Abbreviatur

Eine »Abbreviatur« ist in der Paläografie, Diplomatik und Typografie ein Terminus für eine grafische Abkürzung von Silben oder ganzen Wörtern in Handschriften und in Druckwerken, beispielsweise in Büchern; verkürzte schriftliche Form eines Wortes; Abkürzungszeichen für ein Wort oder eine Buchstabenreihe; Pl. »Abbreviaturen«; Verb »abbreviieren« für »in Schrift und Druck abkürzen oder durch ein Zeichen ersetzen«. Etymologisch aus dem lat. »abbreviare« für »abkürzen« zu mlat. »abbreviatura« für »Abkürzung«. 

Die Epigraphik, die Paläografie und die Diplomatik dokumentieren bereits in vorrömischen Alphabeten erste Zeugnisse von Abbreviaturen (Abkürzungen) und Ligaturen (Buchstabenverbindungen), 1) wobei Abbreviaturen in der Typografie keine Ligaturen sind, da es sich um Verbindungen von zwei oder drei Buchstaben zu einem eigenständigen Zeichen (Buchstabenverschmelzung) handelt, nicht um Streichungen von Buchstaben. Gleichwohl kann eine Ligatur aus einer Abbreviatur entstanden sein – wobei in vielen Fällen ungeklärt ist, ob es sich bei einer Abkürzung um eine Abbreviatur, eine Ligatur oder gar ein Abschnitts- oder Trennungszeichen handelt. Ein prominentes Beispiel ist das Paragrafenzeichen »§«. Ob es sich hierbei um ein »signum separationis« (lat. Zeichen der Trennung), eine Ligatur oder eine Abbreviatur handelt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. 2)

Generell ist es sehr schwer festzustellen, ob und ab wann eine Abbreviatur oder eine Ligatur als originär oder als zusammengesetzt betrachtet werden muss. Das gilt auch für das et-Zeichen (&) oder das Eszett (ß). Insbesondere, da in der europäischen Kalligrafie Abkürzungen spätestens seit dem 1. Jh. – z.B. in Form unterschiedlicher et-Zeichen – genutzt werden. Zu den ältesten noch angewandten Abbreviaturen zählt das et-Zeichen aus dem Zeichenrepertoire der Tironischen Noten von Marcus Tullius Tiro (um 103–4 v.Chr.), welches auch heute noch in Irland in unveränderter Form genutzt wird.

Das tironische »Et« ist ein Abkürzung für das lat. »et« (und). Als einzige tironische Note wird diese heute noch in Irland verwendet. Bildnachweis: Tironische Noten im Codex Casselanus aus dem 8. Jahrhundert, commons.wikimedia.org, gemeinfrei.
Das tironische »Et« ist ein Abkürzung für das lat. »et« (und). Als einzige tironische Note wird diese heute noch in Irland verwendet. Bildnachweis: Tironische Noten im Codex Casselanus aus dem 8. Jahrhundert, commons.wikimedia.org, gemeinfrei.
Das Deleaturzeichen (Tilgungszeichen) ist eine kalligrafische Abbreviatur, explizit ein Abkürzungszeichen, dass sich aus der Minuskel »d« der deutschen Kurrentschrift (Schreibschrift) entwickelt hat und das lat. Wort »deleatur« (das ist zu tilgen) abkürzt. Das Deleaturzeichen zählt zu den Korrekturzeichen.
Das Deleaturzeichen (Tilgungszeichen) ist eine kalligrafische Abbreviatur, explizit ein Abkürzungszeichen, dass sich aus der Minuskel »d« der deutschen Kurrentschrift (Schreibschrift) entwickelt hat und das lat. Wort »deleatur« (das ist zu tilgen) abkürzt. Das Deleaturzeichen zählt zu den Korrekturzeichen.

Kalligrafie und Prototypografie

In der Kalligrafie und während der Inkunabelzeit erfüllten Abbreviaturen primär die Aufgabe, schnell und ökonomisch zu schreiben, da Trägermaterialien (z.B. Stein, Ton, Metall, Holz, Papyrus, Pergament, Papier oder Tapabast) sowie Beschichtungsstoffe (z.B. Pigmente, Tinten, Tuschen und Druckfarben) sehr rar und kostbar waren. Sprachliche oder formale Aspekte kamen erst später hinzu (11./12. Jh.). Ästhetische Aspekte in der Formgebung und Anwendung erst nach dem Manierismus. 3)

Suspension und Kontraktion

Neben tironischen Abkürzungszeichen (z.B. »7« für »Et«), Abkürzungen aus juristischen Handschriften (Notae juris) und römischen Zahlzeichen unterscheidet die Paläografie zwei Varianten von Abbreviaturen, die bereits seit dem hohen und späten Mittelalter verwendet werden. Erstens. Die »Suspension« ist die Verwendung der Anfangsbuchstaben bzw. das  Weglassung von Buchstaben am Wortende, die ggf. durch Punkt oder andere Zeichen ersetzt werden können. Suspensionen leiten sich in der Regel von antiken Epigraphen ab.

Beispiel Suspension:
 
Anno Domini → A. D. 
deu. »Im Jahre des Herrn«

zum Beispiel → z. B.

et cetera → etc. 
deu. »und die übrigen Dinge«

ΙΗΣΟΥΣ (altg. für Jesus) → ΙΗΣ (altgr. Iota, Eta, Sigma)
zu IESUS (lat. Jesus) → IHS (altg. Σ wird zu lat. S)
 

Zweitens. Die »Kontraktion« ist die Weglassung von Buchstaben im Mittelteil, die im altg. und lat. durch Überstrich ersetzt werden können. Hier wird ein Wort auf wenige Buchstaben, meist Konsonanten, zusammengezogen. Kontraktionen leiten sich vermutlich von traditionellen Heiligen Namen (Nomina sacra) aus frühen griechischsprachigen heiligen Schriften (z.B. Bibel) ab, die in der theologischen Literatur – aus unterschiedlichen Motivationen – abgekürzt wurden bzw. werden. Durch die Verwendung dieser »Nomina sacra« wurden auch altgr. mit lat. Zeichen vermischt.

Beispiel Kontraktion:
          –––
DOMINUS → DMS
                        –– –– ––
NOSTRI NOSTRO NOSTRUM → NI NO NM

Typografie

Im typografischen Schriftsatz wird oft aus Gründen der Raumersparnis mittels Suspension abbreviiert, beispielsweise in Kleinanzeigen, in Fahrplänen der Bahn oder in Lexika.

Bereits der Prototypograf Johannes Gutenberg (um 1400–1468) übernahm aus der Kalligrafie die Formgebung von Abbreviaturen und Ligaturen. Beispielsweise entwarf und schnitt er 1460 für den Druck der berühmten Mainzer Erstausgabe des aus dem Jahre 1286 stammenden »Catholicon« – ein in lateinischer Sprache verfaßtes etymologisches Wörterbuch und einer Grammatik zur Bibel – des Dominikanerpaters Johannes Balbus (geboren vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jh. in Genua, gestorben um 1298) eine »Gotico-Antiqua-Type« (Catholicontype) mit 22 Majuskeln, 103 Minuskeln mit und ohne Abbreviaturen, 81 Ligaturen und vier Sonderzeichen. Insbesondere die Abbreviaturen und Ligaturen nutzte Gutenberg, um in zwei Kolumnen zu jeweils 66 Zeilen platzsparend drucken zu können.

Abkürzungen

Heute existieren unzählige Abkürzungen, die in der Regel aus den ersten Buchstaben (urspr. → ursprünglich) oder bei Komposita aus den ersten Buchstaben der einzelnen Wortbestandteile gebildet (bzw. → beziehungsweise) werden.

Beispiel Abkürzungen:
 
Allgemein gebräuchliche Abkürzung:   geb. → geboren
Fachspezifische Abkürzung:           Bgb. → Bergbau
Geschichtliche Abkürzung:            Jh. → Jahrhundert
Geografische Abkürzung:              Österr. → Österreich
Juristische Abkürzung:               BGB Bürgerliches Gesetzbuch
Religiöse Abkürzung:                 hl. → heilig
Sprachwissenschaftliche Abkürzung:   Pl. → Plural
Typografische Abkürzung:             2° → Folio
Wissenschaftliche Abkürzung:         Astron. → Astronomie
 

Abkürzungsverzeichnis

Werden Abkürzungen verwendet, beispielsweise in einem Wörterbuch oder Fachbuch, ist es in der Typografie üblich, ein alphabetisch geordnetes Abkürzungsverzeichnis der verwendeten Abkürzungen zu erstellen, damit die Abkürzungen von allen Leser:innen verstanden werden. 4)

In der Regel wird ein Abkürzungsverzeichnis bei Nachschlagewerken (im Sinne eines wissenschaftlichen Hilfsmittels), z.B. bei einem Wörterbuch oder einer Enzyklopädie, nach der Titelei am Anfang des Inhalts eines Werkes platziert, da die Abkürzungen zum allgemeinen Verständnis der nachfolgenden Seiten notwendig sind.

Bei Büchern mit Fließtexten, z.B. bei belletristischen Büchern oder oder buchähnlichen Publikationen, z.B. einem Geschäftsbericht, gehört das Abkürzungsverzeichnis in der Regel in den Anhang.

Bei wissenschaftlichen Arbeiten, z.B. einer Bachelor- oder Masterarbeit, wird ein Abkürzungsverzeichnis tendenziell meist nach dem Inhaltsverzeichnis bzw. vor dem eigentlichen Inhalt verortet. Aber Vorsicht: Je nach Hochschule existieren unterschiedliche formale Anforderungen und Richtlinienkataloge zur Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten.

Ein Abkürzungsverzeichnis kann sowohl manuell als auch automatisch per Software erstellt werden. Ab welcher Anzahl von Abkürzungen ein separates Abkürzungsverzeichnis sinnvoll ist, ist nicht einheitlich geregelt.

Grammatik

Abkürzungen werden in der Regel im geschlossenen Schriftsatz nicht gebeugt, da sie verwirrend sind. Eine Beugungsendung kann allerdings angehängt werden. Der Duden schreibt hierzu: 5)

»Wenn eine Abkürzung mit dem letzten Buchstaben des abgekürzten Wortes endet, wird die Beugungsendung unmittelbar angehängt: die Bde. (= die Bände). Bei Namen ist es üblich, die Endung nach dem Abkürzungspunkt zu setzen: B.s Werke (= Brechts Werke). Abkürzungen, die auch als solche gesprochen werden, werden häufiger gebeugt – vor allem im Plural: die Lkws, die GmbHs (neben: die Lkw, die GmbH).«

Mit oder ohne Leerzeichen?

Siehe dazu »z. B.«. Beitrag weiterlesen →

Typografische Grundregel

Grundsätzlich gilt im Segment der Lesetypografie, dass Abkürzungen – abgesehen von Nachschlagewerken – in Headlines, Copies und Fließtexten nicht verwendet werden sollten, da sie den Leseprozess (siehe Fixationen) spürbar verlangsamen. Eine typografische Faustregel lautet deshalb: Wer Platz und Zeit hat, sollte niemals abkürzen!

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Literaturempfehlung: Faulmann, Carl: Schriftzeichen und Alphabete aller Zeiten und Völker, Reprint im Augustus Verlag, ISBN 3-8043-0142-8.
2 Literaturempfehlung: Frenz, Thomas: Abkürzungen, Die Abbreviaturen der Lateinischen Schrift von der Antike bis zur Gegenwart, Bibliothek des Buchwesens (BB), Anton Hiersemann Verlag, 2010, ISBN: 978-3-7772-1014-8, EAN: 9783777210148.
3 Anmerkung: Als Manierismus (von it. »Maniera« für deu. »Art und Weise«, »auf diese Weise«, »Eigenart«) bezeichnet man in der Kunstgeschichte den Stil im Übergang zwischen Renaissance und Barock, der durch eine Auflösung und Verzerrung der Formen der Renaissance, durch groteske Ornamentik, überlange Proportionen u.a. gekennzeichnet ist. Die Bezeichnung dieser Stil-Epoche geht auf den Maler und Schriftsteller Giorgio Vasari (1511-1574) zurück, der mit dem Begriff »maniera moderna« den späten künstlerischen Stil Michelangelos charakterisieren wollte. Übertragen wurde der Begriff der manierischen Kunst auf italienische Werke, die zwischen 1520 und 1600 entstanden sind. Der Manierismus entwickelte sich zur ersten gesamteuropäischen Stil-Epoche.
4 Beispiel: Abkürzungsverzeichnis der ZVAB, AbeBooks Europe GmbH, München, online verfügbar unter https://www.zvab.com/buecher-sammeln/abkuerzungsverzeichnis.shtml (22.9.2021). Das Abkürzungsverzeichnis basiert auf dem Band »Der Antiquariatsbuchhandel« von Bernhard Wendt und Gerhard Gruber (Wendt, Bernhard und Gerhard Gruber: Der Antiquariatsbuchhandel (4. Auflage), Dr. Ernst Hauswedell & Co, Stuttgart 2003, ISBN 3-7762-0503-2).
5 Quelle: Duden, Wörterbuch, Deklination (Beugung) von Abkür­zungen, online verfügbar unter https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Beugung-von-Abkurzungen (22.9.2021).