Gemeine

Typografischer Fachausdruck aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz deutschsprachiger Schriftsetzer, Schriftgießer und Drucker aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) für die Kleinbuchstaben (Pl.) eines Alphabets. Der korrekte typografische und wissenschaftliche Terminus für Gemeine lautet Minuskeln (Pl.) bzw. Minuskel (Sg.)

Die Bezeichnung »Gemeine« wurde nur im Plural – überwiegend im betrieblichen Umfeld einer Offizin, selten in der typografischen Lehrliteratur – benutzt. Semantisch bezieht sich der Begriff Gemeine auf »gemeine Buchstaben« im Sinne von »kleine Buchstaben«, wobei »gemein« für »gewöhnlich, häufig vorkommend, verbreitet, einfach, normal, klein oder nieder« steht, ähnlich wie bei der ehem. Begrifflichkeit »gemeines Volk«. 

Im althergebrachten gewerbespezifischen Sprachschatz ist das Pendant zu Gemeine die Bezeichnung »Versalien« (Pl.) für die Großbuchstaben (Pl.) eines Alphabets. Die korrekte wissenschaftliche Bezeichnung für Versalien lautet Majuskeln.

Von Gemeine leiten sich u.a. die typografischen Termini »Gemeine Akzente«, »Gemeines Alphabet«, »Gemeine Buchstaben«, »Gemeine Diakritika«, »Gemeine Kapitälchen«, »Gemeiner Satz«, »Gemeiner Zeichenvorrat« oder »Gemeine Ziffern« ab.

So verstand beispielsweise ein Handschriftsetzer im 19. Jahrhundert unter »Gemeiner Zeichenvorrat« oder »Gemeiner Typenvorrat« die Anzahl der Kleinbuchstaben innerhalb der verwendeten Brotschrift, welche ihm bis zur Beendigung seiner Schriftsatzarbeit noch zur Verfügung stand, unter »Gemeine Ziffern« die Mediävalziffern, unter »Gemeiner Satz« den Minuskelsatz und unter »Gemeine Ligatur« die Minuskelligatur

In kleinen Druckereien war der gemeine Zeichenvorrat in der Regel aufgrund fehlender Ressourcen oft sehr begrenzt. Dies ist u.a. einer der Gründe dafür, weshalb dort – im Gegensatz zu großen Offizinen – unverhältnismäßig viel abgekürzt wurde. 

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© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de