Paläografie

Historische Hilfswissenschaft zur systematischen Erforschung des Schreibwesens (Kalligrafie) und der Schriftgeschichte von der Antike bis zur Renaissance, also bis zu den Anfängen der Prototypografie bzw. der Typografie. Die Paläografie umfasst auch die Klassifikation sämtlicher Schriftarten anhand ihrer graphischen Merkmale sowie der Datierung, Entzifferung und Transkription von Manuskripten. 

Alternative Schreibweise »Paläographie«. Etymologisch von altgr. »palaiós« für »alt, urgeschichtlich« und »graphia« für das »Schreiben, Darstellen, Beschreiben« zu altgriechisch »graphein« für »ritzen, schreiben« im deutschen Sinne von »Lehre alter Schriften«. 

Die Paläografie entwickelte sich Mitte des 17. Jahrhunderts aus/mit der Diplomatik sukzessive zu einer Disziplin der Historischen Hilfswissenschaften als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Konkret resultiert die Diplomatik Anfang des 17. Jahrhunderts aus einer kirchenrechtlichen Fehde (u.a. Reform von Verdun) zwischen der papsttreuen katholischen Ordensgemeinschaft »Gesellschaft Jesu« (Jesuiten) und dem autonomen katholischen Orden des Heiligen Benedikts (Benediktiner). 

Den ersten Versuch einer wissenschaftlichen Behandlung historischer Schriftstücke unternahm der belgische Jesuit Daniel Papebrock (alternative Schreibweisen van Papenbroeck oder Papebroch, 1628–1714) in der Antwerpener »Acta Sanctorum« von 1675, wo er die Authentizität der ältesten merowingischen Urkunden der Abtei Saint-Denis, einer Abtei der Benediktiner nördlich von Paris, in Frage stellte.

Die sehr detaillierte als auch umfangreiche Antwort- und Verteidigungsschrift »De re diplomatica libri VI«, Paris 1681, 1) des Benediktinermönchs und Klosterschatzmeisters der Abtei Saint-Denis Jean Mabillon (1632–1707) gilt gewissermaßen als namengebendes Gründungsdokument für die neue Hilfswissenschaft »Diplomatik«. Der Fächerkanon der Historischen Hilfswissenschaften wurde neben der Paläografie in den folgenden Jahrhunderten u.a. um Spezialgebiete wie Sphragistik (Siegelkunde), Numismatik (Münzkunde), Heraldik (Wappenkunde) oder oder Paläotypie (Inkunabelkunde) erweitert. 2) 3) Jean Mabillon gilt als Begründer der Diplomatik bzw. der Paläografie. 

Bernard de Montfaucon (1655–1741) gilt als Begründer klassischen (griechischen) Paläografie. Porträt (Ausschnitt): Kupferstich aus dem Jahre 1744 nach einem Motiv des Malers Charles-Étienne Geuslain (1685–1765), Paris. Kupferstecher: Benoît Audran II., Paris. Quelle: Die Porträtsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Inventarnummer II 3602.2).
Bernard de Montfaucon (1655–1741) gilt als Begründer klassischen (griechischen) Paläografie. Porträt (Ausschnitt): Kupferstich aus dem Jahre 1744 nach einem Motiv des Malers Charles-Étienne Geuslain (1685–1765), Paris. Kupferstecher: Benoît Audran II., Paris. Quelle: Die Porträtsammlung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Inventarnummer II 3602.2).

Die klassische (griechische) Paläografie wurde 1708 vom französischen Benediktiner Bernard de Montfaucon (1655–1741) mit einer Studie über den Ursprung und die Entwicklung der hellenistischen Schriftkultur »Palaeographia graeca sive de ortu et progressu litterarum graecarum« – ein Lehrbuch zu alten griechischen Schriften – in die Wissenschaft eingeführt. 4) De Montfaucon war ein Mitbruder Mabillons. Beide lernten sich um 1687 im Kloster St. Germain-des-Prés in Paris kennen, wo sie auch gemeinsam an einer Publikation zum »Kirchenvater« (pater ecclesiae) arbeiteten. 

1713 gelang dem italienischen Marchese Scipione Maffei (1675–1755) durch den zufälligen Fund der verloren geglaubten tausendjährigen, kostbaren lateinischen Handschriftensammlung des Veroneser Domkapitels der Nachweis dreier Arten der römischen Schrift, nämlich der Majuskel, der Minuskel und der Cursiva

Ähnlich bedeutsam waren die Schriftforschungen des deutschen Benediktiners Johann Georg Bessel (1672–1749) 5) und seinem Mitarbeiter und Kopisten Franz Joseph von Hahn (1699–1747) an den deutschen Kaiserurkunden, die 1732 edierten »Chronicon Gottwicense«. Das »Lexicon diplomaticum«, Ulm 1756, des kurfürstlichen Archivars Johann Ludolf Walther (o.A.) präsentierte dann die erste Zusammenstellung von Abbreviaturen auf 225 Foliotafeln.6) 

Eine umfassende Systematik der lateinischen Paläografie erarbeiteten bis 1765 die französischen Benediktiner Charles Francois Toustain (1700–1754) und René Prosper Tassin (1697–1777). In ihrem »Nouveau Traité« wurde die römische Majuskelschrift erstmals nach Capitalis und Uncialis unterschieden und zu Minuskel und Kursive als besondere Schriftart eine Semiuncialis (Halbunziale) eingeführt, aus der sich im Verlauf der karolingischen Schriftreform die mittelalterliche Minuskel entwickelte.

Im 19. Jahrhundert wurde die französische »Ecole des Chartes« vor allem durch die Forschungen von Natalis de Wailly (1805–1886) und Léopold Delisle (1826–1910) zum Zentrum einer umfassenden Paläografie, die sich bald nicht mehr nur auf die römische Schrift konzentrierte, sondern alle abendländischen Nationalschriften mit einbezog und damit richtungweisend für die europäischen Geisteswissenschaften wurde.

Auf konfessioneller Ebene war der Vatikan in Rom Mittelpunkt der paläografisch-diplomatischen Studien (Diplomatik), wo Kardinal Franz Ehrle S.J. (1845–1934 ) von 1895 bis 1911 wirkte und mit prachtvollen Faksimileausgaben vatikanischer Kodizes Weltruhm erlangte.

Als bedeutende deutschsprachige Paläografen des 20. Jahrhunderts sind in der Nachfolge des Münchener Professors Ludwig Traube (1861–1907) unter anderen Bernhard Bischoff (1906–1991) 7), Franz Boll (1867–1924), Paul Lehmann (1884–1964), Hermann Delitsch (1869–1947) 8), Hermann Degering (1866–1942) 9), Heribert Sturm (1904–1981) 10), Franz Dornseiff (1888–1960) 11), Leo Santifaller (1890–1974) und Hans Förster  12) zu nennen.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Quelle: Online verfügbar bei Google Books unter https://books.google.de/books?id=QcVlAAAAcAAJ&pg=PP13&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=2#v=onepage&q&f=false (23.8.2019).
2.Literaturempfehlung: De Wailly, Natalis: Eléments de paléographie, Paris 1838.
3.Literaturempfehlung: Menn, Walter: Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Stuttgart 1950.
4.Literaturtipp: De Montfaucon, Bernard: Palaeographia graeca, sive de ortu et progressu literarum graecarum, Paris 1708, als eBook digitalisiert von Google unter https://books.google.de/books?id=13okgcZhPAoC&hl=de&pg=PP11#v=onepage&q&f=false, online zuletzt besucht am 23.8.2019.
5.Anmerkung: Alternative Schreibweise zu Georg Bessel: Gottfried bzw. Godefredus Bessel. Salopp wird er auch als »deutscher Mabillon« bezeichnet.
6.Quelle: Walther, Johann Ludolph: Lexicon diplomaticum : abbreviationes syllabarum et vocum in diplomatibus et codicibus. Nachdruck der Ausgabe Göttingen (1752) online über die Heinrich Heine Universität Düsseldorf unter http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/urn/urn:nbn:de:hbz:061:1-15681 verfügbar.
7.Literaturempfehlung: Bischoff, Bernhard: Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, Verleger Erich Schmidt, Berlin, 2004, ISBN 3-503-07914-9.
8.Literaturempfehlung: Delitsch, Hermann: Geschichte der abendländischen Schreibschriftformen, Leipzig 1928.
9.Literaturempfehlung: Degering, Hermann: Die Schrift. Atlas der Schriftformen des Abendlandes vom Altertum bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts”, 1952.
10.Literaturempfehlung: Sturm, Heribert: Die Stilformen der deutschen Schrift, München 1955.
11.Literaturempfehlung: Dornseiff, Franz: Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig und Berlin 1925.
12.Literaturtipp: Förster, Hans: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.