Cicero

»Cicero« ist eine typografische Bezeichnung aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz dspr. Schriftsetzer, Schriftgießer und Drucker aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) für eine gedruckte Schriftgröße von 4,5 bis 5 Millimeter. In der AntiquaTypografie auch als »Cicero-Schnitt« bezeichnet. Im 19. und 20. Jahrhundert wird Cicero auch als Mittelname für eine bestimmte Kegelgröße physischer Drucktypen aus Metall, Holz und Kunststoff verwendet.

Schriftgrad

Bei Büchern, die in einer Antiqua gedruckt wurden, wird ein gedruckter Schriftgrad 1)  von circa 4,5 mm bis 5 mm und einem festen Größenverhältnis der Schriftkegel zueinander als Cicero bezeichnet. Eine physische Werksatzschrift (Textschrift) in diesem Schriftgrad im normalen Breitenlauf und mit austarierter Zurichtung wird innerhalb einer Schriftgarnitur als »Cicero-Schriftschnitt« – kurz Cicero-Schnitt – charakterisiert.

In Deutschland wurde im 19. und 20. Jahrhundert diese Bezeichnung auch auf Kegelgrößen von Gebrochene Schriften und Nichtrömische Schriften sowie Zierrat angewendet.

Ursprung des Begriffs

Eine Antiqua in einem gedruckten Schriftgrad von ca. 5 Millimeter druckten erstmals die deutschen Prototypografen Arnold Pannartz (o.A.–um 1476) und Conrad Sweynheym (o.A.–um 1474/1477), die die »Deutsche Kunst« nach der Schließung der Mainzer Offizin des Johann Fust (um 1400–1466) – infolge Fust-Schöffer´sche Offizin – 1462 von Deutschland nach Italien gebracht hatten.

In ihrer Offizin in Rom 2)  druckten Pannartz und Sweynheym 1467 die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), einem römischen Dichter, Redner und Staatsmann, in ihrer zur Reinform weiterentwickelten »Sublacensischen Antiqua«, deren Zeichenrepertoire neben Minuskeln nun auch Majuskeln umfasste.

Eine Innenseite der »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.). Gedruckt um 1471 von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom. Quelle: MDZ der Bayerische Staatsbibliothek, München. Online verfügbar unter http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0006/bsb00066416/images/ (17.5.2021).
Eine Innenseite der »Epistulae ad familiares« von Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.). Gedruckt um 1471 von der Offizin von Arnold Pannartz und Conrad Sweynheym in Rom. Quelle: MDZ der Bayerische Staatsbibliothek, München. Online verfügbar unter https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0006/bsb00066416/images/ (17.5.2021).

Sie legten damit den Grundstein des Cicero-Schriftschnitts, welcher in Venedig um 1468 von den deutschen Gebrüdern Johannes (o.A.–1469/1470) und Wendelin (o.A.–1477) von Speyer (Giovanni and Vendelino da Spira) 3) 4)  und letztendlich vom französischen Typografen und Graveur Nicolas Jenson (um 1420–1480) zu den »Litterae Venetae« (siehe Venezianische Renaissance-Antiqua) weiterentwickelt wurde. Diese »Venezianischen Lettern« im Cicero-Schnitt gelten als die erste vollkommen ausgebildete Reinform einer gedruckten Antiqua von exemplarischer Ausgewogenheit, Deutlichkeit und betonter Rundheit in der Buchstabenkomposition.

Der römische Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph Marcus Tullius Cicero fungiert somit bereits seit der Inkunabelzeit als Namensgeber für diese Lesegröße in einer austarierten Zurichtung. Der Fachbegriff kann durchaus als Reminiszenz im Sinne des Ciceronianismus unter den Renaissance-Humanisten verstanden werden, die die Typografie in Italien maßgeblich befeuerten.

Cicero und Typografischer Punkt

Mit der Erfindung des »Point typografique« (fpt) durch den Pariser Typografen Pierre Simon Fournier (1712–1768) bzw. seit der Überarbeitung des typografischen Punkt-Systems durch den französischen Typografen Firmin Didot (1764–1836) um 1785–1795, entsprach die Cicero-Schriftgröße dann exakt 12 typografischen Didot-Punkten (dpt), was einer Kegelgröße von 4,512 mm entsprach, welche – je nach Schriftguß, Bedruckstoff, Druckfarbe, physikalischen und chemischen Wegschlagverhalten, Tiegeldruckpressjustierung und Anpressdruck – rund 5 Millimeter Schriftgröße auf dem Druckträger ergab.

Die Cicero einer Garnitur – also eine 12 Didot-Punkt (dpt) große Antiqua in normalen Schriftschnitt – wurde fortan zum Standard im Buchsatz. Ein Cicero-Schnitt einer Werksatzschrift hatte deshalb im materiellen Schriftsatz das umfangreichste Figurenverzeichnis von allen Schriftschnitten innerhalb einer Schriftgarnitur und wurde in vielen Verlagsdruckereien bis zum Beginn des Fotosatzes zur »Brotschrift«.

Der Cicero-Schnitt prägte die Lesegewohnheiten der westlichen Welt bis heute am nachhaltigsten. Viele Buchverlage setzen deshalb heute noch ihre Bücher in Belletristikformaten in einer ca. 5 Millimeter großen gedruckten Antiqua. Der Cicero-Schnitt gilt bis heute als besonders lesefreundlich und wird deshalb als ideale Lesegröße bei einem Leseabstand von ca. 30–40 cm wahrgenommen.

Mittelname

Neben seiner ursprünglichen Bedeutung wird Cicero (frz. Äquivalent »St. Augustin«, eng. Äquivalent »Pica«) in der dspr. Typografie auch als »Mittelname« für eine bestimmte Kegelgröße im Didot-Punkt-System (dpt), also als Eigenname für einen bestimmten Schriftgrad einer physischen Drucktype oder einer dpt-Größe einer bestimmten physischen Stück- oder Setzlinie verwendet.

Mittelnamen (Abk. Mittel) wurden von deutschsprachigen Schriftgießereien in einer sogenannten Mitteltabelle dokumentiert, einer Umrechnungstabelle mit Schriftgraden, basierend auf dem deutschen Konkordanzsystem.

1 Cicero  entsprach dementsprechend 4,512 mm (gerundet 4,5 mm), was einer festen Kegelgröße von 12 Didot-Punkten (dpt) entsprach. 5)  Daraus leiteten sich folgende Einheiten ab:

1 Cicero = 12 Didot-Punkten (dpt)
2 Cicero = 24 Didot-Punkten = 1 Doppelcicero (dpt)
3 Cicero = 36 Didot-Punkten (dpt)
4 Cicero = 48 Didot-Punkten (dpt)
6 Cicero = 72 Didot-Punkten (dpt)
7 Cicero = 84 Didot-Punkten (dpt)
8 Cicero = 96 Didot-Punkten (dpt)

Mit Einführung des optomechanischen Schriftsatzes (Fotosatz) verloren die Mittelnamen und somit auch der Begriff Cicero an Bedeutung. Seit Mitte der 1980er Jahre mit Zunahme digitaler Schriftsatzsysteme ist der Begriff deshalb kaum oder nicht mehr gebräuchlich.

Mittelnamen für Kegelgrößen weiterlesen →

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Anmerkung: Die Kegelgröße und ihr gedrucktes Schriftbild unterscheiden sich aufgrund Schriftgußqualität, Bedruckstoff, Druckfarbe, physikalischen und chemischen Wegschlagverhalten, Tiegeldruckpressjustierung und Anpressdruck. Gedruckte Schriftgrade sind im Hochdruckverfahren immer etwas größer als das Schriftbild auf der Schulterfläche eines Kegels.
2 Anmerkung: Sweynheym und Pannartz bekamen von der römischen Aristokratenfamilie »Massimo« in Parione ( VI. Rione) ein Haus für ihre »Deutsche Kunst« zur Verfügung gestellt. Vermutlich entstand der Kontakt über Kardinal Camillo Massimo (1620–1677).
3 Anmerkung: 1468 und 1469 fertigten die deutschen Gebrüder Johannes und Wendelin von Speyer Nachdrucke der Epistulae ad familiares von Pannartz und Sweynheym und schufen damit weitere »Cicero-Frühdrucke«.
4 Literaturempfehlung: Mazal, Otto: Paläographie und Paläotypie. Zur Geschichte der Schrift im Zeitalter der Inkunabeln, Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1984.
5 Anmerkung: In der Typografie existieren keine verbindlichen Bemessungsgrundlagen für Schriftgrößen im Sinne der Metrologie und der Typometrie.