Versalien

Typografischer Fachausdruck aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz deutschsprachiger Schriftsetzer, Schriftgießer und Drucker aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) für die Großbuchstaben (Pl.) eines Alphabets; Versalbuchstaben (Pl.); Einzahl Versal (Sg.); Nebenform »Versalie« (Sg.). Der korrekte typografische und wissenschaftliche Terminus für Versalien lautet Majuskeln (Pl.) bzw. Majuskel (Sg.).

Semantisch rührt der Ausdruck von »Vers«; etymologisch vom lat. »versus« zu lat. »vertere« für »umkehren, wenden, drehen«. Im althergebrachten gewerbespezifischen Sprachschatz ist das Pendant zu Versalien die Bezeichnung »Gemeine« (Pl.) für die Kleinbuchstaben (Pl.) eines Alphabets. Die korrekte wissenschaftliche Bezeichnung für Gemeine lautet Minuskeln.

In der Paläografie und in der Schriftlinguistik kennzeichnet ein Versal (Sg.) allerdings einen Großbuchstaben an den Anfängen von Verszeilen. Verse haben ihren Ursprung im 9. Jahrhundert, welche zu dieser Zeit in Minuskeln geschrieben wurden (siehe Schriftgeschichte). Die Bedeutung »Vers(zeile)« ist hier in metaphorischer Anlehnung an die Linie einer Ackerfurche zu verstehen, die durch das Umwenden des Pfluges beendet wird. Aus dieser Schreibweise haben sich auch die Kapitälchen entwickelt.

Die Bezeichnung Versalien ist also streng genommen nur im Plural bedeutungsgenau. Im Sinne der Begriffsabgrenzung ist deshalb auch in der Typografie die korrekte Bezeichnung für einen Großbuchstaben Majuskel (Sg.) bzw. Majuskeln (Pl.). 1)

Von Versalien bzw. Versal leiten sich u.a. die typografischen Termini »Versalakzent« (siehe Akzent), »Versalalphabet«, »Versalbuchstabe«, »Versaleszett«, »Versalhöhe«, »Versalligatur«, »Versalsatz« oder »Versalziffern» ab.

Majuskel weiterlesen →

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1Anmerkung: Im typografischen Sprachgebrauch ist nur der Plural »Versalien« gebräuchlich. Wobei jedoch angemerkt sei, dass auch in der Typografie »Majuskel(n)« der korrekte Begriff ist, insbesondere um terminologische Fehlinterpretationen, u.a. aus Sicht der Paläografie, einer Hilfswissenschaft zur Erforschung des Schreibwesens und der Schriftgeschichte sowie der Linguistik bzw. Schriftlinguistik auszuschließen.