Mediävalziffern

Typographischer Terminus für Indo-Arabischen Ziffern mit variierenden Oberlängen und Unterlängen im Vierliniensystem (Schriftlinien). Auch als Minuskelziffern, Gemeine Ziffern, Charakterziffern oder in seltenen Fällen auch als Nautische Ziffern bezeichnet.

Etymologisch von »mediaeval« für »mittelalterlich« zu lat. »medius« für »mittlere«, »aevum« für »Zeitalter« und arab. »as-sifr«, mlat. »cifra« oder »cephirum«, sphd. »zif(f)er« für Ziffer. Mediävalziffern sind im lateinischen Alphabet die älteste Form der Arabischen Ziffern.

Mediävalziffern sind indo-arabische Ziffern mit variierenden Ober- und Unterlängen im Vierliniensystem. Beispiel gesetzt in der Französischen Renaissance Antiqua »Minion« von Robert Slimbach. Infografik: www.typolexikon.de
Mediävalziffern sind Indo-Arabische Ziffern mit variierenden Ober- und Unterlängen im Vierliniensystem. Beispiel gesetzt in der Französischen Renaissance Antiqua »Minion« von Robert Slimbach.
Vergleich von nichtproportionalen Majuskelziffern (Versalziffern für Tabellen) im Zweiliniensystem mit nichtproportionalen Mediävalziffern (Minuskelziffern für Tabellen) im Vierliniensystem. Ziffern gesetzt aus der serifenlosen »Fira Sans« von Ralph Du Carrois, Anja Meiners, Botio Nikoltchev und Erik Spiekermann.
Vergleich von nichtproportionalen Majuskelziffern (Versalziffern für Tabellen) im Zweiliniensystem mit nichtproportionalen Mediävalziffern (Minuskelziffern für Tabellen) im Vierliniensystem. Ziffern gesetzt aus der serifenlosen »Fira Sans« von Ralph Du Carrois, Anja Meiners, Botio Nikoltchev und Erik Spiekermann.

Bis zum Ende des materiellen Schriftsatzes (Bleisatz) unterschied man in der von Antiqua-Schriften geprägten Typographie die Termini »Mediävalziffer« für die »älteren Ziffern« aus Renaissance Antiquas sowie Vorklassizistischen Antiquas und »Französische Ziffern« für Ziffern aus Klassizistischen Antiquas. Diese Differenzierung wurde laut dem Typographen Paul Renner (1878–1956) 1 ) von der deutschen Typographie aus England übernommen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verstand man in Deutschland (siehe auch Fraktur) unter dem Begriff »Mediaeval« ausschließlich Schriften gotischen Ursprungs, beispielsweise eine Textura. Im 19. Jahrhundert wurden aus den Mediävalziffern die Majuskelziffern im Zweiliniensystem entwickelt.

Vergleich von Versalziffern (Majuskelziffern) im Zweiliniensystem mit Oberlängen und Mittellängen (links) mit Mediävalziffern (Minuskelziffern) im Vierliniensystem mit Oberlängen, Mittellängen und Unterlängen (rechts). Beispiel gesetzt in der »Celeste Regular« und »Celeste Caps« von Christopher Burke.
Vergleich von Versalziffern (Majuskelziffern) im Zweiliniensystem mit Oberlängen und Mittellängen (links) mit Mediävalziffern (Minuskelziffern) im Vierliniensystem mit Oberlängen, Mittellängen und Unterlängen (rechts). Beispiel gesetzt in der »Celeste Regular« und »Celeste Caps« von Christopher Burke.

Mediävalziffern gibt es bei Antiqua-Schriften als Proportionalziffern und Tabellenziffern sowie in Form von Bruchziffern. 2 ) 3 )

Thesen zu Mediävalziffern (Minuskelziffern)

  • Mediävalziffern eignen sich nur bedingt für den Mathematischen Formelsatz sowie den Tabellensatz, da sie aufgrund ihrer variierenden Oberlängen und Unterlängen eine zu unruhige, flatterhafte Linie für das Lesen (siehe Fixationen) einer Zahlenreihe bieten. Majuskelziffern – insbesondere dicktengleiche Majuskelziffern (Tabellenziffern) – sind dafür besser geeignet.
  • Mediävalziffern sind innerhalb eines geschlossenen Schriftsatzes ein Qualitätsmerkmal. Sie fügen sich aufgrund ihrer Ober- und Unterlängen harmonischer als Majuskelziffern in einen fortlaufenden Text ein.
  • Bei Verlags-, Zeitungs- und Buchschriften bzw. im Mengensatz (Werksatz) sollten im geschlossenen Schriftsatz grundsätzlich Mediävalziffern verwendet werden, da diese sich aufgrund ihrer wechselnden Ober- und Unterlängen ästhetischer in einen Fließtext einfügen und somit den Leserhythmus nicht unnötig stören. Majuskelziffern sind weniger dafür geeignet, da sie bei längeren Zahlenkombinationen optische »Blöcke« bilden.
  • Bei buchähnlichen Publikationen, z.B. Geschäftsberichten oder Produktkatalogen, sollten sowohl Majuskelziffern als auch Minuskelziffern verwendet werden, wobei die Mediävalziffern im Fließtext, die Minuskelziffern (bestenfalls als Tabellenziffern) in Zahlentabellen bzw. Zahlenreihen verwendet werden.
  • Im Antiqua-Schriftsatz mit Kapitälchen werden aus ästhetischen Gründen traditionsgemäß keine Majuskelziffern, sondern Mediävalziffern verwendet.
  • Bei primären Systemschriften sind Majuskelziffern die Regel. Bei sekundären Systemschriften gilt das gleiche, wobei es hier einige wenige Ausnahmen gibt, beispielsweise die »Georgia« von Matthew Carter, die Mediävalziffern enthält. 
  • Wer in HTML-Fließtexten Mediävalziffern verwenden möchte, muss Webfonts einbinden.
  • Zahlen in Form von Mediävalziffern sollten wie Majuskelsatz immer leicht spationiert werden.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

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Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Quelle: Renner, Paul: Die Kunst der Typographie, Verlag Frenzel & Engelbrecher, Berlin 1940, Seite 256.
2.Tipp: Auch Bruchziffern unterscheidet man zwischen Mediäval- und Majuskelbruchziffern. Ihre Form sollte immer mit der im Fließtext verwendeten Zifferform korrespondieren.
3.Literaturempfehlung: Menninger, Karl: Zahlwort und Ziffer. Eine Kulturgeschichte der Zahl. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1979.