Lombarde

Terminus aus der Paläographie, Paläotypie, Kalligraphie und Typografie für einen im Vergleich zur Grundschrift größeren, andersfarbigen Schmuck- und Gliederungsbuchstaben in spätmittelalterlichen Handschriften (ca. 1250–1500) und Inkunabeln (1438–1500). 1 )

In der Buchgestaltung zählen Lombarden zum Buchschmuck. Sie fungieren primär als Gliederungszeichen, beispielsweise um in einem Brevier (liturgisches Buch) bzw. in einem Horarium (Stundenbuch) die Gebetsanfänge zu kennzeichnen oder einen neuen Absatz einzuleiten. Sie stehen am Anfang und im Fortlauf einer Zeile, einer Notation oder Kolumne.

Lombarden sind ca. eineinhalb- bis dreizeilig große, bauchig gerundete lateinische Buchstaben in Form von Majuskeln im gotischen Stil, die ursprünglich aus der römischen Majuskelschrift »Uncialis« (Unziale) abgeleitet und mit einer Rohrfeder geschrieben wurden. 

Lombarden sind keine Initialen, auch wenn sie wie »kleine Initialen« aussehen. Sie sind taxonomisch den Initialen untergeordnet. Im Gegensatz zu den opulenteren Initialen sind sie nicht oder nur mit spärlich groben Ornamenten, z.B. Fleuronnés (u.a. Maiglöckchen, Blätter und Blüten), schlichten Schnörkeln oder mit senk- oder waagrechten Strichen bzw. Schleifen verziert und in Relation zur Initiale deutlich kleiner. Einfache Lombarden wurden in wenigen Zügen gezeichnet und direkt mit der Feder ausgemalt.

Lombarden sind Schmuck- und Gliederungsbuchstaben in spätmittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, die sich deutlich von Initialen unterscheiden. Beispiel: Beginn des »Hamburger Psalters in scrinio 142« (Seite 2) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit einer sechszeiligen Initiale, gefolgt von mehreren eineinhalbzeiligen rubrizierten Lombarden innerhalb der Zeilen. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Weiterführende Informationen über das Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig unter https://blog.ub.uni-leipzig.de/deutsche-psalter-fragmente-aus-stralsund-und-hamburg (28.9.2018).
Lombarden sind Schmuck- und Gliederungsbuchstaben in spätmittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, die sich deutlich von Initialen unterscheiden. Beispiel: Beginn des »Hamburger Psalters in scrinio 142« (Seite 2) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit einer sechszeiligen Initiale, gefolgt von mehreren eineinhalbzeiligen rubrizierten Lombarden innerhalb der Zeilen. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Weiterführende Informationen über das Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig unter https://blog.ub.uni-leipzig.de/deutsche-psalter-fragmente-aus-stralsund-und-hamburg (28.9.2018).
Die über zehnzeilige Fleuronnée-Initiale (links oben) gefolgt von unterschiedlich farbigen zweieinhalbzeiligen Lombarden am Zeilenanfang aus »Das Nibelungenlied und die Klage«, Handschrift D (Prunner Codex) aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, München.
Die über zehnzeilige Fleuronnée-Initiale (links oben) gefolgt von unterschiedlich farbigen zweieinhalbzeiligen Lombarden am Zeilenanfang aus »Das Nibelungenlied und die Klage«, Handschrift D (Prunner Codex) aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, München.

In der Kalligraphie wurden Lombarden aufgrund der guten Deckkraft meist in den Pigmentfarben Cinnabarit (Zinnoberrot) und in Azurit (Bergblau) oder Lasurstein (Lapislazuli) einfarbig mit der Feder geschrieben bzw. in der Prototypographie händisch durch Rubrikatoren 2 ) ausgezeichnet. 3 ) Bei prunkvollen Psaltern wurden Lombarden auch mit grünen, silbernen oder goldenen Farbtönen – auch auf farbigen Grund – koloriert bzw. mit Blattgold verziert und auf die anderen Komponenten des Buchschmucks, z.B. auf die Initialen, Grotesken (Tierkörper mit Menschenköpfen) und Zeilenfüller (z.B. Muster, Pflanzen- oder Tiermotive), abgestimmt. 

Rötliche Lombarden werden als »Rubrizierte Lombarden« bezeichnet. 4 ) Gotische Lombardalphabete werden in der Typografie auch »Lombardische Majuskeln« bzw. »Lombardische Versalien« 5 ) genannt.  

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Bibliotheksempfehlung: Deutschlands umfangreichste Wiegendruck-Sammlung (16.785 Exemplare bei 9.573 Titeln): Bayerische Staatsbibliothek, Ludwigstraße 16, 80539 München, www.bsb-muenchen.de.
2.Anmerkung: »Rubrikator« bedeutet »Rotmacher«. Er zeichnete nach dem Schreiben des Textes bzw. nach dem Drucken z.B. die Überschriften, Initialen, Lombarden, Buchstabenverzierungen oder Zeilenfüller – meist in rötlicher Farbe – händisch aus. Buchstaben, die vom Rubrikator ausgezeichnet werden sollten, wurden vom Schreiber, Kopisten oder Drucker mit »Repräsentanten« (Platzhalter) versehen.
3.Daher rühren die auch heute noch verwendeten typografischen Begriffe »Auszeichnung«, »Auszeichnungsschrift« oder »Auszeichnunsfarbe«.
4.Anmerkung: »Rubrizieren« bedeutet »rot einfärben«.
5.Anmerkung: In der Paläographie und in der Schriftlinguistik kennzeichnet ein Versal (Singular) einen Großbuchstaben an den Anfängen von Verszeilen. Verse haben ihren Ursprung im 9. Jahrhundert, welche zu dieser Zeit in Minuskeln geschrieben wurden (siehe Schriftgeschichte). Die Bedeutung »Vers(zeile)« ist hier in metaphorischer Anlehnung an die Linie einer Ackerfurche zu verstehen, die durch das Umwenden des Pfluges beendet wird.