Satzumfangsberechnung

Bei einer Satzumfangsberechnung wird die Anzahl der Buchstaben bzw. Zeichen eines Manuskripts (Handschrift), eines Typoskripts (Maschinenmanuskript) oder einer Textdatei (Text File) ermittelt, um den sich daraus ergebenden Satzumfang eines Druckerzeugnisses (z.B. Buch) oder eines digitalen Mediums (z.B. Website) basierend auf einem bestimmten Layout, Faksimile oder/und einer semantisch-typografischen Auszeichnungsmatrix zu extrapolieren; Berechnung des typografischen Satzumfangs aufgrund eines Manuskripts und Layouts. Ferner als »Manuskriptberechnung« oder »Manuskriptumfangsberechnung«, bei Belletristikformaten, bspw. einem Roman im Taschenbuchformat, auch als »Werkumfangsberechnung« bezeichnet.1)

Die Satzumfangsberechnung ist eine Überschlagsrechnung und eine wesentliche Grundlage für die Kalkulation eines textuellen Mediums. Sie dient dazu, kaufmännische (z.B. Vergütungen von Textleistungen oder Satzkosten), gestalterische (z.B. Entwurf eines Gestaltungsrasters oder Templates), typografische (z.B. Schriftwahl) und herstellungstechnische Parameter (z.B. Seitenanzahl, SEO oder Ladezeiten) abzuklären und zu kalkulieren.

Eine Satzumfangsberechnung umfasst – beispielsweise bei einem Buch oder einer buchähnlichen Publikation – sowohl Titelsatz (Akzidenzsatz) als auch Mengensatz (Werksatz) für Titelei, Headlines, Copy, Fließtexte, Bildunterschriften, FußnotenKolumnentitel, Legenden, Marginalien, Paginas und Anhang.

Schutzumschlag, Vorderdeckel, Hinterdeckel und Buchrücken werden – je nach gestalterischen Aufwand – meist separat dem Buchumschlag (Buchcover) zugerechnet. Bilder und Vakate werden separat in der Gesamtumfangsberechnung (Gesamtkalkulation) bzw. in einer Werkumfangsberechnung erfasst.

Für einen Typografen:in ergeben sich daraus makrotypografische und mikrotypografische Fragestellungen, beispielsweise bei der Konstruktion eines Gestaltungsrasters, eines Satzspiegels, der Wahl der Schrift, der Schriftmischung, der Schriftauszeichnungen, der Wahl von Zeichenbreiten, Laufweiten, Zeilenabständen oder Zeilenlängen.

Textvorlagen

Per Definition ist eine handschriftliche Textvorlage ein »Manuskript« (lat. »manu scriptum« für »von Hand Geschriebenes«, Abk. Ms.), ein mit einer Schreibmaschine oder einem PC geschriebener bzw. ausgedruckter Text ein »Typoskript«. Wurde eine Textvorlage mit einem Textverarbeitungsprogramm erstellt und auf einem digitalen Datenträger oder Speichermedium abgespeichert, beispielsweise als Word®-Datei, wird diese als »Textdatei« (Text File) bezeichnet.

Zeichenzählsysteme im Blei- und Fotosatz

Im materiellen Schriftsatz mit physischen Drucktypen aus Metall, Holz oder Kunststoff sowie im optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) wurden in der Regel Manuskripte oder Typoskripte mit »Buchstabenzählern« und speziellen »Berechnungstabellen«, die von den jeweiligen Schriftgießereien bzw. Herstellern von Fotosatzmaschinen (z.B. von Linotype) zur Verfügung gestellt wurden, und unter Zuhilfenahme eines Faksimiles berechnet.

Diese Berechnungstabellen bezogen sich auf bestimmte Schriftschnitte, Schriftgrade und Satzbreiten. Sie wurden entweder für das Ablesen der Zeichenanzahl pro Zeile in den wichtigsten Satzbreiten oder für das Ablesen der Buchstabenanzahl ganzer Textblöcke bis zu einer bestimmten Anzahl Zeilen verwendet. In Schriftmusterbüchern gab es ähnliche Berechnungstabellen. Für IBM-Composer-Schriften wurden spezielle Berechnungstabellen mit bestimmten Maßskalen verwendet. 2)

Zeichenanzahl im Desktop Publishing

Bei digitalen Textdateien können der Zeichen-, Wort,- Absatz– und Seitenumfang mit oder ohne Leerraumzeichen durch die verwendete Textverarbeitungs-Software (z.B. Microsoft Word® oder Apple Pages®) oder in DTP Desktop-Publishing-Computerprogrammen (z.B. InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®) mit speziellen Menüabfragen exakt angezeigt werden.

Normseite

Unter einer »Normseite« 3)  versteht man in Deutschland ein Blatt Papier im Deutschen Briefformat bzw. im DIN A4-Format (DIN 476), das maschinengeschrieben so formatiert wird, dass die Seite insgesamt 30 Zeilen zu jeweils 60 Anschlägen (Zeichen) inklusive Leerraumzeichen hat. Festgelegt wurde die Normseite im Jahr 1992 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels 4) und dem Verband Deutscher Schriftsteller. 5)

Beschrieben wird eine Normseite mit einer dicktengleichen Druckschrift (Nichtproportionalschrift, Monospaced Font) im normalen Flattersatz ohne Silbentrennung am Zeilenende. Eine Normseite ergibt pauschal 1.800 Zeichen (Anschläge). 6)  Eine beschriebene Normseite wird als Typoskript bezeichnet.

Ein Vordruck für ein Typoskript der Werbeagentur Beinert & Partner um 1991. Das Formular in DIN A4 wurde mit der Schreibmaschine oder mit einem Matrixdrucker beschrieben und mit den Satzangaben, Korrekturzeichen und erklärenden Legenden händisch »ausgezeichnet«. Die Nummerierung der Zeilen und der Anschläge diente der Berechnung des Satzumfangs. Nach dem gewissenhaften »Auszeichnen« sämtlicher Seiten wurde das Typoskript dann an die Schriftsetzerei weitergegeben und besprochen. Je exakter ein Typoskript vorbereitet wurde, desto effektiver und kostengünstiger konnte ein Setzer:in arbeiten.
Ein Vordruck für ein Typoskript der Werbeagentur Beinert & Partner um 1991. Das Formular in DIN A4 wurde mit der Schreibmaschine oder mit einem Matrixdrucker beschrieben und mit den Satzangaben, Korrekturzeichen und erklärenden Legenden händisch »ausgezeichnet«. Die Nummerierung der Zeilen und der Anschläge diente der Berechnung des Satzumfangs. Nach dem gewissenhaften »Auszeichnen« sämtlicher Seiten wurde das Typoskript dann an die Schriftsetzerei weitergegeben und besprochen. Je exakter ein Typoskript vorbereitet wurde, desto effektiver und kostengünstiger konnte ein Setzer:in arbeiten.

Die Normseite mit 1.800 Zeichen wird häufig auch heute noch als Hilfsgröße bzw. bei Textdateien als Referenzgröße verwendet, um beispielsweise Vergütungen für Text­dienstleistungen zu berechnen oder Preise vergleichbar zu machen.

So geht bspw. der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auch heute noch in seinen Normverträgen davon aus, dass eine Normseite 30 Zeilen à 60 Anschlägen hat, was rechnerisch 1.800 Zeichen pro Normseite ergibt. 7) Ebenso verfährt u.a. der Bayerische Journalisten-Verband (BJV) in München. 8)  Die VG Wort hat eine Normseite, beispielsweise bei Beiträgen in Fach- und Sachzeitschriften, auf 1.500 Zeichen inkl. Leerraumzeichen festgelegt. 9)

Satzumfang

Grundsätzlich gilt, dass es eine pauschale Satzumfangsberechnung per rechnerischer Formel – außer bei einem »Glatten Schriftsatz« – nicht geben kann. Denn der qualitative und quantitative Satzumfang hängt wesentlich von der Komplexität eines typografischen Schriftsatzes ab.

Komplexität

Die einfachste Art der Satzumfangsberechnung ist ein »Glatter Satz« im »Geschlossenen Schriftsatz«, z.B. ein Romantext, der digital übernommen und bei einem gleichbleibenden Layout in einen monotonen Satzspiegel »eingespiegelt« wird. Hier wäre der Satzumfang mit folgender Formel berechenbar:

                Zeichen/Ms x Zeilen/Ms x Seiten/Ms 
Druckseiten  =  --------------------------------------
                Zeichen/Druckzeile x Zeilen/Druckseite

Etwas aufwändiger ist die Berechnung von »Gemischten Satz« im Geschlossenen Schriftsatz, insbesondere wenn der Text viele Auszeichnungen enthält.

Komplizierter ist die Berechnung eines Gemischten Satzes im »Offenen Schriftsatz«, d.h., wenn der Mengensatz durch Tabellen, Abbildungen, Bildunterschriften und Konsultationen unterbrochen wird.

Sehr schwierig ist ein komplex gestaltetes Medium zu berechnen, beispielsweise ein Geschäftsbericht oder eine Website, die auf einem mehrschichtigen Gestaltungs- und Kolumnenraster mit einer aufwendigen grafischen und semantisch-typografischen Auszeichnungsmatrix sowie komplexen Konsultationen in unterschiedlichen Schriftgraden aufgebaut ist. Hier empfiehlt es sich immer, detaillierte und originalsprachliche Schriftproben 10) nach Layout anzufertigen.

Typografischer Feinsatz (z.B. Spationierungen, Unterschneidungen, Schriftgradkorrekturen bei extrafamilären Schriftmischungen, Gliederungen mit Gevierten und Satz mit typografischen Ligaturen) oder eine typografisch differenzierte CSS-Programmierung erhöhen nochmals den Aufwand.

Satzumfangsberechnung gehören in der Regel zu den Aufgaben von Grafik- und Kommunikatonsdesignern:innen, Typografen:innen, Schriftsetzern:innen, Mediengestaltern:innen, Verlagsherstellern:innen, Produktionern:innen, Webentwickler:innen (Web Developer) und Webdesigner:innen.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Anmerkung: »Werk« ist ein typografischer Terminus für Buch. Die Werkumfangsberechnung umfasst die Berechnung des Gesamtumfangs eines Werkes, also den Satzumfang plus Bilder, Vakate etc.
2 Literaturempfehlung: Bosshard, Hans Rudolf: Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Bildungsverband Schweizer Typografen, Bern, 1980, ISBN: 3855840105 und 3-85584-010-5.
3 Anmerkung: Die Bezeichnung »Normseite« stammt aus Zeiten der Schreibmaschine. Sie ist eine »Hilfsgröße«, jedoch keine offizielle DIN- oder ISO-Norm.
4 Anmerkung: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Frankfurt am Main, der die Interessen von rund 4.500 Verlagen, Buchhandlungen, Zwischenbuchhändler und andere Medienunternehmen vertritt. Gegründet wurde die Organisation 1825. Online verfügbar unter https://www.boersenverein.de (19.5.2021).
5 Anmerkung: Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) ist die Interessenvertretung von Autoren bzw. Schriftstellern und Teil der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (früher IG Druck und Papier). Der VS mit Sitz in Berlin wurde am 8. Juni 1969 mit Unterstützung von Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser als Zusammenschluss der Bundesvereinigung der deutschen Schriftstellerverbände, des Verbands deutscher Übersetzer und des Verbands deutscher Kritiker in Köln gegründet. Online verfügbar unter https://vs.verdi.de (19.5.2021).
6 Anmerkung: Da nicht alle Zeilen eines dspr. Flattersatzes (z.B. bei Text mit langen Koppelwörtern) gleich lang sind, kann eine Normseite in der Regel weit weniger als 1.800 Zeichen haben. Diese Erkenntnis ist für Verlagshersteller:innen wichtig.
7 Quelle: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, siehe oben.
8 Quelle: Bayerische Journalisten-Verband (BJV), online verfügbar unter https://www.bjv.de bzw. Download »Vertragsbedingungen und Honorare 2013 für die Nutzung freier journalistischer Beiträge« online verfügbar unter https://www.bjv.de/sites/default/files/fachgruppen/web_wissen2_20132.pdf (19.5.2021).
9 Anmerkung und Quelle: Die Verwertungsgesellschaft WORT (VG Wort) wurde im Februar 1958 in Deutschland gegründet. Sie ist ein rechtsfähiger Verein kraft Verleihung, in dem sich Autoren und Verlage zur gemeinsamen Verwertung von Urheberrechten zusammengeschlossen haben. Die VG Wort steht unter der Staatsaufsicht des Deutschen Patent- und Markenamtes. Online verfügbar unter https://www.vgwort.de (19.5.2021).
10 Tipp: Da jede Sprache ein unterschiedliches Schriftsatzbild aufweist und ggf. unterschiedliche Satzlängen benötigt, ist das Konstruieren eines Satzspiegels bzw. Gestaltungsrasters mit Blindtext à la »Lorem ipsum dolor sit amet …« kontraproduktiv.