem Satzumfang, dem Grauwert, dem Trägermaterial (z.B. ungestrichene Naturpapiere), der Drucktechnik (z.B. Hochdruckverfahren), der Farbchemie (z.B. Wegschlagverhalten der Farbe) oder der Qualität und Größe einer Benutzeroberfläche (z.B. LED Monitor) ab.

Webfonts

Bei Webfonts entspricht die normale Schriftstärke (font-weight: normal;) dem numerischen Wert von 400 (font-weight: 400;) und eine fette Schriftstärke (font-weight: bold;) dem numerischen Wert von 700 (font-weight: 700;). Ist kein originaler fetter Schriftschnitt als Web- oder System Font hinterlegt, simuliert ein Internet Browser (z.B. Safari®, Chrome® oder Firefox®) diesen. D.h., die Typometrie ist willkürlich und sieht in jedem Browser anders aus.

Grundsätzlich gelten für die CSS-Eigenschaften 6) font-weight 100 bis 900, dass die numerischen Werte nur dann eine mehr oder weniger originalgetreue Schriftstärke darstellen, wenn ein originaler Webfont oder eine Systemschrift (Fallback Font) auch hinterlegt ist.

Falls ein numerischer Wert zwischen 600 und 900 nicht mit einem realen Font hinterlegt ist, wird stattdessen der nächst stärkere Wert, bei einem Wert zwischen 100 und 500, der nächst magere Wert verwendet. Bei Fonts, welche keine numerische Werte unterstützten, entsprechen die Werte 100 bis 500 »normal« und 600 bis 900 »bold«.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1Anmerkung: In der Mikrotypografie beschreibt man beispielsweise damit auch die »Buchstabenfette«, also die Stärke eines senkrechten Strichs (Grundstrich, Standfette) gemessen an der Minuskel »i« von der Grundlinie zur H-Linie (Majuskelhöhe).
2Anmerkung: Insbesondere auf selbststrahlenden Benutzeroberflächen (z.B. LED Monitore) sind dünne – insbesondere serifenlose und schmallaufende – Druckschriften deutlich schlechtler lesbarer, als in Druckerzeugnissen.
3Anmerkung: Bei langen Fließtexten in zu fetten (und breiten) Schriftschnitten erhöhen sich die Seitenanzahl bzw. die Nutzen eines Druckerzeugnisses deutlich.
4Anmerkung: Schriftstärken haben insbesondere auf die Satzumfangsberechnung eines Layouts mit korrespondierenden Fremdsprachensatz (z.B. dt. Text im normalen Schnitt in einer Spalte, daneben der eng. Text im mageren oder fetten Schnitt in einer zweiten Spalte) Auswirkungen.
5Tipp: Im korrespondierenden Fremdsprachensatz können die Schriftstärken auch auf die sprachliche Textlänge der Übersetzung eingehen. Beispielsweise läuft eine eng. Übersetzung in der Regel kürzer als der dt. Originaltext. Zu den Aufgaben des Typografen/in gehört es, durch die Wahl der jeweiligen Schriftstärken die Texte in Inhalt und Position mehr oder weniger anzugleichen.
6Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen online verfügbar unter https://www.w3c.de/about (22.2.2020).