Variable Fonts

Variable Fonts sind linear interpolierbare OpenType Fonts, die auf Initiative der US-amerikanischer IT-Unternehmen Apple® Inc., Adobe® Systems Inc., Google® LLC und Microsoft® Corp. für Betriebssysteme (OS Operating Systems) und Anwendungssoftware (Application Software) nutzbar gemacht werden sollen. Auch als »OpenType Variable Fonts«, »Variable Schriftarten« oder »Variable Schriften« bezeichnet.

Ein »Variable Font« besteht aus einem Font File (Schriftdatei), mit dem in einem OS Operating System (z.B. Apple macOS®) bzw. in einer Application Software (z.B. Google Chrome® oder Microsoft Word®) unterschiedliche Strichstärken, Schriftbreiten und Schriftlagen – basierend auf variablen Interpolationsachsen, Variations- und Stilattributtabellen – interpoliert und generiert werden können. 

Um beispielsweise mit einem mageren, breitmageren, schmalfetten, halbfetten und fetten Schriftschnitt einer Schriftfamilie arbeiten zu können, benötigt man gegenwärtig noch fünf separate OpenType Fonts (*.otf oder *.ttf), also fünf unterschiedliche Schriftdateien (Font Files). Mit der neuen Schrifttechnologie »OpenType Variable Fonts« wäre es nur noch ein einziges Font File, also eine einzige Schriftdatei, die all diese (und mehr) Schriftvarianten durch einen Algorithmus – in diesem Beispiel durch benutzerdefinierte Variationsachsen für die Strichstärken und Zeichenbreiten – interpolieren und generieren kann. Quelle: Microsoft® Corp.
Um beispielsweise mit einem mageren, breitmageren, schmalfetten, halbfetten und fetten Schriftschnitt einer Schriftfamilie arbeiten zu können, benötigt man gegenwärtig noch fünf separate OpenType Fonts (*.otf oder *.ttf), also fünf unterschiedliche Schriftdateien (Font Files). Mit der neuen Schrifttechnologie »OpenType Variable Fonts« wäre es nur noch ein einziges Font File, also eine einzige Schriftdatei, die all diese (und mehr) Schriftvarianten durch einen Algorithmus – in diesem Beispiel durch benutzerdefinierte Variationsachsen für die Strichstärken und Zeichenbreiten – interpolieren und generieren kann. Quelle: Microsoft® Corp.

Alter Wein aus neuen Schläuchen
Die gemeinsame Initiative von Adobe®, Apple®, Google® und Microsoft®, Variable Fonts in einer neuen Version der OpenType Specification 1.8 zu penetrieren, wurde erstmals im Rahmen der 60. Jahrestagung der ATypI-Konferenz 1 ) »Convergence« vom 13. bis 18. September 2016 in Warschau in Polen einem internationalen Fachpublikum vorgestellt.

Ziel der neuen Schrifttechnologie ist die Simplifizierung und Instrumentalisierung digitaler Schriften in der Herstellung, Distripution, Verarbeitung und Anwendung, um damit plattformübergreifend Ressourcen für die Hersteller zu optimieren. 2 ) 3 )

Variable Fonts sind eine Adaption der Adobe® »Multiple Master Fonts« 4 ) aus den frühen 1990er Jahren, die sich aufgrund Ihrer Komplexität damals am Markt nicht durchsetzten konnten. Da sich nun die führenden IT-Unternehmen auf gemeinsame Standards verständigt haben, wird eine flächendeckende Implementierung dieser Schrifttechnologie allerdings nur noch eine Frage der Zeit sein.

Gegenwärtig sind noch Updates für OS Operating Systems, Application Software, Font-Werkzeuge, CSS-Standards und die Klärung vieler weiterer Details notwendig. Google® kündigte 2017 an, dass zukünftige Chrome® Browser das Variable Font Rendering unterstützen und auch diesbezüglich CSS Cascading Style Sheets 5 ) Unterstützung bieten werden. Gleiches gilt für den Browser Safari® von Apple®. Auch die Skriptsprache JavaScript wir zukünftig die Nutzung von variablen Schriften für responsive Webanwendungen unterstützen.

Variable Fonts wird es vermutlich als OpenType TrueType-flavoured, OpenType PostScript®-flavoured und als Webfonts (möglicherweise ab WOFF2, Web Open Font Format 2.0) geben. Die Suffixe *.ttf oder *otf werden sowohl für statische als auch variable Fonts verwendet. Äußerlich unterscheidet sich derzeit ein statischer von einem variablen OpenType Font nur durch die Namensgebung oder innerhalb von Anwendungssoftware an einem Kürzel im Icon (z.B. bei Adobe Illustrator® CC mit VAR für Variable Fonts).

Erste Updates von Adobe®
Adobe® hat Teile seiner Ankündigungen bereits Ende 2017 umgesetzt. Seit dem Update von Photoshop® CC (Creative Cloud) und Illustrator® CC im Oktober 2017 können die ersten Variable Fonts, z.B. die »Myriad Variable Concept« von Carol Twombly und Robert Slimbach, die »Acumin Variable Concept« von Robert Slimbach, die »Minion Variable Concept« von Robert Slimbach, die »Source Sans Variable« von Paul D. Hunt, die »Source Serif Variable« von Frank Grießhammer und die »Source Code Variable« von Paul D. Hunt und Teo Tuominen im neuen Compact File Format (CFF2) getestet werden.

Die »Acumin« des US-amerikanischen Type Designers Robert Slimbach als »Variable Concept Font«. Diese und andere »Testschriften« im neuen Compact File Format (CFF2) wurden den Abonnenten der Adobe® Creative Cloud mit einem Update von Illustrator® CC und Photoshop® CC im Oktober 2017 als Bestandteil der Anwendersoftware (!) zur Verfügung gestellt. Der Font verfügt in dieser Version über 90 voreingestellte Stilvarianten, von »ExtraCondensed Thin« bis »Wide UltraBlack Italic«.
Die »Acumin« des US-amerikanischen Type Designers Robert Slimbach als »Variable Concept Font«. Diese und andere »Testschriften« im neuen Compact File Format (CFF2) wurden den Abonnenten der Adobe® Creative Cloud mit einem Update von Illustrator® CC und Photoshop® CC im Oktober 2017 als Bestandteil der Anwendersoftware (!) zur Verfügung gestellt. Der Font verfügt in dieser Version über 90 voreingestellte Stilvarianten, von »ExtraCondensed Thin« bis »Wide UltraBlack Italic«.

Mehr Schein als Sein?
Allerdings ergab eine erste Evaluierung der von Adobe® zur Verfügung gestellten Testschriften, dass diese nur über die nötigsten Schriftzeichen verfügen und auch keine eigenständig gestalteten Schriftlagen enthalten.

Beispielsweise erbrachte der Vergleich der statischen Adobe® »Minion Pro« (MinionPro-Regular.otf, voller Zeichenumfang und alle OpenType Features, Font File mit 184 KB) mit einer variablen Adobe® »Minion Variable Concept« (MinionVariableConcept-Roman.otf, minimaler Zeichenumfang und keine OpenType Features, Font File mit 221 KB), dass die statische »Minion Pro« über eine deutlich geringere Dateigröße verfügt, obwohl die »Minion Variable Concept« weder den kursiven Schnitt noch OpenType Features enthält. 6 )

Die Ankündigung der IT-Unternehmen, das Variable Fonts kürzere Ladezeiten, alle Formvarianten (z.B. auch eine originale kursive Stilvariante) enthielten und alle OpenType Features hätten, lässt sich also zurzeit im realen Einsatz nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Variable Fonts, die über einen professionellen Zeichenvorrat verfügen, werden vermutlich – im Vergleich zu einem statischen Einzelschnitt – deutlich mehr Bytes haben. 7 )

Mit einem Personal Computer (PC) generierte Schriftstilvatianten, beispielsweise generierte Kapitälchen, kursive oder fette Schriftschnitte, gelten in der Typografie als Fauxpas, denn sie entstehen nicht nach optischen – also durch das Auge und die Erfahrung eines Schriftgestalters/in – sondern nach rein numerischen Gesetzmäßigkeiten. Sie gelten deshalb in ihrer Letternarchitektur als unvollkommen und in der Regel als schlechter lesbar. Der Einsatz von Variable Fonts wird dieses Problem zukünftig potenzieren. Beispiel oben: Der vom PC mit dem Button »i« (italic) oder »k« (kursiv) generierte kursive Schriftschnitt der Corporate A von Kurt Weidemann (1922–2011). Beispiel unten: Der originale kursive Schriftschnitt der Corporate A. Der eklatante Unterschied zwischen dem generierten Fake und dem Original ist offensichtlich.
Mit einem Personal Computer (PC) generierte Schriftstilvatianten, beispielsweise generierte Kapitälchen, kursive oder fette Schriftschnitte, gelten in der Typografie als Fauxpas, denn sie entstehen nicht nach optischen – also durch das Auge und die Erfahrung eines Schriftgestalters/in – sondern nach rein numerischen Gesetzmäßigkeiten. Sie gelten deshalb in ihrer Letternarchitektur als unvollkommen und in der Regel als schlechter lesbar. Der Einsatz von Variable Fonts wird dieses Problem zukünftig potenzieren. Beispiel oben: Der vom PC mit dem Button »i« (italic) oder »k« (kursiv) generierte kursive Schriftschnitt der Corporate A von Kurt Weidemann (1922–2011). Beispiel unten: Der originale kursive Schriftschnitt der Corporate A. Der eklatante Unterschied zwischen dem generierten Fake und dem Original ist offensichtlich.

Für die Anwender der »neuen« Schrifttechnologie OpenType Variable Fonts werden sich in der Übergangszeit erhebliche Probleme und Kosten abzeichnen. Insbesondere für die Schriftgestaltung und Typografie stellen die vielfältigen, neuen Möglichkeiten eine Herausforderung dar. Denn letztlich gilt: Nicht alles was technisch machbar ist, ist auch sinnvoll – und ein Algorithmus kann weder ein geübtes Auge, Fleiß, Begabung, Können, Wissen noch Erfahrung ersetzen. 

Die größte Herausforderung jedoch dürfte die Gefahr der Instrumentalisierung der Schrift durch IT-Unternehmen sein, insbesondere in den Segmenten Leistungsschutzrechte, 8 ) Datenschutz und Datensicherheit.

Thesen zu Variable Fonts

  • Variable Fonts werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als zukünftiger Standard in der digitalen Netzwerktypografie – z.B. bei Websites, in Mobil Apps oder als Systemschriften – etablieren.
  • Variable Fonts werden Teile der digitalen Netzwerktypografie »responsive« machen, was geübten Grafikdesigner/innen und Typografen/innen neue Möglichkeiten erschließen könnte. 
  • Auf das professionelle DTP Desktop Publishing (Print) werden Variable Fonts keine Auswirkungen haben, da sie keine nennenswerten Vorteile bieten.
  • Variable Fonts werden statische Fonts ergänzen, nicht ersetzten.
  • Die Anwendung von Variablen Fonts wird deutlich mehr Wissen im Umgang mit Schriften erfordern. Denn je mehr Möglichkeiten einem User zur Verfügung stehen, desto mehr Fehler wird er machen. 
  • Variable Fonts könnten im High-End-Segment alte Traditionen und die Qualität in der Schriftgestaltung und Typografie wiederbeleben, beispielsweise die Gestaltung und Anwendung von Optischen Größen. Andererseits wird durch die augenscheinliche Simplifizierung die durchschnittliche Qualität in der Schriftgestaltung noch weiter abnehmen.
  • Variable Fonts werden den Trend in der Schriftgestaltung verfestigen, korrespondierende Schriftschnitte nicht mehr separat zu entwerfen, sondern automatisch zu interpolieren, was in der Summe einen Qualitätsverlust bei Auszeichnungsschnitten darstellt.
  • Variable Fonts werden die Systemadministration vereinfachen.
  • Variable Fonts werden die Ladezeiten in der professionell angewandten Typografie nicht wesentlich optimieren, da kein Typograf/in – z.B. wie bei der »Acumin« – 90 generierte Schriftschnitte in einem Dokument verwenden würde, sondern eher nur bis zu drei oder vier unterschiedliche Originalschnitte. 
  • Variable Fonts werden vermutlich zu statischen OpenType Fonts nicht oder nur teilweise kompatibel sein.
  • Variable Fonts könnten den typografischen Workflow für Online-Verlage, Internetagenturen und Webdesignbüros teurer machen, da statische Schriften sukzessive gegen variable Schriften ausgewechselt, bezahlt und administriert werden müssen. 
  • Variable Fonts werden bei Schriftmischungen mit statischen Fonts mehr Feingefühl und Können erfordern.
  • Die unterschiedliche Darstellung und Interpretation von Variable Fonts mit unterschiedlicher Hard- und Software wird systemimmanent bleiben.
  • Variable Fonts werden Fragen in Bezug auf die Leistungsschutzrechte aufwerfen, beispielsweise bei der Lizenzierung und Nutzung von Schriften.
  • Variable Fonts werden Fragen in Bezug auf die Vergütung von Schriften aufwerfen. Warum z.B. 90 Schriftschnitte bezahlen, wenn man nur einen oder zwei braucht oder will? Wieviel ist ein automatisch generierter Schriftschnitt überhaupt wert?
  • Die grundlegende Etablierung der neuen Schrifttechnologie birgt die Gefahr der Monopolisierung und Instrumentalisierung der Schrift durch einige wenige global operierende IT-Unternehmen. Denn das Konzept der Variable Fonts entspricht der Philosophie, dass Schrift ein Teil des Operating Systems und der Application Software selbst sein sollte und nicht nur ein separates Font File.
  • Mittelfristig besteht deshalb die Gefahr, das IT-Unternehmen das Kulturgut Schrift okkupieren und als Teil ihres Quellcodes (Source Code) etablieren und schützen. 
  • Variable Fonts werden neue Fragen in Bezug auf den Datenschutz aufwerfen, da das Tracking mit der neuen Schrifttechnologie für IT-Unternehmen, Schrifthändler und Tracking­dienste leichter und konkreter wird. Das versteckte Auslesen von persönlichen Informationen (Font Fingerprinting) über installierte Fonts, z.B. mit JavaScript, wird rapide zunehmen. 
  • Variable Fonts Files können zusätzlich die Datensicherheit belasten, da sie neue Backdoors für Hacks bieten.
  • Variable Fonts werden die Entwicklungskosten von OpenType Schriften spürbar senken, Abonnementsysteme forcieren und die Renditen von Font Foundries (Schrifthändlern) deutlich erhöhen.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Die ATypI (Association Typografique Internationale) ist eine internationale Branchen- und Lobbyorganisation von Schriftherstellern, Schrifthändlern, Softwareherstellern und Schriftgestaltern/innen (Type Designer). Gegründet wurde die ATypI 1957 in Paris von Charles Peignot (1897-1983), dem Mitinhaber der Schriftgießerei Deberny & Peignot. Heute ist West New York, New Jersey, USA, Sitz der ATypI. Informationen online unter https://www.atypi.org (25.2.2018).
2.Weiterführende Informationen: OpenType Variable Fonts, What are OpenType variable fonts? Microsoft ® Corp., online verfügbar unter https://msdn.microsoft.com/en-us/library/windows/desktop/mt492454(v=vs.85).aspx (26.2.2018).
3.Weiterführende Informationen: GitHub, Development Platform, Adobe-Variable Font Prototyp, online unter https://github.com/adobe-fonts/adobe-variable-font-prototype (26.2.2018).
4.Anmerkung: Multiple Master Fonts von Adobe® sind benutzerdefinierbare PostScript-Type 1 Schriften, deren Schriftmerkmale durch variable »Designachsen«, wie Strichstärke, Zeichenbreite und Schriftlage definiert werden. Einige Multiple Master Fonts verfügen auch über eine Achse für Optische Größen.
5.Anmerkung: CSS Cascading Style Sheets ist ein weltweiter Standard des W3C (World Wide Web Consortium). Informationen verfügbar unter http://www.w3c.de (25.2.2018).
6.Anmerkung: Der kursive Schriftschnitt der »Minion Variable Concept« wurde als eigenständiges Font File »MinionVariableConcept-Italic.otf« mit 159 KB zur Verfügung gestellt.
7.Quelle: Vergleich der »Minion Pro« und »Minion Variable Concept« durch Wolfgang Beinert, Berlin, 1.3.2018 mit Adobe Illustrator® CC in seiner aktuellen Version auf einem Apple iMac®. Da die Variable Fonts nicht als separate Font Dateien auf dem Rechner lokalisierbar waren, wurden diese über ein Dokument »verpackt« und extrahiert. Die Testschriften von Adobe® ließen sich nicht mit der »Schriftsammlung« lokalisieren oder hinzufügen.
8.Siehe auch Urheberrecht für Schriften und Mythos Schriftsoftware. Eine kritische Anmerkung von Wolfgang Beinert.