Schriftwahl

Die Wahl einer geeigneten Schrift, Schriftart bzw. eines Fonts ist in allen Teildisziplinen der Typografie von hoher Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur maßgeblich die Lesbarkeit und die Ästhetik eines Kommunikationsmediums, sie verursacht auch nachhaltige Konklusionen bei der Implementierung.

Ziel einer professionellen Schriftwahl ist es, Schriftschnitte zu finden, die sich für eine bestimmte Aufgabe und für einen bestimmten Schriftträger optimal eignen und die keine Opportunitätskosten 1) im Satz, in der Produktion, bei der Publikation, in der Rechtsfolge oder beim Rezipienten verursachen.

Terminologie

Grundsätzlich basiert die Terminologie und die Klassifikation von Schriften auf typografischen Schriftklassifikationsmodellen, beispielsweise der »Typeface Design Grouping according to AFI« oder der »Matrix Beinert«. Im Großen und Ganzen orientieren sich alle Professionals, auch Type Designer und Font Foundries, an dieser Nomenklatur für Schriften römischen Ursprungs.

Makro- und Mikrotypografie

Die Vorauswahl einer Schrift nach Schriftgattung (z.B. Gebrochene Schriften), Hauptschriftgruppe (z.B. Grotesk), Schriftart (z.B. Klassizistische Antiqua), Schriftnebengruppe (z.B. Bodoni-Varianten) und Schriftstil (z.B. normal) 2)  sowie die Schrifttechnologie 3) gehören in das Segment der Makrotypografie.

Die finale Schriftwahl eines bestimmten Schriftstils, beispielsweise einer Schriftreplik, 4)  eines Schriftremakes, 5) eines Schriftklons 6)  oder einer speziellen Formvariante 7) – also die endgültige Wahl der Schriftschnitte (Schriftstile) in Bezug auf Typometrie, Schriftbreite (z.B. normal), Schriftlage (z.B. kursiv) und Schriftstärke (z.B. halbfett) mit einer konkreten Schriftbezeichnung (z.B. Bauer Bodoni EF Medium Italic), der Font Foundry (z.B. Elsner+Flake), dem File Name (z.B. BauerBodoniEFCEOP-MediumSC.otf) und dem Figurenverzeichnis (z.B. CE, 296 Characters) gehören in das Segment der Mikrotypografie.

Auswahlkriterien

Unsere Kommunikationsmittel, unsere Kommunikationszielgruppen und unsere Lese- und Betrachtungsgewohnheiten sind so different und schnelllebig geworden, dass »die Typografie« – ehemals war damit ausschließlich der Schriftsatz für bzw. in Buch- und Zeitungsverlagen gemeint – spätestens seit dem digitalen Paradigmenwechsel nicht mehr existiert.

Heute wird die angewandte Typografie – das reproduzierbare Schriftbild als solches – differenziert in Teildisziplinen dargestellt, in denen teils völlig unterschiedliche visuelle und phonologische Prozesse beim Lesen, Leseabstände, Lesegewohnheiten, gestalterische Regeln, typometrische und technologische Anforderungen für unterschiedliche Schriftträger gelten.

So ordnet sich beispielsweise in der »Lesetypografie« die Schrift dem Inhalt völlig unter, da hier die Lesbarkeit an vorderster Stelle steht. Folglich werden hier exzellente Textschriften benötigt, die der Leser auch beim Erfassen längerer Textpassagen, z.B. in einem Buch, einem Geschäftsbericht oder auf einer Website, als angenehm, richtig und als nicht störend empfindet.

In der »Gebrauchstypografie«, der »Kunsttypografie« oder in der »Plastischen Typografie« gelten wiederum völlig andere Rahmenbedingungen. Hier wäre vielleicht bei kurzen Texten ein Designer Font sinnvoll, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht – der allerdings bei längeren Texten nur schwer lesbar und somit im Segment der Lesetypografie inakzeptabel wäre. In der »Corporate Typography« können hingegen Anforderungen aus allen Teildisziplinen in Frage kommen, weshalb die Schriftwahl für crossmediale CDs (visuelle Erscheinungsbilder) sehr komplex sein kann.

Unabhängig von subjektiven Kriterien – also Vorlieben, Formgefühl, Stilempfinden, Gepflogenheiten, Zeitgeschmack oder kulturellen Ressourcen – basiert die Wahl von Schriften insbesondere auf praxisbezogenen Kriterien. Dazu zählen:

Funktion
Aufgabe, Zweck und Form einer Schrift

Typografische Teildisziplinen 
In welcher(n) typografischen Disziplin(en) wird die Schrift(en) verwendet:

    • Animationstypografie (Schrift in Bewegung, Schriftanimation)
    • Corporate Typography (Schrift im Corporate Design, Leit- und Informationssystemen)
    • Gebrauchstypografie (Akzidenz- und Werbetypografie)
    • Kunsttypografie (Typodesign, Typografik)
    • Lesetypografie (Basistypografie)
    • Plastische Typografie (Lapidartypografie, dreidimensionale Schrift im Raum)

Typometrie
Welche Typometrie (Letternarchitektur) benötigt eine Schrift? Muss es eine Textschrift (Werksatzschrift), Akzidenzschrift oder Zierschrift sein? Eine Antiqua mit Serifen, betonten Serifen oder ohne Serifen? Muss sie auf einem bestimmten Schriftträger optimal lesbar, dekorativ oder ein Eyecatcher sein? Welche Schriftbreiten, Schriftlagen und Schriftstärken werden für Grundschrift und Auszeichnungen benötigt? Welche Abstufung ist bei einer bestimmten Schrift im Detail vorteilhaft? Wird eine Proportionalschrift oder dicktengleiche Schrift benötigt?

Optische Größen
In welchen Optische Größen muss die Schrift optimiert sein? Beispielsweise für

    • Konsultationsgrößen für Kleingedrucktes
    • Lesegrößen für Bücher und buchähnliche Publikationen
    • Lesegrößen für Websites und digitale Publikationen
    • Lese- und Schaugrößen für Animation und Bewegtbild
    • Lese- und Schaugrößen für Drucksachen, digitalen Benutzeroberflächen oder plastischen Schriftträger
    • Optische Größen für crossmedialen Einsatz
    • Plakatgrößen bzw. Ferngrößen für Plakate, Leit- und Informationssysteme

Figurenverzeichnis
Welchen Umfang benötigt das Figurenverzeichnis? Welche Schriftzeichen, Interpunktionszeichen, Sonderzeichen, Ligaturen, Arabischen Ziffern, Glyphen oder OpenType-Funktionen benötigt die Schrift? Wie beeinflusst der Umfang des Figurenverzeichnisses die Ladezeit einer Website oder mobilen Anwendung?

Sprachen 
Für welche Sprachen ist die Schrift optimiert? Werden nichtrömische Schriftschnitte aus der gleichen Schriftfamilie benötigt?

Schriftfamilie
Welche Auszeichnungsschnitte werden benötigt? Wie umfangreich muss die Schriftfamilie bzw. Schriftsippe sein? Wird ein Expertensatz benötigt? Mit oder ohne spezielle Designgrößen?

Semantisch-typographische Auszeichnungsmatrix
Wie viele Schriftstilvarianten werden für die Umsetzung der semantisch-typographischen Auszeichnungsmatrix benötigt?

Form
Charakter einer Schrift

Welche Schrift passt zum Thema, Produkt oder Auftraggeber? 
Welche Ästhetik, Anmutung, Modernität und Kontinuität braucht die Schrift? Entspricht sie dem Geschmack des Auftraggebers oder der Zielgruppe? Benötigt man eine Schrift, die gleich, ähnlich oder anders ist als die eines Mitbewerbers? Soll es eine traditionelle oder modische Schrift sein? Wie wirkt die Konditionierung der Schrift im Kontext? 8)

Welche Formvariante ist optimal?
Welche Formvariante mit gleichen Klassifikationsmerkmalen ist die passende Schrift? Beispielsweise eine Bauer Bodoni™, eine Monotype Bodoni™ oder eine bestimmte Bodoni von Elsner+Flake oder von Adobe®? 9) Welche Schriftvariante der gleichen Nebengruppe verfügt über die gewünschten typometrischen Eigenschaften?

Implementierung
Schrift in der Produktion, Herstellung und Publikation

Wie steht die Schrift auf unterschiedlichen Schriftträgern?
Wie gut steht die Schrift auf unterschiedlichen Papieren, Folien, Stoffen, Monitoren, etc.?

Wie funktioniert die Schrift in analogen Produktionsverfahren?
Wie gut lässt sich die Schrift in gewerblichen Druckverfahren reproduzieren, beispielsweise im Digitaldruck, Flachdruck, Druchdruck, Hochdruck, Offsetdruck, Prägedruck, Siebdruck, Tampondruck oder Tiefdruck?

Wie reagiert die Schrift auf technische Peripheriegeräte?
Wie reagiert die Schrift auf Peripheriegeräte, beispielsweise auf VGA-Monitore, Retina-Displays, Multi-Touch-Screendisplays oder niedrigauflösende Beamer? Ist sie mit Tintenstrahl- und Laserdruckern (PostScript-)kompatibel?

Welche Schrifttechnologie wird benötigt?
Wird ein TrueType Font, PostScript Font oder Webfont benötigt? Mit welcher Software oder welchen Betriebssystemen muss der Font kompatibel sein?

Kerning und Font Hinting
Welche Qualitätsanforderungen werden an das Kerning der Schrift gestellt? Wie wirkt das Hinting des Webfonts auf eine bestimmte Web Software (z.B. ein bestimmtes WordPress®-Theme) oder unterschiedliche Web Browser (z.B. Firefox® oder Google Chrome®)? Wie gut ist das Umbruchverhalten der Schrift? Wie reagiert die Schrift auf den Optische Randausgleich handelsüblicher Desktop Publishing Software?

Ist der User qualifiziert, mit der gewählten Schrift zu arbeiten?
Können die gewählten Schriften in ihrer Anwendung komplex oder müssen sie für minderqualifiziertes Personal und Laien in der Anwendung simpel sein? 10)

Ist die Schrift bei Dritten verfügbar?
Ist die Schrift frei verfügbar oder muss sie von Dritten, z.B. einem Kunden, einer Agentur oder einer Druckerei, erst gekauft, abonniert oder lizenziert werden?

Kosten, Nutzen und Nutzung einer Schrift
Erwerb, Kosten, Nutzen, Hosting, Lizenzen und Rechtsfolgen

Preview vor dem Kauf

    • Welcher Type Designer/Font Foundry bietet welche Schriftstilvariante zu welchem Preis, in welchem Figurenverzeichnisumfang, in welcher Qualität und zu welchen juristischen Konditionen an?
    • Druckschriften bzw. PostScript Fonts: Gibt es vor Erwerb eine gedruckte Schriftprobe? 11)
    • Screen Fonts bzw. TrueType Fonts: Gibt es vor Erwerb eine Schriftprobe per PDF? 12)
    • Webfonts: Gibt es vor Erwerb eine ausreichende Schriftprobe auf einer Website? 13)
    • Kann man die Schrift praxisbezogen testen (z.B. mit einer begrenzten Testversion oder einem Demo-Font), bevor man diese erwirbt?
    • Ist es eventuell vorteilhafter, eine eigene Schrift bei einem Type Designer in Auftrag zu geben?

Kosten

    • Ist die Schrift kostenfrei oder kostenpflichtig?
    • Muss die Schrift gekauft oder abonniert werden?
    • Fallen Folgekosten pro Medium, Page Views oder PC-Arbeitsplatz an? 14)
    • Wie hoch sind die Folgekosten der gewählten Schrift in der Herstellung? 15)

Nutzungsrechte

    • Ist die Schrift lizenzfrei oder lizenzpflichtig? 16)
    • Ist die Schrift nutzungsfrei oder nutzungsgebunden?
    • Fallen besondere Lizenzbestimmungen an und welche juristischen Auswirkungen haben diese? 17)

Hosting und SEO

    • Soll es eine Systemschrift oder ein Webfont sein?
    • Wie beeinflusst das Figurenverzeichnis des Webfonts die Ladezeit (PageSpeed) der Website und was sind die Konsequenzen für die SEO (Suchmaschinenoptimierung) bzw. das Ranking bei Suchmaschinen, beispielsweise bei Google®?
    • Soll die Schrift auf dem eigenen Server oder bei einem Fremdhoster hinterlegt oder gestreamt werden (z.B. bei Google® oder Adobe®)?
    • Wie schnell und sicher ist das Hosting des Webfonts?
    • Wie reagieren Firewalls auf den Webfont?

Datenschutz

    • Wer hostet oder streamt den Font wie und in welchem Land? 18)
    • Wird der Font von der Font Foundry oder dem Hoster getrackt, beispielsweise Google Fonts von Google®?
    • Zeichnen abonnierte oder gestreamte Fonts die Verbindungsdaten der Website oder des PC´s auf?
    • Unterlaufen abonnierte oder gestreamte Fonts den Datenschutz, z.B. die Datenschutz-Grundverordung (DSGVO), und welche Rechtsfolgen hat das?

Fonts | Tipps und Bezugsquellen weiterlesen →

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1Anmerkung: Opportunitätskosten sind entgangene Erlöse (entgangener Nutzen), die dadurch entstehen, dass vorhandene Möglichkeiten (Opportunitäten) nicht wahrgenommen werden. Anders formuliert: »Ignorantia legis non excusat« (»Unwissenheit schützt vor Strafe nicht«). Eine falsch gewählte Schrift, auch wenn sie »kostenlos« oder »günstig« angeboten wird, kann summa summarum im Nachhinein extrem hohe Kosten verursachen.
2Anmerkung: Schrift ist nicht gleich Schrift, auch wenn Schriften auf den ersten Blick ähnlich aussehen können oder vordergründig sogar den gleichen Namen tragen.
3Anmerkung: Unter »Schrifttechnologie« versteht man beispielsweise physische oder virtuelle Schrifttechnologien, PostScript oder TrueType Formate etc.
4Anmerkung: Eine Schriftreplik ist eine erneute Ausführung eines bereits vorhandenen Originals durch den Schriftgestalter*in selbst.
5Anmerkung: Ein Schriftremake ist eine spätere Nachbildungen einer bereits existierenden, aber nicht mehr am Markt verfügbaren Schrift, die sich streng am Original orientiert.
6Anmerkung: Ein Schriftklon ist eine 1:1-Kopie einer Schrift.
7Anmerkung: Eine Formvariante ist eine abweichende Interpretation einer bereits existierenden Schrift.
8Anmerkung: Schriften können in einem konkreten Bezug unterschiedlich wirken. Die gleiche Schrift kann in der einen Anwendung entweder unseriös, altbacken oder kontraproduktiv wirken, in einem anderen Bezug seriös, modern und konstruktiv. Beispielsweise wenn ein Wirtschaftsanwalt/in eine Comic-Schrift oder ein jüdisches Museum eine Fraktur-Schrift benutzt, könnte das eher destruktiv wirken. Wenn allerdings ein Kindergarten eine Comic-Schrift oder eine Hard Rock Band eine Fraktur-Schrift benutzt, könnte das möglicherweise genau die richtig Schriftwahl sein.
9Anmerkung: Schrift ist nicht gleich Schrift, auch wenn Schriften auf den ersten Blick ähnlich aussehen können oder vordergründig sogar den gleichen Namen tragen.
10Anmerkung: Dies betrifft beispielsweise extrafamiliären Schriftmischungen. Hier ist es möglich, attraktive und individuelle Schriftmischungen zu kreieren, die allerdings in eine durchgehende Anpassung der H-Linien oder x-Linien und ggf. der Normalschriftweiten erfordern. Dieser Prozess ist für minderqualifiziertes Personal nicht oder nur sehr bedingt machbar. Dagegen sind Schriftsippen, z.B. die Compatil von Linotype®, auch für Laien problemlos handhabbar.
11Anmerkung: Eine Druckschrift kann man nicht am Bildschirm beurteilen, sondern nur gedruckt. Schriftproben per PDF, die über einen Bürodrucker ausgedruckt werden, sind in der Regel zu ungenau.
12Anmerkung: Die Darstellung eines TrueType Fonts ist in einem Webbrowser technisch bedingt anders, als beispielsweise in einem Anwendungsprogramm oder einem PDF.
13Anmerkung: Für die Beurteilung von Webfonts benötigt man kein PDF oder Druckmuster. Allerdings sollte auf der Website des Anbieters der Textumfang in unterschiedlichen Schriftgraden und Längen hinterlegt sein, damit man z.B. das Font Hinting in unterschiedlichen Web Browsern beurteilen kann. Aber Vorsicht: Wie Schriften in einem Web Browser dargestellt werden, hängt auch an der final verwendeten Software. So können beispielsweise unterschiedliche WordPress®-Themes den gleichen Webfont völlig unterschiedlich darstellen.
14Anmerkung: Z.B. Webfonts bei Abrechnung nach Pageviews, bei Abonnementmodellen oder Anwendung auf anderen Medien. Oder was kostet eine Schriftlizenz pro PC-Arbeitsplatz?
15Anmerkung: Die Folgekosten einer Schrift können weit über den Anschaffungskosten liegen. Beispielsweise kann sich die Schriftbreite und die Normalschriftweite spürbar auf den Umfang einer Publikation bzw. Mediums auswirken und somit Druck-, Lager- und Versandkosten verursachen oder einsparen.
16Anmerkung: Siehe Kommentar zu »Urheberrecht für Schriften und Mythos Schriftsoftware«.
17Anmerkung: Manche Font Foundries untersagen beispielsweise das Erzeugen eines PDFs. Andere tracken Webfonts und haben somit Einsicht in den Traffic einer Website, wiederum andere verbieten die Nutzung eines OT-Fonts im Internet etc.
18Anmerkung: Eigener oder fremder Server? Welche Gefahren drohen – insbesondere bei Abomodellen – bei Insolvenz oder Einstellung des Webfontdienstes (z.B. WebINK, der ab Juni 2015 seinen Dienst einstellt und dadurch erhebliche Kosten bei Agenturen und Firmen verursacht. (Quelle: Pressemitteilung Dr. Web: Webfonts adé: Typekit-Konkurrent WebINK gibt auf, 17.2.2015). Wie schnell sind die Server? Wie gut ist die Anbindung an das Web?