Fixationen

Fixationen sind eine von drei Aktivitäten der Augenbewegungsmuster beim Lesen einer Wortsprache; Ruhen der Augen während des Lesens einer Wortsprache auf einem Punkt. Etymologisch von lat. »fixare« für »festmachen« zu »Festigung» und »Fixierung«.

Weitere Augenbewegungsmuster (Okulomotorik) beim Lesen einer Wortsprache sind die Sakkaden (Vorwärtssprünge der Augen) und die Regressionen (Rückwärtssprünge der Augen). Neurologische Untersuchungen belegen, dass unterschiedlich bewusste und unbewusste Augenbewegungsmuster in direkten Zusammenhang zu unterschiedlichen Regionen des Gehirns stehen.

Fixationen sind im Vergleich zu den Sakkaden und den Regressionen der wesentliche visuelle Prozess beim Lesen einer Schrift. Nur bei den Fixationen kommt es zu einer Informationsaufnahme. Fixationen nehmen rund 90 bis 95 Prozent der Gesamtlesezeit ein. 1) Jüngste Studien spekulieren allerdings darüber, dass möglicherweise Neuronen Sakkaden in bestimmten Hirnregionen als eine Art »Seheindruck« vorwegnehmen. 2)

Bei der überwiegenden Mehrheit der Fixationen handelt es sich um Inhaltswörter, also Adjektive (Eigenschaftswörter, z.B. hell, kurz oder fröhlich), Adverbien (Umstandswörter, die nicht konjugiert oder gebeugt werden können, z.B. beinahe, hoffentlich oder leider), Nomen (Substantive, z.B. Gegenstände, Personen oder Begriffe) und Verben (Tätigkeits- bzw. Zeitwörter, z.B. [sie] lernen, [er] musiziert oder [wir] warten).

Häufig vorkommende Wörter werden kürzer und weniger fixiert als weniger häufige. Lexikalisch ambivalente Wörter (z.B. mehrdeutige Wörter) erfordern längere Fixationen. Dies trifft im deutschen Schriftsatz auch bei Fehlinterpretationen durch fehlende oder falsche gemischten Schreibweise (Groß- und Kleinschreibung) zu, beispielsweise »der gefangene floh« bzw. »Der gefangene Floh« oder »Der Gefangene floh«. 3)

Fixationen, Regressionen und Sakkaden: »Dies ist ein Beispiel, wie Augensprünge beim Lesen verlaufen können. Die Kreise deuten die scharf gesehenen Teile je Fixation an, gestrichelte Linien Vorwärtssprünge, durchgezogene Rücksprünge«. Bildzitat: Prof. Dirk Wendt, Lesbarkeit von Druckschriften, Ein Beitrag zum Symposium der Typografischen Gesellschaft München am 13. und 14. November 1998. Die Zusammenfassung als Buch erschienen im Jahre 2000 unter dem Titel
Fixationen, Regressionen und Sakkaden: »Dies ist ein Beispiel, wie Augensprünge beim Lesen verlaufen können. Die Kreise deuten die scharf gesehenen Teile je Fixation an, gestrichelte Linien Vorwärtssprünge, durchgezogene Rücksprünge«. Bildzitat: Prof. Dirk Wendt, Beitrag zum Symposium der Typografischen Gesellschaft München am 13. und 14. November 1998. Die Zusammenfassung als Buch erschienen im Jahre 2000 unter dem Titel »Lesen Erkennen«, Seite 11.

Fixationen können eine unterschiedliche Dauer und Anzahl von Wortbilder besitzen. Bei zunehmender Textschwierigkeit in Bezug auf Inhalt und Grammatik (z.B. bei einem komplexen wissenschaftlichen Text oder einer ungeübten Fremdsprache) nimmt die Anzahl und Kürze der Fixationen zu, während die Sakkaden (Vorwärtssprünge) mengenmäßig und in ihrer Länge abnehmen und die Regressionen (Rückwärtssprünge) steigen; was darauf schließen lässt, dass Wortbilder bei geübten Lesern schneller und leichter im Gedächtnis hinterlegt und bei Bedarf aus dem Hippocampus, also dem »Arbeitsspeicher des Gehirns«, abgerufen werden können. Geübte Leser lesen erfahrungsgemäß deutlich schneller und effizienter; sie benötigen deutlich weniger Regressionen.

Neben der Leistungsfähigkeit der Augen (z.B. Akkommodationsfähigkeit), abiotischen Umweltfaktoren (z.B. Licht), dem Leseabstand, der Textschwierigkeit sowie der Lesekompetenz eines Rezipienten hat die Schriftwahl sowie die makrotypografische und mikrotypografische Aufbereitung eines Schriftsatzes signifikanten Einfluss auf die Lesbarkeit und somit auf die Dauer des Leseprozesses.

Beispielsweise minimiert ein gleichmäßiger Ausschluß eines Blocksatzes die Anzahl der Regressionssakkaden und Mikrobewegungen des Auges, die beispielsweise durch mangelhafte Wortzwischenräume, durch Gießbäche (Durchfallen der Augen durch die Zeilen) oder fehlerhaften Durchschuss, unvorteilhafte Schriftlaufweiten etc. entstehen können; ein Rezipient benötigt somit deutlich weniger Energie beim Lesen und kann sich schneller und länger auf den Inhalt konzentrieren.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1Literaturempfehlung: Lesen Erkennen, Beiträge zu einem Symposium der TGM von Dirk Wendt, Bernd Weidemann, Rüdiger Weingarten, Hartmut Günther, Gerd Kegel und Ernst Pappel. Herausgegeben von der Typografischen Gesellschaft München, 2000.
2Quelle: Bremmer, Frank: Warum sehen wir die Welt stabil, selbst wenn wir unsere Augen bewegen? Fachbeitrag in Spektrum.de, online verfügbar unter https://www.spektrum.de/frage/warum-sehen-wir-die-welt-stabil-selbst-wenn-wir-unsere-augen-bewegen/1701540 (24.8.2020).
3Anmerkung: Im deutschen Schriftsatz ist der gemischte Schriftsatz (Groß- und Kleinschreibung) eine charakterisierende Eigenschaft. Generelle Kleinschreibung, beispielsweise wie sie vom Bauhaus oder der HFG Ulm praktiziert wurden, sind deshalb im Rahmen der Lesetypografie kontraproduktiv. Generelle Kleinschreibung verlangsamt in der deutschen Schriftlichkeit den Fixationsprozess, sobald der Inhalt aus dem Kontext assoziiert werden muss (»der gefangene floh« bzw. »Der gefangene Floh« oder »Der Gefangene floh«). In anderen Sprachen, z.B. im Englischen, gelten andere Gesetzmäßigkeiten.