Expertensatz

Ein »Expertensatz« ist ein typografischer Fachbegriff aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz dspr. Schriftsetzer, Schriftgießer und Drucker aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) für eine sehr umfangreich ausgebaute Werksatzschrift (Textschrift), die aus einer Vielzahl von Schriftschnitten im Rahmen einer Schriftfamilie mit unterschiedlichen Schriftbreiten (z.B. schmal oder breit), Schriftstärken (z.B. mager oder fett) und Schriftlagen (z.B. kursiv oder schräg), Optischen Größen und besonderen Schriftzeichen, z.B. spezielle Zeichen für den Formelsatz – sowie im materiellen Schriftsatz aus vielen unterschiedlichen Schriftgarnituren – besteht; gut ausgebaute Schriftfamilie, die für den professionellen Schriftsatz (mikrotypografischer Feinsatz) verwendet wird; eng. Bez. »Expert Set« oder »Expert Font«.

Unterschiedliche Schriftbreiten, Schriftstärken und Schriftlagen, die sich aus der Typometrie des normalen Schriftschnitts (Grundstil) ableiten und gemeinsame Formmerkmale aufweisen, werden als »Schriftfamilie« bezeichnet, eine besonders umfangreich ausgebaute Schriftfamilie als »Expertensatz«. Beispiel: Eine kleine Auswahl an Einzelschnitten der Grotesk-Schriftfamilie »Meta Plus« von Erik Spiekermann (* 1947). Von oben: Meta Plus Book Roman, Meta Plus Book Italic, Meta Plus Book Caps, Meta Plus Medium, Meta Plus Medium Italic, Meta Plus Medium Caps, Meta Plus Bold, Meta Plus Bold Italic und Meta Plus Bold Caps.
Unterschiedliche Schriftbreiten, Schriftstärken und Schriftlagen, die sich aus der Typometrie des normalen Schriftschnitts (Grundstil) ableiten und gemeinsame Formmerkmale aufweisen, werden als »Schriftfamilie« bezeichnet, eine besonders umfangreich ausgebaute Schriftfamilie als »Expertensatz«. Beispiel: Eine kleine Auswahl an Einzelschnitten der Grotesk-Schriftfamilie »Meta Plus« von Erik Spiekermann (* 1947). Von oben: Meta Plus Book Roman, Meta Plus Book Italic, Meta Plus Book Caps, Meta Plus Medium, Meta Plus Medium Italic, Meta Plus Medium Caps, Meta Plus Bold, Meta Plus Bold Italic und Meta Plus Bold Caps.

Etymologie

Semantisch bezieht sich der Wortstamm »Expert« auf »Experte«, was aus dem frz. »expert« für »erfahren, sachkundig« entlehnt ist und etymologisch von lat. »expertus« für »Erfahrung« stammt. Das gekoppelte Substantiv »Satz« bedeutet in diesem Zusammenhang »eine aus bestimmten Einzelelementen (nach Anzahl) zusammengesetzte Einheit«, »etwas Zusammengehöriges« oder »etwas Zusammengesetztes«. Das Kompositum »Expertensatz« bedeutet also sinngemäß »(Satz)Schrift für Experten« oder »Schrift(familie) für Spezialisten«.

Historie

Vermutlich wurde der Begriff ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung der Typografie und der einhergehenden Prosperität von Druckmedien vom dspr. Druckgewerbe (bis in die 1940er Jahre mehrheitlich Typografie mit Gebrochenen Schriften) aus der Französischen und Englischen Typografie mit dem sukzessiven Gebrauch der Antiqua übernommen. Expertensätze konnten sich in der Regel nur große Buch- und Verlagsdruckereien leisten, da die Anschaffungs-, Wartungs- und die Lagerkosten im materiellen Schriftsatz enorm waren.

Während der Periode des Fotosatzes ab den 1960er Jahren wurde eine gut ausgebaute Schriftfamilie mit sehr vielen unterschiedlichen Schriftbildträgern als Expertensatz bezeichnet.

Zu Beginn des Desktop-Publishings (DTP) bezeichnete man dann ab den frühen 1990er Jahren mehrere zusammengehörige PostScript-Type1 Font Files innerhalb einer Schriftfamilie – ein Einzelschnitt konnte maximal 256 Zeichen umfassen – als »Expert Set« oder »Expert Font«. Ein Expert Set bestand beispielsweise aus einem »Font Suitcase« (Schriftenkoffer) mit jeweils unterschiedlich vielen separaten Font Files (z.B. Screen Files und/oder PostScript Files), z.B. mit dem normalen, kursiven und/oder fetten Schriftstil sowie möglicherweise einem File für Tabellenziffern, Sonderzeichen oder Kapitälchen. Ein Expertensatz konnte somit duzende Dateien umfassen.

Mit der Einführung der OpenType-Fonttechnologie, einem offenen Standard von Adobe® Systems Incorporated, USA, und Microsoft® Corporation, USA, ab den 2000er Jahren, verwendet man den Begriff Expertensatz primär für eine extrem gut ausgebaute Schriftfamilie, die komplexe, z.B. wissenschaftliche, kaufmännische oder lyrische Schriftsatzarbeiten sowie fein abgestimmte innerfamiliäre Schriftmischungen ermöglicht.

Begriffsabgrenzung

Neben dem normalen Schriftschnitt und den klassischen Auszeichnungsschnitten kursiv, halbfett oder fett und Kapitälchen, verfügt ein Expertensatz auch über zusätzliche – oft sehr viele – Schriftstilvarianten und Abstufungen (z.B. schmalhalbfett oder kursive Kapitälchen), die bestenfalls auch in ihrer Typometrie als Optische Größen verfeinert wurden, also in speziellen Konsultationsgrößen (Caption), Lesegrößen (Regular), Schaugrößen (Subhead) und Ferngrößen (Display) vorliegen.

Des Weiteren können Expertensätze auch erweiterte oder spezielle Bild- und Schriftzeichenrepertoires enthalten, die an die individuellen Anforderungen eines Unternehmens oder einer Branche, z.B. auf die eines wissenschaftlichen Verlages, angepasst wurden. Nicht selten werden Expertensätze auch durch nichtrömische Einzelschnitte für den Fremdsprachensatz komplettiert.

Ein Expertensatz sollte auch proportionale und dicktengleiche Arabische Ziffern (Majuskelziffern, Mediävalziffern, Tabellenziffern und Bruchziffern unterschiedlichster Art), Ligaturen, alternative Glyphen sowie kaufmännische, musikalische, wissenschaftliche und mathematischen Sonderzeichen beinhalten. Des Weiteren können Expertensätze auch technologisch optimiert sein, beispielsweise durch ein optimiertes Kerning, verbessertes Hinting bei Webfonts oder durch einen speziellen Optischen Randausgleich.

In Fachkreisen gilt beispielsweise die Französische Renaissance-Antiqua »Minion Pro« von Robert Slimbach (*1956) als ein sehr umfangreich ausgebauter Expertensatz, der in rund 65 Schriftstilen und ca. 33 Sprachen (Stand 2020) u.a. von Adobe® und Linotype® angeboten wird.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de