Regressionen

Regressionen sind eine von drei Aktivitäten der Augenbewegungsmuster beim Lesen einer Wortsprache; Rückwärtssprünge der Augen während des Lesens einer Wortsprache zu einem vorangegangenen Textabschnitt; auch Regressionssakkaden genannt. Etymologisch von lat. »regressio« zu »regredi« für »umkehren«, »zurückgehen«.

Weitere wichtige Augenbewegungsmuster (Okulomotorik) beim Lesen einer Wortsprache sind die Fixationen (Ruhen der Augen auf einem Punkt) und die Sakkaden (Vorwärtssprünge der Augen). Neurologische Untersuchungen belegen, dass unterschiedlich bewusste und unbewusste Augenbewegungsmuster in direkten Zusammenhang zu unterschiedlichen Regionen des Gehirns stehen.

Regressionen sind im Vergleich zu den Fixationen ein relativ kurzer visueller Prozess beim Lesen eines Textes. 1) Eine Informationsaufnahme während des Regressionsprozesses findet nicht statt, sondern nur während der Fixationen. Jüngste Studien spekulieren allerdings darüber, dass möglicherweise Neuronen Sakkaden in bestimmten Hirnregionen als eine Art »Seheindruck« vorwegnehmen. 2)

Fixationen, Regressionen und Sakkaden: »Dies ist ein Beispiel, wie Augensprünge beim Lesen verlaufen können. Die Kreise deuten die scharf gesehenen Teile je Fixation an, gestrichelte Linien Vorwärtssprünge, durchgezogene Rücksprünge«. Bildzitat: Prof. Dirk Wendt, Lesbarkeit von Druckschriften, Ein Beitrag zum Symposium der Typografischen Gesellschaft München am 13. und 14. November 1998. Die Zusammenfassung als Buch erschienen im Jahre 2000 unter dem Titel
Fixationen, Regressionen und Sakkaden: »Dies ist ein Beispiel, wie Augensprünge beim Lesen verlaufen können. Die Kreise deuten die scharf gesehenen Teile je Fixation an, gestrichelte Linien Vorwärtssprünge, durchgezogene Rücksprünge«. Bildzitat: Prof. Dirk Wendt, Beitrag zum Symposium der Typografischen Gesellschaft München am 13. und 14. November 1998. Die Zusammenfassung als Buch erschienen im Jahre 2000 unter dem Titel »Lesen Erkennen«, Seite 11.

Bei zunehmender Textschwierigkeit in Bezug auf Inhalt und Grammatik nimmt die Anzahl der Regressionen in Relation zu den Fixationen zu, während die Sakkaden mengenmäßig und in ihrer Länge abnehmen; was darauf schließen lässt, dass Wortbilder bei geübten Lesern schneller und leichter im Gedächtnis hinterlegt und bei Bedarf aus dem Hippocampus, also dem »Arbeitsspeicher des Gehirns«, abgerufen werden können. Geübte Leser lesen erfahrungsgemäß deutlich schneller und effektiver; sie benötigen deutlich weniger Regressionen.

Neben der Leistungsfähigkeit der Augen (z.B. Akkommodationsfähigkeit), abiotischen Umweltfaktoren (z.B. Licht), dem Leseabstand, der Textschwierigkeit sowie der Lesekompetenz eines Rezipienten hat die Schriftwahl sowie die makrotypografische und mikrotypografische Aufbereitung eines Schriftsatzes signifikanten Einfluss auf die Lesbarkeit und somit auf die Dauer des Leseprozesses.

Beispielsweise minimiert ein gleichmäßiger Ausschluß eines Blocksatzes die Anzahl der Regressionssakkaden und Mikrobewegungen des Auges, die beispielsweise durch mangelhafte Wortzwischenräume, durch Gießbäche oder fehlerhaften Durchschuss, unvorteilhafte Schriftlaufweiten etc. entstehen können; ein Rezipient benötigt somit deutlich weniger Energie beim Lesen und kann sich schneller und länger auf den Inhalt konzentrieren.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1Literaturempfehlung: Lesen Erkennen, Beiträge zu einem Symposium der TGM von Dirk Wendt, Bernd Weidemann, Rüdiger Weingarten, Hartmut Günther, Gerd Kegel und Ernst Pappel. Herausgegeben von der Typografischen Gesellschaft München, 2000.
2Quelle: Bremmer, Frank: Warum sehen wir die Welt stabil, selbst wenn wir unsere Augen bewegen? Fachbeitrag in Spektrum.de, online verfügbar unter https://www.spektrum.de/frage/warum-sehen-wir-die-welt-stabil-selbst-wenn-wir-unsere-augen-bewegen/1701540 (24.8.2020).