Typografischer Punkt

Typografisches Maßsystem, welches ursprünglich als »Point typografique« bezeichnet wurde; im gewerbespezifischen Sprachschatz deutschsprachiger Typografen/innen auch als »Punkt« abgekürzt. Gegenwärtig existieren unterschiedliche materielle und digitale typografische Punkt-Systeme, beispielsweise der Fournier-Punkt (Point typografique), der Didot-Punkt, der Pica Point oder der PostScript® Point (DTP-Punkt). 1 )

Der typografische Punkt ist die kleinste Einheit eines typografischen Punkt-Systems, dass Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich aus einem unmetrischen und duodezimalen Maßsystem zur einheitlichen Größenbestimmung 2 ) 3 ) von Buchstaben bzw. Schriftgraden und Abständen hervorgegangen ist. Dieser typografische Punkt hat nichts mit dem orthographischen Punkt zu tun. 

Das typografische Punkt-System geht auf den Pariser Typografen Pierre Simon Fournier (1712–1768) zurück. 4 ) Als Ausgangsmaß wählte er zwölf Cicero, das etwa zwei Zoll des damaligen Landesmaßes, des »Pied de roi« (französisch für Königsfuß), maß. Inspiriert vom typografischen Maßsystem des aus Lyon stammenden Mathematikers, Typografen und Dominikanerpaters Sébastien Truchet (1657–1729) und von der englischen Zollteilung, unterteilte Fournier dieses Maß dann in zwei Teile mit je zwölf Linien. Ein Sechstel einer Linie bestimmte er als kleinste Einheit, dem »Point typografique«.

Aus Rücksicht auf bereits bestehende Schriftgrade, insbesondere auf die weit verbreiteten Cicero-Schriftvarianten, hatte er nur die Unterteilung des Landesmaßes übernommen. Der »Pied de roi« entsprach 32,49 cm. Fourniers »Point typografique« war somit nicht mit dem »Pied de roi« kompatibel und besaß auch keine amtliche Bezugsgröße.

1790 beschloss der französische Nationalkonvent – nach einer langen öffentlichen Diskussion – das staatliche Messwesen zu reformieren. Er beauftragte deshalb die Akademie der Wissenschaften, ein neues Einheitensystem auf der Grundlage geeigneter physikalischer Größen auszuarbeiten. Der italienische Mathematiker und Astronom Joseph-Louis de Lagrange (1736–1813) sowie der französische Arzt und Chemiker Claude-Louis Berthollet (Comte Berthollet, 1748–1822) empfahlen daraufhin u.a. die Einführung des Dezimalsystems.

Dieser nationale Reformwille inspirierte vermutlich auch um 1789–1795 den Typografen François Ambroise Didot (1730–1804) und seinen Sohn Firmin Didot (1764–1836), den »Point typografique« von Fournier dem »Pied de roi« anzugleichen und auf 0,376065 mm festzulegen. Didots Punkt war nun etwas größer als der bisherige; 11 Didot-Punkte entsprachen 12 Fournier-Punkten.

Das Didot-Punkt-System löste dann in Westeuropa das Fournier-Punkt-System ab. Die kleinste typografische Maßeinheit war fortan der »Didot-Punkt« und das Maßsystem das »Didotsche Maßsystem«. 1879 wurde der Didot-Punkt vom deutschen Typografen Hermann Berthold (1831–1904) und Wilhelm Foerster (1832–1921) im Auftrag der Vereinigung der deutschen Schriftgießerein auf 0,376 mm abgerundet. 5 )

In den USA wurde das Fournier-System weiterhin benutzt und verschmolz im 19. Jahrhundert mit dem britischen Caslon-System zum Pica Point System. Seit der Etablierung des PostScript-Systems, in Deutschland von 1985 bis 1994, benutzt man in Westeuropa überwiegend auch die angloamerikanische Maßeinheit »Pica Point« (traditionell) und »PostScript Point« von Adobe Systems® (DTP-Punkt). 6 ) Ein Pica Point misst 0,351 mm. Ein Pica-Punkt ist also um 0,025 mm kleiner als ein Didot-Punkt. 7 )

Umrechnungstabellen

Truchet-Punkt

TRUCHET-PUNKT (p)

1 Truchet-Punkt = 0,188 mm (gerundet)

Fournier-Punkt (Point typografique)

FOURNIER PUNKT (p) (fpt)

1 Fournier-Punkt = 0,345 mm (gerundet)

Didot-Punkt

DIDOT-PUNKT (p) (pt) (dpt)

1 Didot-Punkt = 0,376 mm (gerundet)
1 Cicero = 12 Didot-Punkte = 4,512 mm

1 mm = 2,66 Didot-Punkt

Pica und Pica Point

PICA

1 Pica = 1/6 inch (Zoll) 
1 Pica = 12 p
1 Pica = 4,233 mm (gerundet)

1 mm = 0,236 Pica (gerundet)
1 cm = 2,362 Pica (gerundet)

Details siehe Pica

PICA POINT (p) (ppt)

1 p = 1/72,72 inch (100/7227 inch = ca. 351,4598 µm)
1 p = 0.0138 inch (gerundet)
1 p = 0,351 mm (gerundet)
1 p = 0,93457 Didot-Punkt

1   inch = 6 p 
1/2 inch = 3 p

1 mm = 2,835 p (gerundet)
1 cm = 28,346 p (gerundet)

Details siehe Pica Point

PostScript (DTP-Punkt)

POSTSCRIPT POINT (pt)

1 pt = 1,00375001 p  
1 pt = 0,353 mm (gerundet)
1 pt = 0,0138 inch 

Anmerkung: Der traditionelle amerikanische Pica Point (Printer’s Point) wird mit 100/72,27 inch (Adobe®: Traditionell 72,27 pt/Zoll) bemessen, der aus dem Pica Point entstandene PostScript® Point (DTP-Punkt) mit 100/72 inch (Adobe®: PostScript 72 pt/Zoll). Sie unterscheiden sich somit nur marginal. 

Ein in typografischen Punkten angegebener Schriftgrad wurde bis zum Ende des optomechanischen Lichtsatzes (Fotosatz) mit einem Typometer gemessen, welches allerdings seit der Digitalisierung von Schriften keine genauen Ergebnisse mehr liefern kann. 8 ) 9 )

Heute existieren in der digitalen Typografie im Sinne der Metrologie und Typometrie keine verbindlichen Bemessungsgrundlagen mehr. Schriftgrade sind deshalb heute relativ. Ein Typometer ist nutzlos – das Auge und die Erfahrung eines Typografen/in ist um so wichtiger geworden. Vergleich einer Baskerville, Curier, DIN 30640 und Zapfino. Alle Schriften wurden in Adobe Photoshop ® im Originalmaßstab (1:1) in 72 DTP-Punkt gesetzt. Wie an den Schriftlinien erkennbar ist, weichen sowohl die Majuskelhöhen als auch sämtliche Ober-, Mittel- und Unterlängen voneinander ab.
Heute existieren in der digitalen Typografie im Sinne der Metrologie und Typometrie keine verbindlichen Bemessungsgrundlagen mehr. Schriftgrade sind deshalb heute relativ. Ein Typometer ist nutzlos – das Auge und die Erfahrung eines Typografen/in ist um so wichtiger geworden. Vergleich einer Baskerville, Curier, DIN 30640 und Zapfino. Alle Schriften wurden in Adobe Photoshop ® im Originalmaßstab (1:1) in 72 DTP-Punkt gesetzt. Wie an den Schriftlinien erkennbar ist, weichen sowohl die Majuskelhöhen als auch sämtliche Ober-, Mittel- und Unterlängen voneinander ab.
Ein Typometer diente u.a. zum Messen von Schriftgraden und Zeilenabständen – hier im Beispiel ein transparentes Typometer für den Fotosatz der Firma Berthold GmbH aus den 1990er Jahren. Das Messen mit einem Typometer ist sys­tem­im­ma­nent. Das bedeutet, es funktioniert nur innerhalb eines bestimmten geschlossenen Schriftsatz- und Schriftvervielfältigungssystems, ansonsten ist der gemessene Schriftgrad nur relativ und somit nicht verwendbar. Heute ist die Divergenz bei Typometern, Fonts, Software, Peripheriegeräten (RIPs) etc. so groß, dass Typometer mehr oder weniger nutzlos geworden sind.
Ein Typometer diente u.a. zum Messen von Schriftgraden und Zeilenabständen – hier im Beispiel ein transparentes Typometer für den Fotosatz der Firma Berthold GmbH aus den 1990er Jahren. Das Messen mit einem Typometer ist sys­tem­im­ma­nent. Das bedeutet, es funktioniert nur innerhalb eines bestimmten geschlossenen Schriftsatz- und Schriftvervielfältigungssystems, ansonsten ist der gemessene Schriftgrad nur relativ und somit nicht verwendbar. Heute ist die Divergenz bei Typometern, Fonts, Software, Peripheriegeräten (RIPs) etc. so groß, dass Typometer mehr oder weniger nutzlos geworden sind.

Auf digitalen Benutzeroberfläche (z.B. Monitor) wird ein Typografischer Punkt durch die Textverarbeitungs- bzw. Schriftsatzsoftware (z.B. Microsoft Word® oder Adobe InDesign®) oder mit speziellen Softwareapplikationen (Apps) bzw. Browsererweiterungen 10 ) gemessen, wobei diese Messergebnisse nicht vergleichbar und somit ungenau und irrelevant sind. 

Unterschiedliche Typografische Punktgrößen werden in Optische Größen, also KonsultationsgrößenLesegrößenSchaugrößen und Plakatgrößen, unterteilt. Im materiellen Schriftsatz (Bleisatz) existieren für alle gängigen Kegelgrößen Eigennamen, die sogenannten Mittel, die ehemals von deutschsprachigen Schriftgießereien in einer sogenannten Mitteltabelle dokumentiert wurden, einer Umrechnungstabelle mit Schriftgraden, basierend auf dem deutschen Konkordanzsystem.

Der Schriftgrad wird im Bleisatz – also im materiellen Schriftsatz – als Kegelgröße bezeichnet. Sie umfaßt den erhabenen, druckenden Teil eines Buchstabens von der oberen Kante der Oberlänge bis hin zur unteren Kante der Unterlänge plus seinem oberen und unteren »Fleisch«, also der nichtdruckenden, oberen und unteren Peripherie einer Drucktype, wobei die Kegelgröße und die eigentliche Schriftbildgröße unterschiedlich ausfallen.
Der Schriftgrad wird im Bleisatz – also im materiellen Schriftsatz – als Kegelgröße bezeichnet. Sie umfaßt den erhabenen, druckenden Teil eines Buchstabens von der oberen Kante der Oberlänge bis hin zur unteren Kante der Unterlänge plus seinem oberen und unteren »Fleisch«, also der nichtdruckenden, oberen und unteren Peripherie einer Drucktype, wobei die Kegelgröße und die eigentliche Schriftbildgröße unterschiedlich ausfallen.

In Deutschland und Österreich ist offiziell das metrische System, also die Angaben in mm, cm bzw. Meter bindend. Bereits Anfang der 1940 Jahre gab es in Deutschland die ersten Reformbestrebungen, vom Punktystem auf das metrische System zu wechseln. Die ersten deutschen Druckereien, die versuchsweise auf das metrische System umstellten, war 1954/55 die Druckerei Osterwald in Hannover und 1956 die GEG-Druckerei in Hamburg. 11 ) Allerdings stellte sich heraus, dass im Bleisatz die ökonomischen Nachteile größer waren, als der praktische Nutzen. Es blieb also während des materiellen Schriftsatzes alles beim alten. Erst mit der Einführung des optomechanischen Lichtsatzes (Fotosatz) konnte sukzessive auf das metrische System umgestellt werden.

Seit dem 1. Januar 1978 ist das metrische System in allen Ländern der Europäischen Gemeinschaft (heute Europäische Union) bindend, wobei der Typografische Punkt in Cicero und Punkt nicht mehr gebraucht werden soll. Dieses Gesetz gilt auch für alle Normierungsausschüsse, wie z.B. die International Standard Organization (ISO). Die Schweiz ist seit 1875 Mitglied der »Meterkonvention«. Somit gilt nach dem Schweizer Bundesgesetz über Maß und Gewicht ebenfalls das metrische System. 12 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Alle typografischen Punkt-Systeme weichen stark voneinander ab.
2.Anmerkung: Schriftgrade können nur relativ sein, da verbindliche Bemessungsgrundlagen für Schriftgrößen im Sinne der Metrologie und der Typometrie nicht existieren.
3.Anmerkung: Vorgegebene Schriftgrade auf elektronischen Benutzeroberflächen (z.B. bei Websites) weichen stark von einander ab, u.a. wegen des »Windows/Mac Font-size-Problems«. Windows berechnet die Bildschirmauflösung mit 96 dpi (dot per Inch = Punkte per Zoll) und Apple mit 72 dpi. Weitere Variablen sind die Bildschirmauflösung, Browservariante, Grafikkarte, das Hinting etc.
4.Literaturempfehlung: Fournier, Pierre Simon: Manuel typografique, utile aux gens de lettre et a ceux qui exercent les differentes parties de l’art de l’imprimerie, Paris 1764-66. Online verfügbar bei der Gallica, der digitalen Bibliothek der Nationalbibliothek von Frankreich, unter http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1070584h (3.10.2016).
5.Anmerkung: Der Typograf Jan Tschichold rechnete den typografischen Didot-Punkt wie folgt um: Ein Punkt ist 0,3759 mm; 2660 Punkte sind ein Meter; 12 Punkte bilden ein Cicero; vier Cicero oder 48 Punkte sind eine Konkordanz.
6.Anmerkung: DTP ist eine Abkürzung für Desktop Publishing.
7.Anmerkung: Die Feststellung, dass der Pica Point kleiner als der Didot-Punkt ist, ist insofern wichtig, um typografische Maßeinheiten und Lesetests in der kontinentaleuropäischen Fachliteratur im materiellen Schriftsatz korrekt zu interpretieren. Gleiches gilt natürlich auch für typografische Messinstrumente, wie zum Beispiel für Typometer oder für Durchschusstabellen. So kann sich zum Beispiel über die Länge einer DIN A4-Seite der Unterschied zwischen dem typografischen Maß eines Didot-Punkts und dem eines Pica Points mit bis zu fünf Textzeilen bemerkbar machen.
8.Anmerkung: Das Messen mit einem Typometer ist sys­tem­im­ma­nent. Es funktioniert also nur innerhalb eines bestimmten geschlossenen Schriftsatz- und Schriftvervielfältigungssystems, ansonsten ist der gemessene Schriftgrad nur relativ und somit nicht verwendbar.
9.Anmerkung: Die Divergenz bei Typometern, Software, Peripheriegeräten (RIPs) etc. ist – trotz oft gleich lautender Termini und Größenangaben – gravierend.
10.Anmerkung: Kleine Zusatzprogramme, z.B. WhatFont für Google Chrome®.
11.Quelle: Siehe Bosshard, Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Seite 9.
12.Literaturempfehlung: Bosshard, Hans Rudolf: Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Bildungsverband Schweizer Typografen, Bern, 1980, ISBN: 3855840105 und 3-85584-010-5.