Schriftauszeichnung

Typografischer Terminus für eine selektive Schriftmischung oder Farbauszeichnung im »glatten Satz« bzw. innerhalb eines »geschlossenen Schriftsatzes«; Auszeichnung der Grundschrift innerhalb eines fortlaufenden Textes mit einer anderen Schriftart, Schriftstilvariante oder Schriftfarbe. Abk. »Auszeichnung«. 

Etymologisch rührt der Begriff »Auszeichnung« aus der Inkunabelzeit der Jahre 1450 bis 1500. Denn Initialen, Rubriken, Lombarden, Illuminationen, Unterstreichungen, Auszeichnungsstriche sowie farbiger Schriftwechsel konnten in der Prototypografie technisch bedingt nur von Kalligraphen, Illuminatoren und Rubrikatoren händisch »ausgezeichnet« werden. 

Schriftauszeichnungen werden in der Lesetypografie beispielsweise für direkte oder indirekte Rede, das wort- und phrasenweise Zitieren sowie neueingefügte Begriffe verwendet. Richtig und konsequent angewendet, können Auszeichnungen gezielt Fixationsprozesse fördern. 

Auszeichnungen und Auszeichnungsschriften werden aufgrund einer semantisch-typografischen Auszeichnungsmatrix (siehe Schriftmischung) fixiert. Die semantische Gliederung gehört in den Bereich Text/Redaktion, die Verknüpfung der Semantik mit einer Schriftstilvariante in den Bereich der Makrotypografie und die Wahl einer bestimmten Schriftart in das Segment der Mikrotypografie.

Leise und laute familiäre und extrafamiliäre Schriftauszeichnungen. Beispiele gesetzt in der Compatil Text und Fakt von Linotype Design Studio und Olaf Leu (*1936).
Leise und laute familiäre und extrafamiliäre Schriftauszeichnungen. Beispiele gesetzt in der Compatil Text und Fakt von Linotype Design Studio und Olaf Leu (*1936).
Beispiel einer familiären Schriftauszeichnung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate A Regular Italic.
Beispiel einer familiären Schriftauszeichnung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate A Regular Italic.
Beispiel einer extrafamiliären Schriftauszeichnung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate S Bold.
Beispiel einer extrafamiliären Schriftauszeichnung. Grundschrift des Rohsatzes in der Corporate A Regular von Kurt Weidemann (1922–2011). Auszeichnung in Corporate S Bold.

In der Typografie werden folgende Auszeichnungsarten unterschieden:

  • Leise Auszeichnung
    Auszeichnung, die sich harmonisch in das Schriftbild einfügt und erst in der betreffenden Zeile vom Leser bemerkt wird. Auch als integrierte Schriftauszeichnung bezeichnet. Auszeichnung mit strichgleichen Schriftstilen innerhalb einer Schriftfamilie, ausgehend von der Grundschrift, beispielsweise dem kursiven Schriftschnitt oder den Kapitälchen. 1 )
  • Laute Auszeichnung 
    Auszeichnung, die vom Rezipienten bereits bemerkt wird, bevor das Auge die ausgezeichnete Textpassage erreicht hat. Auch als aktive Schriftauszeichnung bezeichnet. In der Regel versteht man darunter eine Auszeichnung mit fetteren inner- und extrafamilären Schriftschnitten, beispielsweise eine Antiqua im normalen Stil als Grundschrift und als Auszeichnungsschrift eine Grotesk im fetten Stil.
  • Farbauszeichnung
    Auszeichnung mit einer Farbe (Schriftauszeichnungsfarbe). Farbauszeichnungen zählen in der Regel zu den »Lauten Auszeichnungen«. 2 ) 3 )
  • Spationierte Auszeichnung
    Auszeichnung durch Erweiterung der Normalschriftweite mittels Spationieren oder Sperren (Sperrsatz).
  • Grafische Auszeichnung
    Auszeichnung, die durch grafische Stilmittel signiert werden, beispielsweise mit einer Unterstreichung oder Rasterflächenhinterlegung. Grafische Auszeichnungen zählen zu den »Lauten Auszeichnungen«. 4 )

Werden mehrere Auszeichnungsarten für die gleiche Auszeichnung, also für die gleiche Textpassage verwendet, spricht von einer »Typografischen Redundanz«. Sie zählt in der Lesetypografie zu den Schriftsatzfehlern. Beispielsweise gilt als zu vermeidende Redundanz, eine kursive Auszeichnung zusätzlich mit An- und Abkürzungszeichen zu flankieren oder eine kursive Auszeichnung auch noch farbig zu betonen. 

Im materiellen Schriftsatz (z.B. Bleisatz) wird traditionell – ausgehend vom normalen Schriftschnitt – der kursive, halbfette und fette Schriftschnitt sowie die Kapitälchen innerhalb einer Schriftfamilie als »Auszeichnungsschnitte« bezeichnet. 

Ein Schriftschnitt ist eine Schriftstilvariante innerhalb einer Schriftfamilie. Dazu zählen beispielsweise der normale, kursive, halblfette und fette Schriftstil sowie die Kapitälchen. Beispiel gesetzt in der Französische Renaissance-Antiqua »Minion Pro« von Robert Slimbach (*1956) aus der Linotype Schriftbibliothek. Infografik: www.typolexikon.de
Ein Schriftschnitt ist eine Schriftstilvariante innerhalb einer Schriftfamilie. Dazu zählen beispielsweise der normale, kursive, halblfette und fette Schriftstil sowie die Kapitälchen. Beispiel gesetzt in der Französische Renaissance-Antiqua »Minion Pro« von Robert Slimbach (*1956) aus der Linotype Schriftbibliothek.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Werden direkte/indirekte Rede oder Zitate anstatt mit Anführungszeichen mit einer anderen Schrift ausgezeichnet, fallen die ursprünglichen Anführungszeichen weg (siehe Typografische Redundanz).
2.Tipp: Farbauszeichnungen sollten grundsätzlich sparsam angewendet werden. Für ungeübte Typografen/innen gilt die Faustregel: Um Redundanzen zu vermeiden, niemals »Laute Schriftauszeichnungen« zusätzlich mit Farbe hervorheben.
3.Tipp: Lange farbige Textpassagen in Konsultations- und Lesegrößen sollten in Vierfarbdruck (CMYK/Euroskala) grundsätzlich nicht gerastert und nur in Echtfarben gedruckt werden, da die Schriftkanten unscharf werden, was wiederum die Lesbarkeit beeinträchtigt.
4.Anmerkung: Abgesehen von Hyperlinks in HTML-Texten, sollten Unterstreichungen oder Hinterlegungen als Auszeichnungen in der Lesetypografie nicht verwendet werden, da sie den Leseprozess verlangsamen.