Rubrikator

»Rubrikator« ist eine Berufsbezeichnung für einen Gehilfen eines Schreibers (siehe Kalligrafie) oder Kopisten eines mittelalterlichen Skriptoriums (lat. scriptorium für Schreibstube), der nach dem Schreiben eines Textes – ab Mitte des 15. Jahrhunderts nach dem Druck einer Inkunabeln – die Überschriften (Headlines), Initialen, Lombarden, Buchstabenverzierungen oder Zeilenfüller in Büchern (z.B. Kodizes) oder Manuskripten (z.B. Urkunden) in einer Farbauszeichnung, in der Regel mit rötlicher Tinte, händisch auszeichnete. Substantiv »Rubrizierung«; Verb »rubrizieren«.

Lombarden sind Schmuck- und Gliederungsbuchstaben in spätmittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, die sich deutlich von Initialen unterscheiden. Beispiel: Beginn des »Hamburger Psalters in scrinio 142« (Seite 2) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit einer sechszeiligen Initiale, gefolgt von mehreren eineinhalbzeiligen rubrizierten Lombarden innerhalb der Zeilen. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Weiterführende Informationen über das Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig unter https://blog.ub.uni-leipzig.de/deutsche-psalter-fragmente-aus-stralsund-und-hamburg (28.10.2021).
Lombarden sind Schmuck- und Gliederungsbuchstaben in spätmittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln, die sich deutlich von Initialen unterscheiden. Beispiel: Beginn des »Hamburger Psalters in scrinio 142« (Seite 2) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit einer sechszeiligen Initiale, gefolgt von mehreren eineinhalbzeiligen rubrizierten Lombarden innerhalb der Zeilen. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. Weiterführende Informationen über das Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig unter https://blog.ub.uni-leipzig.de/deutsche-psalter-fragmente-aus-stralsund-und-hamburg (28.10.2021).

Sinngemäß bedeutet Rubrikator »Rotmacher«. Etymologisch rührt diese Bezeichnung von lat. »rubrum« für »rot« zu lat. »rubrica« für »Rötel zu lat. »rubricare« zu mhd. »rubrike« für »rote Tinte« bzw. »rot anmalen«.

Die Rubrizierung war die früheste Methode einer systematischen Schriftauszeichnung, Gliederung und Strukturierung. In der Paläografie werden diese in Teilen zum Buchschmuck gezählt. Sowohl die Bezeichnung »Rubrik« als auch der typografische Terminus »Auszeichnung« rührt daher.

Für die Rubrizierung wurden in der Regel Schreibflüssigkeiten wie Tinten, Tuschen und Temperafarben, die bis zur industriellen Chemie manuell aus Pflanzen (z.B. Moosflechten für Grün, Gummiarabikum als Bindemittel, Nelkenöl zur Konservierung, gallierte Eichenblätter als Gerbsäure), Steinen (z.B. Lapislazuli für Blau) und Tieren (z.B. Purpurschnecke für Purpurrot, Tintenfisch für Sepia) hergestellt wurden. Zinnoberrot (Cinnabarit) galt als die günstigste Auszeichnungsfarbe, blaue und grüne Pigmenten waren hingegen sehr kostbar, Purpur nahezu unbezahlbar, weshalb Purpur auch den höchsten Würdenträgern (Könige, Fürsten, Kardinäle) vorbehalten war.

Die über zehnzeilige Fleuronnée-Initiale (links oben) gefolgt von unterschiedlich farbigen zweieinhalbzeiligen Lombarden am Zeilenanfang aus »Das Nibelungenlied und die Klage«, Handschrift D (Prunner Codex) aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, München.
Die über zehnzeilige Fleuronnée-Initiale (links oben) gefolgt von unterschiedlich farbigen zweieinhalbzeiligen Lombarden am Zeilenanfang aus »Das Nibelungenlied und die Klage«, Handschrift D (Prunner Codex) aus dem 14. Jahrhundert. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, München.

Da Skriptorien über Jahrhunderte mehrheitlich eine Dienstleistung katholischer Klöster (z.B. des Ordens des Heiligen Benedikts) war, wurden Tätigkeiten dieser Art an mehr oder weniger begabte Ordensbrüder (Mönche, Pater oder Frater) delegiert, die für diese Art von Auszeichnungen und Rubrizierungen zuständig waren.

Ab dem 14. Jh. mit Zunahme der juristischen Kanzleien sowie ab Mitte des 15. Jh. durch die neu entstandenen Offizinen, wurde diese Tätigkeit auch außerhalb von Klöstern, insbesondere in Offizinen der Prototypografen ausgeübt. Oft geschah dies in Personalunion eines Wiegendruckers oder Illuminators.

Buchstaben oder Worte, die von einem Rubrikator ausgezeichnet oder korrigiert werden sollten, wurden von den Schreibern, Kopisten oder Frühdruckern mit Platzhaltern, sogenannten »Repräsentanten« versehen.

Von Hand eingefügte Rubrizierungen gehören in Frühdrucken (Wiegendrucken) noch zum Standard, welcher aber ab Anfang des 16. Jh. aufgrund monetärer und geänderter Lesegewohnheiten sukzessive verschwand. Während dieses Paradigmenwechsels arbeiteten Typografen, Kalligrafen, Rubrikatoren und Illuminatoren gemeinsam an der Herstellung von Druckerzeugnissen.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de