Punze

Typografischer Terminus für den nichtdruckenden Binnenraum eines Buchstabens, einer Arabischen Ziffer oder eines Sonderzeichens; Buchstabenbinnenraum. Das klassische Pendant zu einer Punze ist der nichtdruckende Außenraum eines Schriftbildes, das sogenannte »Fleisch«.

Eine Punze ist ein geschlossener oder offener Binnenraum eines Buchstabens, einer Arabischen Ziffer oder eines Sonderzeichens.
Eine Punze ist ein geschlossener oder offener Binnenraum eines Buchstabens, einer Arabischen Ziffer oder eines Sonderzeichens.

Ein in sich geschlossener Buchstabenbinnenraum, z.B. bei der Majuskel »Q«, wird als geschlossene Punze, ein geöffneter Buchstabeninnenraum, z.B. bei der Minuskel »v«, als offene Punze bezeichnet. Punzen zählen wie das Fleisch zu den nichtdruckenden Teilen eines Schriftbildes. 

Die Typometrie der Punzen prägt maßgeblich den Grauwert und somit die Lesbarkeit einer Schrift bzw. letztendlich das geschriebene Wort. Die Form, Höhe und Breite der Punzen haben je nach Schriftstil und Schriftgrad unterschiedliche Auswirkungen auf den Grauwert.

Das deutsche Alphabet für Textschriften verfügt ohne Eszett und Umlaute über 26 Majuskeln und 26 Minuskeln, die – je nach Stilrichtung – mehrheitlich über mehr oder weniger ausgeprägte Punzen verfügen.

Majuskeln mit geschlossenen Punzen

B, D, O, P und Q

Majuskeln mit offenen Punzen

C, E, F, H, K, M, N, S, U, V, W, X, Y und Z

Majuskeln mit offenen und geschlossenen Punzen

A und R 

Majuskel mit unterschiedlichen Punzenvarianten und -kombinationen 

G

Majuskeln ohne Punzen

I, J und L

Minuskeln mit geschlossenen Punzen

b, d, o, p und q

Minuskeln mit offenen Punzen

c, h, k, m, n, s, u, v, w, x, y und z 

Minuskeln mit offenen und geschlossenen Punzen

e 

Minuskeln mit unterschiedlichen Punzenvarianten und -kombinationen  

a und g 

Minuskeln ohne Punzen

i, j, l und t 

Punzenformen, Punzenweiten und Punzenhöhen sind von Schrift zu Schrift unterschiedlich. Die Form einer Punze kann sowohl rund (z.B. ellipsenförmig) als auch eckig (z.B. dreieckig) sein; die Formvielfalt ist groß. 1 )

Abgesehen von spezifischen Klassifikationsmerkmalen (siehe Schriftklassifikation), orientiert sich die Form und Größe einer Punze in der Regel an der Strichstärke und der Breite eines Schriftzeichens, im besten Falle auch am Schriftgrad. So besitzen beispielsweise Schriften mit Optische Größen u.a. unterschiedliche Punzenrelationen, die vom Schriftgestalter/in (Type Designer) speziell auf Konsultationsgrößen, Lesegrößen, Schaugrößen und Ferngrößen bzw. Plakatgrößen abgestimmt wurden – was letztendlich zu einer deutlich besseren Lesbarkeit führt.

Semantisch ist der Terminus Punze (Buchstabenbinnenraum) von gleichnamigen Werkzeug Punze (Punziereisen) abgeleitet, einem Schlagstempel zur Metall- und Lederbearbeitung, der in der Typografie während der Epoche des materiellen Handschriftsatzes von Schriftschneidern (Stempelschneider) zur Herstellung von Schriftpatrizen bzw. Schriftmatrizen aus Metall verwendet wurde. Punziereisen gab es in unterschiedlichen Formen und Größen. Mit diesem Werkzeug konnten die Binnenformen einer Protoform (Stempel) exakt durchschlagen werden. Etymologisch leitet sich der Begriff »Punze« von »punzieren« ab, das aus dem mlat. »punctio« für »Stechen, Stich« entlehnt ist.

Thesen zur Punze

  • Die Beschaffenheit der Punzen einer Textschrift beeinflusst den Grauwert eines Schriftsatzes und somit dessen Lesbarkeit.
  • Eine Schrift sollte vom Anwender niemals »gedehnt« oder »gestaucht« werden, da dies u.a. die Architektur der Punzen und somit den Grauwert verändert. Derartige Modifikationen beeinflussen die Ästhetik und minimieren die Lesbarkeit. 
  • Unterschiedliche Schriftgrade und Leseabstände verlangen im Idealfall unterschiedliche Punzen. Optische Größen erhöhen deshalb signifikant die Lesbarkeit einer Schrift.
  • Variable Fonts werden den Trend in der Schriftgestaltung verfestigen, korrespondierende Schriftschnitte nicht mehr separat zu entwerfen – also auch keine individuellen Punzen mehr zu konstruieren –, sondern automatisch zu interpolieren, was in der Summe einen Qualitätsverlust bei Auszeichnungsschnitten darstellt.
  • Die Breite der offenen Punze der Minuskel »n« – unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Schrift mit oder ohne Serifen handelt – kann in einer Lesegröße als Referenz für den idealen Wortzwischenraum dienen.
  • In der analogen und digitalen Typografie werden Punzen, Fleisch sowie Vor- und Nachbreiten unterschiedlich bewertet, was bei der Rezeption von älterer typografischer Literatur meist zu Fehlinterpretationen führt. 

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Cheng, Karen: Designing Type, Anatomie der Buchstaben, Verlag Hermann Schmidt Mainz, ISBN 3-87439-689-4.