Schriftgarnitur

Typographischer Terminus aus der Periode des materiellen Handschriftsatzes (z.B. Bleisatz) für ein Ensemble aller verfügbarer Kegelgrößen eines Schriftschnitts; alle verfügbaren physischen Schriftgrade einer Schriftstilvariante einer Schriftfamilie. 1 )

Etymologisch leitet sich »Garnitur« von von frz. »garniture« für »Ausrüstung« bzw. »Ausstattung« (»garnieren« von frz. »garnir«) ab. Unter einer »Garnitur« wird also eine »komplette Ausrüstung« verstanden.

Laut dem deutschen Typographen Paul Renner (1878–1956) war u.a. jeweils die Schriftstilvariante »steil«, »schräg«, »mager«, »halbfett«, »dreiviertelfett«, »fett«, »schmal« oder »breit« je eine Garnitur einer Schrift. 2 )

Beispielsweise zählte der »normale« Schnitt der Bleisatzschrift »Bauer Bodoni« von Heinrich Jost (1889–1948) in allen verfügbaren physischen Schriftgraden als eine Schriftgarnitur. Fertigte und verkaufte die »Bauersche Gießerei« (Font Foundry) dann auch noch zusätzlich einen »kursiven« Schnitt in unterschiedlichen Schriftgraden, galt dieser als eine separate »Garnitur« der Bauer Bodoni. Verfügte eine Druckerei über einen normalen, kursiven und fetten Schnitt, besaß sie folglich drei Garnituren der Bauer Bodoni. 

Eine vollständige Schriftgarnitur für den Werksatz umfasste in der Regel die Mittel (siehe Mittelname) Nonpareille bis 4 Cicero, also 6 bis 48 Didot-Punkte (Typographischer Punkt). Qualitativ hochwertige und gut ausgebaute Schriftgarnituren verfügten in den jeweiligen Optischen Größen über unterschiedliche Letternarchitekturen (Typometrien), also über speziell gestaltete Konsultationsgrößen, Lesegrößen, Schaugrößen und Plakat- bzw. Ferngrößen.

Je mehr und je besser ausgebaute Schriftgarnituren eine Offizin vorrätig hatte, desto mehr bzw. größere Depots benötigte sie für die Aufbewahrung ihrer tonnenschweren Drucktypen. 3 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Quelle: Bosshard, Hans Rudolf: Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Bildungsverband Schweizer Typografen, Bern, 1980, Seite 159, ISBN: 3855840105 und 3-85584-010-5.
2.Anmerkung: Gemeint ist damit die jeweilige Strichstärke, Schriftbreite, Schriftlage bzw. Zierform einer Schrift. Quelle: Renner, Paul: Die Kunst der Typographie (1949), Maro Verlag Augsburg, 2003, Seite 242, ISBN: 9783875124149.
3.Anmerkung: Insbesondere die enormen Lagerkosten von tonnenschweren Schriftgarnituren führten dazu, weshalb im Handsatz nur sehr wenig unterschiedliche Werksatzschriften von den Offizinen bzw. Druckereien genutzt wurden. Daher rührt auch die prominente Binsenweisheit, dass man nur wenige Schriften braucht, um gute Typographie zu machen. Was allerdings schlussendlich dazu führte, dass alle für alles die gleichen Schriften verwendeten, z.B. die »Times«, die »Garamond« oder die »Helvetica«.